Christiane zu Salm: Weiterleben

1. Dezember 2016

weiterleben

Die Autorin dieses Buches mit Schicksalen von Menschen, die mit dem Tod geliebter Menschen weiterleben müssen, habe ich vor einiger Zeit schon mit ihrem ersten Buch Dieser Mensch war ich vorgestellt [2], in dem Menschen in der Art eines Nachrufs ihr eigenes Leben mit Höhen und Tiefen, mit dem, was es ihrer Meinung nach ausmachte, dargestellt haben. Weiterleben (was auch als Weiter Leben lesbar ist) dagegen läßt Menschen zu Wort kommen, die durch den Verlust von Kindern oder Partnern durch eine teilweise sehr intensive Trauer gegangen sind und die ihre Erfahrungen schildern, trotz ihrer Verzweiflung wieder ins Leben hinein zu kommen.

Christiane zu Salm, die hauptberuflich in der Medienbranche tätig ist, arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin. Durch den frühen Tod ihres Bruders war und ist ihr eigenes Leben und das ihrer Familie dauerhaft beeinflusst worden.


Die Autorin läßt in vierzehn Abschnitten Menschen ihre Schicksale schildern, es sind elf Frauen, die zu Wort kommen, zwei Männer und ein Paar, die Frauenschicksale sind also deutlich in der Überzahl. Es sind zum Teil sehr schwere Lebensläufe, die beschrieben werden, wenn beispielsweise bei einer Frau das Schicksal Mehrfachsuizide bei den Geschwistern, den Tod der Eltern und den Tod des Mannes umfasst, ist die Schwere dieser Schicksalsschläge kaum zu erahnen… Manche der Trauerfälle sind noch nicht so alt, manche der Verlusterfahrungen liegen schon Jahrzehnte zurück, sind aber in der Seele immer noch präsent.

So verschieden die Schicksale sind, die zu Salm schildert, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten bei ihnen herausspüren. Auch wenn die Idee der Phasenmodelle über das Trauern, daß also der Trauerprozess in bestimmten Phasen abläuft, mittlerweile überwunden ist, so sind doch die bekannten Ausprägungen des Trauerprozesses immer wieder festzustellen: das Unfassbare des eingetretenen Todes, das Verdrängen des Ereignisses, verbunden teilweise mit dem wie ferngesteuert Agieren auf einer rein funktionalen Ebene, Gefühle wie Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst auch und Wut und Zorn. Von Apathie und Handlungsunfähigkeit wird erzählt, von der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie und von den Problemen, die bei Paaren auftreten, wenn Männer und Frauen unterschiedlich um ihr totes Kind trauern: viele Beziehungen zerbrechen daran, es besteht aber auch die Möglichkeit, durch diese Herausforderung sich wieder näher zu kommen.

Nähe und Begleitung zu spüren, hat vielen dieser Menschen in ihrem Schicksal geholfen, manche haben professionelle Hilfe von Therapeuten in Anspruch genommen. Manchmal musste das Leben wieder ganz ‚klein‘ begonnen werden, von Stunde zu Stunde geplant, was man jetzt macht und wenn das geschafft war, was dann zu machen war, bis die Tage wieder eine Struktur hatten, die Halt geben konnte. Oft war es die Notwendigkeit, für die Kinder zu sorgen, die nach dem Tod des Partner verhindert hat, daß der/die Trauernde ins Endlose fiel, manchmal gab der Glauben Kraft, manchmal stützte auch die Arbeit. Nicht selten gibt es Schuldgefühle, die belasten: man hätte doch eigentlich… wäre man doch…..

Aber irgendwann hat das Leben diese Trauernden wieder zu sich geholt, manchmal anfangs mit einer Prise Fatalismus, weil der Alltag, das Leben eben, einfach Ansprüche stellte – und weil die Trauer sich auch verändert im Lauf der Zeit und mit dieser Veränderung sind auch die Menschen anders geworden, haben sich andere Prioritäten gesetzt, gehorchen einer anderen Werteskala, sind einfühlsamer, aufmerksamer, ja: stärker geworden.


Zu Salms Buch ist eine Sammlung von Schicksalen, nicht weniger, aber leider auch kaum mehr. Diese Schicksale sind Beispiele für Menschen, die mit einem (oder mehreren) großen Trauerereignissen umgehen lernen mussten und dies geschafft haben. In einem kurzen Vorwort zieht die Autorin ein knappes Resümee dieser Lebensläufe und bindet dies in eine ebenso knapp gehaltene, allgemeine Betrachtung über das Phänomen Trauer ein. So kurz das Vorwort ist, so sehr regt gerade dies (im Gegensatz zu den persönlichen Schicksalen, die man nur mehr oder weniger erschüttert zur Kenntnis nehmen kann) zur Diskussion an.

