Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

19. Februar 2017

seethaler

Robert Seethaler, dieser 1966 in Wien geborene Österreicher, ist ein Meister des unaufgeregten, einfachen Stils – zumindest habe ich ihn in seinem famosen Trafikanten so kennengelernt [1]. Mit diesem vorliegende Roman (einhundertvierundachtzig locker gesetzte Taschenbuchseiten – ein schmaler Roman also) bestätigt sich dieser Eindruck: ein Stil, der unprätentiös einfach beschreibt, was ist und was geschieht und was letztendlich das ausmacht, um das es geht: Ein ganzes Leben.

Der Romantitel ist doppeldeutig. An einer Stelle des Buches läßt Seethaler seine Figur des Andreas Egger feststellen, daß der Mensch geboren wird, daß er stirbt und die Zeit dazwischen sein Leben ist. Diesen Zeitraum also umfasst der Roman, nehmen wir es nicht allzu eng, der frühkindlichen Anamnses geschuldet, tritt Egger erst im Alter von drei oder vier Jahren leibhaftig in das Geschehen ein, aber dazu später mehr, erst noch einmal eine andere Facette des Titel: Ein ganzes Leben im Sinne von: ein rundes, in sich stimmiges, mithin: ein gutes Leben. Ob es das tatsächlich war, dies wird sich am Ende des Romans gezeigt haben.


Am Beginn des letzten Jahrhunderts taucht beim Kranzstocker, einem Bauern in einem unbenannten Tal in den Alpen ein ungefähr vierjähriger Junge auf, der Bankert der flatterhaften Schwägerin, der wohl nur deswegen beim Kranzstocker aufgenommen wird, weil er einen Beutel mit Talern um den Hals trägt. Die folgenden Jahre wächst der Junge heran, er ist auf dem Hof geduldet, mehr nicht. Wann immer es dem Bauern passt, schlägt er den Knaben mit der Rute auf den nackten Hintern, eines Tages so derbe, daß der Knochen kracht. Der Knochenrichter versucht sein bestes, es dauert lange und hinterher hinkt der Egger.

Doch ist er jetzt auch körperlich gezeichnet, so wächst er doch heran und wird so stark, daß er sogar dem Kranzstocker Angst einjagt… er lernt nichts, aber da er kräftigt ist, hat er immer zu tun. Bis auf hin und wieder einen Krauterer in der Wirtschaft legt er sein Geld zurück, kann sich ein Häuschen auf einem Stückchen Ödland, auf dem nur Steine wachsen, pachten. Hier wohnt er fortan und träumt davon, durch Gartentürchen für jemanden, der ihn besucht, öffnen zu können. In Wahrheit hat er es sogar nur aus diesem Grunde angebracht….

Mitte Dreißig ist er, als er den Ziegenhirten sterbend in dessen Behausung findet, ihn aufschultert und ins Dorf bringen will. Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht: der Hörnerhannes, wie der Hirt genannt wird, rappelt sich noch einmal auf und entkommt dem Egger in die verschneiten Berge hinauf. In der Wirtschaft jedoch, Egger braucht jetzt einen Krauterer, ändert sich Eggers Leben: Marie, die Bedienung streift ihn am Arm, als sie den Schnaps vor ihn hinstellt. Und noch etwas passiert den kommenden Frühling in Eggers Dorf: eine Baufirma zieht mit ihrem Gerät ein und errichtet ein Lager. Gebaut werden soll, und zwar eine Seilbahn. Und Strom soll gelegt werden für das Dorf.

Egger fragt sich um Arbeit, überzeugt den Prokuristen damit, daß er der einzige ist, der am Hang gerade stehen und gehen kann…. Er ist ein guter Arbeiter und auch wenn er nicht weiß, wie das mit den Frauen richtig macht, so weiß er doch, was er will: Marie. Für sie öffnet er sein Gartentörchen…. Und er macht ihr einen Antrag, einen leuchtenden, brennenden Antrag und Marie sagt Ja.

Eine Lawine zerstört nur wenig später Haus und Glück, auch Egger überlebt nur knapp. Bei Bittermann, der Baufirma, übernimmt er jetzt Wartungsarbeiten… 1939, in den Krieg, für den er sich meldet, darf er nicht als Hinkender, ein paar Jahre später ist man nicht mehr so wählerisch und Egger muss. Er kommt in den Kaukasus, insgesamt sollte er zwei Monate an der Front sein, aber fast acht Jahre im Lager, erst 1951 kommt er wieder in sein Dorf zurück, in dem sich mittlerweile so viel geändert hat.

Eine zeitlang kann er von den Geldern leben, die er als Kriegsgefangener zur Entschädigung und Überbrückung erhält. Dann, eine paar Jahre später, bringt ihn mehr oder weniger der Zufall auf die Idee, die immer zahlreicher werdenden Touristen durch die Berge zu führen.

