Nicholson Baker: Haus der Löcher

23. November 2016

baker

Es ist, liest man hin und wieder ein Werk aus diesem Genre, offensichtlich schwer, über Erotik zu schreiben, über Sex oder auch nur Pornographisches. Wobei bei letzterem ja fast schon zur Definition gehört, daß es intellektuell anspruchslos zu sein hat und nur die entsprechenden Körperfunktionen aktivieren soll, indem die dazu gehörigen Schalter im Kopf umgelegt werden (Aber immerhin läßt sich über den „schlechten Sex“, den die Literatur zu bieten hat, trefflich lästern, Moritz hat es mit großen (zumindest hinsichtlich des Umsatzes) Erfolg vorgeführt [1]. Ist es möglicherweise sogar als gutes Zeichen zu werten, daß Baker in diesem ‚Buch der Verrisse‘ nicht erwähnt wird?)

Nicholson Baker jedenfalls hat keine Berührungsängste, wenn es um Literatur und Erotik geht und er scheut auch nicht, wenn es handfester wird und der schillernde, den moralischen Weltuntergang signalisierende Begriff ‚Pornografie‘ am Horizont erscheint. Denn Baker ist kein ganz Unbekannter im Genre, mit Vox und Die Fermate hat er in den letzten Jahren zumindest zwei erotische Romane veröffentlicht, die einiges an Lob einheimsten. Nun also das Haus der Löcher (HdL). ein doppeldeutiger Titel, der recht eindeutig auf das hinweist, was zu erwarten ist – eine Erwartung, die erfüllt wird, aber auf eine derartige Art und Weise, die dann doch verblüfft.

Das Haus der Löcher ist eine wilde Mischung aus erotischem (Episoden)Roman und Fantasy. Der Hinweis auf Alice im Wunderland ist naheliegend, denn so wie Alice seinerzeit nicht einfach ’so‘ ins Wunderland gelangte, sondern erst dem weißen Kaninchen in seinem Bau folgen musste, sind die Wege ins Sex-Ressort gleichfalls fantastisch: es sind Wege der Löcher: man/frau muss im Waschsalon in den vierten Trockner von links im Waschsalon Ecke 18th Street und Grover Avenue steigen, werden durch einen Strohhalm gesogen oder reisen durch die Öffnung, die Zeigefinger und Daumen bilden…. Endpunkt der wunderlichen Reise ist jenes Haus der Löcher, küstennah, sonnenbeschienen, luxuriös, mit angeschlossenem Vergnügungspark, wo es aber auch passieren kann, daß die Ankömmlingin sich miniaturisiert durch eine Harnröhre in die Freiheit arbeiten muss….

Im Ressort eingetroffen es meist Lila, die Chefin, die die Reisenden in Empfang nimmt, ihre Wünsche und Fantasien erfragt, ausgesuchte Männer (die ‚tipptoppsten‘) zur Waschung ihres kleinen (oder auch größeren) Prinzen schickt (wobei es den ‚Peniswäscherinnen‘ bei Strafe verboten ist, eine ganz bestimmte Grenze beim Waschen zu überschreiten, auch wenn den Männer noch so sehr danach dürstet), Lila ist es auch, die das Finanzielle regelt. Es ist nicht billig…. aber mit etwas Glück kann man bei mangelnder Finanzkraft die Kosten abarbeiten…. und das Reglement ist streng im Haus der Löcher, keineswegs sind Zucht und Ordnung außer Kraft gesetzt. Vieles ist mit Strafen und Sanktionen belegt, keineswegs kann jede/r zu beliebiger Zeit auftauchenden Lüsten nachgehen, aber gar zu oft ist die Versuchung größer als die Scheu vor der Strafe – man kennt das ja auch aus dem richtigen Leben…..

Was bei der Addam´s Family das ‚Eiskalte Händchen‘ ist hier Daves Arm, der die tragende, besser gesagt: massierende und stimulierende Rolle in der einleitenden Episode spielt. Daves Arm: ein selbstständig agierendes, sprechendes, intelligentes Wesen (das mit Fischpaste zu Füttern ist), welches Shandee, die ihn findet, sehr gefühlvoll als Vibratorersatz dient. Dave, der ursprüngliche Träger des Arms, bekam im HdL von Lila ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Wären Sie bereit, für einen größeren Penis ihren rechten Arm zu geben? .. vorübergehend.. nur so lange, bis jemand ihn findet, ihn zurück bringt und wieder an ihm befestigt…. Ein Angebot, das Dave nicht ablehnen konnte….

Ähnlich fantastisch geht es weiter im Text. Die Künstlerin Koizumi beispielsweise fertigt Skulpturen, die auch im Gesäßbereich anatomisch korrekt sind und es Marcella ermöglichen, auf schon geschildertem Weg über das dort beheimatete Loch den Zugang zum Ressort zu finden, wo dann passenderweise diese Körperregion auch gleich in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird… Reese dagegen sucht einfach einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste und wird dafür ins ‚Kopflosenzimmer‘ geschickt. Hier denken die Männer nur noch mit dem, was sie haben, nämlich Rückgrat und Genitalien …. der Arsch wird neuronaler Stellvertreter…. Ned ist der arme, beim HdL hoch verschuldete Kerl, an dem Baker uns vorführt, auf welche Art und Weise aufgehäufte Schulden abgetragen werden können…

Da gibt es ‚Pornosaugschiffe‘, die die aufgesaugten Filme in einem Tümpel ablassen, in dem sich daraus ein Monster materialisiert hat, ein Amalgam aus Körperteilen… es dürften hundert Penisse gewesen sein – manche blassrosa, manche kaffeeefarben -, dann Brüste und Augen und Klits …. aber kein Kopf – naturellement. Rhumpa ist die Glückliche, die das Monster mittels eines gigantischen Gangbang mit nur einer Person zähmt…

