Andrew Michael Hurley: Loney

3. Februar 2017

loneyÜber den Autoren Andrew Michael Hurley habe ich relativ wenig Informationen gefunden. Die Autorenwebseite des deutschen Verlages glänzt durch Leere [Stand 13.01.2017, [2]], es gibt zwar einen Eintrag in der Wikipedia, aber auch der verrät kaum mehr über den Autoren als sein Geburtsjahr, 1975. So geheimnisvoll wie der Autor kommt auch sein Buch, bzw. natürlich dessen Inhalt, daher…

Ein Buch, das eine wahre Freude ist, wenn man es anschaut. Ein faszinierendes Bild auf dem Cover, faszinierend, weil es in den Verästelungen der Zweige so fein ist, weil es wie eine Lackmalerei wirkt und es haptisch ein tolles Gefühl ist, mit der Hand leicht über das Bild zu streichen. Ein roter Tropfen ist der einzige Farbfleck, den der Umschlag zu bieten hat….


Die Geschichte führt uns in den Norden Englands, in die Nähe von Lancaster, an die Küste, die dort rau ist und unwirtlich, an der das Meer gefährliche Strömungen aufweist und die Flut wie ein gefräßiges Raubtier am Land nagt und mit sich nimmt, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat. Schon so mancher ist Opfer geworden des kalten Wassers, es ist nicht selten, daß der Wechsel von Ebbe und Flut, der die Küstenlinie täglich neu verändert, Knochen freigibt, die das Land schon lange begraben hatte. An solch einem Knochenfund hängt sich die Geschichte Hurleys auf. Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrtausends wird durch einen Erdrutsch das Skelett eines Babys freigelegt. In den Berichten darüber, die im Fernsehen gesendet werden, ist die Rede davon, daß dieses Baby seinerzeit möglicherweise erschossen worden sei…

‚Tonto‘ Smith, ein introvertierte, eigenbrötlerischer Angestellter eines Londoner Museums sieht diese Berichte, die in ihm eine Erinnerung, eine verdrängte, fast vergessene Erinnerung wecken…..

Der Zeitsprung dieser Erinnerung führt dreißig Jahre zurück, ins Jahr 1976. Tonto und sein Bruder Edward (‚Hanny‘) gehören mit ihren Eltern einer kleinen katholischen Kirchengemeinde in London an, deren geistlicher Leiter, Father Wilfred, vor einigen Monaten durch einen Unfall (so sagt man) gestorben ist. Diese Gemeinde ist eigen, sie hängt einer Schmerzenstheologie an, die davon ausgeht, daß, je größer Schmerz, Not und Unrecht, desto größer auch die Gnade des Herrn sein kann. So äußert sich beispielsweise auch die Liebe Father Wilfreds seinen Ministranten gegenüber vorwiegend in Schlägen, bis das Blut fließt.

Nachfolger des Verstorbenen wird Father Bernard, ein Priester, dem diese Rigorisität seines Vorgängers fremd ist, der sich ebenso mit dem Bedürfnis der Gemeinde nach Strenge und unnachsichtiger Führung nicht anfreunden kann. Father Bernard ist durch seine Tätigkeit in Irland, in den dortigen Brandherden, den Kämpfen zwischen Katholiken und Protestanten geprägt, ihm ist menschliches nicht fremd und sein Gottesbild erlaubt es durchaus, fünfe auch mal gerade sein zu lassen. Oder wie er ausdrückt, daß es die Wahrheit nicht gibt, sondern nur Versionen der Wahrheit.

Der harte Kern dieser Gemeinde um die Familie Smith (das sind die beiden Brüder (ca 13, 14 Jahre alt) sowie die Eltern (‚Mummer‘ und ‚Farther‘)), das Ehepaar Belderboss (Father Wilfred war der Bruder des Mannes), Miss Bunce (die Köchin Father Bernard) und David, ihr Verlobter fuhren damals, 1976, in der Karwoche mit einem klapprigen Minibus an die nordenglische Küste, nach The Loney. Sie wollten damit an eine Tradition anknüpfen, die sie unter Father Wilfred gepflegt hatten, die aber seit mehreren Jahren ausgesetzt worden war: in der Osterwoche mit einer strengen Tagesordnung innere Einkehr halten und als Höhepunkt in der örtlichen Wallfahrtsstätte um die Heilung Hannys beten. Denn Hanny war sowohl stumm als auch geistig zurückgeblieben.

