Deborah Feldman: Überbitten

2. September 2017


Entweder man leugnete Gott, da die Shoah selbst seine Nichtexistenz, wenn nicht sogar seine Irrelevanz bewiesen hatte, oder aber man folgte der Vorstellung, Gott sei wutentbrannt, und schickte sich an, ihn durch vollkom­mene Selbstaufopferung auf dem Altar der rituellen Anbetung zu besänftigen.

*****

Wenn mein Blut jüdisch ist, ist es meine Seele auch. Deshalb will ich Bescheid wissen. Ich will verstehen, wie genau das Jüdischsein mir eingeprägt ist. Was genau ist es, das ich geerbt habe? Wie kann ich die Vorstellung davon in etwas Greifbares zwingen? Die Frage, die allen Fragen vorausgeht, lautet aber:
Wie kann ich mein Jüdischsein für mich erträglich machen?


Ich stelle diese beiden Zitate aus dem vorliegenden biographischem Text Deborah Feldmans [1] meiner Vorstellung des Buches Überbitten voran. Überbitten [5] ist das zweite Buch Feldmans, ihr Erstling Unorthodox [2] war sehr erfolgreich und erregte einiges Aufsehen: die Autorin beschreibt dort ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Gemeinschaft der Satmarer in Williamsburg/New York. Die Satmarer sind unter ihrem Rabbi den zweiten Weg gegangen: für sie war der Holocaust die Strafe eines wütenden und zornigen Gottes an seinem Volk und ihr Weg, diesen Gott wieder zu versöhnen, ist die absolute Unterwerfung unter sein Gesetz, ist der absolute Gehorsam.

Deborah [3] Feldmann wächst bei ihren Großeltern auf, die Großmutter ist ihre bewunderte und geliebte Leitfigur, die einzige Frau in Williamburg, die einen eigenen Garten bewirtschaftet – bis dieser aufgrund strikter Anwendung biblischer Gesetze vom Großvater ruiniert wird. Ihre Muttersprache ist jiddisch, die Englischkenntnisse des Kindes sind rudimentär. Die andere Straßenseite ist für die Bewohner von Williamsburg unerreichbares, fremdes Land; Radio, Fernsehen, Bücher gibt es praktisch nicht, die Bücher, die die junge Deborah sich heimlich besorgen kann, muss sie sorgfältig verstecken.

Mit fünfzehn wird sie heiratsfähig, eine genetische Untersuchung hat dies ergeben. Die Reinheit des Blutes ist wichtig für die Satmarer, die Gefahr genetischer Krankheiten real. Feldman erwähnt eine Familie, in der von neun Kindern sieben an Muskovizidose leiden… Die Reinheit des Blutes: ein Rassismus, den wir nur zu gut kennen. Viele Jahre später sollte ein ebenfalls auf den Begriff des ‚Bluts‘ gegründetes Prinzip Feldman noch einmal erschüttern, als sie nämlich erfährt, daß das Deutschsein über das `Ius sanguinis´, also über die Abstammung definiert ist: mindstens ein Elternteil muss deutsch gewesen sein (oder es muss ihm unrechtmäßig der deutsche Pass verweigert worden sein).

Feldmann muss eine arrangierte Ehe eingehen (das Aufklärungsgespräch vor der Hochzeit, das Feldman in Unorthodox schildert, ist unglaublich deprimierend und traurig….), aus der schließlich ein Sohn hervorgeht, Isaac. Als die Zeit herankommt, daß dieser auf die erste jüdische Schule, den Cheder gehen wird, entschließt sich Feldman, zusammen mit ihrem Sohn die Gemeinschaft der Satmarer zu verlassen.

Heimlich wagt sie erste Schritte in eine völlig fremde Welt, in der sie sich überhaupt nicht auskennt, schließlich fängt sie an, Literatur zu studieren, sie zieht von Zuhause aus, mietet schließlich eine trostlose Absteige  in Manhattan, dem Bezirk von NY, in dem die liberalsten Richter wirken, will sie doch die Scheidung und vor allem das Sorgerecht für Isaac.

Damit sind wir mittendrin in Überbitten, respektive am Anfang des Textes, der einen Zeitraum von insgesamt sieben Jahren, beginnend 2009 umfasst, Feldman ist zu diesem Zeitpunkt ihrer auch äußerlichen Abkehr vom Sektierertum der Satmarer dreiundzwanzig Jahre alt.

