Elke Heidenreich, Bernd Schroeder: Alte Liebe

23. Oktober 2016

heidenreich

Eine Freundin hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht, diese hatte es wiederum von ihrer Freundin genannt bekommen, jene ihrerseits kam von einer Veranstaltung, in der die beiden Rollen dieses (fast) Zwei-Personenstückes von einer Frau und einem Mann gelesen wurden. Damit ist schon ein wenig über dieses Stück Literatur gesagt, das ich förmlich verschlungen habe und das mir am Ende (ich hätte Heidenreich und Schröder an die Wand klatschen können…) sogar Tränen in die Augen trieb.


Sie sind seit langem zusammen, Lore und Harry, seit vier Jahrzehnten, ein eingespieltes Ehepaar. Sie arbeitet noch in einer Bibliothek, hält sich dort für unverzichtbar, obwohl diese Unverzichtbarkeitsvermutung möglicherweise auch nur die Befürchtung bemäntelt, wenn sie ebenso wie ihr schon in Rente befindlicher Mann zu Hause wäre, das … nun ja, wäre nicht gut. Denn auch wenn sie eingespielt sind, sind sie unterschiedlich, haben sich ihre individuellen Leben auseinander gelebt. Für Harry, der nach außen hin etwas stoffelig daher kommt, ist der Garten, den er mit viel Einsatz und mittlerweile auch Kennerschaft bearbeitet, sein Ein und Alles, ein oder zwei Bierchen gehören dazu und daß er Golf spielt (er, ein Ex-Achtundsechziger! Lore ist fassungslos: mit einem Benz zum Golfspielen fahren) hat er nur der gewonnenen Wette gegen Ede, seinen Freund zu verdanken. Daß er Golf nach wie vor auch langweilig und ätzend findet… soll Lore doch erst einmal ruhig ein wenig den Kopf schütteln…

Lore dagegen ist Kulturschaffende und hadert damit, daß er sie nicht zu ‚Martin‘ begleitet (wie sowieso fast nie zu solchen Abenden und wenn er es ausnahmsweise tat, dann gab es gleich so etwas wie einen Eklat, weil er kein Blatt vor den Mund nahm…. aber zurück zu Martin,) dessen Lesung in der Stadt sie wieder organisiert hat. Harry dagegen ist zufrieden mit der Zeitung am Morgen, von acht bis elf…. und so stoffelig, brummig und einsilbig Harry sich auch gibt: während Lore sich in der Literatur auskennt, kennt er eine Menge Hintergründe aus der Zeitung, er liest eben nicht nur das Feuilleton… auch zu und über Walser weiß er einiges, was Lore unbekannt ist…. und wenn Lore ehrlich ist zu sich selbst, dann muss sie zugeben, daß bei weitem nicht jeder ein Engel ist, nur weil er schreiben und vorlesen kann: Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie mal waren. 

Der Aufhänger des Romans ist jedoch Gloria, die gemeinsame Tochter, das gemeinsame Sorgenkind: es steht dritte Eheschließung ins Haus, die Eltern sind eingeladen (natürlich) und Harry weigert sich. Sieht keinen Sinn in dieser Ehe (und dann auch noch in einer solchen!), sieht keine Linie im Leben seiner Tochter, die nicht nur eine, sondern viele Ausbildungen abgebrochen hat, die überforderte alleinerziehende Mutter eines furchterregend verzogenen Mädchens ist. Und jetzt wieder heiratet, in eine Familie mit viel Geld, unter Umständen auch nur ’noch‘ viel Geld, die genau das darstellt, gegen das sie beide damals auf die Straße gingen…. wie gesagt, Harry weiß mehr als es den Anschein hat.

Lieben sie sich eigentlich noch, Lore und Harry? Und wenn, warum? Und wenn, warum zeigen sie es sich nicht, ändern sich nicht? Sie kennen sich in- und auswendig, haben sich beim Älterwerden beobachtet, haben ihre Rituale, haben ihre Reviere in der Ehe, die sie gegeneinander verteidigen. Haben ihre kleinen Seitensprünge (und seien sie auch nur in der Fantasie und unvollendet), die sie tapfer und konsequent voreinander leugnen und wollen die Erinnerungen an früher, an wildere Zeiten und mehr Gefühle nicht missen.

Glorias Hochzeit mit dem Kotzbrocken wirkt wie ein Erweckungsruf auf beide: der Geist der achtundsechziger Jahre wacht noch einmal auf in ihnen, der Widerstand gegen diese aufgebrezelte, verlogene Veranstaltung zeigt ihnen, wie wertvoll sie sich gegenseitig sind und daß dies jede Mühe wert ist, sich zu ändern….


Alte Liebe ist eine kleine Leseperle. Ein wenig melancholisch, manchmal ruppig, manchmal sentimental, zweifelnd und räsonnierend blickt hier ein in Gemeinsamkeit gealtertes Ehepaar auf sein Leben zurück, in dem die Liebe sich dem Leben angepasst hat, aber nie verloren gegangen ist, auch wenn sie hinter manch grummeligem Vorwurf gut versteckt wird. Sie sind älter geworden, aber sie finden die Kraft noch, dieses Gefühl hervorzuzerren aus seinem Versteck, es wieder an die Oberfläche zu bringen und es zu leben…

Das alles ist in realitätsnahen und flotten Dialogen geschrieben, in inneren Monologen, zu denen man einfach: ‚ ja, ja, so ist es, genauso denkt es mir auch manchmal….‘ rufen möchte. Und wer schon ein wenig älter ist, möglicherweise sogar in dem Alter von Harry und Lore, der wird sich möglicherweise wieder erkennen und mit einem schmunzeln denken: ach, würde ich doch die Kraft finden, mich noch einmal zu ändern, so wie sie die beiden Autoren Lore und Harry auf den Pelz geschrieben haben…. wie gesagt: möglicherweise…

Heidenreich und Schröder, davon darf man ausgehen, da sie über lange Jahre selbst ein Paar waren, wissen, wovon sie geschrieben haben und das merkt man beim Lesen. Und auch wenn der letzte Abschnitt einen traurigen Kontrapunkt setzt, das Büchlein kann ich jedem als wunderschöne Unterhaltung, bei der man ausserdem noch viel über das Leben lernen kann, ans Herz legen. Der letzte Abschnitt.. aber das habe ich ja eingangs schon gesagt….. und daß es daneben noch einiges an Seitenhieben auf unsere Gesellschaft im allgemeinen und die Literaturszene im besonderen gibt, trägt erheblich zum Lesevergnügen bei.

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder
Alte Liebe
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 192 S., 2009

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One Response to “Elke Heidenreich, Bernd Schroeder: Alte Liebe”

  1. simonsegur Says:

    Hört sich sehr schön an – meinen Dank.

    Gefällt 1 Person


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