Noch einmal versucht eine Frau in das Leben des Andreas Egger zu treten, Anna Hollers, die Lehrerin in der Dorfschule. Aber Egger verweigert sich, kann nicht, will nicht. Es ist die Zeit, in der er seine Unterkunft, in der er Jahre lebte, verläßt und in einen abseits des Ortes gelegene alten Viehstall zieht. Hier lebt er allein für sich, mit dem Blick in die Berge, in das Tal. Mittlerweile vergisst er schon manches, sein Leben zieht in Bildern an ihm vorbei, er ist ganz zufrieden hier oben… die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht, hatte er das Gefühl, daß vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war.

Nur einmal wacht er mit einer Unruhe auf, sieht die Autos das Tal hinaufkommen in das Dorf und ihm wird bewusst, daß er – ausser dem russischen Lager – eigentlich nur dieses Tal kennt. So setzt er sich in den Bus, weiß garnicht, wohin und sagt dem Fahrer als Ziel „Endstation“… dort jedoch sieht er sich selbst als alten Mann, nutzlos und verloren, mitten auf einem leeren Platz, und er schämte sich wie noch nie in seinem Leben. Der Fahrer führte ihn wieder in den Bus und brachte Egger in sein Dorf, das seine Welt war, sein Leben, zurück.

… und dann, nur wenige Wochen später .. stirbt Andreas Egger so wie er gelebt hatte: unauffällig, einfach so. Ein Leben war zu Ende, es war ein gutes Leben, ohne allzu viele Fehler. Seine Marie liebte er bis zum Schluss, einmal erschien sie ihm sogar, sah er sie deutlich. Beerdigt wurde Andreas Egger neben seiner Frau.


Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. …. 

Seethaler führt uns mit seinem schmalen Roman zurück in eine Welt, wie wir sie heute nicht mehr kennen, die sich auch im Laufe der Handlung, sprich: des Lebens seiner Figur Egger, ändern wird. Es ist eine Lebensumwelt, die noch stark von der Natur geprägt ist, die Berge verlangen dem Menschen viel ab, wenn er dort überleben will: steinige Wiesen und Äcker, steile Hänge, heftige Wetter, Einsamkeit auch. Das Leben in den Alpen ist ein Kampf auch um´s Überleben.

Im Kranzstocker, dem Bauern, bei der der elternlose Egger unterkommt, hat Seethaler eine Ausformung des Menschen, genauer: des Mannes, dargestellt, der hier überleben kann: Der Mann wurde geformt und gehärtet von Gottes Hand, um sich die Erde, und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und spricht Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer…. Dieser Schilderung nach könnte man auch sagen, er ist gottähnlich, dieser Kranzstocker in seinem eigenen Weltbild. Auch der Egger ist hart, nie schreit er unter den Schlägen (die in dieser Zeit üblich waren) und Misshandlungen des Bauern, aber, er Egger war kein Bauer und wollte keiner sein, im Gegenteil war er, der nie was gelernt hat, eigentlich garnichts, musste sich erst einmal finden, nachdem er mit Marie eine Aufgabe in dieser Welt bekommen hatte.

Zwei Lebensentwürfe also, die gegensätzlicher kaum sein konnten und die Seethaler auch entgegengesetzt enden läßt. Während Egger gegen Ende seines Lebens, in einem unerwartet hohem Alter, resümieren kann, daß er auf …. sein Leben … ohne Bedauern zurückblicken kann mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen, verliert der Kranzstocker im Alter alle Kraft und bettelt um seinen Tod, der ihn von seinem Leben befreien soll.

Egger war ein Mensch, der (mit einer Ausnahme) nie Liebe erfuhr. Vom Kranzstocker allenfalls geduldet, waren die sporadischen Streicheleinheiten der alten Oma auf dem Hof die einzigen Lichtblicke, freilich sehr wenige. Es wurde wenig geredet mit ihm, seine Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen war entsprechend eingeschränkt, er war Aussenseiter und Einzelgänger, freilich genoß er bei den Arbeitskollegen Respekt, weil er ein guter Arbeiter war, sie waren es auch, die ihm bei der Werbung um seine Marie halfen. Einzig in der endlosen Gefangenschaft in Russland zeigt er vermehrt soziale Verhaltensweisen, kümmert sich um seine Mitgefangenen. Selbst später, als Tourenführer, bleiben ihm die Touristen fremd, kann er, der in den Bergen groß geworden ist und sie ohne Verklärung sieht, die Sehnsucht, die diese Menschen romantisierend in die Natur treibt, nicht nachvollziehen. Gegen Ende seines Lebens drängt es ihn wieder in die Einsamkeit, wie eine Art Eremit haust er ausserhalb des Dorfes, ist aber mit seinem Leben dort zufrieden.

