Aleksandar Tišma: Der Gebrauch des Menschen

6. November 2016

gebrauch

Der 2003 verstorbene serbische Autor Aleksandar Tišma wurde 1924 geboren und wuchs in Novi Sad, dieser Stadt in der Vojvodina im nördlichen Serbien, nicht allzu weit von der ungarischen Grenze entfernt, auf. Einiges aus seiner Biographie findet sich in diesem überwältigendem Roman, der die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die ersten Nachkriegsjahre überstreicht, wieder [1]. So zum Beispiel spiegelt sich in der Grundstruktur der Familie Kroner des in der Hauptsache in Novi Sad spielenden Romans die seiner eigenen christlich-jüdischen Herkunft wieder, auch hat das ‚Fräulein‘ des Romans ein reales Vorbild und ihr Tagebuch, das Tišma am Ende seines Werkes wörtlich wiedergibt, existiert in diesem Wortlaut. Bei dieser Lehrerin hatte Tišma ebenso wie seine Figuren Deutschunterricht.

Novi Sad liegt an der Donau, eine verschlafene, träge Stadt mit Einwohner aus vielen Völkern. Vor dem 2. Weltkrieg gehörte sie zum Königreich Jugoslawien, im 2. Weltkrieg übernahmen ab 1941 die mit Hitler verbündeten Ungarn das Regime in der Stadt. Auch in Novi Sad kam es zu Verhaftungen, die Menschen flüchteten, es gab Denunziation gegen Juden, im Untergrund bildeten sich Partisanenverbände. Diese eroberten die Stadt 1944 zurück und vertrieben fast alle Deutschen, die noch in Novi Sad waren. In dieser Stadt also spielt der Hauptteil der Handlung des Buches.

Tišmas konzentriert sich auf einige Personen(gruppen). Das sind die schon erwähnten Kroners. Robert Kroner ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der seinerzeit aus im wesentlichen sexuellen Motiven heraus die Dienstmagd und Gelegenheitsprostituierte Therese (‚Resi‘) geehelicht hatte, womit er gegen eines der Grundverbote seines Glaubens verstieß. Zwei Kinder hat die Familie, den Sohn Gerhard, die Tochter Vera. Da die sexuelle Attraktion zwischen den Ehepartner schon längst dahin ist, sucht der Mann seine Befriedigung ausserhalb des Hauses, im Hause Herzfeldt unterstützt man ihn gerne dabei, er ist dort bekannt und Stammgast in dem Milieu, das auch seiner eigenen Frau aus der Zeit vor ihrer Ehe nicht fremd ist. Robert Kroner ist ein gebildeter Mann, der immer noch im Herzen seinem geliebten Wien und der deutschen Kultur nachtrauert. Wien musste er vor Jahren aus familiären Gründen verlassen. Robert Kroner erfasst das zwar Unglück, das mit den Deutschen auf Novi Sad zurollt, Initiative zu ergreifen ist er dagegen nicht in der Lage.

Noch sind die Zeiten so, daß man sich einrichten kann, es kommt zu kuriosen Konstellationen. Zwar hat offiziell ein Kommissar die Geschäfte des Juden Kroner übernommen, doch dieser ist umgänglich, da er auf die Kenntnisse Kroners angewiesen ist. Außerdem findet er Gefallen an Vera, die, nachdem die Verbote gegen Juden immer restriktiver werden, ihre Zeit mit Sonnenbaden im Hof totschlägt – vor den Augen des Kommissars, der zufällig immer hinter dem Fenster steht. Ihn will Vera, der dieses Gefallen an ihr nicht verborgen geblieben ist, für ihre Zwecke, die Flucht nämlich, einspannen. Es sollte dazu nicht kommen…. Gerhard, der Sohn, erweist sich als tatkräftiger als sein Vater, er bekommt Kontakt zu einer Widerstandsgruppe… kurioses geht im Hause Kroner vor, weil mit Sepp der Bruder der Mutter während seines Urlaubs im Haus ein und aus geht, völlig ignoriert, daß Nichte und Neffe, die er sehr mag, nach offizieller Lesart der damaligen Herrscher Halbjuden sind und er auch mit seinem Schwager, dem Juden Robert, abendliche Gespräche pflegt und ihm sein Leid klagt, wie belastend für ihn als Angehörigen der SS doch das Abschlachten der Juden ist, wenn stundenlang immer neue vor die Gewehrläufe getrieben werden und ins Massengrab geschossen werden müssen, bis sich die Grube immer höher füllt mit zuckenden Leibern, weil nicht alle schon tot sind, wenn sie hineinstürzen…. Momente, in denen einem beim Lesen die Luft wegbleibt.

