Pat Barker: Das Auge in der Tür

19. März 2017

barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Advertisements

2 Responses to “Pat Barker: Das Auge in der Tür”


  1. Dank Deiner Hinweise auf Pat Barkers Trilogie sind alle drei Bände sogleich auf meine Wunschliste gewandert. Ich habe ihren Roman „Tobys Zimmer“ sehr gern gelesen und würde gern weitere Bücher von ihr lesen. Viele Grüße

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      liebe constanze, während ich manchmal, wenn jemand sagt, aufgrund meiner besprechung würde er das buch lesen, etwas ‚zusammenzucke‘, bei diesem buch nicht: es ist wirklich sehr gut. ich persönlich halte es auch für viel ‚besser‘, sprich: tiefgründiger und vielfältiger als z.b. remarques roman über den 1. wk, so gut der auch sein mag. ich wünsche dir viel ’spaß‘ (auch dieser begriff in gänsefüßchen) bei der lektüre und bin sehr gespannt auf deine eindrücke!
      lg

      Gefällt 1 Person


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: