Robert Olmstead: Der Glanzrappe

20. September 2017

Anfang Juli 1863 tobte in der pennsylvanischen Kleinstadt Gettysburg eine der blutigsten Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie forderte um die fünfzigtausend (andere nennen höhere Zahlen, dies ist jedoch die im Roman kolportierte) Opfer, endete mit einer Niederlage der Konföderierten Armee und wird als einer der Wendepunkte dieses Bürgerkriegs angesehen.

Jede Zeit hat ihre Waffen, jede Waffe hat die ihr eigene Grausamkeit. Entsprechend sind die Art der Verletzungen, an denen die Menschen sterben – oder auch nicht, wenn sie ihre Verwundungen als Krüppel überleben. Stichwunden durch Bajonette, vom Säbel abgeschlagene Hände, Arme, Beine, Köpfe: der Boden war schnell so sehr vom Blut getränkt, daß er nichts mehr aufnehmen konnte, die Luft roch nach Eisen von all dem Blut…. die relativ neuen Minie-Waffen/Geschosse rissen fürchterliche Wunden, die Kampftaktik der Heere hatte sich an die entscheidend ver’besserte‘ Waffentechnik (Zielgenauigkeit, Reichweite) noch nicht angepasst….

In dieses Szenario stellt der amerikanische Autor Robert Olmstead [1] seine Geschichte vom vierzehnjährigen Robey Childs, der mit seiner Mutter auf einer einsamen Farm in Virginia lebt, der Vater ist im Krieg. Im Mai 1863 erfährt die Mutter vom Tod Thomas Jacksons [2], einem der fähigsten Männer General Lees, für sie damit der Krieg verloren: Es ist vorbei. … Es hat keinen Sinn mehr. … Es war ein Fehler….,  und sie schickt ihren Sohn aus, den Vater nach Hause zu holen, spätestens im Juli solle er zurück sein.

In seinem Alter, mit vierzehn Jahren, sei er alt genug zum Sterben, deswegen kann er diesen gefährlichen Weg jetzt gehen. Beladen mit Ratschlägen der Mutter (Trau‘ niemanden / Überleg‘ nicht lang, du musst als erster schießen / Wenn man der Gefahr ins Auge schaut, zieht sie an einem vorbei / Versprich, daß du zurückkommst), verabschiedet mit einer der seltenen Zärtlichkeiten, die sich die Mutter erlaubt, reitet der Junge noch in der Nacht los, vielleicht hat er die Prophezeiung der Mutter noch im Ohr: Dann sagte sie, daß es Männer gebe, welche die Erde, das Wasser und die Luft mit Schrecken erfüllten, und er würde diesen Männern auf seiner Reise begegnen, und sein Vater sei einer von ihnen. … vielleicht werde auch er eines Tages einer von ihnen sein. 

Sein Pferd ist schon nach der ersten Nacht durch das noch vom weichenden Winter vereiste Tal so am Huf verletzt, daß er es im Tal beim Krämer zurücklassen muss. Der Krämer jedoch hat ein herrenloses Pferd, einen prächtigen Rappen, den er dem Jungen leiht. Dieses Pferd zeigt bald fast mystische Eigenschaften, findet den Weg allein, geht bei Begegnungen mit andern in Deckung… so kann der Junge fast Tag und Nacht reiten, lernt im Sattel zu schlafen. (Man kann in diesen Wechsel des Pferdes, zu dem Robey gezwungen ist, einiges hineininterpretieren, wenn man sich aus der Mythologie (s.u.) bekannte Rappen vor Augen hält.)

Es ist eine Reise in die Hölle, die Robey unternimmt. Sein Weg kreuzt sich mit dem von Männern, die gefährlich sind, mit Sklavenjägern, die entlaufene Sklaven wieder gen Süden treiben. Durch eine Unvorsichtigkeit läßt sich Robey das Pferd stehlen, er selbst kommt noch einmal mit dem Leben davon. Es ist eine Lektion, die er hier lernt, die er noch oft anwenden kann, es ist das, was ihm die Mutter mitgab: Schieß‘ als Erster! Aber noch ist er ein Junge, fühlt sich hilflos, muss beispielsweise der Vergewaltigung eines jungen Mädchens zuschauen, weil er sich ohnmächtig fühlt, einzugreifen…

Er gerät in Gefangenschaft, viele Tage sind schon vergangen, der Juli, in dem er eigentlich wieder zuhause sein sollte mit dem Vater, ist da und noch immer hat er den Vater nicht gefunden. Eine Spur des des ihm gestohlenen Rappen  jedoch hat sich aufgetan, als plötzlich die Schlacht in der kleinen Stadt beginnt…

So wird aus dem Jungen ein Mann nicht dadurch, daß er das Leben kennen lernt, sondern durch die Bekanntschaft mit dem Tod, in einer Zeit, in der Menschen getötet werden, einzig aus dem Grund, weil sie leben. Weder der Tod schreckt den Jungen nach kurzer Zeit, noch die Schreie der Verwundeten, die Tränen der Trauernden sowenig wie der Gestank der Verwesung und erst recht nicht die Fledderer, die die Landschaft durchkämmen, um die Toten auszurauben und ebenso die, die noch nicht ganz tot sind…

.. unter diesen findet Robey schließlich auch seinen Vater und er spürt, daß er es jetzt ist oder bald sein wird, auf den die Rolle des Vaters übergehen wird, so wie sie seit Urzeiten von einer Generation an die nachfolgende übergeben wird…. und noch jemanden hat Robey in dieser menschengemachten Hölle getroffen: das Mädchen, dem er damals nicht helfen konnte….

