Doris Knecht: Gruber geht

16. Oktober 2016

gruber

Gruber ist Wiener, so um die Mitte Dreißig und, eh klar, ein Mover-and-Shaker, einer, der alles im Griff hat, der mit Luschen nichts anfangen und dem Idylle gestohlen sein kann. Erfahren wir. In Gruber geht, dem Debütroman der Wiener Kolumnisten, Journalistin und jetzt auch Autorin Doris Knecht, deren aktuelle Buch Wald ich hier vor einigen Wochen vorgestellt hatte.

Gruber ist das, was man einen A*** nennen kann. Ein A**** mit Geld. Einer, der nur ein Universum kennt, nämlich das, in dem er der Zentralstern ist. Um den alles kreist. Sogar der morgendliche Blick in den Spiegel. Perfektes Haar, das unglaublich mit seiner Augenfarbe harmoniert, glattes, ach was: superglattes Kinn, durchgestylte Oberfläche von oben bis unten. Der Preis spielt keine Rolle, gekauft wird, was gefällt. Und exklusiv ist. Und glänzend. Und steril. So wie seine Küche in seinem Penthouse. Oder sogar die ganze Wohung. Kein Fleck, kein Haar zu finden. Zum Beispiel auf der Couch. Designerstück, sündhaft teuer. Nicht so ein Schund, mit dem die Leute aus dem Unterhosenfernsehen leben. Selbstredend, daß die Küche noch nie benutzt worden ist, Gruber ist ja eher der Restauranttyp. Wöchentlich tauscht die Zugehfrau die den zum klinischen Exterieur setzenden Kontrapunkt der Zitrusfrüchte im Obstkorb aus. Denn ästhetisch ist unser Gruber nicht so belastbar, schrumpliges Obst – das geht gar nicht.

Vor der Tür den Porsche, im Auge den Checker für mögliche Fickverhältnisse. Der Abend muss ja gestaltet werden. Dumm, wenn die Tusse einen Kampfgorilla dabei hat, so daß am nächsten Morgen die Lippe dick und das Auge blau umrandet ist. War eh ein Scheissabend in diesem Scheisszürich mit diesen Scheisstypen, denen er…. lieber nicht dran denken, aber aus dem Geschäft wäre eh nichts geworden. Und deswegen ist er nach Zürich geflogen. Mit all dem verschwitzten Volk um sich herum im Flieger. Nicht zu fassen.

Gefrühstück wird im Café. Trinken ja jetzt alle dieses hellbraune Zeugs für Mädchen. Er nicht. Das Gesicht am Tisch neben ihm kommt ihm bekannt vor und ihr seins wohl auch, trotz der temporären Aufquellungen. Man kommt ins Gespräch, Gruber will es eigentlich gar nicht und sogar – ich überspringe den langatmigeren Teil – zum Küssen und dem, was danach folgt. Nachher ist es irritierend, denn irgendwas ist anders mit Sarah als sonst mit denen, die er abschleppt, ein komisches Gefühl.

Gruber, der Checker und Mover, mit ordentlich ausgearbeitetem Sixpack und ansehnlicher Oberarmmuskulatur, hat einen Brief dabei, der im Gewühl runterfällt und den Sarah zerknittert und ungeöffnet sieht. Seit Wochen ungeöffnet, vom Krankenhaus, hat was mit den Bauchschmerzen und den dumpfen Gefühl, das sich dort konzentriert, zu tun. Gruber war nämlich zusammen gebrochen, neulich, im Fitnesscenter und dann doch beim Arzt, obwohl das eher das Biotop für Luschen ist, um die sich sonst niemand kümmert und die ein wenig heidideidi für sich brauchen. So´n Typ ist Gruber nicht. Hatte (streng genommen hat er immer noch, aber auf Familie machen, passt nicht ins Verhaltungsreservoir von Gruber, daher ist der Kontakt eher… lose, sagen wir mal) eine Mutter, die zwar Ärztin war, aber zu Hause. Kann man sich ja denken, was das für die Kinder hieß. Jedenfalls.. für Luschen, so´n Arztbesuch. Eigentlich, denn nach diesem Zusammenbruch war er dann doch beim Arzt und dieser bislang ungeöffnete Brief war das Resultat. Das er noch nicht kannte, dem er – wenn man ehrlich ist – auswich. Also vielleicht ahnte.

