John Williams: Augustus

26. Januar 2017

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung  war die aller erste…. (Lukas 2, 1-2)


Der Amerikaner John Williams [1] veröffentlichte diesen Roman 1972, er wurde als einziges seiner wenigen Werke schon zu Lebzeiten anerkannt, bekam ein Jahr darauf den National Book Award. Williams, der nach einem bewegten Berufsweg Dozent für Englische Liteatur in Denver gewesen war, verstarb 1985, lange Jahre bevor auch seine beiden anderen Romane Stoner und Butcher´s Crossing als herausragende Werke reüssierten [s.u.]. Allen drei Romanen ist zu eigen, daß sie sich auf eine Person konzentrieren, in Stoner und Augustus schildert Williams ein ganzes Leben, in Butcher´s Crossing eine entscheidende Episode eines Lebens. Diese beiden ersten Roman Williams handeln von fiktiven Figuren, in denen aber, erkennbar durch die Namensgebung (William Stoner, William Andrews, John Williams) auch Biographisches mit eingeflossen ist.

Kaiser Augustus dagegen ist eine historische Persönlichkeit [2], eine der herausragenden Persönlichkeiten überhaupt in der Weltgeschichte. Was mag Williams bewegt haben, diese historische Romanbiographie zu verfassen, die so täuschend echt gelungen ist, daß Williams es für geraten hielt, in einer Vorbemerkung den Leser zu bitten, dieses Buch als das zu nehmen, als was es gedacht ist – ein Werk der Imagination … das allenfalls eine ‚literarische Wahrheit‘ wiedergibt. Wahrscheinlich hätte diese Aussage seinem Augustus gefallen, denn diesem diktiert Williams den altersweisen Gedanken in die Feder, dass es der Dichter [ist], der über das Chaos der Erfahrung nachdenkt, über die Konfusion des Zufalls, die unfassbaren Bereiche des Möglichen – womit nichts anderes gesagt ist, als dass er über die Welt nachdenkt, in der wir alle leben, die zu untersuchen sich aber nur wenige die Mühe machen

So imaginiert Williams mit seinem Augustus das Leben und Wirken eines Mannes, dessen Lebenslauf von vielen Zufällen abhing, der ihm keineswegs jedoch in die Wiege gelegt war. Und der im hohen Alter in der Rückschau auf sein Leben zu der Feststellung kommt, daß ihm der ‚wahre‘ Augustus in den vielen Rollen, die Augustus einzunehmen hatte, abhanden gekommen ist….


Julius Cäsar war in einer Welt zur Macht gekommen, die so korrupt war, wie Du es Dir nicht vorzustellen vermagst. Gerade mal sechs Familien regierten die Welt; Städte, Regionen und Provinzen unter römischer Herrschaft hieß die für Bestechung gezahlte Währung; im Namen der Republik und unter dem Deckmantel der Tradition galten Mord, Bürgerkrieg und brutale Unterdrückung als akzeptable Mittel zum Erlangen von Macht, Reichtum und Ruhm.

augustus-cover

Daß Gaius Octavius viele Jahre später einmal den Ehrentitel Augustus verliehen bekam, war nicht selbstverständlich. Sein Leben, sein Lebenslauf hing in zweifacher Weise von Julius Cäsar ab. Zum einen war der aus keiner der maßgeblichen römischen Familien stammende Octavius über seine Mutter mit Cäsar verwandt, er war dessen Großneffe. Und Cäsar war von dem jungen Mann, der körperlich nicht sehr robust war uns ein Leben lang anfällig sein sollte für Krankheiten, so beeindruckt, daß er ihn adoptierte und testamentarisch als seinen Nachfolger einsetzte.