Es ist für Aussenstehende schlicht und einfach nicht nachzuvollziehen, was für ein Unterfangen Deborah Feldman mit ihrem irreversiblen Ausscheiden aus der Satmarer Gemeinschaft eingeht.  Jede Rückkehr ist ihr unmöglich, es ist erschütternd, zu lesen, mit welchem Psychoterror die Verwandtschaft versucht, Feldman (und vielen anderen, die ebenfalls ihre Gemeinschaften verlassen) das neue Leben zum Scheitern zu bringen – nach Innen als Abschreckung für Wankelmütige, aber nach Außen wohl auch als Strafe für den ungeheuerlichen Frevel des Verrats. Letztlich ist der Terror häufig erfolgreich: viele der `Häretiker´ begehen im Lauf der Jahre Suizid, über Feldman selbst werden Gerüchte, sie habe sich suizidiert, gestreut.

Diese Intoleranz wirkt in beide Richtungen. Feldman erzählt von einer Begegnung mit einem Konvertiten, der in die Satmarer Gemeinschaft ‚eintreten‘ will. Und sie weiß, daß dies unmöglich ist, er nie als voll- und gleichwertig anerkannt werden wird. Immer wird man davon ausgehen, daß er entweder eines Tages die Gemeinschaft wieder verlassen könnte oder daß er (wie Konvertierte oftmals) zu extrem würde (ich frage mich zwar, wie das bei den Satmarern aussehen könnte…) um seine Glaubensfestigkeit zu beweisen. Aus beide Befürchtungen heraus würde ihm niemand seine Tochter zur Frau anvertrauen. Und dann wieder die oft anzutreffende Heuchelei unter den Religiösen, von der Feldman ja schon in Unorthodox berichtet hat: geschwächt durch den Einfluss von Alkohol gibt der Konvertit auf Feldmans Frage hin zu, erst letzte Woche noch einmal mit seiner Freundin geschlafen zu haben.

Williamsburg ist ein Ghetto: diese Erkenntnis ist Feldman eines Tages ganz plötzlich bewusst: ein abgeschlossener Bezirk, in den niemand hineinkommt, aus dem niemand herauskommen darf. Abgegrenzt durch geistige und religiöse Mauern, durch die Sprachbarriere, durch die Isolation von der Aussenwelt, die als mächtiger Feind und Verderber droht. Nur innerhalb des Ghettos kann die Gemeinschaft überleben, ihr Blut rein halten und den Zorn ihres Gottes zu besänftigen versuchen.

Musste Feldmann – wie jede/r andere auch – in der Gemeinschaft nur gehorchen, so war sie jetzt gezwungen, ihr Leben einzurichten. In einer Umgebung, die ihr fremd war, ohne ein Netzwerk von Bekannten, Freunden oder Verwandten, in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache war und last not least unter stetig angespannten finanziellen Verhältnissen. Leere ist das Wort, das diesen Zustand treffend beschreibt, es ist nichts da, was sie hält – außer dem, was in ihr selbst ist und wirkt und natürlich das Bewusstsein um ihre Verantwortung für ihren kleinen Sohn Isaac. Sie fällt auf, kennt die Codes nicht, ist – so hat man beim Lesen das Gefühl – glücklich über jedes Lächeln, das man ihr schenkt. Sie wird bestaunt und begafft wie ein Tier im Zoo: eine junge Frau, die sie getroffen hat, lädt sie zu sich nach Hause ein, in den `Bible Belt´. Dort serviert man ihr Hummer, eine nicht-koschere Speise und starrt gebannt auf sie, wie sie ihn kostet….

Die finanziellen Nöte sind nicht zu unterschätzen, Armut als Ausgrenzung: wie soll sie sich mit Kommilitonen verabreden, wenn sie für kein Geld für ein Lokal oder Restaurant hat, wo man sich treffen könnte – so wie es unter den anderen üblich ist? Das letzte Ausweg, bevor sie gezwungen wäre, die Wohnung aufzugeben, ist eine brutale Eizellenspende, die sie körperlich an ihre Grenzen bringt. Was sie von ihren Kommilitonen an der Universität unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie einen Vertrag in der Tasche hat über ein Buch, in dem sie über ihr Schicksal berichtet. Man macht sich keine Illusionen über den Erfolg eines solchen Nischenprodukts, wen interessiert schon das Schicksal einer ehemaligen Chassidin…

Der völlig unerwartete Erfolg bewirkt dreierlei: zum einen ist die Zeit der finanziellen Sorgen vorbei, zum zweiten ist sie zur Person öffentlichen Interesses geworden, eine belastende und keineswegs schöne Situation, die sie aber drittens in die Lage versetzt, auf ihren Ehemann Druck auszuüben, der Scheidung endlich zuzustimmen. Nach drei Jahren ist sie (fast) frei… muss jedoch in einem eng bestimmten Radius um NY leben bleiben, damit die Fahrten des Sohnes zu seinem Vater nicht zu weit werden.

