M. Karagatsis: Oberst Ljapkin

18. Dezember 2016

oberst-ljapkin

Der Autor des vorliegenden Romans, M. Karagatsis (mit bürgerlichem Namen Dimitrios Rodopoulos [2]) lebte von 1908 bis 1960, starb schon früh mit 52 Jahren. Geboren in Athen lebte er u.a. auch in Larisa [3], Hauptstadt der griechischen Region Thessalien, in die er uns auch mit seinem Roman über das Schicksal eines russischen Flüchtlings in Griechenland führt. Das Umschlagbild des Buches übrigens zeigt den Autoren in der Uniform seines Titelhelden.

Es waren aufregende und unruhige Zeiten damals: wir reisen mit der Handlung zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die konkreten politischen Ereignisse dieser Epoche, insbesondere in und für Griechenland [4], spielen im Roman jedoch keine Rolle, die Umwälzungen, denen sich der Autor, der damals Mitte Zwanzig gewesen war, widmet, sind eher ideologischer Art, sprich, die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, der kommunistischen Idee, die in Russland durch die Revolution 1917, also nur wenige Jahre zuvor, staatstragend geworden ist. Die Vermutung, daß er auch für sich einige ideologische Fragen klären wollte, ist naheliegend.

Larisa, das ist Provinz, fernab von der Metropole Athen. Das Leben verläuft eintönig, immer in den selben Bahnen, es ist die ‚Routine der Provinz‘, in der die Menschen dort leben. In diese Routine bricht mit Oberst Ljapkin ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ein Koloss, fast zwei Meter groß, breite Schultern, riesige Hände und Füße, mit harmonischen Proportionen ein. Er erscheint als Nachfolger des Leiters der Zuchthengststation der örtlichen Landwirtschaftsschule, hat den Posten durch ‚Vitamin B‘ bekommen (eigentlich hätte ein Ausländer eine solche Stellung nicht bekommen dürfen, aber .. na ja…man kannte sich….). Sein Vorgänger, ein stadtbekannter Säufer und Weiberheld, war verstorben, in dem sich der kleine Tod, dem er sich hingeben wollte, zum großen mauserte… es ist eine den Sinnenfreuden, auch wenn man dafür meist bezahlen muss, gegenüber tolerante Gesellschaft (zumindest, solange es keinen Skandal gibt), in die Oberst Ljapkin gerät. Ebenso ist es eine hierarchische Gesellschaft, der Mann oben, die Frau unten….

Er hat wenig mitgebracht aus Russland. Dort hatte er militärische Karriere gemacht, zwischenzeitlich auf seinem großen Gut gelebt, gut gelebt dort allein mit seiner Tochter, da seine Frau verstorben war. Die Bolschewisten zerstörten dieses Leben, vertrieben ihn, trennten ihn auch von seiner Tochter, er strandete mit seiner Uniform in Athen, von dort aus kam er dann nach Larisa. Er imponierte mit seiner Gestalt, seinen Orden und Epauletten, seiner adligen Herkunft. Die Frauen waren nicht abgeneigt, ihn attraktiv zu finden, die Lehrer der Schule und der Direktor sahen ihn als durchaus auf gleichem Stand mit ihnen an und waren bereit, ihn auch so zu akzeptieren (trotz der ’niedrigeren‘ Stellung und schlechten Bezahlung).

Oberst Ljapkin jedoch blieb zurückhaltend. Seine Arbeit verrichtete er zu aller Zufriedenheit, bald schon erweiterte man seine Aufgaben und bekam er mehr Verantwortung und auch mehr Geld. Doch hatte er Geschmack gefunden am Ouzo und dieser Schnaps schenkte ihm bald den täglichen Rausch, mit dem er sich betäubte. Im Lauf der Jahre gewöhnt er sich ein in sein neues Land, er wird griechischer Staatsbürger und die Erinnerung an Russland wird schwächer. Doch bleibt er, obwohl sich im gesellschaftlichen Rahmen elegant bewegend, Aussenseiter, bindet sich an Frauen, die seinem gesellschaftlichen Status, zumindest dem, den man ihm zuschreibt, nicht entsprechen. Seine dunkle Seite liegt […] in seiner Weigerung, hier in Griechenland seine gesellschaftliche Stellung einzunehmen, die er in Russland innehatte.

Eines Tages kamen mehrere russische Flüchtlinge nach Larissa. Alle waren sie Adlige und Bürgerliche, die sich nicht an die Umstände ihres neuen Leben sgewöhnen konnten, nämlich daran, arbeiten zu müssen, um zu leben. Trotzdem zieht Ljapkin mit ihnen herum, versinkt er in melancholische Saufgelage bis zum Eintritt der Gesichtsstarre. Doch im Gegensatz zu ihnen, die an eine Rückkehr nach Russland glauben und denken, sie könnten dann so weitermachen wie vor der Revolution, ist Ljapkin klar, daß es, selbst wenn die Bolschewisten scheitern würden, kein ‚weiter so wie früher‘, kein Anknüpfen an die alten Zeiten mehr geben würde.

Scheint es auch manchmal so, als bekäme Ljapkin noch die Kurve in ein normales Leben (so tut er sich zum Beispiel mit einer Frau zusammen, nimmt deren Sohn als Stiefsohn auf und bekommt selbst noch drei Kinder mit ihr, bevor er sie dann heiratet), so gewinnt doch immer wieder der Alkohol die Macht über ihn. Und mit dem Alkohol die schlechten Eigenschaften, der Jähzorn, die Gewalttätigkeit, die Ungerechtigkeit, die Zügellosigkeit….