Die Familie Lazukic…. der Vater, ein Notar und Deutschenhasser, die Mutter ein Hausmütterchen und dann noch zwei Söhne, von denen Sredoje eine tragende Rolle im Roman zukommt. Sredoje ist intelligent, gerissen und in wesentlichen Aspekten seines Verhaltens triebgesteuert. Schon von früher Jugend an lockt ihn das Geheimnis, das sich um Frauen spinnt und er löst es relativ schnell auf, womit er die Zusammenhang zwischen Sex, Macht und Gewalt kennenlernt… Die Befriedigung seiner sexuellen Gier macht über große Teile seines Lebens, soweit wir es im Gebrauch der Menschen verfolgen können, ein wesentliches Handlungsmotiv aus.

Natürlich weist dieser sehr komplexe Roman sehr viel mehr Figuren und Schicksale auf, als man hier andeuten kann. Milinko Bozic beispielsweise, einen Alterskameraden von Vera und Sredoje, der sich in Vera verguckt, aber die Freundschaft zu ihr in wesentlichen deshalb pflegt, weil er dadurch Gelegenheit hat, allabendlich mit Robert Kroner zu sprechen, seine Bibliothek zu nutzen. Alle drei, Vera, Sredoje und Milinko, sind auch dadurch verbunden, daß sie bei der alleinstehenden Lehrerin Anna Drentvensek Deutschunterricht nehmen. Diese Anna Drentvensek ist eine unglückliche Person, ein ‚Fräulein‘, durch einen Mann aus eine Ort am Fuss der Berge mit klarer Luft in das schwülträge Novi Sad gelockt, einem Mann, der sie nicht glücklich machte, der im Gegenteil schmarotzte und sie ausnutzte, bis sie ihn verjagte. So lebt sie jetzt allein und fängt an, ein Tagebuch zu schreiben, Aufzeichnungen zu machen in ein Poesiealbum, mit dem Tišmas seinen Roman sowohl beginnen als auch enden läßt, denn Anna vertraut ihr Tagebuch kurz vor ihrem Tod Vera an…

Der Krieg stülpt sich über das Leben der Protagonisten und verändert alles. Robert sieht das Unglück kommen und kann sich nicht entschließen, sich dagegen zu stemmen. Er streitet mit Gerhard, seinem Sohn, der sich einer Untergrundgruppe anschließt, die eines Tages auffliegt. Gerhard wird abgeholt, später dann auch der Rest der Familie bis auf die arische Mutter. Es ist das vielleicht das grausamste Abschnitt im Buch, wenn Tisma jetzt das Schicksal Veras schildert, die noch zusammen mit der Großmutter in den mörderischen (Vieh)Transporten durch das Land gefahren wird, bis sie endlich halb verhungert und verdurstet in einem Lager ankommen. Sie sehen Menschen hinter den Zäunen, seltsame Menschen, die sich seltsam bewegen, seltsam aussehen, sie deuchen ihnen Wahnsinnige zu sein…… Die Selektion nach Arbeitsfähigkeit, die Eingangsprozedur: Entkleiden, Rasieren, andere, zerlumpte Klamotten, die Baracken, der Schmutz, der Staub, der Schlamm nach dem Regen, die Appelle, der Hunger… Schon längst ist die Großmutter mit einem Stück Seife in der Hand unter die Duschen getrieben worden, wo sich Schreie und letzte Gebete mischen…

