Leon de Winter: Malibu

8. Februar 2017

malibu

Malibu – ein Roman de Winters aus dem Jahr 2002. Er spielt, der Titel verrät es, in den USA, im Großraum Los Angeles, der Pacific Coast Highway , diese an der Küste entlang laufende Straße mit ihren fantastischen Ausblicken spielt eine große Rolle im Roman. Denn am 22. Dezember 2000 verloren um acht Minuten nach halb eins die Räder meiner Harley in einer Kurve des Pacific Road Highways […] die Haftung auf dem Asphalt, und wir stürzten mit dem Motorrad.

Der dies erzählt ist ‚God‘ (wobei God von Godzilla kommt…), der diesen Unfall im Nachhinein penibel rekonstruieren sollte und eine Ursache-Wirkungskette bis in die Zeit, in der die feste Landmasse noch als Pangäa auf einem Ozean von Lava trieb, aufstellte. Und das ‚er‘ bzw. ‚ich‘ zum ‚wir‘ machte Mirjam, das junge Mädchen, das genau an diesem Tag ihren siebzehnten Geburtstag feiern wollte, und das God hinten auf seinem Sozius hatte. Die beiden waren auf der Heimfahrt vom Gym (God musste nach Malibu fahren, der ehemalige Karateweltmeister hatte dort Trainingsstsunden mit einen Bodyguard und er hatte Mirjam angeboten, sie mitzunehmen) als sie stürzten, weil God auf der Ölspur, die ein Lieferwagen mit defekter Ölwanne hinterlassen hatte, ausrutschte. Während ihm nichts geschah, wurde das Mädchen von einem entgegenkommenden Auto überrollt. Sie kam noch ins Krankenhaus, starb aber bald darauf.

Mirjam war ein Scheidungskind, das bei ihrem Vater Joop Koopman lebte. Joop Koopman, ein aus den Niederlanden stammender, aber schon seit Jahrzehnten in den USA lebend, war ein mäßig erfolgreicher Drehbuchautor, aber ein liebevoller und besorgter Vater – seit vielen Jahren schon, denn die Ehe, der Mirjam entsprang, wurde kurz nach ihrer Geburt schon wieder geschieden. Nach langwierigen Auseinandersetzungen bekam er seinerzeit das Sorgerecht zugesprochen.

Soweit die Ausgangssituation des Romans.

Zentrale Figur des Romans, der ausgehend vom Unfall ungefähr einen Zeitraum von einem Vierteljahr umfasst (während der letzten Szenen (die jedoch nicht in Kalifornien spielen) fällt noch Schnee…) ist dieser Joop Koopman, den der Tod seiner Tochter völlig aus der Bahn zu werfen droht. Gewohnt packend und intensiv schildert de Winter die Qualen, die dieser Mann erleidet, das Gefühl, hinausgeschleudert geworden zu sein aus dem normalen Lauf der Welt, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, das Unfassbar nicht fassen zu können.

Wenn es nur so einfach wäre!

Denn Joop Koopmans Trauer wird gestört. Und hier mutet de Winter seinen Lesern schon ein gehöriges Mass an Zufälligkeiten zu. Denn just zu der Zeit, in der Mirjam verstirbt, wird Joop von einem ehemaligen Schulfreund, von dem er Jahrzehnte nichts mehr gehört hat, kontaktiert. Philip van Gelder war mittlerweile Angehöriger des israelischen Geheimdienstes und brauchte zur Beschattung aus Ausspähung eines potentiellen Terroristen mit niederländischen Wurzeln jemanden völlig Unverdächtigen, der niederländisch sprach. Gleichzeitig taucht God bei Joop Koopman auf, um bei diesem in geradezu aufdringlicher Ergebenheit und völliger Hintanstellung eigener Interessen seine ‚Schuld‘ abzutragen und seinen Selbstvorwürfen zu begegnen. Auch wenn Koopman God Anwesenheit anfangs kaum ertragen kann, ist dieser ihm doch eine große Hilfe, der langsam eintretenden Vernachlässigung von Äußerlichkeiten zu begegnen.