Cäsar wurde bekanntlich in den Iden des März des Jahres 44 vor Christi ermordert, und dies keineswegs von Sonderlingen. Die Mörder fühlten sich getragen von einer breiten politischen Mehrheit im Senat, die um ihre politischen Einfluss fürchteten (ich habe ja vorstehend in dem längeren Zitat eine Beschreibung der herrschenden Zustände vor Cäsar wieder gegeben), hatte Cäsar doch vor, die Macht in Rom auf seine Person zu konzentrieren. Nach dem Tod Cäsars zeigte sich jedoch, daß die Verschwörer keinerlei Plan hatten, wie es jetzt weitergehen sollte. Die naive Vorstellung jedenfalls, mit dem Tod Cäsars sei alles wieder wie vorher, war unzutreffend, man musste beispielsweise schon bald bestätigen, daß sämtliche Anordungen (auch die noch nicht veröffentlichten) weiterhin gültig waren. Der antizipierte Tyrann damit zwar tot, aber gleichzeitig auch rehabilitiert.

Zum anderen war der gerade mal neunzehnjährige Octavius der offiziell per Testament zum Erbe und Nachfolger Cäsars Eingesetzte. Die Eltern rieten ihm dringend ab, das Erbe anzunehmen, doch Octavius, der sich mit Freunden auf der anderen Seite der Adria aufhielt, als er die Nachricht vom Attentat auf Cäsar bekam, sah auf einmal seine Aufgabe vor sich. Nicht Dichter oder Gelehrter wollte er mehr werden, sondern: …. ich kannte jetzt mein Schicksal …. es bestand schlicht darin, die Welt zu ändern. – so sollte es Augustus Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, formulieren.

Gaius Octavius war also entschlossen, das Erbe anzunehmen, wusste aber natürlich genau um die riesigen Probleme, die ihn erwarteten. Heimlich setzten er und seine Freunde nach Italien über und nahmen in Rom sowohl den Kampf um die Macht auf als auch die Aufgabe, Cäsars Tod zu rächen. Auf der Habenseite hatte der Neunzehnjährige seine Intelligenz, seine Kaltblütigkeit, das ungeheure Erbe Cäsars (auf das gleichwohl auch andere schon, insbesondere Marcus Antonius seine Hand gelegt hatte) und die Sympathien, die der ermordete Cäsar beim Volk und bei den Soldaten hatte. Sowie last noch least die Tatsache, daß seine Gegner ihn sträflich unterschätzten und selbst keinen Plan hatten.

Es begann eine Zeit grausamer Kriege, in den Römer gegen Römer standen, wechselnde Allianzen eingegangen, Intrigen geschmiedet und Soldaten unter dem Versprechen horrender Geldsummen zum Überlaufen animiert wurden. Gleich zu Anfang der Militärherrschaft des ‚Triumvirats‘ (Octavian, Marcus Antonius, Lepidus) wurde im Senat ‚Säuberungen‘ durchgeführt, der Tod Cäsars blutig gerächt. Ende dieser Periode war der Herrschaftsbereich im Römischen Reich aufgeteilt auf Marcus Antonius im Osten und Octavius im Westen. Im Osten hatte sich Marcus Antonius mit der ägyptischen Königin Cleopatra verbündet und verbunden, in der entscheidenden Schlacht 31 v.Chr. bei Actium, die Octavians fähigster Generals Marcus Agrippa für ihn gewann, verlor Marcus Antonius, der im Jahr darauf zusammen mit Cleopatra in den Suizid ging. Damit war Rom wieder geeint, unter Octavian. Dreizehn Jahre brutaler Kriege und einer Militärherrschaft waren vorüber, es galt jetzt, das Land, das Reich zu befrieden.


Dieser Werdegang Octavians beginnend mit der Nachricht vom Tode Cäsars bis zum Tod Marc Antons ist Inhalt des in ersten Abschnitts des in drei ‚Bücher‘ aufgeteilten Textes von Williams. Es ist kein fortlaufender Prosatext, Williams hat für sein Buch die Form eines Briefromans gewählt, in dem neben Briefen Auszüge aus Notizen, Bücher, Fragmenten wieder gegeben werden. Wenn auch die vielen Namen der Schreiber und Adressaten anfangs verwirren (man also immer wieder mal im beigefügten ‚Who was who‘ im alten Rom nachschlagen muss), so kann Williams auf diese Art sehr viele unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen in seinen Roman einführen. Häufig stellt er ein und denselben Vorgang derart aus verschiedenen Blickwinkeln dar, selbstverständlich kommen auch die Gegner und Feinde Octavians zu Wort.