Feldmann und ihr Sohn ziehen in eine ländliche Gegend, was konkret heißt, in eine ländliche Umgebung, in der sich reiche Leute ihre Sommerfrische errichtet haben… Dort lebt sie recht zurückgezogen, liest viel, sehr viel, lernt radfahren, kümmert sich um ihren Sohn. Und beschließt, nach Europa zu fahren, auf den Spuren ihrer Großmutter, um ihre eigene Vergangenheit aufzudecken und der Frage: Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus? endlich auf den Grund zu kommen.

Es gibt viele Passagen im Buch, in denen sich Feldman mit dieser Frage auseinandersetzt: mit der Unfähigkeit der Juden, Glück zu empfinden, mit dem eingeborenen Schuldbewusstsein, das durch die alleinige Tatsache der Existenz begründet ist: Sünde galt als etwas Selbstverständliches, das menschliche Wesen, das da in meiner Gebärmutter heranwuchs, war schon sündig, allein weil es existierte. konstatiert sie in der Rückschau auf ihre Schwangerschaft, bei der in einem bizarren Ritual dieser Sünde wegen Hühner geopfert werden [S. 270]


Europa, dieser Flecken Erde, auf dem das Ungeheuerliche geschah, ist so ganz anders als Amerika. Die Stimmung ist anders, die Menschen sind es, die Gesprächsthemen. Das Jüdische der Städte ist oft verschwunden oder einem touristischen Judentum gewichen, aber auch die Juden/-innen, die sie trifft, sind so ganz anders als die amerikanischen: es herrscht eine Vielfalt an Ausprägungen, die es in den Staaten so nicht gibt: offensichtlich gibt es nicht das Judentum, das Jüdischsein, sondern viele davon… und es gibt die dunkle Seite, einen immer wieder verleugneten, aber dennoch existenten, für Juden spürbaren Antisemitismus.

Sie, die Schriftstellerin, lernt Künstler kennen und über diese wieder andere, sie wächst in einen Kreis von Intellektuellen hinein. Diese Kontakte befruchten sie, geben ihr Impulse… in den folgenden Monaten und Jahren fliegt Feldman immer wieder nach Europa, eine große Tour führt sie nach Ungarn, wo sie vor Ort die Spuren ihrer Großmutter aufspüren will. Und sie kommt auch nach Berlin, sozusagen ins Herz der Finsternis. Es ist kein schöner Aufenthalt, sie ist allein, sieht alles durch die Brille der Vergangenheit..

Mittlerweile schreibt sie an einem zweiten Buch, das jedoch bei ihrem Verleger auf wenig Begeisterung stößt: zu europäisch ist es, zu sehr an der Vergangenheit orientiert, das alles interessiert Amerikaner nicht….

Das Leben in den USA, das Feldman wohl (bewusst oder unbewusst) mit europäischen Verhältnissen vergleicht, droht in eine Art Sinnlosigkeit abzugleiten. In dieser Periode kommt sie durch ein Filmprojekt nach Amsterdam und von dort noch einmal nach Berlin. Dieses Mal empfängt die Stadt sie, die sich auch geändert hat, freundlicher, offener, sympathischer… ja, die Buchläden, die vielen Buchläden hatten es Deborah Feldman besonders angetan, die schmucklose, weil nicht auf Wirkung angelegte Art der Berliner, sich zu kleiden, sich zu verhalten, die Gespräche, die sich nicht um Mode, das nächste Auto etc pp drehen… das Lob, das Feldman über die Menschen ausschüttet, ist fast schon ein wenig viel… ;-)

… und da reift er ganz, ganz langsam, der ultimative Verrat an ihrer alten Gemeinschaft, an ihrer Großmutter… der Gedanke nämlich, nach Berlin zu ziehen, der Gedanke sogar an einen deutschen Pass.

