Simon Garfield: Zeitfieber

2. April 2017

Ist man als Leser von einem Buch enttäuscht, kann das am Buch liegen, aber auch daran, daß man mit den falschen Erwartungen ans Lesen gegangen ist. Insofern sollte man – und dies habe ich getan – seine Erwartungen noch einmal überprüfen, damit man seine Enttäuschung nicht an die falsche Adresse heftet.

In einem Buch, das den Begriff ‚Zeit‘ im Titel führt, hätte ich erwartet, daß auch etwas über die Zeit geschrieben wird, wie schwierig sie physikalisch, aber auch philosphisch zu fassen ist, was das überhaupt ist, die Zeit. Wer Gedanken, und seien sie nur angerissen, erwartet, wird sie nicht finden. Nichts Definitorisches, nichts Analytisches harrt unser. Was aber dann?


Dies ist ein Buch über unsere Besessenheit von der Zeit und unser Verlangen, Zeit zu messen, zu kontrollieren, zu verkaufen, zu filmen, sie zu inszenieren, sie unvergänglich uns sinnerfüllt zu machen. Und weiter hält der Autor fest: Das Buch verfolgt lediglich zwei schlichte Ziele: erstens ein paar aufschlussreiche Geschichten zu erzählen und zweitens die Frage zu stellen, ob wir alles völlig durchgeknallt sind.

Simon Garfield befasst sich also weniger mit der Zeit an sich, sondern vielmehr mit unserem Umgang mir ihr (anders formuliert also: er schreibt Geschichten über uns Menschen selbst): wie empfinden wir sie, wie messen wir sie, wie teilen wir sie uns ein, wie wirkt sie auf unser Leben ein, wie beeinflusst sie uns. Damit ist der Autor in seinem Metier, denn Geschichten erzählen, das kann er – selbst wenn sie (trotz des ‚Wir…‘) nicht immer die eigenen sind wie die allererste Geschichte vom Fischer, die durch literarische Vorgaben inspiriert scheint [2]. Das gleich auf den ersten beiden Seiten des Buches wirft ein etwas fahles Licht auf die Glaubwürdigkeit anderer Geschichten, die im ‚Wir‘ oder ‚Ich‘-Modus persönliche Erfahrungen andeuten.

Wir, die wir heute jederzeit an jedem und für jeden Ort die genaue Zeit [3] kennen bzw. leicht in Erfahrung bringen können, sind uns kaum noch bewusst, daß dies eine junge Errungenschaft ist. Hatte doch letztlich früher jeder Ort oder jede Region vor dem Aufkommen der Eisenbahn ihre Ortszeit, die sich nach dem Lauf der Sonne (Auf- und Untergang, Mittag) richtete. Diese Minutendifferenzen spielten keine praktische Rolle, solange man mit Postkutschen unterwegs war und auch die Zeitmessung selbst ihre Ungenauigkeit hatte, wollte man jedoch für Züge zuverlässige Fahrpläne aufstellen, musste man sich etwas einfallen lassen. Und auch der Begegnungsverkehr von zwei Zügen, die aus Bahnhöfen mit unterschiedlichen Zeitbezugspunkten in Bewegung gesetzt wurden, konnte fatal enden…. ergo ersetzte man (nicht ohne Widerstand) die jeweiligen Ortszeiten durch Zentralzeiten, die im ganzen Land (bzw. der Zeitzone) galten.

Revolutionärer noch als diese Synchronisierung der Zeit waren Versuche in der Französischen Revolution, eine dezimale Uhr einzuführen, den Tag mit zehn Stunden à hundert Minuten, Bestrebungen, die sich aber nicht durchsetzten.

Film bzw. Kino und Zeit – wer sich die Homepage von Garfield [1] anschaut, kann sich vorstellen, daß dem Autoren dieses Aspekt wichtig war und ihn darzustellen, ihm Spaß gemacht hat. So kann beispielsweise ähnlich wie in der klassischen Musik mit ihn Tempoangaben (und deren Umsetzung) Stimmung erzeugt werden. Liess man früher die Filme schneller oder langsamer laufen, sind heute u.a. Zeitlupe und -raffer gebräuchlich, auch die Art, wie Filme geschnitten werden, kann Tempo, aber auch Langsamkeit andeuten. Apropos Musik: wer sich als Teenager gefragt haben sollte, warum Pop-Songs immer so um die drei Minuten lang sind, der bekommt bei Garfield eine Antwort auf diese Frage.

Von Garfield so sicher nicht erwartet, hat sein Kapitel über das Filibustern, diesem Kampf von Worten gegen die Zeit, einen ganz aktuellen Bezug bekommen [4]. Andere Abschnitte befassen sich mit Rekorden im Sport, exemplarisch erzählt Garfield die Geschichte von Roger Bannister, der 1954 als erster Leichtathlet die Meile in weniger als vier Minuten gelaufen war. Bannisters Laufschuhe wurden übrigens 2015 für 220.000 Pfund (ohne Nebenkosten) versteigert, man sieht, die Faszination über dieses ‚erste mal‘ hat angehalten.

