Yael Hedaya: Liebe pur

16. November 2016

hedaya

Yael Hedaya [1] gehört zu den erfolgreichen und wichtigen jungen israelischen Autorinnen, ich habe sie hier vor einigen Jahren mit ihrer Erzählung Die Sache mit dem Glück schon einmal vorgestellt. Hier und heute also ihr Liebe pur, eine Erzählung, die schon 1997 erstveröffentlicht wurde, bevor sie von Diogenes im Jahr 2000 auf Deutsch herausgebracht worden war.

Die Geschichte wird aus der Sicht der drei Hauptfiguren erzählt. Das sind zum einen die zwei Menschen, Mann und Frau, und zum anderen ist es ein Hund. Während dem Hund notgedrungen im Lauf der Handlung ein Name, nämlich ‚Anonymus‘ verpasst wird, bleiben die beiden menschlichen Hauptfiguren die ganze Zeit namenlos.

Was erfahren wir von ihnen? Der Mann ist dreiunddreißig Jahre alt, erlebt im Lauf des Jahres, das die Handlung überstreicht seinen vierundreißigsten Geburtstag. Er arbeitet beim Film, ist Single mit einer günstigen Wohnung. Seine beste Freundin, mit der er auch regelmäßig schläft, verkuppelt ihn ebenso regelmäßig über Blind Dates an andere Frauen. Aus diesen Treffen ergeben sich keine Beziehungen, es geht ihm im Grunde nur darum, mit den Frauen ein unverbindliches sexuelles Abenteuer zu erleben.

Die Frau, sie dürfte in seinem Alter sein, möglicherweise auch ein wenig jünger, ist Übersetzerin, auch sie lebt allein. Ebenso wie der Mann erlebt auch sie sexuelle Abenteuer, die jedoch nicht immer befriedigend sind, manchmal geschieht ‚es‘ (so weit der Mann seinen Mann überhaupt stehen kann) einfach aus Mitleid, daß sie mit ihren temporären Partnern empfindet.

Der Hund – auch seine Geschichte erfahren wir sowie ebenfalls die Tatsache, daß die gesamte Handlung nicht gut ausgehen wird – tritt als kleiner Welpe in die Story ein. Die Mutterhündin wurde mit ihren Welpen von städtischen Hundefängern eingefangen, dieser eine einsame Welpe, der sich versteckt, streunt hungrig durch die Straßen und fängt sich vorwiegend Tritte ein.

An diesem Abend anfangs des Oktober treffen die drei zusammen: Mann und Frau sitzen nach einem durch die Kupplerfreundin vermittelten Treffen noch im Auto, sie nimmt ihn auf eine Tasse Kaffee in ihre Wohnung mit und beim Aussteigen sehen sie den süßen Welpen, den sie mit hochnehmen, um ihm was zu fressen zu geben. ‚Nach dem Kaffee bring ich ihn runter‘ [meinte der Mann]. – Doch der Mann und der Hund bleiben zum Schlafen da.

Der letzte Satz deutet es an: es wird für die beiden Protagonisten  komplizierter  als gedacht, denn irgendetwas ist anders als sonst, hat sich in den üblichen Ablauf eines Blind Dates mit nachfolgendem ONS eingeschlichen…

… und zwar sind es  Gefühle. Und diese Gefühle werden keineswegs freudig wahrgenommen. Sie verunsichern, werden bezweifelt, weggeschoben, überspielt… der Hund dient ihnen fürderhin als Projektionsfläche für diese unbekannte Gefühlswelt, dieses Terrain, auf dem sie in den nächster Zeit immer wieder ausrutschen und ins Trudeln kommen. Projektionsfläche: der Mann überschüttet den Welpen mit Spielzeug und Leckerchen, geht mit ihm spazieren. Er wird in Momenten des Ärgers, der Wut und/oder der Unsicherheit aber auch getreten, ins Bad eingesperrt und nachher grob gestraft, wenn er dort notgedrungen eine Pfütze hinterläßt….

Hedaya entwickelt aus dieser Ausgangsituation zweier Singles, die Probleme haben, sich zu ihrem Gefühl zu bekennen und sich auf den jeweils anderen einzulassen, eine Beziehung als Achterbahnfahrt. Peu à peu bringt der Mann im Lauf der Wochen seine Sachen in die Wohnung der Frau, sie überlässt ihm Platz in ihren Schränken. Schließlich gibt er (was für ihn, der bislang vor jeder Bindung scheute, ein großer Schritt ist) sogar sein Appartement ganz auf…. Immer wieder aber auch beschreibt Hedaya Szenen der Streits, der Auseinandersetzung. Sorgsam achten die Protagonisten darauf, sich Rückzugsmöglichkeiten offenzuhalten, immer ist eine ‚Trennung‘ eine mögliche Option, ein Satz wie ‚Ich liebe dich‘ ängstigt und erschreckt zuverlässig.

Die Angst – die Frau erkennt dies als Motiv für ihr Verhalten, die Angst vor dem Alleinsein. Diese Angst ändert sich im Lauf des Jahres, sie wird durch die noch schlimmer Angst abgelöst, wieder allein zu sein….