Es ist nicht einfach, da man Deutscher aufgrund der Abstammung wird und diese muss Feldman belegen. Es kommt ihr hier zugute, daß sie schon als Schülerin in den Staaten ihre Ahnenreihe aufgestellt und sie bei ihrem Weggang viele Dokumente mitgenommen hat…. trotzdem ist es kompliziert und sie braucht fachkundige Hilfe und Geduld, bis aufgrund einer völlig unerwarteten Entdeckung, die ein großes Rätsel löst, endlich der positive Bescheid kommt, am 18. April diesen Jahres 2017. Damit ist Deborah Feldman mit ihrem Text praktisch in der Gegenwart angekommen, sie ist Berlinerin, empfindet die Stadt als ihr Zuhause, was sie zum ersten Mal in der `Theokratie´ Israels so empfunden hat.

Feldmann geht zum Schluss intensiv auf ein recht aktuelles Ereignis ein, das in etwa zu dieser Zeit stattgefunden hat: der brandenburgische NPD-Politiker Marcel Zech muss für acht Monate in Haft gehen, weil er nationalsozialistische Tattoos in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, u.a. ein Bild des Lagers Auschwitz, in dem Feldmans Großmutter überlebt hatte. Feldmann war diesem Menschen im Schwimmbad begegnet, der Anblick dieses Tattoos hat sie fast paralysiert, die Verurteilung und die Tatsache, daß die Haftstrafe nach dem Gang durch die Instanzen tatsächlich ausgesprochen worden ist, hat ihr die Sicherheit gegeben, daß dieser Staat gegen solche Verherrlichung des Nazigeistes vorgeht.


Überbitten ist ein umfangreicher Text, er umfasst ziemlich genau siebenhundert Seiten. Meine vorstehende Zusammenfassung ist also nur sehr grob und allenfalls für einen ersten Überblick geeignet. Sowieso sind Feldmans Ausführungen weniger eine Darstellung äußerer Umstände als vielmehr eine Schilderung ihrer Suche nach sich selbst, nach ihrem Kern, dem Wesen, das sie ausmacht, auch dem Jüdischen in ihr, nach der Quelle ihrer Unruhe, ihres Aufstands gegen die Gemeinschaft: der innere Weg also von einer über zwei Jahrzehnte unter konsequenter Indoktrination leidender Chassidin zu einer sich ihrer selbst bewussten, eigenverantwortlichen Frau.

Ein schwerer Weg, ein langer Weg. Alpträume begleiten sie, immer wieder ein Traum, in dem sie an der Rampe in Auschwitz beteuert, sie nicht zu selektieren. Sie sucht ihren Platz in der Welt, ist unruhig, fühlt sich verloren: man attestiert ihr, auch wenn dies nicht hilft, eine posttraumatische Belastungsstörung. Schuldgefühle toben in ihr, so insistiert ihr ihre innere Stimme, ihr sei recht geschehen, als sie eines Tages den (wie jeder Radfahrer aus eigener Erfahrung weiß) unvermeidlichen ersten Sturz mit ihrem Rad dreht. Recht geschehen, weil sie für dieses Leben nicht gemacht ist, weil sie die Gemeinschaft verlassen, sie verraten hat…. daher habe sie den Schmerz verdient, ein Zeichen ihrer Unfähigkeit, hier zu überleben. Gut so, das ist gut so. Das genau verdienst du doch, oder etwa nicht? Diese innere Stimme wütet so verheerend in ihr, daß Feldman sogar betont, d.h., es für denkbar hielte, sie habe sich (als Selbstbestrafung) nie geritzt. Die Traumatisierung ist ein Erbe ihrer Erziehung: Die chassidische Sekte, in der ich aufgewachsen war, glich einem Zusammenfluss äußerst heftiger Traumata, in deren Sammelbecken sich die jeweiligen persönlichen Erfahrungen auflösten und zu einem ununterscheidbaren Gemeinschaftstrauma gerannen. Feldman resümiert aus dieser Situation und Erfahrung, daß sie zwar ihr Leben jetzt zwar aktiv gestaltet und lebt, aber meine Gefühle hatten darin versagt, sich der Veränderung meines Lebens anzupassen. In gewisser Weise steckte mein Hirn immer noch in der Vergangenheit fest. Panikattacken, Angst, Albträume: Nichts von dem stand im Einklang mit der ruhigen und erfüllten Existenz, die ich zu leben begonnen hatte.