Williams teilt seinen Roman in Analogie zum Leben des Octavian auf. Nachdem dieser durch die Niederlage und den Tod Marcus Antonius de facto der alleinige Herrscher Roms geworden ist, sollte eine andere Facette seines Wesen Oberhand gewinnen. Zuerst aber griff Octavian nicht direkt nach der Macht, versuchte nicht, sich als Alleinherrscher zu etablieren und die Republik aufzulösen. Vielmehr verstand er es, sich unentbehrlich zu machen, der Senat trug ihm Befugnisse und Ämter von sich aus an, viele dieser Ämter waren zeitlich begrenzt und mussten regelmäßig neu an ihn vergeben werden. So hatte Octavian, dem der Senat 27 v.Chr. den Ehrentitel ‚Augustus‘, d.h. der zu Ehrende, verlieh, zwar de facto die Macht in Rom in seinen Händen, nach außen hin trat er aber ’nur‘ als erster Bürger Roms, ‚Princeps‘, in Erscheinung.


Augustus hatte machtpolitisch zwei Schwachstellen. Zum einen war er ein Emporkömmling, der blutmäßig keiner der großen Familien der Stadt entstammte. Zum zweiten hatte er trotz dreier Ehen keinen Sohn, den er zu seinem Nachfolger hätte aufbauen können. Einzig aus seiner zweiten Ehe wurde ihm eine Tochter geboren, Julia.

Deren Tagebuchaufzeichnungen, geschrieben in der Verbannung auf eine kleine Insel im Golf von Neapel, bilden das Rückgrat des zweiten Teils des Augustus, in parallel um Schicksal der Tochter der Mensch, der Privatmann Augustus im Mittelpunkt steht. Beider Schicksale sind eng verknüpft..

Julia war ein sehr wissbegieriges, intelligentes, von ihrem Vater geliebtes Mädchen, das eine privilegierte, ansonsten nur den Jungen vorbehaltene Ausbildung geniessen durfte in den Fächern der damaligen Zeit, gegeben von hervorragenden Lehrern und Wissenschaftlern. Julia als leibliche Tochter war jedoch auch die bevorzugte Möglichkeit, über die Augustus seine Nachfolge zu regeln versuchte, für Augustus waren Hochzeiten und Ehen Instrumente der Machtpolitik und des Machterhalts.

So wurde Julia mit vierzehn Jahren zum ersten Mal (mit einem Jüngling) verheiratet und  mit siebzehn wurde sie zum ersten Mal Witwe. Auch die zweite von Augustus arrangierte Heirat mit seinem Freund und fähigstem Feldherren Marcus Agrippa nahm die Tochter noch als selbstverständliche Notwendigkeit hin, als Tochter des Kaisers und Frau seiner mächtigsten und besten Freundes genoss sie ein Leben im Luxus und besaß hohen Einfluss. So großen Einfluss, daß sie ihren Willen durchsetzen konnte, ihren Mann gegen alle Tradition auf eine Dienstreise nach Kleinasien zu begleiten. Dort lernte sie sozusagen „…the bright side of life….“ kennen…

Eine dritte Heirat nach dem plötzlichen Tod Agrippas wurde mit dem sowohl dem Vater als auch Julia verhassten Tiberius, den Sohn der Stiefmutter Livia aus erster Ehe, arrangiert. „Du weißt genau, wie grausam er ist.“ – „Das weiß ich, …… Du wirst ein Leben außerhalb dieser Ehe finden, und mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Wir gewöhnen uns alle an unser Leben. ….“ Der Vater sollte Recht behalten, Julia, die in Kleinasien eine andere Seite des Lebens kennengelernt hatte, fand ein Leben ausserhalb der Ehe mit Tiberius, der aus diversen Gründen viele Jahre ausserhalb von Rom auf Rhodos weilte.

Augustus brachte in dieser zweiten Phase seines Lebens dem Reich inneren und äußeren Frieden. Er sicherte die Grenzen (hatte nur im Norden, gegen die germanischen Barbaren, Probleme), im Inneren baute er die Infrastruktur aus, niemand musste mehr hungern, den Bürgern Roms gab er Brot und Spiele. Auch wenn ihm selbst viele der Vergnügungen und Rituale des öffentlichen Lebens nichts sagen, nahm er daran teil, um seine Verbundenheit mit dem Volk zu demonstrieren.