Was wäre ein Buch über die Zeit, wenn es sich nicht seiner Messung widmete und den Uhren, die dazu dienen. Im Kapitel ‚Horologie I‘ widmet sich Garfield diesem Punkt und legt seinen inhaltlichen Schwerpunkt auf die schweizerische Uhrenindustrie. Und in gewissen Sinn kann man sogar sagen, daß sich dieser Abschnitt in weiten Teilen liest wie eine wohlwollende Informationsbroschüre über die Firma IWC… später dann gibt es noch ein Kapitel, in dem sich Garfield Philipp Patek mit ihrer zeitlosen Werbekampagne widmet….

Eine ganz andere Art von Uhr ist die Weltuntergangsuhr, die von einem Gremium aus Wissenschaftlern (darunter 17 Nobelpreisträger) und Fachautoren des Bulletin of the Atomic Scientists gestellt wird und die symbolisieren soll, wie nach diese Wissenschaftler die Welt am Abgrund sehen. Sie begann 1947 mit sieben Minuten, ging während des Korea-Krieges bis auf 2 Minuten vor Zwölf vor, um 1991, nach Beendigung des Kalten Krieges auf 17 Minuten vor Zwölf zurückgestellt zu werden. Der aktuelle Stand liegt dank Donald Trump bei 2,5 Minuten…. [5]

Interessant sind ebenfalls die Ausführungen zum Zeitmanagement, der Frage also: wie teile ich mir meine Zeit am sinnvollsten ein bzw. in größerem Maßstab, wie rationalisiere und organisiere ich die Arbeit in z.B. Fabriken. Dabei führt der Begriff ‚Zeitmanagement‘ ein wenig in die Irre: die Zeit läuft in ewigem Gleichmass, zu organisieren und zu managen bin vielmehr ich mit meinen Tätigkeiten. Wie auch immer: die Buchhandlungen sind voll mit Ratgebern zu diesem Thema, das in jeder Generation aktuell ist, was aber noch lange nicht bedeutet, daß diese Ratgeber tatsächlich sinnvolle Ratschläge geben können….

Das Leben ist ein seltsames Spiel, und es beschleunigt sich. Jederzeitige Erreichbarkeit, Mulit-Tasking-Fähigkeiten, Fast Food bis hin zu Extremen wie der Ernährung mit Soylent: ein angeblicher Zeitgewinn pro Tag von zwei Stunden, da die Zubereitung von Essen weitestgehend entfällt. Vielleicht ist mit dieser Beschleunigung des Lebens auch der Titel des Buches erklärt: wie auf einer Fieberkurve scheint die Menschheit ihr Leben immer mehr zu beschleunigen, it immer höhrerer Geschwindigkeit zu gestalten, ohne daß sie jedoch dadurch mehr freie ‚Zeit‘ hätte. Eine Gegenbewegung dazu existiert allerdings ebenfalls: Slow Food und auch hier die wohlwollende Beschreibung eines bestimmten Lokals in Kalifornien als Exempel, ein weiteres Exempel, dass Garfield schildert ist der Versuch des Prince of Wales, die ‚Zeit‘ gleich in einem ganzen Dorf zu entschleunigen und das Leben dort aus dem reissenden Zeitfluß der Restwelt heraus zu nehmen.


Zeitfieber von Simon Garfield hat mich, selbst nachdem ich meine Erwartung dem vorstehend zitierten Ziel der Ausführungen angepasst habe, ratlos zurückgelassen. Zum einen: Garfild kann gut erzählen, sein Stil liest sich flüssig, nimmt einen beim Lesen mit und unterhält sehr gut. Auch inhaltlich erfährt man einiges Neues und manche der geschilderten Zusammenhänge führen zu ‚Aha‘-Momenten (es gibt thematisch noch einiges mehr im Buch als das, was ich oben stichpunktartig erwähnte). Zum anderen sind mir diese werbeartigen Abschnitte über IWC, Philipp Patek und auch das Slow-Food-Lokal ‚Chez Panisse‘ etwas unangenehm aufgefallen, weil… na ja. Das, was Garfield aufzeigen wollte, wäre auch ohne solches ‚Product-Placement‘ (nennt man das so?) sagbar gewesen.