Zum jüdischen Pessachfest wird die Haggadah, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, gelesen. Es gibt dort eine Episode, in der Anweisungen enthalten sind, wie vier Söhne unterschiedlichen Charakters über den Exodus zu unterweisen sind: vom Vernünftigen, vom Bösen, vom Naiven und von einem, der nicht zu fragen versteht.

Was sagt der Böse (2. B. M. 12, 26)? Er fragt: „Was bedeutet euch dieser Dienst?“ – „Euch“, sagt er, nicht „ihm“. Da er sich aus der Gemeinschaft ausschließt, leugnet er das Grundlegende des Judentums. Mache auch du ihm die Zähne stumpf und sage ihm (2. B. M. 13,8): Für das, was G’tt für mich getan hat, als ich aus Aegypten zog. „Für mich“, aber nicht „für ihn“. Wäre er dort gewesen, er wäre nicht erlöst worden„. [4]

Feldman sieht sich als solch eine `Böse´, die außerhalb der Gemeinschaft steht, sich außerhalb der Gemeinschaft gestellt hat. Aber sie sieht sich auch in guter Gesellschaft, Baruch de Spinoza war so ein Böser, ebenso wie in neuerer Zeit Hannah Arendt… der selbstgewählte Ausschluß, der hier mit seiner Boshaftigkeit gleichgesetzt wird. … verneint ein grundlegendes Prinzip des Judentums, das der Konformität und Verbundenheit; … mit der Individualität taucht die Bedrohung des Bruchs auf, die Zergliederung. Wie lautet die einzige akzeptable Antwort gegenüber diesem bösen Sohn? Die Haggadah sagt, ihm müssen die Zähne ausgeschlagen werden. … Individualität kann nicht geheilt werden. Ganz in dieser Tradition ist also der Psychoterror zu sehen, dem die Aussteiger aus den chassidischen Gemeinschaften von eben diesen unterworfen werden, bis hin zur Frage an den Rabbi, ob deren Töten gerechtfertigt wäre.

Ist oder sieht sich Deborah Feldman noch als Jüdin? Ich habe mir diese Frage während des Lesens öfter gestellt, ganz klar beantworten kann ich sie nicht. Sie schreibt einerseits [S. 527], daß sie bei dem Versuch, ihr Leben ausserhalb der Gemeinschaft neu aufzubauen eine eigene Version dessen entdeckt [hat], was es hieß, Jüdin zu sein, eine Version, die sich ehrlich anfühlt, leidenschaftlich und echt, aber das, was ich da gesucht hatte, passte zu keiner etablierten oder annehmbaren Vorstellung, und so konnten meine Kritiker nun ausrufen, dass meine Art, Jüdin zu sein, nicht echt war. … Und doch bin ich nichts anderes als eine Jüdin; ein verbannter Jude ist immer noch ein Jude, … Dem stellt sie am Schluß des Buches [S. 695] zusammenfassend gegenüber: Ich darf heute sagen, daß der Humanismus meine Religion geworden ist, dass die Autoren der Aufklärung meine Heiligen sind, und dass in dieser Hinsicht mein Glaube noch anwesend ist und in vielen Bereichen meines Lebens stützend wirkt, aber ich bin von keiner einzigen Autorität mehr übermäßig unterdrückt. Aber möglicherweise ist dies gar kein Widerspruch, zumindest nicht für Deborah Feldman selbst, denn warum sollte sich eine Frau, die sich den Prinzipien eines aufgeklärten Humanismus verpflichtet fühlt, nicht gleichzeitig jüdisch sein? 

`Überbitten´: ein altes jüdischen Versöhnungsritual. Und Feldman hat sich versöhnt, das wird aus diesem Bericht klar. Versöhnt mit sich selbst, versöhnt mit Deutschland, aber auch milde geworden gegen die Gemeinschaft ihrer Kindheit, versöhnt auch mit ihrer jiddischkajt, die nicht mehr die der Chassiden ist, sondern die sich in Richtung eines toleranten Humanismus weiterentwickelt hat. … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Überbitten ist der Bericht eines langen inneren Weges, der wohl immer noch nicht zur Gänze beendet ist. Der weiter vorstehend erwähnte Albtraum von Auschwitz, der Feldman lange Jahre immer wieder quälte, hat sich geändert, ist nicht unbedingt einfacher geworden: immer noch die Rampe, aber jetzt gehört sie mit zu denen, die Uniform der Schlächter tragen…. Aus meinen wechselnden Rollen im Traum hatte ich gelernt, dass dei Kategorien Gut und Böse nicht taugen. Ich begriff vielmehr, dass die Welt in einem ständigen Schwanken zwischen den Polen existiert. Alles kann sich jeden Augenblick ändern, und Heldentum zeigt sich nicht darin, dass man zurückblickt und sich fragt, was man wohl getan hätte.