Als eines Tages nach vielen Jahren auf einmal seine vermisste und tot geglaubte Tochter vor ihm steht, ist seine Freude riesengroß. Doch ist die Tochter seltsam fremd zu ihm und ablehnend, abends lüftet sie ihr schreckliches Geheimnis, ein Geheimnis, das – so ist anzunehmen – all die Jahre zusätzlich auch auf des Obersten Seele gelastet hat.

Ljapkin, dessen einst stattlicher Körper vom Alter, von den Exzessen und der Malaria ruiniert ist, ertränkt seinen Kummer mit noch mehr Schnaps und fällt ins Delirium. Keuchend blieb er stehen, holte die Ouzoflasche aus seiner Tasche und trank, trank. Er stöhnte verzückt auf. Das war es, das… Nur der Alkohol gab ihm Mut und Leben. Jetzt fürchtete er den Mond und die Schatten nicht mehr. Auf seiner Flucht durch die Wiesen und Felder suchen ihn die Menschen seiner Vergangenheit als Dämonen auf, die ihn jagen und quälen, bis er endlich den Fluss erreicht, sich für ein letztes Gebet an den Gott, an den er schon längst nicht mehr glauben kann, niederkniet und dann ins Wasser geht.


Oberst Ljapkin schildert das Schicksal eines Exilanten, eines aus seinem Vaterland Vertriebenen, insofern hat der Roman sogar tagesaktuelle Bezüge. Natürlich ist der Oberst nicht repräsentativ, was seine verlorene gesellschaftliche Stellung angeht, er macht in seiner neuen Heimat (zu der er sich in späteren Jahren ausdrücklich bekennt) noch nicht einmal den Versuch, den gesellschaftlichen Abstieg zu kaschieren. Interessanterweise macht man ihm gerade dies zum Vorwurf, daß er sich nicht mehr wie ein Aristokrat benimmt, wo er selbst ganz klar erkennt, daß die alte Zeit und damit seine gesellschaftliche Klasse, vorbei ist: Jetzt, wo ich hier in Griechenland gesehen, was ungefähr eine Demokratie ist, weigere ich mich kategorisch, in Russland wieder ein Mitglied der Klasse der privilegierten Unterdrücker zu werden.

Und doch gibt ihm die neue Heimat keine Erde, in der er Wurzeln schlagen kann. Zwar hat es mehrfach den Anschein, als würde er sich verankern, jedoch ist das Vergessen im Alkohol und dessen melancholisch und wehmütige machende Wirkung früher oder später immer stärker. Selbst sein beruflicher und damit gesellschaftlicher Aufstieg bewirkt nicht, daß er wirklich zur Ruhe kommt, die diversen Exilrussen, die er trifft, tun ein übriges, ihn ins Verderben zu reissen.

Zwischen den Weltkriegen, auch für Griechenland eine Zeit der politischen Instabilität. Gleich zu Beginn des Romans die Klage über häufig wechselnde Regierungen, die immer wieder neue Minister einsetzen: Jedes Jahr kommen mindestens fünf Landwirtschaftsminister. […] Sie haben keinen blassen Schimmer. Einer – ein Landwirtschaftsminister wohlgemerkt! – fragte uns, ob der Tabak auf Bäumen wächst wie die Pfirsiche und die Birnen. … klagt der Direktor der Landwirtschaftsschule. Und natürlich ist die Revolution in Russland immer ein Thema und für den einen oder anderen (der sie nicht am eigenen Leib erleben muss, sondern der darüber theoretisieren kann) möglicherweise sogar in politisches Modell.

Last not least ist Oberst Ljapkin aber auch ein Sittengemälde aus der griechischen Provinz dieser Zeit. Eine Gesellschaft, die um jede Unterbrechung der eintönigen Routine dankbar ist, in der amouröse Verhältnisse zuhauf gepflegt werden, die aber auch in ihrer Bigotterie bereit ist, eine Ehebrecherin zu lynchen – eine bewegende Szene im Buch.

 


Der Roman, obwohl einige Jahrzehnte alt, liest sich wie ein neues Werk, er muss zu seiner Zeit sehr modern gewesen sein. Zusammen mit der Tatsache, daß Oberst Ljapkin einen Blick zurück in eine Region ermöglicht, die uns nur wenig präsent ist, macht das Buch auch heute noch sehr interessant und in der Tragik seiner Hauptperson auch fesselnd. Von mir also eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die etwas ausserhalb des Mainstreams für sich entdecken wollen.

Links und Anmerkungen:

[1] (Kurz)Beitrag über den Autoren in der Wiki:  https://en.wikipedia.org/wiki/M._Karagatsis
[2] http://radio-kreta.de/buchtipp-das-gelbe-dossier-von-m-karagatsis/
[3] Obwohl die Übersetzung des Textes aus dem Neugriechischen erfolgte, scheint der verwendete Stadtname ‚Larissa‘ noch dem Altgriechischen zu entstammen (vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Larisa)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Griechenland#….Zweiten_Weltkrieg

M. Karagatsis
Oberst Ljapkin
Ein russischer Flüchtling in Griechenland

Originalausgabe: Ο Συνταγματάρχης Λιάπκιν, Athen, 1933
Übersetzt aus dem Neugriechischen von Gerhard Blümlein
diese Ausgabe
: Verlag der Griechenland Zeitung (Athen), HC, ca. 248 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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