Vera wird wieder selektiert, von Handke, Oberscharführer. Im Freudenhaus ist ein Platz freigeworden, Handke hat sie ausgesucht, den einzunehmen [2]. Das bedeutet Schmerz für sie, fast unerträglichen, besseres Essen auch, ja, aber auch völliges Ausgeliefertsein den Männern, von denen sie ausgesucht wird, denn Überleben kann sie nur, wenn keine Klagen kommen: Vera ist zum Gebrauchsgegenstand geworden. Vielleicht habe ich mich damit abgefunden, ich bin ja am Leben sollte sie ein paar Jahre später mal sagen….

Vera überlebt den Krieg, überlebt das Lager, gebrochen. Nur scheinbar gelingt es ihr in der ersten Zeit mit Hilfe einer älteren, mütterlichen Frau, sich einzugliedern in die Abläufe des Lebens, die sich nach dem Krieg neu organisieren. Aber es kommt der Zeitpunkt, in dem ihre Kraft und ihre Disziplin nicht mehr ausreichen, die Fassade nach außen hin aufrecht zu halten, hinter der Fassade ist das Lager noch sehr existent….

Eines Tages wird ihr ihr Name hinterher gerufen, sie dreht sich um – ist es Sredoje. Auch er hat den Krieg überlebt, ist der letzte, der einzige der Familie. Auch ihm gelang es wie Vera nicht, nach dem Krieg die Verheerungen, die dieser in ihm angerichtet hat, zu überwinden. Für ihn war es ein bewegtes Leben im Krieg, die Flucht der männlichen Familienmitglieder vor den Deutschen (die Mutter wurde mit dem Auftrag, auf das Haus aufzupassen, zurück gelassen), gefolgt von einer Existenz im kleinkriminellen Milieu, danach ein Leben der Kollaboration mit den Deutschen (das ihm viel Gelegenheit bot, seinen dunklen Trieb auszuleben) so wie mit der Flucht vor ihnen und der Untergrundkampf gegen sie…

Vera und Sredoje – die beiden Übriggebliebenen, die sich wiedergefunden haben, die beiden Gebrochenen, tun sich zusammen. Wen hätten sie sonst? Sie teilen die Erinnerung an die Zeit vor dem Krieg, eine weitgehend unbeschwerte Zeit, sie benehmen sich kindisch, als wäre die Zeit ihrer Gemeinsamkeit im Einstigen stehengeblieben. …. sie kommen sich wirklich wie die Kinder vor, während sie so stundenlang beieinander liegen und sich küssen….. aber Vera wehrt sich innerlich gegen diese Erinnerung, sie möchte, daß diese Liebe keine Vergangenheit hat, nur Gegenwart ist…. und noch etwas teilen sie: das Tagebuch des ‚Fräuleins‘, den den Krieg überlebt hat und das Sredoje Vera als Geschenk mitbringt…


Alexander Tisma präsentiert uns in seinem Roman Der Gebrauch des Menschen in erschreckender Klarheit und analytischer Schärfe Motive und Handlungen seiner Protagonisten ebenso wie die Verletzungen, die der Krieg ihnen zufügte. Nichts geschieht hier selbstlos, alles ist mit Hintersinn und mit dem Motiv, etwas bestimmtes zu erreichen, belastet, jeder gebraucht jeden. Am deutlichsten tritt dies in den Hauptfiguren Vera und Sredoja hervor. Diese beiden Figuren sind in gewissem Sinn komplementär angelegt. Vera muss als ‚Feldhure‘ (man hat ihr im Lager dieses Wort über ihrer Brust eintätowiert) Männern ohne Einschränkungen zur Verfügung stehen – im wahrsten Sinne des Wortes also: zum Gebrauch. Sredoje dagegen genießt den Kitzel, der sich aus Angst und Macht speist, der Macht nämlich, mit seinem Ausweis die Frauen zu zwingen, ihm zu Willen zu sein, seinen Trieb zu befriedigen. Ob er wirklich zur Liebe fähig ist, von der er Vera gegenüber redet, bleibt offen, denn zum Schluß, als Vera fährt, bleibt vom Tagebuch nur noch Glut und Asche.