Die Neuerungen, die mit der Zeit auch in sein Alpental gekommen sind, nimmt er staunend zur Kenntnis. War seinerzeit die Elektrifizierung des Dorfes noch ein großes, auch von ihm begrüßtes Ereignis, so sagt ihm nach seiner Rückkehr ins Dorf das Fernsehen nichts mehr, er staunt zwar, aber das, was er sieht, ist nicht mehr seine Welt. So ist es ebenso nicht verwunderlich, wenn sein panikartiger Ausflug in die ‚weite Welt‘ am Ende seines Lebens grandios scheitert: sein Platz ist im Tal, in seiner Hütte, nicht irgendwo da draußen.

Seine Welt war die Natur, und alles in seinem Leben musste er erkämpfen. Aber er nahm dies an, sein Leben war nicht von Zukunftsvisionen und Plänen bestimmt, sondern vom Hier und Jetzt. Einzig Marie war für ihn eine Zukunft, denn mit ihr wollte er sein Leben teilen bis zum Ende, aber Marie wurde ihm genommen und damit auch seine Lebensperspektive.

Eggers Leben ist somit eine Art Gegenentwurf zum modernen Leben. Seethaler schildert uns einen Menschen, der sein Leben trotz aller Unbillen in all seiner Härte angenommen hat, der sich nicht ungerecht behandelt fühlt vom Leben, der (möglicherweise) nicht genutzten Chancen nicht nachweint, der einfach am Ende zusammenfassen kann: so war es und so wie es war, war es gut. Ein wenig von dieser akzeptierenden Einstellung würde in heutiger Zeit manchem von uns in seinem Leben gut tun….


Seethaler beginnt seinen Roman mit der Schilderung, wie Egger sich den sterbenden Hörnerhannes auf den Buckel schnallt, um ihn ins Dorf zu bringen. Auf diesem Weg ’sehen‘ sie den Tod bzw, und das ist (für mich zumindest) das Interessante: die Tödin, denn es ist eine Frauenfigur, die Seethaler beschreibt. Diese Figur taucht dann am Ende des Romans noch einmal auf – und ebenso in der Mitte, in der Anna Hollers nämlich, denn u.a. als Holla oder Holler ist die aus dem Allgemeinwissen weitgehend verschwundene Tödin in die Sagenwelt eingegangen. Bezeichnenderweise geht Egger keine Verbindung mit dieser Frau ein, aber er zieht sich bald nach der Begegnung zurück aus dem Dorf an den Ort, der sein Sterbeort werden soll [3].


Mit Ein ganzes Leben ist Robert Seethaler mithin ein Buch gelungen, das man ohne Wenn und Aber empfehlen kann, ein zeitloses Kleinod in einer stimmigen, von vielen Bildern geprägten einfachen, aber nicht simplen Sprache, in der einem beim Lesen die Figur des Andreas Egger so richtig ans Herz wächst.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.robert-seethaler.de
[2] R. Seethaler: Der Trafikant, Besprechung hier im Blog
[3] zufällig hatte ich zeitnah das Buch von Erni Kutter gelesen, so daß mir diese Figur des weiblichen Todes hier sofort aufgefallen war: Erni Kutter: Schwester Tod; Besprechung hier im Blog.

Last not least möchte ich mich bei meinen Kolleginnen vom Lesekreis herzlich für die fruchtbare Diskussion und den ‚weiblichen‘ Blick auf diesen Roman bedanken.

Robert Seethaler:
Ein ganzes Leben
Erstausgabe: Hanser-Verlag, 2016
diese Ausgabe: Goldmann, TB, ca. 184 S., 2016

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5 Responses to “Robert Seethaler: Ein ganzes Leben”


  1. Als ich das Buch gelesen habe, war ich ebenfalls sehr eingenommen von Seethalers Werk. Richtig, er schafft es, auf nur wenigen Seiten das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen einzufangen. Ich denke, er kann sich dabei durchaus mit dem Roman „Stoner“ von John Williams messen. Beide zählen für mich zu den schönsten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Viele Grüße

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    • flattersatz Says:

      liebe constanze, hab herzlichen dank für deine zeilen. weißt du, was unheimlich ist? ich bin heute früh wachgeworden, bin irgendwie gedanklich auf meinen blog gekommen, habe an seethaler gedacht und an williams, daß man seinen ’stoner‘ dagegen stellen müsste, auch ein leben, ein ganzes leben voller höhen und tiefen, das am ende einen menschen sterben ließ, der irgendwie seinen frieden gefunden hatte…. ja, beide zählen für mich ebenso zu den schönsten Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

      liebe grüße

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  2. Rosi Says:

    Ich bin sehr froh, dass ich das Buch bereits gelesen hatte, als ich diese Rezension las. Ich meine, dass eine Rezension nicht in der Hauptsache eine Nacherzählung eines Buches sein sollte. Da ist kaum ein eigener Gedanke zu finden. Schade.

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    • flattersatz Says:

      dieser eindruck, den du von meiner buchvorstellung hast, tut mir leid – und ich teile ihn nicht. zudem dient mir dieser blog als gedächtnisstütze, schließlich bin ich kein professioneller rezensent, sondern nur ein vergesslicher leser… ;-)

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