Denn als Sarah den Brief auf seine Aufforderung hin öffnete und vorlas, verernstete sich ihre Miene. Schluss mit lustig: Gruber hatte ein Non-Hodgkin-Lymphom. Stand da. Geschrieben. Gruber sollte sich so schnell wie möglich beim Arzt melden. Konnte also bedeuten, daß die Erde bald ohne Gruber und dessen Spiegelbild auskommen müsste…. So ganz konkret also: Tod. Ende. Scheisse.


Gruber geht ist eine überaus launig, unterhaltsam, süffig und bissig geschriebene Gesellschaftskritik, eine Charakterstudie vorwiegend, aber bei weitem nicht ausschließlich, von Gruber. Gruber, dieses (auf österreichische Verhältnisse dimensioniertes) Exemplar der Sorte ‚Master of the Universe‘, das dem Rest der Welt mit weitgehender Verachtung entgegentritt, jemand, der davon ausgeht, daß schlechtes Verhalten dem Servicepersonal gegenüber bei den Getränken mit eingepreist ist, der mit Frauen vorwiegend dann redet, wenn er sie anbaggern will, der die verlogene Familienidylle, wenn er überhaupt mal dort auftaucht, in Nullkommanichts mit seinen zynischen Bemerkungen platzen läßt – die Welt dieses Gruber bekommt einen Riss. Er, der alle Energie darin hineinsetzt, sich mit dem Bild, das er von sich hat (Mover-and-Shaker), in Übereinstimmung zu bringen und zu halten, ist in den Grundfesten erschüttert, die Möglichkeit, daß er, Gruber, in Bälde nicht mehr sein könnte, diese Aussicht, die ihn brutalstmöglich auf seine Kreatürlichkeit zurückwirft, stellt alles in Frage. Und überdeckt eine weitere Erschütterung seiner Gruberalität, eine leichtere, sensiblere, denn die Sache mit Sarah hat eine Komponente, die ihm bisher fremd war, die wahrzunehmen er sich, zumal mit dieser anderen Perspektive, kaum getraut.

Gruber erschüttert, das Selbstbild am Zerbröseln. Nach aussen hin versucht er die Fassade zu erhalten, weiterhin Besuche im Fitness-Studio und so… aber auch die aberwitzige Idee, selbst und zum ersten Mal in der eigenen septischen Küche eine Suppe kochen zu wollen, ist auf einmal da. Gut, Knecht läßt es jetzt nicht ausarten ins Perverse, die Suppe kocht dann doch die Mutter, die über Kathrin, ihre Tochter, Grubers Schwester von der Sache erfährt. Aber immerhin. Allein die Vorstellung der Möglichkeit lag für Gruber bis dato ausserhalb des Denkbaren.

‚miss u. L. john‘.
(sms an Sarah.)


Knecht stellt Gruber zwei Frauen gegenüber, besagte Sarah, DJ in Berlin und anderswo sowie Kathrin, die (jetzt) Spießerschwester (vormals Junkie) mit ihrem Familienidyll inclusive Kinder, diesen Nervtötern und ihrem Spießermann, alle zusammen an Heim und Herd im normalen Alltagsglück mit Eintrübungen.

Aus diesem abschnittsweisen Dreiklang der Perspektiven (Gruber – Sarah – Kathi) entwickelt Knecht ihre Charaktere. Für Sarah zeigen sich in Gruber auch andere Eigenschaften als nur das Machogehabe, er kann durchaus einfühlsam sein, unterhaltsam und charmant. Jedenfalls geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf, nur diese Diagnose: ist sie jetzt für ihn der Todesengel, der schwarze Bote, der die schlechte Nachricht überbracht hat? Und überhaupt: wer meldet sich jetzt wann bei wem und wie hält man´s mit der Antwort? Ist die überhaupt gewollt? Es ist nicht einfach, beim Balzen einen coolen Eindruck zu erzeugen, eine Gratwanderung sozusagen. Eine feste Freundschaft würde schließlich die Unabhängigkeit kosten. Andererseits – die biologische Uhr tickt ja auch schon vernehmlich, aber Gruber, das hat er gesagt, ganz deutlich, will eh keine Kinder….