Garfields Buch ist vintage, retro, rückwärtsgewandt. Episoden aus der Stummfilmzeit, die Bedeutung und Interpretierbarkeit der Tempi in Beethovens Kompositionen, der Einfluss des Schienenverkehrs auf die Definition von Standardzeiten, der erste Meilenlauf unter vier Minuten u.a.m. Das alles ist interessantes Feuilleton, aber für die Probleme der Jetztzeit wenig hilfreich. Ich zitiere kurz den Spiegel 14/2017 [6]: …. Angst, Unsicherheit, Überforderung. Die Menschen mögen keine Veränderungen, jedenfalls nicht zu viele, zu schnell. 1990 war das Leben nicht so viel anders als 1970 – aber was hat die Gegenwart noch mit 1990 zu tun. Die Tech-Vordenker rätseln nun, wie es weitergehen soll: noch schneller, bis der technologische Fortschritt endlich seine Versprechen einlässt, dass alle besser leben ? … Oder muss die Geschwindigkeit gedrosselt werden, bis die Menschen weniger überfordert sind? …. Zu diesem Zeitfieberschub findet sich bei Garfield jedoch so gut wie nichts, von Soylent einmal abgesehen.

Alles, absolut alles, was geschieht, geschieht in der Zeit – wie immer man sie auch definiert. Stünde die Zeit still, so würde nichts geschehen können. Insofern kann man jede (menschliche) Aktivität, jedes Geschehen mit dem Aspekt auf das damit verbundene Zeitempfinden diskutieren, Garfield hat einige, gemessen an den Möglichkeiten, wenige Beispiel für sein Buch ausgewählt. Dieses Unspezifische führt dazu, daß der Autor des öfteren abschweift, daß man hin und wieder den engeren Zusammenhang mit dem Thema des Buches vermisst.

So bin ich also weder Fisch noch Fleisch, weder lobe ich das Buch allzusehr, noch verreisse ich es in Grund und Boden. Wer es liest, verbessert in jedem Fall seine Allgemeinbildung  und ein paar unterhaltsame Stunden hat man auch – womit (mit den ‚Stunden‘ nämlich) wir wieder beim Thema wären…

Links und Anmerkungen

[1] Webseite des Autoren: http://www.simongarfield.com
[2] Heinrich Böll: Der zufriedene Fischer; z.B. hier: https://www.geschichten-netzwerk.de/coaching-therapie/geschichten/der-zufriedene-fischer/ bzw. (wie vom Übersetzer in einer Fussnote angemerkt:) Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral; z.B. hier: http://www.veritas.at/vproduct/download/download/sku/OM_36652_8
[3] natürlich gibt es Zeitzonen, aber die Umrechnung von Uhrzeiten zwischen verschiedenen Zeitzonen ist eindeutig und einfach.
[4] Ariane de Vogue: The Gorsuch filibuster debate rages in Senate; in:  http://edition.cnn.com/2017/03/29/politics/senate-filibuster-neil-gorsuch/
[5] siehe hier: http://weltuntergangsuhr.com
[6] Thomas Schulz: Zuckerbergs Zweifel, Der Spiegel 14/2017, S. 14

Vom Autor ferner hier auf dem Blog besprochen:
Simon Garfield: Briefe!

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2 Responses to “Simon Garfield: Zeitfieber”


  1. Vielen Dank für diese aufschlussreiche Buchvorstellung! Mir geht auch oft so, dass ich von einem Buch enttäuscht bin, weil ich etwas anderes erwartet habe. Da fällt es mir dann schwer, dem Buch gerecht zu werden. Schön, dass du deinen Standpunkt so deutlich formulierst!
    Bei mir liegt das neue Buch von Garfield auch schon bereit. Sein Buch „Karten“ über die Geschichte der Kartografie hat mich ja sehr begeistert. Da stimmte die Mischung zwischen Wissenschaft und Geschichte. Ich bin froh, deinen Artikel rechtzeitig vor der Lektüre gelesen zu haben. Jetzt bin ich gewarnt und hoffe, dass mir es trotz deiner Einwände gefällt.

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    • flattersatz Says:

      liebe petra, herzlichen dank für deinen kommentar. ja, ich bin gespannt, was du zu dem buch schreibst. nachdem ich den zitierten bericht im spiegel gelesen hatte (bemerkenswerte zeitliche koinzidenz), war mir auf einmal dieses unbefriedigende gefühl, was ich im magen spürte klar. oder wie die leiterin meines lesekreises immer sagt: welche lehren ziehen wir aus dem geschriebenen, was wollte der autor uns sagen? und da krieg ich halt nix geliefert, was mir in den zeiten, in denen wir jetzt leben und die sich immer mehr beschleunigen (waren vor kurzem noch 30 mb bandbreite gut, will jetzt jeder 50 haben oder hundert (ich hier auf dem land habe 2 … (in worten: zwei))) helfen oder einen anhalt geben könnte. nette geschichten, alles prima, aber auch schnell vergessen. und diesen penetrante werbekram empfand ich wirklich störend. also, wie geschreibt, ich bin auf dein urteil gespannt. :-)

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