Han Kang: Die Vegetarierin

30. Oktober 2016

Literatur aus Korea ist hierzulande zwar kein weißer Fleck, über den Korean Book Service [1] sind immerhin fast zweihundert ins Deutsche übersetzte Titel im Bereich ‚Literatur und Belletristik‘ verfügbar, ferner war das Land 2005 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Trotzdem ist koreanische Literatur doch immer noch etwas außergewöhnliches…. mit Han Kangs [3] preisgewürdigtem Roman Die Vegetarierin ist jetzt ein Titel erschienen, der bei der Kritik für Aufsehen sorgt und der schnell in den Bestsellerlisten auftauchte, wenngleich er zumindest beim Börsenblatt auch schon wieder daraus verschwunden ist [2]. Ein Strohfeuer also? Schön jedenfalls, daß Die Vegetarierin nicht auf dem Umweg über das Englische, sondern direkt aus ihrer Originalsprache zu uns gekommen ist.

vege


Die Vegetarierin ist ein schmaler Roman, ein Lesestoff für einen Abend. Es ist die  verstörende Geschichte einer jungen Frau, Yong-Hye, die eines Tages ohne von aussen erkennbaren und nachvollziehbaren Grund beschließt, vegetarisch zu leben, alles vom Tier stammende zu vermeiden (d.h., im Grunde sogar eine vegane Lebensweise einschlägt).

Erzählt wird die Geschichte Yong-Hyes in drei Kapiteln. Den einführenden Abschnitt lesen wir aus der Sicht des Ehemannes als Ich-Erzähler, die beiden folgenden Passagen dagegen werden zwar auch aus der Sicht einer jeweils anderen Person geschildert, einmal aus der des Schwagers und dann aus der der Schwester In-Hye, jedoch fungieren diese beiden nicht als Ich-Erzähler.

Die Darstellung setzt in etwa mit dem Entschluss der Hauptperson ein, vegetarisch zu leben. Mit diesem Entschluss verließ Yong-Hye die absolute Durchschnittlichkeit, die sie in den Augen ihres Mannes durch die Abwesenheit von z.B. Esprit, Charme, modischen Vorlieben, besonderer körperlicher Anziehungskraft oder auch Intellektualität auszeichnete, was sie für ihn, einen ebenfalls in der Durchschnittlichkeit untertauchenden Mann attraktiv machte; bis zu diesem Zeitpunkt des einsetzenden Vegetarismus hielt er sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Eine Sonderlichkeit war allerdings schon vorher zu beobachten, da Yong-Hye, wie er schon bei ersten Treffen vor der Hochzeit bemerkte, keinen BH trägt.

Ich hatte einen Traum.

Sukzessive verfolgen wir, wie die junge Frau der normalen Lebenswelt in Korea immer weiter entgleitet. Nicht nur, daß sie sämtliche fleischhaltigen Lebensmittel aus dem Haushalt entfernt – dies wäre, hätte sie sich etwas geschickter verhalten, unter Umständen gesellschaftlich noch akzeptabel gewesen, da Vegetarismus auch in Korea nicht mehr ganz unbekannt ist, wenngleich er als gesellschaftlich unerwünscht gilt. Jedoch provoziert sie durch die kompromisslose und unerklärte Absolutheit ihrer Haltung. Desgleichen zieht Yong-Hye sich aus der ehelichen Beziehung zurück, da ihr Mann – so sagt sie ihm – Fleischgeruch ausdünstet, der sie anekelt. Gesellschaftlich stellt sie ihn bloß und schadet seiner beruflichen Karriere, weil sie zu eine wichtigen Einladung seines Chefs in unangemessen schlichter Kleidung und deutlich sichtbar ohne BH erscheint, was sowohl die Männer als auch die Frauen verwirrt und vor den Kopf stößt. Da nur die wenigsten Speisen völlig frei sind von Fleischzutaten, isst sie kaum etwas und Grund dafür, daß die Stimmung unter den Eingeladenen schlecht ist.

Bei einem Familientreffen versucht der jähzornige Vater Yong-Hyes dieser mit Gewalt etwas Fleisch in den Mund zu schieben. Die Situation eskaliert und hat einen Suizidversuch der jungen Frau zur Folge. Der Schwager kann die durch den Messerschnitt entstandende Blutung stillen und bringt Yong-Hye in ein Krankenhaus.