Tisma redet weniger vom Krieg selbst als von den Spuren, die er in den Menschen hinterläßt. Die Traumatisierten stehen bei ihm im Mittelpunkt, diejenigen, die unter die mörderische Kriegswalze gekommen waren und überlebten – oder auch oft nicht. Veras Überleben gründete sich auf den grausamen Tod einer anderen Frau im Freudenhaus, Sredojes Überleben dagegen auf Instinkt, Gerissenheit und Anpassungsfähigkeit; letztlich ist die Tatsache, daß sie überlebt hat, bei beiden dem Zufall geschuldet, offen bleibt, wie sie weiterleben werden.

Es ist erstaunlich, wie dieser im Fließtext geschriebene Roman, der nur grob durch Absätze gegliedert ist und auch die wörtliche Rede nicht hervorhebt, sofort fesselt und in Bann zieht. Tišma erzählt seine Geschichte distanziert, mit Abstand, ohne Emotionen und Bewertungen, er sagt nicht: dies und jenes ist schrecklich, der inhärente Schrecken des Krieges mit all seinen Facetten wie der Flucht der Menschen und die Versklavung in den Lagern) tritt vielmehr durch seine Art der Schilderung, die nichts verschweigt oder beschönigt, sondern einfach nur beschreibt, automatisch hervor: …. Er trat hinter Lija, holte aus und traf mit aller Wucht ihren Unterschenkel. Sie schrie, und trotzdem hörte man den Knochen splittern. Es folgte das andere Bein. Dann beide Oberschenkel. ….

Tišma unterbricht den weitgehend chronologischen Ablauf seiner Geschichte hin und wieder mit einem Kunstgriff: in Kapiteln wie ‚Todesarten‘, ‚Straßenszenen‘, ‚Wohnstätten‘ oder ‚Konstitutionen‘ faßt er teilweise in Rückblicken, teilweise aber auch in die Zukunft vorgreifend, das Schicksal mehrerer seiner Personen zusammen, beispielsweise die Art und Weise ihres Todes. Selten ist mir in der nüchternen Präzision der Schilderung eindringlicheres untergekommen.

Auch wenn mir selbst die ursprüngliche deutsche Buchausgabe, die 1991 bei Hanser erschienen ist, vorliegt, so ist der ZEIT zu danken, diesen literarischen Höhepunkt in ihrer Bibliothek der verschwundenen Bücher [2] wieder aufgelegt zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person Aleksandar Tišmas
– Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Aleksandar_Tišma
– Nachruf in der FAZ:  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literatur-schriftsteller-aleksandar-tisma-ist-tot-193166.html
– informativ ist auch dieser Beitrag in der NZZ: Achim Engelberg: Die Chronik der Niedertracht – Erinnerung an den serbischen Erzähler Aleksandar Tišma; in: http://www.nzz.ch/die-chronik-der-niedertracht-1.17990052
[2] http://shop.zeit.de/editionen/buch-editionen/2377/die-zeit-bibliothek-der-verschwundenen-buecher

Aleksandar Tišma
Der Gebrauch des Menschen
Aus dem Serbokroatischen übersetzt von Barbara Antkowiak
Originalausgabe: Upotreba čoveka, Belgrad, 1980
diese Ausgabe: Carl Hanser Verlag, HC, ca. 326 S., 1991

 

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One Response to “Aleksandar Tišma: Der Gebrauch des Menschen”

  1. Thomas Says:

    Ein schöner Beitrag zu einem spannenden Buch. Das hat neugierig gemacht, es zu lesen.
    Danke dafür.

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