Privat war Augustus bescheiden, sein Haushalt verblüffte viele Besucher, die Prächtigeres gewohnt waren und erwartet hatten. Gerne umgab er sich mit Dichtern, sie erinnerten ihn wohl an frühere, eigene Ideale. Vergil, Horaz, in gewissem Masse auch Ovid, der aber später in Die letzte Welt nach Tomi verbannt wurde, waren von ihm gern gesehene Gäste und Freude. Sein alter Begleiter Maecenas, dem wir noch heute mit dem Begriff des ‚Mäzens‘ gedenken, war nicht nur Politiker und Soldat, sondern ebenso ein Förderer der Dichtkunst…

Augustus rgierte nicht ohne Feinde zu haben, es gab Verschwörungen gegen ihn. Bei einer dieser Verschwörungen geriet sogar Julia unter Verdacht, um sie zu retten, klagte Augustus selbst die mittlerweile sehr freizügig lebende Tochter der Verletzung der von ihm selbst erlassenen strengen Sittengesetze an, Julia wurde verbannt, eine stetig offene Wunde im Herzen des Vaters.


Augustus herrschte Jahrzehnte in Rom, er war ein alter Mann geworden. Noch einmal machte er sich auf den Weg, in Neapel Spielen beizuwohnen, er hatte es versprochen. Es ist ein sehr schönes Bild, das Williams hier verwendet hat: der Augustus, der in Rom alles geregelt hat, sein Testament hinterlegt hat, besteigt ein Schiff, daß nur von den Winden bewegt, seinem Ziel entgegensteuert. Die Ruderer, die an Bord sind, kommen nicht zum Einsatz. Die Ruhezeit an Bord (immer unter den misstrauischen Augen des jungen Arztes, der ihn begleitet) nutzt Augustus, einen Brief an einen Freund als längst vergangenen Tagen zu schreiben, der einzige der Freunde, der noch unter den Lebenden weilt, und ein Resümee seines Lebens zu ziehen.

Es ist ein nachdenkliches, resignierendes Schreiben, in dem Augustus sich sein Scheitern als Mensch eingesteht, seit beinahe zwanzig Jahren nämlich finde ich, ich habe für nichts gelebt. … Ich habe nie die Welt erobern wollen und wurde immer eher beherrscht, als daß ich Herrscher war. …. Der junge Mann, der die Zukunft nicht kennt, hält das Leben für ein episches Abenteuer, …. Der alte Mann jedoch wird, spielt er die ihm zugewiesene Rolle, einsehen müssen, dass das Leben eine Komödie ist. …..

… die ihm zugewiesene Rolle … Augustus spielte sie, diese Rollen, er spielte sie so sehr und es waren ihrer so viele, daß er sich am Ende selbst verloren hatte, dass es [auch für ihn] ein Selbst gar nicht mehr gab. Für jeden Menschen, so Augustus, kommt früher oder später der Moment, in dem er die schreckliche Tatsache begreift, dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist.

Doch Williams läßt den Kaiser nicht in dieser resignierten Stimmung, er beschert ihm ein Erlebnis, daß ihm sein segensreiches Wirken offenbart. Sie begegnen nämlich einem Frachtschiff, das ägyptischen Weizen nach Rom bringt und dessen Kapitän Augustus auf Lateinisch für den Frieden auf den Meeren dankt, der diese Fahrt erst ermöglicht. Noch vor einigen Jahren, so sinniert Augustus, hätte der Kapitän Griechisch gesprochen, wäre die Fahrt der Piraten wegen gefährlich gewesen. So drang und dringt still und unauffällig die römische Kultur in andere Kulturen ein, selbst, wenn Rom – was Augustus vermutet – äußeren Feinden nicht mehr standhalten wird und früher oder später fällt, wird diese Kultur die des Eroberer verändern und verfeinern…

Augustus weiß, daß er sterben wird. Sein Körper ist alt, versagt hie und da seinen Dienst. Aber er hat auf dieser Reise seinem Tod entgegen Bilanz gezogen und wenngleich er möglicherweise die Dichters um ihr Leben und Wirken beneidet hat, so tröstet ihn doch der Gedanke, sein Gedicht sei Rom gewesen, welches er, so wie ein Dichter die Worte zu Sätzen, die Sätze zu Zeilen, die Zeilen zu Strophen und letztere schließlich zu einem Gedicht ordnet, zu seinem Gedicht geordnet hat.


