Sarah Waters: Solange du lügst

16. August 2017

Diesen 2002 erschienenen Roman der englischen Literaturwissenschaftlerin und Schrifstellerin Sarah Waters [1] zu besprechen, ist eine kleine Herausforderung für mich, denn ich muss von meinem altgewohnten Schema, mehr oder weniger ausführlich auf den Inhalt einzugehen, abweichen. Bei Solange du lügst wäre eine solche Darstellung der Handlung ein dicker, dicker Spoiler, der den ganzen Reiz des Romans zunichte machen würde. Daher werde ich mich inhaltlich weitgehend auf den ersten von drei Teilen des Buches beschränken.

Dieser erste Teil beginnt mit diesem Satz: In jenen Tagen hieß ich Susan Trinder, ein Satz, der uns schon einiges von Susan, genannt Sue, verrät. Zum einen, daß sie im Verlauf der Handlung wohl einen anderen Namen erfahren und annehmen wird und daß sie, egal welches Schicksal ihr die Autorin zugedacht hat, alles überleben wird, zumindest in einer Verfassung, die das Erzählen ihrer Geschichte ermöglicht.

Einer Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, in der Nähe Londons spielt. Sue, so will ich sie der Einfachheit halber nennen, wird in einer Art privatem und illegalem Waisenhaus mit integrierten Kinderverleih groß. Kinderverleih bedeutet, daß Mrs Sucksby ihre Schützlinge zum Betteln verleiht, es ist ein kleinkriminelles Milieu, in dem Susan aufwächst. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen wird Sue von ihrer Pflegemutter jedoch umsorgt und geliebt, auch Mr Ibbs, der Lebensabschnittsgefährte der verwitweten Waisenhausbetreiberin, der im Viertel als Hehler arbeitet, ist ihr zugetan, ein freundlicher und sanfter Mensch. Überhaupt ist das Leben in dieser Kleinganovenfamilie anscheinend ganz heimelig, das bisschen Klauen und Mopsen kann so schlimm ja nicht sein… Die Gefahr, die damit verbunden ist, wird verdrängt; die Strafen, wenn man erwischt wird, sind drastisch, der Richtplatz mit Galgen ist vom Haus aus zu sehen. Sues leibliche Mutter beispielsweise ist dort gehenkt worden, so erzählte es Mrs. Sucksby – aber sie war ja auch eine Mörderin, hat jemanden erstochen…..

Wie auch immer… in dieses Idyll platzt eines Tages ‚Gentleman‘, wie Richard Rivers, ein Hochstapler und Betrüger genannt wird, mit einem tollen Plan, der Aussicht auf einen immensen Gewinn bietet. Der aber auch menschlich sehr mies ist… und er braucht Sue dafür als Komplizin. Für einen Anteil von dreitausend Pfund ist diese auch bereit…

Sie soll als Zofe zu einer gewissen Maud Lilly gehen. Diese Maud ist die Nichte des schrulligen, exzentrischen Hausherrn auf Briar, der seine Nichte ähnlich einer Gefangenen auf dem Schloss hält, wo sie für ihn arbeitet, aber ansonsten keine Aufgabe oder Beschäftigung hat. Nie darf diese Briar verlassen, so wird sie auch nie einen Mann kennenlernen und nie heiraten und die die bei einer Hochzeit fällige reiche Erbschaft antreten können…. und genau hier hakt der Plan von Gentleman ein, denn er will heimlich mit Maud fliehen und sie heiraten und Sue als Zofe Mauds soll dies vorbereiten.

Das sagt sich für Sue einfacher als es ist, denn im Lauf der Wochen entwickelt sie Gefühle für Maud, die sie ihr auch offenbart, beispielsweise als sie gefragt wird, was denn in der Hochzeitsnacht von einer Ehefrau erwartet wird…..

Man möchte beim Lesen dieser Passagen Sue öfter mal in den Hintern treten, daß sie sich endlich zu ihren Gefühlen bekennen solle, aber letztlich stellt sie doch die Gewinnerzielungabsicht über diese zart erblühende Liebe. So kann Rivers zusammen mit Maud und Sue seinen Plan tatsächlich durchziehen, die drei fliehen nachts aus Briar und Maud und Richard heiraten in einer kleinen Kapelle, getraut von einem obskuren Geistlichen. Soweit, so gut, doch als es jetzt darum geht, den miesen Teil des Plans umzusetzen und Maud wieder loszuwerden, erfährt die Handlung eine völlig unerwartete Wendung um mindestens 540°….