Im zweiten Abschnitt erfahren wir, daß sie nach der Behandlung wieder etwas zugenommen hat und es ihr allgemein besser geht, sogar auf Arbeitssuche begibt die junge Frau sich wieder. Ihr Mann jedoch hat sich mittlerweile von ihr getrennt.  Der Suizidversuch hatte aber noch eine weitere Wirkung: er war der Beginn einer Art magischen Beziehung zwischen dem Schwager, der die blutende Yong-Hye ins Krankenhaus brachte und eben Yong-Hye. Unterdrückt diese dem Schwager nicht bewusste Beziehung auch in der ersten Zeit seine Kreativität und beeinflusste sein gesamtes Leben und ebenso seine Ehe, so drängt diese unterdrückte Obsession nach dem Besuch eines Balletts mit unbekleideten, körperbemalten Künstlern immer stärker nach aussen.  Daß seine Frau mit dem Hinweis auf den immer noch vorhandenen Mongolenfleck seiner Schwägerin, der in seiner Phantasie sofort zum Kelch einer grünen Blüte wird, die verhängnisvolle Entwicklung, die zu einer weiteren familiären Katastrophe führen wird, endgültig in Gang setzt, ist eine besondere Tragik des Geschehens.

Der dritte Abschnitt spielt wieder einige Jahre später. Yong-Hye ist ein einer Nervenklinik ausserhalb der Stadt. Nach der Katastrophe mit ihrem Schwager nahmen die Wahnvorstellungen immer mehr Raum in ihr ein, in ihrer Welt mutiert sie immer mehr zur Pflanze. Die Familie ist zerbrochen, nur noch In-Hye kümmert sich um sie. Aus ihrer Sicht lesen wir über das weitere Schicksal Yong-Hyes. Diese isst praktisch nichts mehr, ist nur noch Haut und Knochen und lebt in ihren Wahnvorstellungen, ihr einziges Ziel ist es noch, zur Erde, in den großen Kreislauf zurückzukehren….


Jedes der drei Kapitel des Buches bedeutet eine Steigerung in der Obsession der jungen Frau. Bezieht sich ihre Abscheu vor Fleisch anfänglich nur auf das Essen, später dann auch auf den Verkehr mit ihrem Mann und Kleidungsstücke, die vom Tier stammende Komponenten enthalten, so kann sie im folgenden Abschnitt des Buches die Anweisungen des Künstlers/Schwagers nur befolgen, wenn ihr Partner ebenfalls mit Pflanzenbilder bemalt ist – so wie sie. Diese Pflanzen auf der Haut bilden einen Schutz, unter dem sie sich wohl fühlt, sie wäscht die Bilder auf den eigenen Körper nicht ab, will sie bewahren. Bei dem männlichen Partner hingegen überdecken sie das Tierische, das Animalische, vor dem sie sich ekelt, das sie ablehnt.

In der letzten, finalen Stufe, lehnt sie jegliche Nahrung ab, sie braucht nur noch Licht und Wasser. Ist es ihr bewusst, daß sie so sterben wird? Wenn ja, so schreckt es sie nicht, der Tod würde sie zurück in den ewigen Kreislauf führen…


Wacht Gregor Samsa eines Morgens auf und ist verwandelt, so scheint Yong-Hye etwas entsprechendes anzustreben: den Übergang, die Metamorphose in eine Pflanze. Vor allem Bäume haben es ihr angetan, die Riesen des Waldes, die – so glaubt sie – verkehrt herum stehen, weshalb sie in der Klinik sich ebenfalls häufig im Kopfstand übt…. Im übrigen tauchte dieses Bild eines ‚Baumes‘ schon im zweiten Abschnitt mit dem Schwager auf, der sie die Natürlichkeit eines wildgewachsneen Baumes, der noch nie zurechtgestutzt worden war, ausstrahlen sah.

Ich hatte einen Traum, dies ist die einzige Erklärung, die sie ihrer Umwelt gibt. Verständlich, daß damit nichts erklärt ist, der um sich greifende Wahn der jungen Frau immer rätselhafter wird. Die Träume allerdings, die wir als Leser erfahren, sind schlimm, blutig, gewalttätig… bald schläft Yong-Hye kaum noch, verstößt gegen immer mehr der (un)geschriebenen Verhaltensregeln der (koreanischen) Gesellschaft, wird immer mehr zu Aussenseiterin, bis der Suizidversuch sie endgültig als krank kennzeichnet. Man könnte dies als Bild sehen für die Gesellschaft allgemein: der Aussenseiter, das Abweichende als krank, als Krankheit.

