Meine Lesehöhepunkte des letzten Jahres 2016

1. Januar 2017

WordPress meldet mir für das vergangene Jahr, ich hätte 107 Beiträge veröffentlicht, das sind also ingesamt einhundertfünf gelesene und beschriebene Bücher, auf die ich dieses Jahr zurückschauen kann. Das sind im übrigen, wenn ich mit ca. 1500 Worten pro Besprechung (und das ist niedrig geschätzt) unter Brüder 160.000 Worte, mit denen ich mein Gedächtnis unterstütze. Ich gebe zu, der Blog (immer noch männlich) ist textlastig. Aber wie sinnvoll es ist, das Gedächtnis zu unterstützen, wird sich jetzt erweisen: ich stelle mich der Aufgabe, aus dieser Hundertschaft gut zehn Bücher zu benennen, die mir persönlich für das abgelaufene Jahr besonders wichtig waren/sind. Einfacher wäre, die Bücher aufzuzählen, der Lektüre ich abgebrochen habe, das ist nämlich nur eins, der in der Kritik gelobte Roman von deLillo: Null K. Dieses Buch habe ich nach knapp siebzig Seiten geschlossen und mich anderen gewidmet. Zum Beispiel Herrn Cox, dem Uhrenbauer. Der wiederum nicht in meiner Liste auftaucht.

2016

Die nachfolgende Aufstellung ist ungerecht. Würde ich sie morgen erstellen, sähe sie anders aus, hätte ich sie gestern zusammengesucht, auch dann sähe sie nicht so aus wie die heutige. Aber das Problem kennt ja jeder von uns……

Auf, auf… hier also in α-betischer Reihenfolge nach Autoren/-innen (zu den Besprechungen im Blog geht es über die Vorschaubildchen):

Bazyar cover


Die im rheinland-pfälzischen geborene Autorin schildert in diesem unaufgeregten, aber gerade deswegen eindringlichen Buch mit stark biographischen Zügen die Geschichte einer iranischen Familie. Nach der ersehnten Revolution 1979 wurde damals schnell deutlich, daß die Mullahs eine andere Art Diktatur aufbauten, weit entfernt von den kommunistischen Idealen, die der (spätere) Vater vertrat. So blieb nach einer Zeit im Untergrund nur die Flucht…. Bazyar schildert die Fremdheit im neuen Land, die Hoffnung, bald wieder zurückkehren zu können, die für lange Zeit eine Integration behinderte, die Zerrissenheit der Kinder zwischen den Kulturen der Eltern und der des neuen Landes, in dem sie geboren wurden…


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Das Sachbuch des Onkologen Martin Bleif  ist ein Buch mit zwei Ebenen. Auf der einen Ebene erklärt er sehr anschaulich und fundiert den heutigen Kenntnisstand über diese Krankheit, die – egal in welcher Form sie sich im Körper manifestiert – auf bestimmte krankhafte und ‚aus dem Ruder gelaufene‘ Vorgänge auf Basis der Zellen zurückführen läßt. Auf einer zweiten, im Verborgenen mitlaufenden Ebene schreibt Martin Bleif auch als Betroffener, seine Ehefrau war an Krebs erkrankt und die beiden haben alle Höhen und Tiefen, alle Hoffnungen und Enttäuschungen durchleben und durchleiden müssen. Es ist diese immer stärker spürbare eigene Betroffenheit, in der am Schluss selbst der ratlos gewordene Onkologe letzte Hoffnungen auf Sude und Gebräu richtet, die das Buch über die Ebene eines reinen Fachbuches hinausheben.


feldmann cover

Mag Martin Buber in seinen Geschichten der Chassidim auch schreiben, daß ‚die chassidische Bewegung sowohl in den geistigen wie in den «einfachen» Menschen, die ihr anhingen, eine Freude an der Welt, wie sie ist, am Leben, wie es ist, an jeder Stunde des Lebens in der Welt, wie diese Stunde ist, erregt‘ [Einleitung, Kap. 2, S. 17]…., so spürt man in den Aufzeichnungen von Deborah Feldmann wenig von dieser Freude. Die Autorin ist in der streng orthodoxen Gemeinschaft der Satmarer in Williamsburg (NYC) groß geworden, einer Gemeinschaft, in der die Gebote und Verbote, wie sie die Thora für das jüdische Volk bereit hält, in extremer Buchstabentreue befolgt werden. Herausgekommen ist  – bis hin zu Tränen, die man nicht zurückhalten kann – eine sehr bewegende Lebensgeschichte, an deren Ende ein Neubeginn steht: Deborah Feldmann lebt heute mit ihrem Sohn ein säkulares Leben außerhalb des orthodoxen Judentums.