Unterkunft war ein altes Haus, einsam stehend, nicht allzuweit vom Strand weg, von einem Einheimischen mehr oder weniger in Schuss gehalten. Bevor die Gruppe aber dort eintrifft, muss sie noch die Fährnisse einer Autopanne überwinden, was jedoch mit Hilfe von ein paar dort zufällig (?) vorbeikommenden Männern gelang. Mit diesen Männern stellt uns Hurley auch schon die sozusagen Gegenspieler der kleinen Gruppe vor.

Damit wären die Ingredienzien, mit denen Hurley seinen Roman gewürzt hat, beisammen: eine kleine, fromme, auf ein Wunder hoffende Gruppe, die mit ihrem geistigen Leiter fremdelt, eine raue, einsame Gegend mit einer gefährlichen Küste und einem Wetter, daß durch den noch kaum zu ahnenden Frühling geprägt vorwiegend nebligt, diesig und regnerisch ist. Dazu die Einheimischen, die im besten Fall als Originale durchgehen können, im Grunde aber einen undurchsichtig, potentiell bedrohlichen Charakter haben. Das Haus selbst alt und muffig, zu allem Überfluss entdeckte Farther noch ein verborgenes Zimmer, in dem er seltsame Utensilien vorfand wie eine in einer mit Urin gefüllten Flasche schwimmende Figur des neu geborenen Jesus…

Es ist nicht mehr wie die Jahre zuvor. Etwas Beängstigendes, Bedrohliches, Unheimliches liegt in der Luft. Um dies deutlich zu machen, bedient sich Hurley der üblichen Mittel: des Wetters, einer Vodoo-ähnlichen Figuren, die im undurchdringlichen Wald an Bäumen hängen, nächtliche Geräusche, einer Vegetation, die sich nicht an die Jahreszeiten hält. Das Meer natürlich, das täglich neu und unberechenbar an die Küste schlägt… die Menschen, hinter deren Fassade man nicht blicken kann, die einem so fremd sind… es scheint, als hätte sich in der Region eine andere Art von Glauben etabliert gehabt…

Tonto erzählt die Geschichte dieser Pilgerfahrt aus seiner Perspektive. Er war damals für seinen Bruder Hanny verantwortlich, nahm diese Verantwortung auch sehr ernst. Doch im Lauf der Tage entgleitet ihm der Bruder, das Mädchen Else (irgendwoher muss das Babyskelett ja kommen), wohl noch ein wenig jünger als die Jungens, spielt dabei eine große Rolle. Und durch Father Bernard lernt er in dieser Zeit eine andere Art kennen, an Gott zu glauben, eine menschlichere… Höhepunkt der Wallfahrt sollte der Besuch des ‚Schreins‘ sein, mit dessen wundertätigem Wasser sollte Gott angefleht werden, ein Wunder an Hanny zu bewirken…

Hurley versteht es stilistisch vorzüglich, uns als Leser durch seinen Roman zu führen. Immer wieder baut er spannende Handlungstränge auf, die er jedoch nicht immer auflöst, vieles bleibt einfach ohne eine weitere Erklärung im Raum stehen. Das ist beim Lesen ein wenig unbefriedigend, passt aber natürlich in das Setting: als Leser weiß man nicht mehr als die Romanfiguren. Dies bleibt über den gesamten Roman so, alles bleibt unerklärt, wird nur beschrieben und als Ereignis geschildert. Wie beispielsweise die Tatsache, daß Hanny kurz nach der Rückkehr der Gruppe seine Sprache wieder findet… ist dies dem Wirken der dunklen Seite oder dem Anflehen Gottes zu verdanken oder hat es mit keinem von beiden zu tun? Wir wissen es nicht, wir erfahren es nicht.

Loney ist auch eine Auseinandersetzung mit einer bestimmte Art von Religiosität, einer, die den Menschen aus den Augen verloren hat: Je größer die Qual, desto besser konnte Gott sich einem zeigen … eine Formel, derzufolge Grausamkeiten umgekehrt proportional zu Gnade auftritt. Je unmenschlicher das Leid, das wir einander zufügen, desto barmherziger wirkte Gott als Kontrapunkt zu uns. Durch Schmerz würden wir lernen, wie weit unser Weg noch war, um in seinen Augen perfekt zu sein. Wer nicht litt, konnte also kein wahrer Christ sein, wie Father Wilfred uns einzuschärfen pflegte.