Für einige Zeit bekennen sie sich auch nach außen hin als Paar, sie laden Freunde ein, planen und bereiten aufwändige Essen vor. In diesen Zeiten stört der Hund, er wird weggesperrt so wie seine beiden Menschen ihre Probleme überspielen und verdrängen.

Im gemeinsamen Urlaub fahren sie nach Paris, hier wird die Beziehung zu einem Machtspiel. Die Frau, die sich durch den sexuellen Appetit des Mannes teilweise bedrängt fühlt, kann hier ihre temporäre Überlegenheit ausspielen: sie, als Übersetzerin, beherrscht die Sprache, kann ihren Mann, wenn sie beispielsweise im Restaurant Essen für ihn auswählt, dominieren. Untätig und schmollend im Hotel hockend verbringt der Mann den größten Teil des Tages allein, seine Wut nimmt ständig zu. Daß sie, ohne ihn zu fragen, mit einer neuen Kurzhaarfrisur wieder ins Hotel kommt, macht das Maß für ihn voll (obwohl er sich insgeheim eingestehen muss, daß die Frisur ihr gut steht)….


Hedaya erzählt diese Geschichte zweier Menschen, die weder bereit sind, sich ihre Gefühle einzugestehen noch dazu, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, mit nüchternen, klaren Sätzen. Es ist nichts kompliziertes an dem Buch, die Sprache ist so schnörkellos wie die beschriebene Beziehung lieblos ist, es passt also. Der Angst vor dem Alleinsein bei der Frau steht die Angst des Mannes gegenüber, sich zu binden. Für ihn hatte es etwas Beruhigendes zu wissen, daß er der Frau jederzeit einen Laufpass geben könnte, wenn die alten Feinde – die Ruhelosigkeit, die Langeweile, das Gefühl, abermals genarrt geworden zu sein – ihn wieder überfielen. […] Er nahm sich jedoch fest vor, nicht zuzulassen, daß die Frau ihn enttäuschte […] es würde garantiert passieren, höchstens eine Frage von Tagen, … diese Haltung aus den ersten Tagen der Bekanntschaft legt er im Grunde nie ab. Was er primär will, ist unverbindlicher Sex, allzeit verfügbar, tiefer gehende Gefühle verunsichern ihn nur.

So binden ihn keine Gefühle an die Frau, sondern der Hund, den sie am ersten Abend gemeinsam auf der Straße aufgelesen haben. Wäre der Hund nicht (mehr) da, würde auch die Frau zu einer beliebigen Frau, die er eben gerade vögelt, werden, er könnte glauben, daß er keine Partnerin hat, … daß die Frau, mit der er schlief, eine fremde Frau war. Dieser Sex (mit der nicht fremden Frau) ist seine Machtposition der Frau gegenüber, ist ihr Preis für das Nicht-mehr-Alleinsein. Hier äußert sich auch der innere Konflikt, in dem der Mann steht, er übt den Sex ohne Rücksicht aus, wochenlang liegt die Frau ohne Lust, aber inständig darauf hoffend, daß die Brutalität nur eine Phase sei, unter ihm, spielt das Spiel mit, zerkratzt ihm den Rücken und macht ihn glauben, ihre Tränen seien Tränen des Glücks.

Es ist eine spröde, traurige Geschichte einsamer Menschen, die uns Hedaya erzählt. Ohne Rücksicht analysiert sie Defizite des ‚modernen‘ Singles, den sie als bindungsunfähig und hedonistisch erkennt, auf der Suche nach unverbindlichem Sex und getrieben einzig durch die Angst vor dem Alleinsein. Die Möglichkeit des Zusammenlebens mit einem anderen Menschen aus einem positiven Ansatz heraus, eben dem Gefühl der Zuneigung oder Liebe, irritiert sie, sich dafür einzuschränken, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, haben sie nie gelernt….

Die Handlung der Geschichte verläuft, soweit sie aus der Perspektive der Menschen geschildert wird, weitgehend chronologisch. Der Part des Hundes dagegen deutet mehr Überblick an: da Hedaya in der Eingangszene (und nachher noch einmal in einer weiteren Passage) das Schicksal des Hundes früh offenlegt, kann sie diesen auch in Rückblenden erzählen lassen, als quasi auktorialen Erzähler, dessen Schicksal das verbindende Moment der beiden Menschen ist.

Liebe pur (wer hat sich eigentlich diesen Titel einfallen lassen?) ist, auch wenn die Autorin am Ende des Textes eine Tür öffnet, hinter des für die beiden Menschen weitergehen könnte, ein Buch weniger über die Liebe als vielmehr über die Unfähigkeit dazu, über Bindungsängste und Egoismen. Eine kleine, aber feine und irgendwie auch zeitlose Lektüre.

Postscriptum: Der Hund hat mir leidgetan, in vielen Szenen einfach nur leidgetan.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenportraits bei Diogenes: http://www.diogenes.ch/leser/autoren/h/yael-hedaya.html
[2] Yael Hedaya: Die Sache mit dem Glück; https://radiergummi.wordpress.com…-gluck/

Yael Hedaya
Liebe pur
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Melcer
Originalausgabe: Schloscha sippurej ahawa (Drei Liebesgeschichten), Tel Aviv 1997
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 210 S., (aber:) 2001

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