Handjob-Festivals werden ausgetragen, es gibt ‚Penisbäume‘ genauso wie ‚Penissäle‘, ‚Sex-jetzt-Tasten‘ auf der Fernbedienung im Hotelzimmer, im ‚Weißen See‘ kann muschigeboardet werden und im ‚Pornodekaeder‘, einem zwölfseitigem Projektionskino kann die vorher zusammengestellte Playlist abgearbeitet werden….  Voyeure kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Liebhaber des Dirty Talks, das ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ vermag aus üblichen Sperma Heilsperma zu machen, das die Kraft hat, menschliche Gließmaßen oder Köpfe wieder anzubringen – nicht überflüssig, wie wir gesehen haben. Mittels besonderer Medien haben Männer und Frauen die Möglichkeit, ihre Geschlechtsteile zu transferieren, was die seltene Gelegenheit ergibt, daß Männer  (nunmehr Träger einer Vagina) mit ihrem eigenen Geschlecht penetriert werden können… genug der Beispiele….

Natürlich, Baker ist fantasievoll genug, sich im Vokabular nicht auf die medizinische Fachterminologie zu beschränken. Wollte ich all die verwendeten Ausdrücke für die im Mittelpunkt der Ausführungen stehenden Körperteile auflisten – es wäre eine lange Liste (an dieser Stelle ist es wohl angebracht, auch der Übersetzerin Anerkennung für ihre Mühe, das alles ins Deutsche zu transferieren, auszusprechen).

Es gibt Regeln im HdL, aber keine Grenzen, weder was die geheimen Wünsche der Besucher/-innen angeht noch was deren Umsetzung betrifft. Baker kehrt das Innere nach außen, der aufgeregte Gedanke, die exotische Fantasievorstellung, die dem/der einen oder anderen möglicherweise durch den Kopf gehen mag – hier formuliert Baker sie aus, setzt sie grenzenlos in die Tat um. Mann wünscht sich ein größeres Gerät? Es hat seinen Preis – aber es ist möglich; Frau will endlich einmal die selbstauferlegte verbale oder auch rektale Zurückhaltung aufgeben: Voilá – nur zu! Für jede/n gibt es hier das Passende – aber nicht umsonst.

Es ist eine eindimensionale Utopie, die Baker beschreibt. Kaum eine der Figuren hat ausser ihren Sexvorstellungen weitere Eigenschaften, mit der Ankunft im HdL sind solche der Erwähnung nicht mehr wert. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger und es herrscht Gleichberechtigung an diesem Fantasieort, männliche und weibliche Bedürfnisse werden in gleicher Weise befriedigt, auch wenn die Männer finanziell stärker belastet werden. Es wäre interessant, ein HdL (vielleicht als ‚Heim der Ständer‘) aus weiblicher Sicht geschildert zu bekommen, denn daran kommt man natürlich nicht vorbei: Baker kann als Mann, was seine Frauenfiguren angeht, nur in Szene setzen, was er glaubt, es würde ihren potentiellen Wünschen entsprechen.

Wer will, mag Ironie erkennen im Werk: das erwähnte ‚heilige Heiltuch des Ka-Chiang‘ als Persiflage auf oft obskure Heilmittel, denen Wunderdinge nachgesagt werden, das Pornomonster als Sexanalogon auf die Inflation diverser Aliens, die die Erde heimsuchen…. auch korrespondiert das Haus der Löcher gut mit dem Garten der Lüste, des vor einen halben Jahrtausend verstorbenen Hieronymus Bosch (rein architektonisch ergänzen sie sich sogar), auch wenn natürlich Bakers Text eindimensionaler, weniger subtil und einfacher deutbar ist als dieses Meisterwerk des Niederländers.

Das Haus der Löcher polarisiert sicherlich weniger als daß es erregt – auch wenn es solche Momente durchaus bereit hält. Vielleicht stößt es den Leser, die Leserin sogar ab, nicht jede wird sich mit der Vorstellung anfreunden können, mit Dekapitierten zu kopulieren oder eine Klitdiebin in die Hände zu laufen. Möglicherweise ist das Haus der Löcher aber auch ein Blick in die Untiefen der Begierden, die einen Menschen, egal welchen Geschlechts, heimsuchen können und die wir normalerweise nicht zulassen. Und wie jeder Blick in diese Untiefen bietet auch dieser nicht nur Schönheit und Anmut.

Wer also einen leichten oder lockeren Sexroman erwartet, wird von Bakers Fantasie enttäuscht sein, denn das bekommt er nicht. Wer Ungewöhnliches mag, nun, dem könnte das Buch zusagen, sicher ist aber auch das nicht. Denn das Haus der Löcher ist, um mit Monty Python zu sprechen: Something completely different. Ach ja, bevor ich es vergesse: die Umsetzung seiner Idee ist Baker, schließlich ist es ein arrivierter Autor, literarisch natürlich um Klassen besser gelungen als dem inflationären Gros an Möchtegernsexautoren/-innen, die im Moment dank Selfpublishing in den Markt drängen…. daran hängt Gefallen oder Nicht-Gefallen also nicht….

Nicholson Baker
Haus der Löcher
Übersetzt aus dem Englischen von Elke Schönfeld
Originalausgabe: House of Holes, NY, 2001
diese Ausgabe: rororo TB, ca. 315 S., 2003

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2 Responses to “Nicholson Baker: Haus der Löcher”

  1. melik1982 Says:

    Sehr schöner langer Beitrag dazu gefällt mir! ☺ komme gerne ab und zu mal auf dein blog.

    Gefällt mir


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