Das Buch schließt mit einem Brief des Arztes Philippus, der seinerzeit den Kaiser auf dessen letzter Fahrt begleitete und der dessen Tod miterlebte. Jahrzehnte später beschreibt Philippus seinem Freund Seneca die Umstände dieses Todes… und Williams legt seinem Briefschreiber eine (für uns heutige) ironisch wirkende Hoffnung in den Mund, daß nämlich nach den auf den Augustus folgenden und teils grausamen oder unfähigen Kaisern jetzt jemand folgt, auf den man Hoffnung setzen kann. Gemeint ist Nero. Auch eine derartige Ironie ist für Williams nicht ungewöhnlich: in Butcher´s Crossing kommen die ‚Helden‘ nach unsäglichen Qualen aus der Wildnis zurück mit ihren Fellen und müssen erfahren, daß der Markt zusammengebrochen ist.

Wie ordnet sich dieser Augustus in das Gesamtwerk von John Williams ein, ein Gesamtwerk, daß wir – traurigerweise – ja überblicken können. Dazu nimmt in einem sehr lesenswerten Nachwort der US-amerikanische Journalist und Buchautor Daniel Mendelsohn Stellung [3]. Er arbeitet u.a. heraus, daß das Leben der Helden Williams, egal, ob so mächtig wie Augustus oder eher ohnmächtig wie Stoner und Andrews, von Zufällen abhängig ist, daß letztlich all seine Helden nur Menschen sind, arme Geschöpfe, allein und getrennt von allen. Augustus ist im Alter kein Freund mehr geblieben (Philippus betont diesen Eindruck in seinem Schreiben an Seneca), und auch Stoner streichelt in seinen letzten Momenten keinen Menschen, sondern den Einband seines Buches, das er vor Jahrzehnten geschrieben hatte…. Eine weiterer Parallelität zwischen Stoner und Augustus liegt in der jeweiligen Beziehung zur Tochter. Beide lieben ihre Töchter, beide verlieren sie in gewisser Weise, Stoner an seine Frau, Augustus opfert Julia seiner Machtpolitik.

Es ist ein literarischer Augustus, den uns Williams geschaffen hat und es gut, sich das hin und wieder in Erinnerung zu rufen. Zu gut, zu plastisch tritt uns diese literarische Figur in den Briefen, Notizen, Tagebucheintragungen, die Williams uns darbietet, hervor, sie wächst ans Herz, sie wird im Lauf der Handlung für Rom immer mehr ‚alternativlos‘: was wäre aus Rom geworden, wenn genau zu dieser Zeit ein anderer, minder begabter, die Macht gehabt hätte? Denn entgegen seiner Befürchtung überdauerte sein staatsmännisches Wirken viele Jahrzehnte. Williams zeigt uns den Menschen Augustus, so wie er ihn hinter der nicht sehr umfangreichen ‚Fassade‘ der historische Persönlichkeit vermutet. Es gibt nicht viel Material über Augustus, ein Teil seiner Wirkung beruht auch darauf, mit seinen Motiven und Absichten immer etwas undurchsichtig, geheimnisvoll gewesen zu sein.

Ich habe ein wenig in Geschichtsbüchern über das Zeitalter Augustus` nachgelesen. Es ist klar, daß ein Jüngling, der aus dem realpolitischen Nichts auf der Bühne erscheint und der ein Jahrzehnt später de facto Herrscher des mächtigsten Reiches sein sollte, dies nicht durch Verabreichung von Globuli an seine Feinde geschafft hat. Es muss ein grausames Jahrzehnt des Machtkampfes gewesen sein, voll mit Blut, mit Intrigen, mit Absprachen, mit Hinterlist… oft, und das hat der literarische Augustus gut erkannt, kam der Zufall zu Hilfe, der das Unwahrscheinlichere dem Naheliegenderen vorzog und Augustus damit begünstigte…. allein der Übergang aus dieser kriegerischen  in die Friedensphase zu bewältigen: ein Meisterwerk, das die Genialität des Mannes offenbart.