Es ist mein Herz, das schmerzt, und in meiner Magengrube spüre ich einen undefinierbaren Druck. Er ist immer da. Im Moment sogar, wenn ich keinen BH trage. Auch ein tiefer Atemzug bring keine Erleichterung. 
Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind drort eingeklemmt, da bin ich sicher. Blut und Fleisch werden verdaut […] Der Rest wird ausgeschieden. Aber die Seelen klammern sich hartnäckig in meinem Magen fest. …

Die Verständnislosigkeit der Umwelt äußern sich in heftiger, ja, brutalen Aktionen gegen die junge Frau. Versucht der Mann auch aus Eigeninteresse zumindest anfänglich noch, seine Frau in Schutz zu nehmen, so provoziert der Vater (obwohl sicherlich in Verkennung des Ernstes der Lage) einen Suizidversuch, mit schierer Kraft schiebt er seiner Tochter ein Fleischstück in den Mund. Später, in der Klinik, sind die Behandlungsmethoden ebenfalls oft auf Gewalt gegründet, die den Willen der Patientin, deren Weigerung zur Kooperation ignoriert und mit Anwendung von Zwangsmitteln bricht.

Yong-Hye wird zum Störfaktor, auf privater und auf gesellschaftlicher Ebene. Die private Entscheidung zu einem bestimmten Lebensstil offenbart immer stärker ihren Wahncharakter. Das die junge Frau sich auch in der Öffentlichkeit hin und wieder völlig unaufgeregt barbusig zeigt, passt ins Bild. Yong-Hye wirft das geordnete, vorgezeichnete Leben aller Personen, mit denen sie in Beziehung steht, durcheinander.

Die ältere Schwester In-Hye hasst Yong-Hye mittlerweile, machdt sie für das eingetretene Unglück verantwortlich, besucht sie aber trotzdem regelmäßig in der Klinik und fängt an, über ihr eigenes Leben zu reflektieren und bislang nicht hinterfragte Prinzipien in Frage zu stellen:

Alles ist sinnlos.
Ich halte es nicht mehr aus.
Ich kann so nicht weitermachen.
Ich will nicht mehr. 

Noch einmal betrachtete sie die Dinge, die um sie herum standen. Sie gehörten ihr nicht. Ebenso wenig wie das Leben, das sie führte. […] Sie verstand, dass sie schon seit langem tot war. Dass ihr kräftezehrendes Leben nur ein Trugbild war, eine Farce. […]

Wir begleiten In-Hye bei ihrem Besuch der Schwester. Es ist eine lange Busfahrt in strömenden Regen, durch sich in den Boen wiegende Bäume, durch dunkle Tunnels, alles ist symbolisch aufgeladen. Schon während dieser Fahrt, aber vor allem bei der Schwester, der es sehr schlecht geht, kommen immer wieder Bilder aus der Vergangenheit hoch, die sie jetzt auf einmal deutlicher sieht, im Lichte der familiären Katastrophe neu einordnet und sie kommt zu der Erkenntnis, daß das Leben und die Ehe, das/die sie geführt hat, auch sie in eine Katastrophe hätte treiben können: Sie sieht die Wahrheit deutlich: Wenn nicht ihr Mann und Yong-Hye die Ersten gewesen wären, die Grenzen überschritten und damit die heile Welt zerstört hatten, dann wäre es wahrscheinlich sie selbst gewesen, die sich aufgelöst hätte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden wäre. …


Das Buch, ausgezeichnet mit dem Man Booker International Prize 2016 (einem Preis für ausländische, ins Englische übertragene Bücher) ist schmal und liest sich gut. Die Sprache ist einfach, klar, nüchtern und sachlich, sie stellt keineswegs große Ansprüche an den Leser. Das Geschehen ist dramatisch. Es ist nicht die Tatsache, daß eine Frau beschließt, kein Fleisch mehr zu essen, dies wäre auch in Korea zwar seltsam, aber unter Umständen als neue Sitte noch akzeptabel gewesen, es ist die Tatsache, der Rigorosität und des Fehlen eines nachvollziehbaren Grundes. Ein Traum, in dem sie Gesichter sieht, die dem Fleisch bzw. den ehemaligen Tieren innenwohnenden Seelen, die sich in ihrem Inneren festklammern – gibt sie den Fragen ihrer Verwandten nach, so sind diese durch solche Antworten kaum zufrieden zu stellen.