… gehört sie [i.e. die Trauer] sogar wirklich zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die das Leben an uns stellt? Ist eine solche These nicht vielmehr eher geeignet, dieses zweifelsohne sehr schwere Thema noch zusätzlich mit Versagensgsangst zu belasten, indem sie als ‚Aufgabe‘ bezeichnet wird? Ist es nicht vielmehr so, daß Trauer zu den Grunderfahrungen des Mensch-Seins gehört : etwas zu verlieren, etwas loslassen zu müssen, was einem lieb ist, fängt im frühesten Kindesalter an und macht traurig bis hin zu dem Gefühl, Zeit und Raum unter den Füßen zu verlieren, sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Aber da Traurigkeit und Trauer so fundamental sind, haben wir als Menschen auch innere Mechanismen entwickelt, damit umzugehen und die Verluste in unser Leben zu integrieren. ‚Das Leben geht weiter‘, dieser Spruch, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen so überhaupt nicht trösten kann, er stimmt trotzdem, auf verschiedenen Ebenen, wie ja auch die von zu Salm beschriebenen Schicksale zeigen. Deswegen sehe ich Trauern nicht als Aufgabe, sondern als etwas, was geschieht, was wir zulassen müssen, akzeptieren müssen in der Art, wie es auftritt. Trauer ist ein natürlicher Prozess, die Seele braucht die Zeit, sich auf den Verlust des geliebten Menschen einzustellen, der Mensch braucht Zeit, sich in seinem Leben (das anders sein wird als vor diesem Tod) neu einzufinden. Dafür sind wir von der Natur aus gerüstet und nur bei den allerwenigsten Menschen zeigen sich Trauerprozesse, die ‚behandelt‘ werden müssen.

Auch kann man sich auf Trauer nicht vorbereiten. Auch bei dieser These zu Salms bin ich persönlich anderer Ansicht, denn ich bin überzeugt davon, daß die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod auch den Trauerprozess, der nach dem Verlust eines geliebten Menschen einsetzt, positiv beeinflusst. Man kann damit nicht die Schwere des Verlustes, nicht die Wucht der Trauer beeinflussen, aber man kann die Angst vor der Trauer mindern (letztlich ist genau das ja der Impetus von zu Salm, dieses Buch zu veröffentlichen), man stärkt durch diese Auseinandersetzung die eigene Resilienz. Und es gibt natürlich auch ganz Konkretes, was man machen kann: aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich es beispielsweise ist, dem Bestatter beim Zurechtmachen des/r Verstorbenen für die Aufbahrung und die Bestattung zu helfen. Sich vorzunehmen, das zu machen, ist Vorbereitung auf´s Trauern.


Ich schrieb vorstehend, da zu Salm in vierzehn Kapiteln Menschen zu Wort kommen ließ. Ich hoffe, diese Angabe stimmt, denn leider enthält das Buch kein Inhaltsverzeichnis. Auch ist den einzelnen Abschnitten nichts vorangestellt (oder als Zusammenfassung hinzugefügt), was einen kurzen Eindruck vermittelt, was die Autorin gerade an diesem Schicksal zeigen will, warum sie dieses Schicksal hier aufgenommen hat. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in der ‚Ich-Form wiedergegeben, ob die jeweiligen Personen diese Texte wirklich selbst verfasst haben, ob sie auf einem Interview beruhen, inwieweit zu Salm bearbeitet oder redigiert hat, auch das wird nicht leider nicht erwähnt.

So ist Weiter Leben nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine Sammlung von Beispielen für trauernde Menschen, die ins Leben zurückgefunden haben und die beschreiben, wie sie dies gemacht haben bzw. wie dies geschehen ist. Mit ein wenig mehr Aufwand hätte das Buch jedoch deutlich mehr sein können.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich; Besprechung hier im Blog

Christiane zu Salm
Weiterleben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen
diese Ausgabe: Goldmann, HC, 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

One Response to “Christiane zu Salm: Weiterleben”


  1. […] Zum Beitrag: https://radiergummi.wordpress.com/2016/12/01/christiane-zu-salm-weiterleben/ […]

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