Zu diesem Fanatiker war Father Bernard, der auch mal ein Bierchen im Pub trank, der Gegenentwurf, kein Wunder, daß Mummer, die ihren einzigen Halt in der Rigorosität der Rituale und des Glaubens fand, mit ihm nicht zurecht kam. Und er auch nicht mit ihr und seiner neuen Gemeinde, lieber ging er nach Irland zurück.

… Dreißig Jahre danach.. Hanny, der tief in die damaligen Ereignisse verstrickt ist, dessen genauen Teil daran zwar nicht genannt wird, der sich aber beim Lesen aufdrängt, hat keine Erinnerung mehr an das, was damals geschah, nur ein undeutliches Gefühl von Schuld beunruhigt ihn… Noch immer, und damit schließt der Roman, fühlt sich Tonto als Beschützer seines Bruders, eine Rolle, die er gerne annimmt, auch in diesem Aspekt bleibt es unklar, ob Hanny einen solchen Schutz noch braucht, oder ob Tonto so mit seiner Beschützerrolle zusammengewachsen ist, daß er sich dadurch definiert.


Hurley hat mit seinem klaustrophobischen, dystopische Roman Loney ein gelunges Debüt vorgelegt. Er verstört den Leser, verunsichert, hat den Mut, Falltüren zu öffnen, die nicht gesichert sind, sprich: Dinge einfach stehen zu lassen, ohne sie aufzulösen. Vieles bleibt im Ungefähren, im Bereich der Vermutungen und Ahnungen, erzeugt dadurch eine durchgehend düstere, spannungsgeladene Atmosphäre. In dieses beunruhigende Panorama baut Hurley seine Kritik an der Rigorosität des von ‚Mummer‘ und ‚Father‘ gelebten Katholizismus ein praktisch konstituierendes Element ein, folgerichtig läßt er den liberaleren und menschlichern Nachfolger des alten, diesen Rigorosität fördendern und fordenden Geistlichen an dieser religiösen Haltung scheitern. Der Begriff der ‚Schuld‘ sthet explizit und implizit bei der gesamten Handlung des Romans mit im Zentrum. Zudem ist das Ganze sprachlich sehr gut umgesetzt und läßt für weitere Veröffentlichungen viel erwarten!

Links und Anmerkungen:

[1] Infos über Autor und Buch: http://www.foyles.co.uk/Andrew-Michael-Hurley
[
2] http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/autor/name/andrew%20michael-hurley.html

Andrew Michael Hurley
Loney
Übersetzt aus dem Englischen von Yasemin Dincer

Originalausgabe:
diese Ausgabe: Ullstein, HC, 384 S., 2016

 

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2 Responses to “Andrew Michael Hurley: Loney”

  1. fraggle99 Says:

    Ich habe das Buch vor einigen Monaten gelesen und mich sehr daran gestört, dass man einen Auszug aus der Rezension der „Sunday Times“ abgedruckt hat, in der das Buch als „eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“ bezeichnet wurde.

    Das wiederum sorgte bei mir – in Verbindung mit dem sehr schön gestalteten Cover – für eine gänzlich falsche Erwartungshaltung, die das Buch letztlich nicht erfüllen konnte.

    Ja, es hat eine durchgehend düstere Stimmung, aber „eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“ ist es nun wahrlich nicht, auch wenn es stilistisch wirklich großartig geschrieben ist.

    In meiner Rezension schrieb ich diesbezüglich:

    „Es war eher so, als wenn die Handlung des als Horrorfilms angepriesenen Films „Blairwitch Project“ darin bestanden hätte, dass vier Studenten in unheimlicher Umgebung im Wald am Lagerfeuer sitzen und zwei Stunden lang wohlformulierte Rilke-Gedichte zitieren – während der Zuschauer darauf wartet, dass doch endlich irgendein Irrer im Clownskostüm mit Machete aus dem Gebüsch springt, oder etwas Ähnliches passiert.“

    :-)

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