Pehnt, Holder, Staiger: Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

Wer hätte sie nicht selbst, diese ungeschriebenen Bücher [2], diese Ideen fantastischer Plots, die dann aber doch nie in Buchstaben gegossen werden, worden sind? Jeder von uns Leser und Bücherfreunden kennt dies wohl, dieses aufblitzende Gefühl: das wäre mal eine Geschichte, wert erzählt zu werden. Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger haben sich der Mühe unterzogen, genau diese Bücher, die möglicherweise für immer ‚pränatal‘ bleiben werden, ein Blitzen in den Augen ihrer Mütter und Väter, in ihrer Idee zumindest an das Licht der Welt zu holen. Befragt haben sie Schriftsteller, die.. doch halt! Kommando zurück, so ist es ja gar nicht.. also, es ist schon so, nur im vorliegenden Buch führt der Titel in die Irre, teilweise zumindest, denn es geht im Grunde um die verworfenen Titel möglicher Bücher oder auch realer, die später dann unter einem anderen Titel erschienen sind: Tote Hunde im Titel gehen auf gar keinen Fall. Nicht in Deutschland. Punktum. Nach diesem verlegerischen Machtwort beispielsweise wurde aus dem handfesten Hundesterben in Byzanz (so wie es sich der Autor Christoph Peters vorgestellt hatte) ein eher mystisches Das Tuch aus Nacht. (Anmerkung: grün werden Zitate wiedergegeben, purpur sind reale oder verworfene Titel)

Aber bevor es inhaltlich losgeht, noch ein paar Informationen zum Projekt. Über zweihundert Schriftsteller wurden angeschrieben und um Beiträge gebeten. Es waren mehr oder weniger bekannte Autoren/-innen darunter, beispielsweise Ilija Trojanow, Terézia Moria, Juli Zeh, Arno Geiger u.a.m. als (zumindest mir) bekanntere. Insgesamt antworteten 71 Schriftsteller, der Rücklauf lag also bei knapp über einem Drittel, diese 71 Antworten bilden den textlichen Inhalt des Buches. Neben diesem textlichen Inhalt gibt es noch den grafischen, denn ein Titel braucht einen Platz, an dem er steht und dem potentiellen Käufer und Leser ins Auge fällt: das Umschlagbild des Buches. So hat jeder der nie gedruckten Titel durch angehende junge Grafiker und Designer (aus Karlsruhe und Bielefeld) einen Umschlag gestaltet bekommen, mit dem das vorliegende Buch illustriert ist.

Eingeleitet wird die Textsammlung durch ein Vorwort, welches das Projekt erläutert und die Bedeutung und Rolle eines Titels für ein Buch, wobei die Titelgebung ja nichts anderes ist als das Vergeben eines Namens – und das will und muss gut überlegt sein.

Nicht immer, unter Umständen vielleicht sogar seltener, ist der spätere Buchtitel mit dem Arbeitstitel, unter dem der Autor bzw. die Autorin geschrieben hat, identisch. Verlag und Vertrieb haben ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Titelvergabe. Die Problematik von Hunden im Titel habe ich vorstehend mit einem Beispiel ja schon erläutert, auch andere Autoren können über ähnliche Erfahrungen berichten: Zu viel Hund wies z.B. der Titel: Musik in den Träumen von Hunden von Rolf Lappert auf. Man muss, so der Vertrieb, bei der Titelauswahl darauf Rücksicht nehmen, daß es eine Menge Menschen gibt, die Hunde nicht mögen. Auseinandersetzungen mit den Verlagen und dem Vertrieb gehören wohl zur Tagesordnung des Geschäfts, nur selten wird festgehalten, daß die Arbeitstitel klaglos übernommen wurden. Es gibt jedoch auch Autoren mit hoher Standfestigkeit, die ihre Titelvorstellung durchsetzen können, Markus Orth konstatiert daher: der Autor hat immer das letzte Wort. Und ohne diese Standfestigkeit gäbe es einen so herrlichen Titel wie: Wer geht wo hinterm Sarg? (dem ich natürlich sofort nachgespürt habe) nicht. 

Das Inverse zum Problem: ‚Text sucht optimalen Titel‘ ist der Komplex: Titel sucht Text. Auch der ist häufig vertreten, die Überschrift, ein prägender Satz, eine gelungene Wortkombination (Seilschläfer bei Terézia Mora, Erneuerung der Fransen bei Kathrin Passig, Hüten fremder Hunde bei Tilman Rammstedt – um nur einige zu nennen) setzen sich im Hirn fest – allein, es fehlt das Fleisch am Gerüst des Titels. Lutz Seiler schildert in seinem Beitrag ein weiteres Phänomen: der Titel Sonntags dachte ich an Gott stand fest und sogar schon in den Verlagsankündigungen – allein, diese Überschrift mutierte für ihn bald zum Sinnbild einer qualvollen Pflicht. Es brauchte eine Entwicklung, eine innere Erkenntnis, bis das Projekt von der Hand ging und der titelgebende Beitrag ist heute sein Lieblingstext in diesem Band.