Sie reiten nachts und verstecken sich am Tag, kommen nach Tagen, nach vielen Tagen, auf die Farm zur Mutter zurück. Robey ist ein Mann geworden, ein Mann, der das Töten gesehen und gelernt hat und der das Leben der ihm jetzt Anvertrauten mit aller Konsequenz verteidigt. Das Reden gehört nicht dazu, es ist beeindruckend, wie Olmstead seine Figur in eine Wortkargheit und Lakonie packt, die der Kargheit der Landschaft entspricht. Was getan werden muss, muss getan werden und über das, was offensichtlich ist, muss man nicht weiter reden. Ein Baum ist ein Baum ist ein Baum… und ein Mann ist ein Mann ist ein Mann.


Der amerikanische Bürgerkrieg, der vor jetzt gut einhundertfünfzig Jahren tobte, ist uns wahrscheinlich allen nur wenig präsent. Man weiß natürlich um ihn, hat auch ein paar Namen im Gedächtnis, Gettysburg eben, Lincoln, General Lee (dessen Namen ja ganz aktuell wieder in den Nachrichten aufgetaucht ist und der im Zusammenhang der Ereignisse zeigt, daß der Bürgerkrieg in gewissem Sinn immer noch nicht vorbei ist, sondern in den Seelen einiger Menschen immer noch sein Unwesen treibt), aber dann? Omstead kommt durch seinen Roman das Verdienst zu, uns in seinen Schilderungen an die unfassbare Grausamkeit des Kampfes und die fast noch unfassbarere Verrohung der Menschen in diesen bzw. solchen Schlachten zu erinnern. Unter diesem Gesichtspunkt ist Der Glanzrappe ein blutgetränktes Buch, so wie damals die Bäche tagelang rot eingefärbt waren. Nun ist der Roman aber keineswegs ein Roman über den Bürgerkrieg,ein historischer Roman also, dieser Krieg ist vielmehr eine eher grausame Kulisse, in der Olmstead die Frage beantwortet, was mit einem jungen Menschen geschehen kann, der durch diese (oder verallgemeinert: eine solche) Hölle gehen muss.

An Robey zerren die Kräfte der Natur, die ihn mit seinen vierzehn Jahren in der Pubertät gepackt haben. Er ist also auf dem Absprung von der Kindheit (die in diesen Zeit eh nicht so ausgeprägt war wie in den unsrigen) zum Mann und das Prägende in diesem Übergang ist die Gewalt, das Töten und das Getötet werden. Das hat er verinnerlicht, so wie die prophetischen Worte der Mutter es bei seinem Abschied vorausgesagt hatten.

Auch der titelgebende Glanzrappe ist ein Symbol dafür: Hades, der griechische Gott der Unterwelt fuhr in einem von Rappen gezogenen Wagen, die isländische Mythologie kennt mit Hrimfaxi ebenfalls einen Rappen, der mit der Nacht, dem Dunklen, verbunden ist. So ist für Robey der Rappe ein mythischer Freund und Beschützer, und Robey selbst wird zu einer Figur der Dunkelheit, des Todes….


Besonders zu Beginn des Romans musste ich viel an einen anderen, großen amerikanischen Erzähler denken: an John Williams. Olmsteads Landschaftsbeschreibungen sind ähnlich poetisch, kommen mit ähnlich schönen Bildern und Stimmungszeichnungen daher; später, bei den Schilderungen der Kämpfe und Grausamkeiten wird die Sprache drastischer und deutlicher, verliert aber nie ihre Schönheit. Auch unter diesem Aspekt (obwohl der Titel auf den ersten Blick eher an einen Roman für pubertierende Mädchen denken läßt) ist Olmsteads Geschichtes des jungen Robey, der durch den Krieg erwachsen wird, daher eine Empfehlung wert.

Links und Anmerkungen:

[1] die sehr knappe Wiki-Seite zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Olmstead
[2] Wiki-Beiträge zum Sezessionskrieg:
– https://de.wikipedia.org/wiki/Sezessionskrieg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Gettysburg
– https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Jonathan_Jackson

Robert Olmstead
Der Glanzrappe
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke
Originalausgabe: Coal Black Horse, 2007
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Erfolgsausgabe), HC, ca. 260 S., 2009

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