Bei solche intensiven Bücher wie Überbitten und Unorthodox, das ich jetzt einfach noch einmal mit hinein nehme, stellt sich die Frage: Was haben diese Berichte mit mir als Leser gemacht, wie haben sie auf mich, wie haben sie in mir gewirkt? Ganz einfach ist das nicht zu sagen, möglicherweise ist auch der Abstand zu den Texten noch zu gering. Was mir auf jeden Fall deutlich geworden ist, ist die Tatsache, wie wenig man doch weiß von dieser fremden Religion und ihrer Ausübung. Wohl kenne ich den einen oder anderen jiddischen bzw. auch chassidischen Schriftsteller (wobei schon die Tatsache, daß man keine jiddischen Autorinnen kennt, bezeichnend ist), kenne Werke von Scholem Alejchem, von den Singers oder auch Bubers Erzählung der Chassidim [6]. Es sind Bilder der osteuropäischen Shetlts, aber auch aus NY (Der Kabbalist vom East Broadway) mit ihren manchmal etwas skurrilen, aber liebenswerten Figuren, der Armut, die herrscht, der Gläubigkeit und einer einfachen Alltagsweisheit, die den Figuren häufig eigen ist. Dem Bild jedoch reißt Feldman mir ihren Aufzeichnungen die Maske vom Gesicht. Wahrscheinlich sind die Satmarer extremer noch als andere orthodoxe Gruppierungen, cum grano salis dürfte die von Feldman dargestellte schuld- und sühneaffine, glücks- und sinnenfeindliche Lebensauffassung verbunden mit einer latenten Aggressivität allem gegenüber, was als Abweichung empfunden wird, allen orthodoxen Gruppen mehr oder weniger eigen sein. Will ich also die von mir gestellte Eingangsfrage nicht nur rhetorisch auffassen, so käme ich zu der Antwort, daß Feldman Schicksal in der in ihrem Büchern dargestellten Form mich desillusioniert hat, die Ahnung bestätigt hat, daß das Bild dieses Judentums, das ich aus literarischen Quellen gewonnen hatte, nicht vollständig sein konnte.


In den etwas mehr als zwei Jahren, die ich jetzt in Deutschland lebe, ist mir sicherlich auch Hass begegnet, oft aber auch der Mut von Einzelnen, die sich aus historistischer Verantwortung heraus diesem Hass entgegenstellen. Es ist die Summe dieser vielen einzelnen individuellen Taten, die mich zu der Überzeugung brachte, dass ich keinen besseren Ort hätte finden können, um mich zu Hause zu fühlen, als hierzulande.

Ich möchte zum Abschluss auf dieses Statement antworten: ich bin überzeugt, daß Frau Feldmann, die mir im Lauf ihrer beiden Bücher sehr ans Herz gewachsen ist, für Berlin im Besonderen, für Deutschland im Allgemeinen, ein großer intellektueller, aber auch menschlicher Gewinn ist. Und ich hoffe sehr, daß dieser positive Eindruck, den sie von Deutschland gewonnen hat, nicht enttäuscht werden wird.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deborahfeldman.de
[2] Deborah Feldman: UnorthodoxBesprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/10/deborah-feldmann-unorthodox/
[3] die Richterin Deborah ist eine der ganz wenigen Frauenfiguren im Judentum, die von ihrer Bedeutung her Männern gleich gestellt ist:  https://de.wikipedia.org/wiki/Debora_(Richterin)
[4] http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/pessach/video/04-banim.htm
[5] In diesem Interview erklärt die Autorin dieses jiddischen Begriffs, dessen deutsche Entsprechung im Lauf der Zeit verloren gegangen ist: https://www.youtube.com/watch?v=5-vfrO7AdxE
[6] vgl. hier meine Buchvorstellungen im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/jiddische-literatur/

 

 

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