Annett Gröschner berichtet von Erfahrungen anderer Art. Ihr Werk Eingefrorene Guthaben, bei dem es um einen in einer Kältetruhe sterbenden Kälteingenieur ging, verlor seinen Namen, als gleichzeitig die Spendenaffäre der CDU aufkam: hier hätte der Ursprungstitel eine missverständliche Spur gelegt. Heute heißt das Werk Moskauer Eis, ist direkter und eindeutiger, Gröschner hat jedoch ihren Frieden damit geschlossen…. Noch einmal Gröschner, weil es so witzig ist: Vom Schlachthof zum Kanzler. Damit würde, so der Verlag seinerzeit, der Kanzler beleidigt., wobei man festhalten muss, daß Kohl zu dieser Zeit schon einige Jahre nicht mehr im Amt war. Aber zugegeben, ich dachte tatsächlich spontan an ihn. Es geht übrigens auch nicht um die Karriere eines Metzgers, sondern.. ach das verrät am besten der Titel(wurm) selbst, unter dem das Buch dann 2002 erschien: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus – Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft.

Diese Beispiele sollen genügen, die Zusammenstellung der Herausgeber (die im Buch selbst von sich sagen, sie hätten alles ‚zusammengetragen‘, aber Zusammenträger ist jetzt als Begriff wenig elegant, deswegen habe ich sie kurzerhand zu Herausgebern gemacht) zu charakterisieren, schade, daß ich hier keine Abbildungen wiedergeben kann. Einige wenige Umschlagentwürfe sind jedoch in dieser Besprechung des Buches zu sehen [1], sehenswert sind alle der 71 Entwürfe.

Ergänzt wird der Textteil noch durch biografische Angaben zu den Autoren/-innen sowie durch eine Liste der beteiligten Grafiker/-innen und Designer/-innen.


Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese Bibliothek der… gekommen bin, aber ich bin froh, daß sie in meinem Bücherschrank steht. Ein wunderschönes Buch, ein Schmuckstück, eine Perle in der Sammlung: Bücher über Bücher.

…. und dann sind da noch ein paar Anmerkungen meinerseits, die zum Thema passen, aber mit dem Buch selbst nix zu tun haben ;-) (die Links führen alle zu Beiträgen innerhalb dieses Blogs):

Es würde mich beispielsweise interessieren (falsch: es interessiert mich), wie zum Beispiel Joachim Meyerhoff seine beiden Titel (Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war und – Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke) durchgesetzt hat (ich gehe mal davon aus, daß die Vorschläge von ihm kamen), oder auch – um bei ‚M‘ zu bleiben, der Thomas Meyer mit Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Aber es gibt ja schließlich Menschen, die gerade auf ausgefallenere Titel zugreifen, weil schlicht und einfach die Neugier angeregt wird, ich gehöre sicherlich in diese Kategorie Leser.

Dazu passt folgende Erfahrung: als ich noch meinen eigenen Lesekreis hatte, schlug ich seinerzeit Who the Fuck is Kafka? von Lizzy Doron vor und erntete entgeisterte Blicke aus der Runde. Nun ja, wir haben es gelesen, das ‚Urteil‘ war am Ende auch positiv, zumindest hat jeder dem Buch zugestanden, daß es sehr interessant war und viele neue Einblicke beschert hat. Aber gekauft, so die einhellige Meinung damals, hätte man das Buch ohne den Zwang des Lesekreises freiwillig nie. Nicht bei diesem Titel.

Links und Anmerkungen:

[1] Annette Pehnt, Friedemann Holder, Michael Staiger (Hrsg) – „Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“; in:  https://zuerilitteraire.wordpress.com/2014/11/22/…ungeschriebenen-bucher-piper/

[2] ich natürlich auch, das versteht sich – denke ich – von selbst. Das unermessliche Glück beim Einnehmen der Embryonalhaltung, so wird mein Werk heißen, bzw. nach den geschilderten Erfahrungen in diesem Buch, in die Auseinandersetzung mit den Verlagen gehen. Leider fällt das Projekt noch unter die Kategorie: Titel sucht Text. Bislang stehen allerdings schon Grundzüge der Danksagung (an meine Eltern, Groß- und Urgroßeltern, deren hemmungsloses Treiben meine Existenz und damit die des Romans erst möglich machte…), aber was nicht ist, wird noch werden. Ich bin Optimist voller Iden. Auch außerhalb des März.

Weitere von mir unter ‚Bücher über Bücher‘ vorgestellte Titel:

Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger (Hrsg):
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Originalausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2014

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2 Kommentare zu „Pehnt, Holder, Staiger: Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

    1. .. ja, das ist der punkt, man wird ‚gezwungen‘, auch mal abseits des eigenen beuteschemas zu ‚jagen’… und macht dabei oft die erstaunlichsten entdeckungen (und manchmal ist es auch nur langweilig….)!
      liebe grüße

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