… und geradezu prophetisch für unsere Tage die resignierende Feststellung, die Williams 1972 seinem Augustus am Ende seines Lebens zubilligt (und mit diesem etwas längeren Zitat will ich dann auch meine Buchvorstellung beenden): In den letzten Jahren kam mir immer mal wieder der Gedanke, dass der dem Menschen angemessene Zustand, also jener, in dem es ihm am besten geht, gar nicht ein Leben in Wohlstand, Frieden und Harmonie ist. …. In den ersten Jahren meines Amtes fand ich immer wieder Anlass, meine Landsleute zu bewundern. Trotz aller Entbehrungen klagten sie nicht und waren oft sogar guter Laune; ….. Wir leben den römischen Wohlstand. … Wir leben die römische Harmonie. … Und doch bemerke ich im Gesicht der Römer einen Blick, der Böses für die Zukunft ahnen lässt. Ehrlicher Annehmlichkeiten überdrüssig sehen sie sich nach jener Korruption zurück, die den Staat fast die Existenz kostete. Obwohl ich dem Volk zur Freiheit von Tyrannei, Macht und Herkunft verhalf, … wurde mir vom Volk wie vom römischen Staat die Diktatur angeboten. … Möge diese Feststellung von Augustus jeder für sich auf unsere heutige politische Lage übertragen und anwenden….

Ich war seinerzeit von Stoner und Butcher´s Crossing begeistert, hatte mich dann aber nicht an Augustus herangewagt, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß Williams noch so ein Meisterwerk geschaffen haben könnte. Welch ein Irrtum! Daher – und sehr gerne – einen großen Dank an das Christkind, daß mich mit diesem Werk beschenkte!

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Williams_(Autor)
[2] Wiki-Beitrag über Augustus: https://de.wikipedia.org/wiki/Augustus
[3] vgl. diese Buchbesprechung in The New York Review of Books: Daniel Mendelsohn: Hail Augustus! But Who Was He?; in:  http://www.nybooks.com/articles/2014/08/14/hail-augustus-who-was-he/

Weitere Besprechungen von Williams´ Romanen hier im Blog:

– Stoner
Butcher´s Crossing

John Williams
Augustus
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben
Mit einem Nachwort von
Originalausgabe:
diese Ausgabe: dtv, HC, 480 S., 2016

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6 Responses to “John Williams: Augustus”

  1. Silvia Says:

    Augustus habe ich als Hörbuch konsumiert. Jetzt muss ich mir das Buch leihen um das Nachwort noch zu lesen.
    Danke für diese umfangreiche Besprechung.
    Grüße
    Silvia

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  2. Hallo Herbert,
    Du beschreibst die Bücher so gut, dass ich jedes Mal wenn ich eine deiner Besprechungen lese sofort das Buch haben muss. Anna liegt übrigens schon bereit.
    LG Sonja

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  3. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ zwar schon eine ganze Weile auf meiner Leseliste stehen, ich sie aber bisher noch nicht gelesen habe.

    Außerdem muss ich zugeben, dass mein Wissen über Augustus rudimentär ist und immer noch auf meinem über 20 Jahre zurückliegenden Lateinunterricht beruht! Also quasi faktisch kaum noch existent… Zum Beispiel wusste ich bis zu deinem Beitrag gar nichts über seine Tochter Julia!

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    • flattersatz Says:

      also, dann kann ich nur sagen: du hast einiges versäumt an guten, nein: sehr guten büchern! und mit deinem rudimentären wissen zu augustus stehst du sicher nicht allein, mir ging es keineswegs besser wie dir, auch ich habe mein jetziges wissen über augustus nur williams (und den sich anschließenden ‚recherchen‘) zu verdanken… soll noch mal einer sagen, aus romanen ließe sich nichts lernen! :-)

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