Jopp Koopman findet sich also in diesem Spannungsfeld wieder, gebildet aus der Trauer, die ihn aus allem zurückziehen will und den Anforderungen und Bitten der Umwelt, die ihn in Aktivitäten einbinden will, die ihm (zumindest im Moment) fernliegen. Gut, daß God da ist, der wenigstens das Notwendige in die Hand nehmen kann, um Mirjam ein würdiges Begräbnis zu organisieren. Und dann war da noch im Krankenhaus, da Mirjam eine gesunde, junge Frau war, natürlich sofort die Frage nach einer Organspende aufgekommen, der der Vater in seiner Verwirrung (‚Was hätte ihre Tochter gewollt?‘) nachgab…. auch hier – aber das erfahren wir als Leser erst spät – spielt der Zufall große Rolle…

Trauerzeit ist immer auch Zeit der Erinnerung, so auch bei Joop Koopman. In Rückblenden entblättert sich im Lauf des Romans das Leben Koopmans, seine Schulzeit, die ersten erotischen Erfahrungen, die er mit seiner Cousine Linda hatte und die, als sie von den Eltern in der Badewanne erwischt worden waren, abrupt endete. Man verlor sich aus den Augen. Später dann lernte er Ellen kennen und lieben. Ellen arbeitete in der Filmindustrie, sie gingen in die USA, hatten dort immerhin so viel Erfolg, daß sie bleiben konnten – und dann kam Mirjam…. Die Ehe, wie angedeutet, scheiterte schnell, aber Ellen ist wichtig, denn über Ellen erfährt Linda vom Tod Mirjams und taucht in Begleitung eines buddhistischen Mönchs bei Koopman auf…. Kann der Protagonist auch mit dem Metaphysischen, was Linda und ihr Begleiter von sich geben, wenig anfangen, so dauert es nicht lange, bis er und Linda, was das Bett angeht, dort weitermachen, wo sie drei Jahrzehnte zuvor final gestört worden waren…. wundert es nach all diesen Verkomplizierungen seines Lebens, daß ihm ausgerechnet Omar, den er ausspähen soll, sympathisch erscheint?

Damit will ich es genug sein lassen mit dem Inhalt des Buches, dessen Handlung ein paar überraschende Voten schlägt. Selbstverständlich spielt auch in diesem Roman de Winters jüdisches Selbstverständnis eine Rolle, die Lage Israels geographisch aber auch ideologisch/religiös eingeschlossen von Feinden, so daß stetige Aufmerksamkeit und Verteidigungsbereitschaft verlangt ist, die auch Juden, die wie Koopman im Ausland leben und ihre Jüdischkeit kaum noch empfinden, in die Pflicht nimmt.


Ich habe mich beim letzten Roman ja schon als de-Winter-Fan geoutet, auch dieses Buch habe ich wieder in einem Rutsch durchgelesen. Der Mann schreibt einfach gut, hat den richtigen Mix aus szenischem Schreiben und eher langsameren reflektierenden Passagen, er versteht es, Spannungsbögen aufzubauen und die Sentimentalitäten seiner Geschichte wirken nie übertrieben. In Malibu baut er einen Gegensatz auf: der zwingend wirkenden Kausalkette zu Anfang des Romans, die zu dem tragischen Unfall führt, setzt er die Unkalkulierbarkeit des Zufalls entgegen, die den Rest der Geschichte ausmacht: der völlig unerwartete Besuch Philips (mit all seinen Folgerungen), das Auftauchen Lindas, die Fürsorge Gods: nichts davon war absehbar. Und doch ist dieser Gegensatz von Kausalität und Zufall nur scheinbar: einer der God´schen entsprechende Kausalkette läßt sich von jedem Ereignis aufstellen – in die Vergangenheit hinein, vom Ende des Romans könnte man also zum Anfang hin Schritt für Schritt die aus Ursache und Wirkung gebaute Leiter absteigen.

Für mich persönlich waren es ein paar Zufälle zuviel, die de Winter in seine Geschichte eingebaut hat, es war mir zu unglaubwürdig, was dort alles geschah – just in diesem einen kurzen Zeitintervall. Bereut habe ich das Lesen des Buches natürlich trotzdem nicht, de Winter ist ein versierter Autor spannender und intelligenter Unterhaltungsliteratur, was er auch in diesem Roman unter Beweis gestellt hat. Aber vielleicht wollte er in diesem Buch einfach zu viel unter einen Hut bringen….

… zum Schluss: ebenfalls ohne Antwort bleibt für mich die Frage, aus welchen Gründen oder in welchem Sinnzusammenhang eine Nu bleu von Matisse den Schutzumschlag ziert…..

Leon de Winter
Malibu
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe: God´s Gym, Amsterdam 2002
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 420 S., 2003

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