Der zweite Teil des Romans wird aus der Sicht Mauds erzählt, sie schildert ihre Kindheit und frühe Jugend, die sie einem Irrenhaus verbrachte, in dem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war. Die Pflegerinnen dort lieben das Kind, es wächst frei und ungebunden auf – ein Leben, das sich abrupt ändern sollte, als sie ihr etwas seltsam lebender und agierender Onkel zu sich nach Briar holt, in einer ganz bestimmten Absicht….

In diesem Abschnitt überlappen sich die Schilderungen Sues und Mauds über ihre gemeinsame Zeit auf Briar. Wie Spinnen lauern sie beide in ihren Netzen, die jeweils andere zu einzufangen, nicht wissend, daß sie selbst nur Figuren sind eines schon viel älteren Netzes, das schon seit langem sorgsam um sie gelegt worden ist. Und doch müssen beide ihre Gefühle unterdrücken, Gefühle, die mächtig sind, Liebe und Hass kämpfen miteinander in den Seelen der Figuren, verstricken sie in seelische Konflikte, die kaum zu lösen scheinen…. und dann noch dies:

… denn auch für Maud läuft nach der Flucht aus Briar noch lange nicht alles so, wie sie sich das vorgestellt hatte: Waters verpasst ihrer Geschichte noch einmal eine Wendung.


Solange du lügst besteht also aus drei Teilen, von denen Sue im ersten und dritten Teil die Erzählerin ist, Maud dagegen im Mittelteil, in dem sie ihre Geschichte schildert. Diese beiden jungen Frauen bilden zusammen mit Richard Rivers und dem Onkel Mauds auch die zentralen Figuren der Geschichte. Die die Autorin jeweils Sue und Maud erzählen läßt – also nicht auf einen allwissenden Erzähler zurückgegriffen hat – wirken auch die oft recht gegensätzlichen Sichten auf die Dinge glaubwürdig. Dabei liest sich die Geschichte sehr flüssig und schnell, viele Dialoge halten sie in hohem Tempo, aber auch die seelischen Konflikte schildert Waters sehr anschaulich. Andererseits hat die historisch bewanderte Literaturwissenschaftlerin Waters auch einiges an Lokalkolorit aus viktorianischer Zeit mit einfließen lassen. Man darf davon ausgehen, daß die Beschreibungen von z.B. London (die Verhältnisse in Irrenhäusern, das Vermieten von Kindern zum Betteln, die Enge und Ärmlichkeit der Häuser, der Dreck, der Lärm zumindest in den ärmeren Stadtteilen, der ewig graue Himmel über London, die bunt schillernde Themse, die allen Unrat der Stadt ins Meer mitnimmt…), aber auch die Darstellung häuslicher Verhältnisse den zeitgenössischen Standard wiedergeben, ebenso wie die der im geheimen blühenden Produktion und Rezeption erotischer Literatur, einem Fachgebiet, auf dem Waters ihre Promotion verfasst hat.

Interessant ist in dieser Hinsicht die Figur des Onkels von Maud, einem exzentrischen Büchernarren, der manisch an einer ausführlichen Bibliographie schreibt, einer Bibliographie über Erotika, wie wir später erfahren werden. Eine solche Bibliographie gibt es wirklich, ihr Verfasser ist ein gewisser Henry Spencer Ashbee, ein – genau – manischer Sammler von Erotika (nach Fuld [5] hat er nach seinem Tod der British Library einen Bestand von 15299 Werken vermacht, die den Grundstock des ‚Giftschranks‘ dieser Bibliothek bilden sollten), ferner ist dieser Ashbee Verfasser einer frühen Aufklärungsschrift über den bestimmungsmäßigen Gebrauch der betreffenden Organe beim Akt. Schien ihm selbst doch der Akt mit seiner pumpenden Bewegung der männlichen Hüfte, den klaffenden Körperöffnungen und den verzerrten Gesichter wenig elegant, so sollte er zumindest technisch ohne Komplikationen ablaufen. Deswegen ist Mauds schüchteren Frage an Sue, was denn von einer Ehefrau in der Hochzeitsnacht erwartet würde, gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen, die Erotika, zu denen sie – auch das erfahren wir im zweiten Teil des Buches – Zugang hatte, enthielten solch sachbezogene Aufklärung nicht. Die nüchterne Ansicht Ashbees über die Ästhetik des Geschlechtsaktes ist auch insofern interessant, da er als (hinreichend sicher) vermuteter Autor von My Secret Life [3, 5, 6], eines über viertausend Seiten ausgebreiteten Liebesleben, in dem er innerhalb eines halben Jahrhunderts um die 1200 Frauen ‚besprungen‘ haben will (um einen von Waters im Roman für diesen Vorgang verwendeten Begriff zu nutzen) ….