Gruber – macht all das, was die Ärzte ihm sagen. Gleich am nächsten Tag, zurück in Wien, ist er hin. Kann ja nicht sein, daß Gruber einfach nicht mehr ist oder sein wird. Die Chemo steckt er gut weg, zuerst wenigstens. Aber das Selbstbild ist und bleibt erschüttert. Wo kann sich einer wie Gruber mal ausheulen? Diese Freiheit, das wird ihm irgendwann klar, hat er jetzt, wo das Gruberbild des Mover-and-Shakers eh Risse hat…. und mit dieser neuen Freiheit, die er gewonnen hat, merkt er, daß manches bis dato verpönte auch seine angenehmen Seiten hat. Mit den Kindern von Kathi beispielsweise Fussball spielen… eine herrliche Szene ist das Rasenmähen, dem sich Gruber auf Anregung Kathis hingibt. Hier kämpfen der alte und der neue Gruber gegeneinander.. Rasenmähen, aus wildem Wachstum also geordnete und gleichmäßige Oberfläche schaffen, das entspricht dem alten Gruber, der kaum damit klar kommt, daß in dieser Rasenfläche völlig schief und ohne rechten Winkel drei (warum drei? warum nicht ein großes?) Beete hineingesetzt worden sind. Wie soll er da in exakt rechten Winkeln seine Bahnen mäandrierend ziehen? Aber immerhin, Gruber mäht und schafft eine ordentliche Vorgartenidylle für das Vatermutterkindheim.

Es geht einem beim Lesen so ein wenig wie seinerzeit bei Stromberg: Gruber hat Suchtpotential, man ist gespannt, was ihn seine Schöpferin noch weiter erleben läßt, wie sie ihn durch sein durcheinander gehauenes Leben schlingern läßt, und ob und wie sie ihn schließlich mit Sarah zusammenbringt, dann daß das mit den beiden nichts werden sollte, das kann man sich schon sehr früh im Roman nicht mehr vorstellen. Es ist aber auch der Punkt, an dem Knecht ein wenig übertreibt, denn gegen Ende ihrer Geschichte nimmt sie die Schöpfkelle und übergießt ihre Story mit einer vollen Ladung ‚Heile-Welt‘, alles wird gut, es lebe der neue Gruber und die beiden Helden ziehen zusammen zwar nicht in den Sonnenuntergang, aber immerhin unter das (möglicherweise) gedimmte Licht der Schlafzimmerbeleuchtung…

Knecht bleibt in ihren Beschreibungen weitgehend an der Oberfläche, sie stellt dar und schildert, analysieren tut sie nicht. Sicher, bei Gruber, es wird etwas mit den Eltern zu tun haben, dem ewig abwesenden Vater und auch der Mutter, das wird angedeutet, aber über Sarah erfahren wir wenig und auch von Kathi wenig mehr als daß sie irgendwann mit den Drogen aufgehört hat. Wo Grubers Geld herkommt, irgendwas mit Investmentbanking, bleibt diffus, arbeitend (bis auf den Ausflug nach Zürich, aber das kann man ja wohl abhaken) wird er jedenfalls nie geschildert. Aber das war halt nicht Knechts Thema…

So ist Gruber geht eine sehr unterhaltsame, im Stakkato flott und schmissig-bissig geschriebene Geschichte eines Ekelpakets, unter dessen Oberfläche ein akzeptabler Mensch verborgen ist, der aber erst nach der Sandstrahlung im Purgatorium des Krebses zum Vorschein kommt. Eine Geschichte, deren Ende etwas zu gut gemeint, aber dafür auch nicht überraschend ist, da sie sich voll dem Schema des guten, alten Liebesromans entspricht: am Ende kriegen und küssen sie sich, und wenn sie nicht gestorben sind….

….eh wurscht: Spaß gemacht hat´s, Gruber kennen zu lernen. Und es sei ihm gegönnt, das traute Glück mit Sarah.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: http://www.rowohlt.de/autorin/doris-knecht.html
[2] hier im Blog schon vorgestellt: Doris Knecht: Wald

Doris Knecht
Gruber geht
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 235 S., 2011

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2 Responses to “Doris Knecht: Gruber geht”


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