Jeremy Massey: Die letzten vier Tage des Paddy Buckley

20. August 2017

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist der Erstling des gebürtigen Iren Jeremy Massey [1], der zeitweise in Amerika lebte, bevor er mit seiner Familie nach Australien zog. Auch beruflich war/ist Massey nicht auf eine Tätigkeit fixiert: nachdem er jahrelang im familiären Bestattungsunternehmen in Dublin [2] gearbeitet hatte, wechselte er ins ‚Drehbuchschreibfach‘, deswegen wohl auch der Aufenthalt in den USA. Beide Professionen merkt man seinem ersten Roman an: Masseys Hauptfigur ist der zweiundvierzigjährige Bestatter Paddy Buckley, der in der Art eine Protokolls formulierte Text ist in kleine, bekömmliche Lesehappen unterteilt, insgesamt 40 plus 2, mithin für jedes Lebensjahr des Helden einer. Außerdem ist ’42‘ bekanntlich die Antwort auf alles, Deep Thought sei Dank.

Vier Tage – der Zeitraum ist überschaubar, das Ende mit diesem Buchtitel vorweggenommen. Die Frage ist also, was passiert in diesen wenigen Tagen, beginnen mit Montag, dem 13. Oktober 2014? Im Mittelpunkt steht natürlich Paddy Buckley, verwitwet, seit vor zwei Jahren seine geliebte Frau Eva plötzlich im Supermarkt zusammengebrochen war. An seinem Verlust, seiner Trauer schwer tragend, stürzt er sich in die Arbeit, sieben Tage die Woche, im Grunde auch vierundzwanzig Stunden am Tag, denn in den Schlaf findet er sowieso nicht und der Tod nimmt keine Rücksicht auf die Tageszeit, so daß Paddy letztlich auch des Nachts immer ansprechbar ist.

Es scheint ein ganz normaler Todesfall zu sein: ein Zweiundsiebzigjähriger ist seinem Krebsleiden erlegen und sein Chef beauftragt Paddy, die Bestattung in Hand zu nehmen. Jedoch erliegt auch Paddy, nämlich der Aura der Witwe, in deren Figur uns endlich auch einmal eine Mrs Wright (im Gegensatz zum aus Fund und Fernsehen bekannten Mr. Wright) entgegentritt. Es ist völlig absurd und unprofessionell, aber als die trauernde Mrs Wright sich weinend an ihn lehnt, steht er bald mit einer unübesehbaren und deutlich spürbaren Ausbuchtung in der Hose neben ihr, was Lucy jedoch nicht zu stören scheint… der Irrsinn geht weiter, das Spenden des Trostes geht schnell über in das Spenden von Samen – jedoch: die Reiterin fällt alsbald im schönsten Galopp vom Pferd… Paddy kann keinen Atem mehr spüren, der Puls ist weg: Lucy ist tot. Mit seinem Sperma im Geburtskanal….

…. und der Tochter des jetzt in beiden Teilen verstorbenen Ehepaars, Brigid, die in diesem Moment an der Tür klingelt, den Vater zu betrauern, muss er jetzt auch noch die Tod der Mutter beibringen. Die näheren Umstände verschweigt er wohlweislich, während das schlechte Gewissen heftig in ihm tobt…

… und als ob das alles nicht reicht für einen Tag, tauchen noch zwei Komplikationen auf: die erste ist nämliche Brigid, die eine ähnliche Wirkung auf Paddy auszuüben beginnt wie die auf ihm verblichene Mutter und dann noch ein Mann namens Donal Cullen. Den nietet der gute Paddy nämlich des Nachts um, als er übermüdet und unaufmerksam nach einem Einsatz nach Hause fahren will. Dumm nur, daß die Cullen-Brüder sozusagen die ‚Paten‘ von Dublin sind und mit Vincent Cullen, der den fahrerflüchtigen Mörder seines Bruders natürlich sucht wie eine Nadel im Strohhaufen, keineswegs zu spaßen ist….

Zwei schwierige Beerdigungen also und wem übertragt der Firmenchef diese heiklen Aufgaben? Richtig, Paddy Buckley höchstselbst soll seine beiden eigenen Opfer nach allen Regeln des Gewerbes würdig und stilvoll unter die Erde bringen.

Aus diesen Startbedingungen hat Massey einen unterhaltsamen Roman geschaffen, der drei Dinge miteinander verknüpft: auf der mehr faktischen Ebene erfährt man einiges über Bestattungen inclusive Details, die auf sensiblere Gemüter möglicherweise etwas schockierend wirken mögen. Die Handlung selbst konzentriert sich auf die anstehende Bestattung von Donal Cullen, bei der Paddy notwendigerweise engen Kontakt mit seinem Bruder Vincent bekommt, der nicht ahnt, welche Rolle Paddy in Wirklichkeit spielt. Parallel zu dieser Geschichte läßt Massey seinen Protagonisten in eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte stolpern, bei der mir nicht so sehr Paddy – der immerhin von seiner Trauer um seine verstorbende Frau loskommt – als vielmehr die Frau leidgetan hat….

Die aus diesen Ingredienzien abgeleitete Geschichte ist wie gesagt recht unterhaltsam und liest sich gut und schnell. Sie hat neben den erwähnten Figuren noch eine Vielzahl weiterer Personen im Portefeuille, die die teils absurde, teils mit (schwarzem) Humor erzählte Story abrunden. Auch wahre Männerfreundschaft treffen wir an, sie spielt sogar eine große Rolle im Roman, auch wenn man im richtigen Leben nicht glauben mag, daß sie so weit gehen kann. Außerdem enthält der Roman noch einen gehörigen Esoteriktouch. Der äußert sich nicht nur in der Fähigkeit Paddys, Fliegen auf seiner Hand landen zu lassen und sich über ‚Kanal 24‘ aus seinem Körper heraus zu bewegen und sich derart selbst von ‚oben‘ zu beobachten, auch der keltische Sagengestalt der ‚Dechtire‘ setzt er inclusive Schwangerschaft ein – nun ja – Denkmal: Sie tritt im Roman als Wesen auf, dessen Existenz zwar biologisch unmöglich ist, aber hier wohl für etwas (war mir jedoch unklar geblieben ist) stehen soll.


Die letzten Tage… war für mich eine Erholung nach schwierigeren und längeren Romanen der letzten Zeit. Der Roman ist unterhaltsam, weist eine recht spannende Geschichte auf, stellt aber keine allzu hohen Ansprüche an uns Leser. Er vereint skurrile, makabre Passagen mit solchen in denen nüchterne Informationen aus dem Bestattungsgewerbe gegeben werden und weist mit Paddy einen Protagonisten auf, der schnell unserer Sympathie gewinnt. Ein ideales Buch also für den Urlaub und für Zwischendurch, zumal der Roman schnell den Charakter eines ‚Pageturners‘ annimmt – Drehbuchschreiberkunst eben….. ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Bestatter (offenbar auch ehemalige) können schweigen: das Internet enthält kaum mehr Informationen über den Autoren, als ich hier aufgeführt habe..
[2] wen’s interessiert: das hier müsste es wohl sein:  https://masseybrosfuneralhomes.com

Jeremy Massey
Die letzten vier Tage des Paddy Buckley
Übersetzt aus dem Englischen von Herbert Fell 
Originaltitel: The Last Four Days of Paddy Buckley, New York, 2015
diese Ausgabe: carl’s books, Softcover, ca. 265 S., 2017

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