ferrante2

Elena Ferrantes Sensationserfolg Meine geniale Freundin hat die Leserschaft und die Kritik gespalten. Ist der eine Teil hoch angetan bis begeistert (und dazu gehöre ich), so überwiegt bei anderen das Misstrauen dagegen, daß ein so hochgepushter Roman überhaupt ‚gut‘ sein kann. Daß Ferrante dazu noch ihre Geschichte einfach nur erzählt, ohne sie durch gedanklichen Volten zu verkomplizieren, auch das fiel hie und da negativ auf. Mir jedenfalls hat diese Geschichte zweier Mädchen aus der Unterschicht Neapels, von denen die eine, die Erzählerin, eine Art Glücksmarie wird, die andere dagegen aus ihrem Milieu nicht herauskommt, ausnehmend gut gefallen. Ich liebe Geschichten eben auch dann, wenn sie nur erzählt werden.

Kriwy


Auch das ein Sachbuch, auch dies ein Buch über Krebs, bzw. genauer gesagt, über eine junge Frau, die ihre Krankheit beschreibt, und vor allem den Heilungsprozess.

Natalie Kriwy hatte Brustkrebs, unterzog sich einer Chemotherapie und das ungünstige Ergebnis der Genanalyse legte eine Mastektomie nahe. Kriwy als Berufsfotografin dokumentierte ihre Krankengeschichte in Bildern, herausgekommen ist ein sehr beeindruckendes, sensibles, nichts verschweigendes Dokument, das Menschen, Frauen, in dieser schlimmen Situation als Trost dienen kann. Mich hat das Buch sehr beeindruckt, deswegen nehme ich es gerne und auf jeden Fall in diese Liste mit auf.

luecke


Joachim Meyerhoff, erfolgreicher deutscher Schauspieler, legt mit Alle Toten fliegen hoch ein autobiographisches Projekt vor. Dieses ‚Lücken’buch überdeckt den ersten Teil seines Lebens, seine Kindheit in einer fünf (plus Hund)köpfigen Familie, deren Besonderheit es war, daß sie, da der Vater Direktor eines Landeskrankenhauses für Psychiatrie war, mitten auf dem Gelände der Anstalt wohnte. Meyerhoff ist also umgeben von psychisch Kranken aufgewachsen. Auch sein eigener Vater war ein Mensch mit seinen besonderen Eigenarten. Ach, diese Lücke…. ist eine Lebenserinnerung, die wunderbar liebevoll geschrieben ist, die bei aller Tragik, die oft herrscht, so saukomisch ist, daß man solche Stellen gar nicht vorlesen kann, weil man als Vorleser einfach ohne Lachen nicht durchkommt… Soweit ich mich erinnere, stand dieser Roman auch auf der Long-/Shortliste (?), völlig zu recht!

ng cover


Ein weiterer Roman über Menschen, die versuchen, in einer fremden Welt Heimat zu finden, diesmal aus den Staaten. Es ist ein eindringlicher Text über die innere Isolation eines jungen Mädchens in einer Familie, die durch eine rassistisch motivierte äußere Isolation in eine tragische Familiendynamik hingeraten ist. Durch Sprachlosigkeit und dem Anhängen von Wunschbildern und Projektionen steuern die Protagonisten auf ein tragisches ‚Erwachen‘ zu, das Ng mit nüchterner, präziser Sprache darstellt. Ein eindringliches Buch, ein nachdenklich machendes, ein gutes, nein: ein sehr gutes!

ottlik


Ungarn hat fantastische Autoren hervorgebracht, Marái, Kosztoláni, Szerb und wie sie alle heißen mögen, man kennt sie, denke ich, viel zu wenig. Ottlik, er Verfasser dieses Romans aus dem Jahre 1959, wurde 1911 geboren und seinem Buch liegt das eigene Schicksal zugrunde. Es beschreibt einen Zeitraum von vier Jahren, die elfährige Jungs in einer ‚K.K. Militär-Unterrealschule‘, nahe an der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gezogenen Grenze zwischen Ungarn und Österreich, zubringen. An dieser Schule herrscht ein Klima der inneren und der äußeren Gewalt, der Einschüchterung, der Züchtigung, der Erniedrigung. Mit dem Prinzip des absoluten Gehorsam, der Hierarchie und der Unterordnung bzw. der harten Bestrafung ist diese Schule eine Parabel auf jedes totalitäre System.

palmen


Die Niederländerin Connie Palmen ist nicht bekannt dafür, daß ihre Literatur einfach ist. So auch bei diesem Roman, der sich dem Leben eines der bekanntesten Literatenpaare der neueren Geschichte widmet: dem Engländer Ted Hughes und der Amerikanerin Sylvia Plath. Sylvia Plath hat sich 1963 suizidiert, in der Folge war ganz im Geiste des aufkommenden Feminismus der Schuldige schnell ausgemacht: der Ehemann, der sich selbst auf Kosten seiner genialen Frau, die er im Haushalt mit zwei kleinen Kindern versauern ließ, profilierte. Palmen nimmt in ihrem Buch die Position Hughes´ ein und setzt die in seinem Alterswerk Birthday Letters festgehaltenen Erinnerungen an seine Zeit mit Plath kongenial um zu einer Rehabilitation des Mannes. Als Buch ist Du sagst es schwere Kost, aber sehr lohnende.