Aber noch einmal zurück zum Buch. Alles hat ein Ende, die Wurst bekanntlicherweise zwei und auch ein Roman braucht zumindest eins… Die Handlung des Textes mit all ihren Irrungen und Wirrungen ist zum Abschluss gekommen, was fang ich an mit den Figuren? Hier einen wirklich gelungenen Abschluss hinzukriegen, scheint mir eine der schwersten Aufgaben eines/r Autoren/in. Auch in Solange du lügst deucht mich der Schluss der schwächste Teil des ansonsten so schönen Romans zu sein. Hier läßt Waters letztlich sterben, was Bösestwicht ist, bestraft, was minder schwerer Verfehlungen zu beschuldigen ist und was zusammengehört, wird schlussendlich zusammengefügt. Das die mit einem Thema zur erotischen Literatur promovierte Autorin am Ende dafür sorgt, das das Haus Briar diesem Genre treu bleibt, ist ein letzter, schöner Einfall Sarah Waters in Solange du lügst.

Auch wenn mir der Schluss des Buches etwas herbeigeschrieben vorgekommen ist, ändert das nichts an meinem Gesamteindruck, daß dieser im historischen Gewand des viktorianischen England daherkommende Krimi spannend ist mit all seinen Wendungen, daß er ferner eine differenzierte Zeichnung seiner Figuren aufweist (zu dem Punkt ließe sich vieles sagen, zumal die ‚Guten‘ nicht nur gut sind, sondern auch ihre dunklen Seiten, ihre Abgründe, haben. Aber das darzustellen würde den Rahmen dieser Buchvorstellung sprengen und zudem spoilen…) und daß Ort und Zeit der Handlung glaubwürdig dargestellt sind. Daß im Hintergrund parallel eine zarte Liebesgeschichte mitläuft, verleiht dem Roman zusätzlichen Reiz. Daß solch ein Roman Leser und Leserinnen hat, ist nicht verwunderlich, daß er ob seiner Beliebtheit auch verfilmt worden ist, ebensowenig. Den Trailer zum Film kann man sich natürlich bei youtube anschauen [6]

Links und Anmerkungen:

[1] vgl. hier die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] vgl. hier die Wiki: https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Spencer_Ashbee
[3] https://www.theguardian.com/books/2001/feb/25/biography.features
[4] Index Librorum Prohibitorum: being Notes Bio- Biblio- Icono- graphical and Critical, on Curious and Uncommon Books, by Pisanus Fraxi (London, 1877)
[5] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani Berlin, 2014, S. 209 ff
[6] Walter: My Secret Life; Brüssel, 1888-1892 (englische Originalausgabe). Auf Deutsch u.a. in der Die Andere Bibliothek (Band 24) oder vollständig bei Haffmanns&Tollkemitt, Zürich. Man sollte sich aber nicht allzuviel versprechen, das Werk langweilt nach wenigen Seiten, das Übermaß verliert schnell an Reiz….
[7] Trailer (dt) zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=jzgBcrDVV4A

Weiter von Waters hier im Blog besprochen:

Die Muschelöffnerinhttps://radiergummi.wordpress.com…muscheloeffnerin/
beide Bücher sind in Neuauflagen bei Krug & Schadenberg zugänglich.

Sarah Waters
Solange du lügst
Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Retterbush
Originalausgabe: Fingersmith, 2002
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch Verlag, ca. 625 S., 2005

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2 Responses to “Sarah Waters: Solange du lügst”

  1. Marion Says:

    Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und danke sehr für die durchaus hilfreichen Hintergrundinformationen. Das Ende fand ich allerdings auch recht schwach. Da hätte ich mir etwas mehr erwartet.

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ja, das Ende… man kennt das ja von sich selbst bei vielen Gelegenheiten: ‚…ich mach noch schnell fertig!‘, weil man gedanklich schon wo anders ist… aber vllt tue ich der Autorin auch einfach nur Unrecht, manchmal geht im Leben, wenn ein bestimmter Punkt erreicht ist, alles auch sehr schnell… warum dann nicht auch im Roman? Trotzdem bleibe ich bei meinem ersten Eindruck, daß das Ende des Waters´schen Buches dessen schwächerer Teil ist.

      … und dir, liebe Marion, einen lieben Dank für deinen Besuch und den Kommentar! :-)

      Gefällt 1 Person


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