Yong-Hye wird zur Aussenseiterin, der Versuch, sie mit Zwang in die Gesellschaft zurückzuholen, endet mit einer Katastrophe, wenn man so will, beginnt hier, mit dem Versuch des Vaters, ihr Fleisch in den Mund zu schieben, die Ursache-Wirkungs-Kette, die sich (zumindest auf diese geschilderte Art und Weise) zur familiären Tragödie auswächst, wobei man natürlich nicht weiß, wie es anders gekommen wäre.

Was machen mit Aussenseitern, die sich selbst durch harte Massnahmen nicht bekehren lassen? Yong-Hye wird nach dem Suizidversuch in eine Klinik gebracht, eingesperrt. Der Schwager erinnert sich Jahre später seines damaligen Eindrucks, daß es besser gewesen [wäre], sie wäre gar nicht erst wieder aufgewacht, so schwierig und unauflösbar sei ihre Situation gewesen. Eine Situation, die sich noch einmal wiederholen sollte, wieder diese beiden Menschen, Yong-Hye und der Schwager, die in einer für Aussenstehende unverständlichen und kompromittierenden Situation beobachtet werden und vom sofort herbeigerufenen psychiatrischen Notdienst abtransportiert werden.

Auch wenn Yong-Hyes Wahnvorstellungen in der Schilderung der Autorin in der Tat krankhaft sind – sie führen schließlich zu ihrem Tode, wie es uns der schwarze Vogel am Himmel im vorletzten Absatz symbolisiert – so lassen sich doch übergeordnete Aussagen aus dem Roman extrahieren:

(i) In der rigiden koreanischen Gesellschaft wird abweichendes Verhalten notfalls mit Gewalt korrigiert. Ist dies nicht möglich, muss der Abweichler eingesperrt und als Kranker behandelt werden. Anders ausgedrückt, plädiert Han Kang in ihrem Roman für das Recht, sich selbst auszudrücken, nach der eingenen Facon glücklich zu werden.
(ii) unter der glatten, unverbindlichen Oberfläche (koreanischer) Familien lauern Verwerfungen, Spannungen und unterdrückte Wünsche, die sich, wenn sie virulent werden, zu großen Tragödien auswachsen können.
(iii) (Familiäre) Katastrophen können aber auch die Chance bieten, das bisherige Leben zu reflektieren und neu zu gestalten.

Han Kangs Roman Die Vegetarierin ist ein kleines, unprätentiöses Schmuckstück. Kompromisslos nimmt sie die Verwerfungen unter der glatten Oberfläche ihrer Mitmenschen wahr und analysiert sie scharf. Ihre Protagonisten verzweifeln an der Gesellschaft, werden krank an ihr oder sind bereit, alles auf´s Spiel zu setzen, um sich selbst zu verwirklichen. Letztlich scheitern jedoch alle Figuren des Romans und die Gesellschaft geht darüber hinweg, als hätte es sie nie gegeben.

Links und Anmerkungen

[1] http://www.koreanbook.de/deutsche-buecher/literatur-und-belletristik/romane/?sPage=1&sPerPage=48
[2] Einstieg im Börsenblatt im August (KW 33) auf Platz 16, Ende September (Kw 38) wird er nicht mehr geführt (https://www.boersenblatt.net/artikel-buchcharts_____die_aktuellen_bestsellerlisten.1240483.html, Stand: 05.10.2016)
[3] Wiki-Beitrag zur Autorin:     https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang

Han Kang
Die Vegetarierin
Übersetzt aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 채식주의자, Ch’angbi, 2007
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, 190 S., 2016

 

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2 Responses to “Han Kang: Die Vegetarierin”

  1. Jacquy Says:

    Sehr informativer Beitrag und auch sehr schlüssig, wenn man das Buch nicht (komplett) gelesen hat. Danke dafür!
    Gerade die Aussagen die du am Ende nennst, rücken das Buch noch mal in ein etwas anderes Licht, auch wenn mir leider trotzdem der Weg dorthin nicht gefallen hat.

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      da habe ich natürlich auch viel rein interpretiert, das haben andere leser und blogger durchaus auch anders gesehen… ich möchte es so sagen, mir hat das buch nicht unbedingt ‚gefallen‘ (dazu war es zu atmosphärisch zu kalt), aber es hat mich doch sehr beeindruckt…

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