hiob


Auch Joseph Roths bekannter Roman Hiob steht stellvertretend für meine Beschäftigung mit dem Berlin der 20er und 30er Jahre. Berlin war in dieser Zeit eine intellektuell brodelnde Stadt, es waren eine Periolde weniger Jahre voller künstlerischer Kreativität und Schaffensfreude, die 1933 jäh endete. Viele, wenn nicht sogar die meisten der Künstler mussten fliehen, ins Exil gehen. So auch Joseph Roth, dessen (noch in Deutschalnd geschriebener) Hiob auch ein Produkt der Not ist: er brauchte Geld für seine kranke Frau. So schuf er diese Geschichte um Mendel Singer, der tief und innig an seinen Gott glaubt, sich aber wieder und wieder von ihm verraten fühlt, bis er sich enttäuscht und entmutigt abwendet…

Mich hatte Hiob beim Lesen stark an Alechjems Tewje erinnert, ein Buch, das eigentlich auch hier auf die Liste gehörte, so aber zumindest erwähnt ist….

adele cover


Adèle – ein kleine, ganz, ganz feine, stille und sensible Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Gräuel des Ersten Weltkriegs. Eine Liebe ohne Zukunft… Adèle gehört zu den stillen Büchern, die kaum beworben werden, im Unbekannten blühen. Wieviele mögen dort für immer unbekannt bleiben?

Es gibt Geschichten, die einfach anrühren und bei denen man mit den Protagonisten mitleidet, mitfiebert, sich mit ihnen freut und mit ihnen zusammen ihr Glück genießt. Dies ist so eine!

winkler cover


… ganz im Gegensatz zu dieser Lebensgeschichte, die Katharina Winkler mit dem so poetischen Titel Blauschmuck geschrieben hat. Es ist die wahre Geschichte einer kurdischen Frau, die im Mädchenalter beginnt und erst Jahrzehnte später eine Wendung zum Guten nimmt. Anfangs glaubt Filiz noch an Liebe, doch bald, sehr bald windet sie sich unter den Schlägen des Mannes, dem sie sich ausgeliefert hat. Ob mit der Heugabel oder mit den Fäusten: Schläge, Prügel werden eine Konstante im Leben von Filiz und den Kindern, die sie bekommt….

Obwohl Winklers Sprache nüchtern, weitgehend emotionslos und distanziert ist, treibt es einem beim Lesen an vielen Stellen die Tränen in die Augen und – ich muss zugeben, auch Zorn, unbändigen Zorn gegen diesen Mann, dessen Verhalten möglicherweise Ursachen hat, das aber nichtsdestotrotz durch nichts zu entschuldigen ist. Blauschmuck – ein sehr trauriger Lesehöhepunkt!

Litzmannstadt 01


… und auch dieses Buch bietet keinen Wohlfühltext. Der Autor Jósef Zelkowicz, Rabbiner, Gelehrter und Autor, kam 1940 in das Getto Litzmannstadt und konnte im Rahmen der Selbstverwaltung im Archiv arbeiten. Er führte neben den Eintragungen im offiziellen Archiv, dei aus naheliegenden Gründen nicht objektiv waren, ein privates Tagebuch über die Geschehnisse im Ghetto.

Ein verzweifeltes, verzweifelt machendes Dokument über das Schicksal von Menschen, das zeigt, wie machtlos man dem ‚Bösen‘ gegenüber ist, das sich entschlossen hat, sich über alle Regeln der Menschlichkeit hinwegzusetzen. … und beim Lesen immer wieder diese Fassungslosigkeit, das Abdriften in´s Depressive angesichts dessen…


So, das war´s jetzt, Lesehöhepunkte des vergangenen Jahres 2016. Nicht die einzigen, wahrlich nicht, insofern ist die Liste ungerecht, denn unter den nicht Genannten gibt es noch viele Bücher, die mir ebenso viel gegeben haben und die mir viel bedeuten. Insgesamt war es also für ein gutes Lesejahr voller Abenteuer und Spannung, voller Informationen und auch voller Gefühle. Guten wie schlechten, es gab ausreichend Herzklopfen und Tränen – ganz wie im richtigen Leben… ;-)

…. und jetzt schaumermal, was 2017 bringt. Einen Höhepunkt habe ich jedenfalls schon: de Waal mit seiner Weißen Straße.

2017

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