Leon de Winter: Geronimo

9. Oktober 2016

Frage: was haben Romane von Leon de Winter und eine Stück Schwarzwälder Kirsch gemeinsam? Nun, die Antwort ist trivial: beide werden von mir schnellstens verschlungen…

Tatsächlich ist es so, daß Leon de Winter, gemessen an der Zahl der Bücher, die ich von ihm gelesen und auch hier vorgestellt habe [3], einer meiner Lieblingsautoren ist: intelligent und spannend geschrieben stellen sie häufig Personen in den Mittelpunkt ihrer Handlung, die gebrochene Lebensläufe aufweisen und seinen Geschichten einen melancholischen oder auch tragischen ‚Touch‘ verleihen.

geronimo-9783257069716


Jetzt also Geronimo, der Roman, in dessen Mittelpunkt die Liquidierung Osama Bin Ladens durch amerikanische Spezialkräfte im Jahr 2011 steht. Zu Osama Bin Laden muss man nicht viel sagen, nach dem von ihm und seinem Netzwerk zu verantwortendem ’nine-eleven‘  (der fünfzehnte Jahrestag ist noch gar nicht lange vorbei) sollte die Welt nicht mehr so sein wie vorher. In einem Ausmaß, das man damals nicht erahnen konnte, hat sich die Welt seitdem verändert. Zwar kann (und muss) man diesen Terrorakt auch als Wirkung von Ursachen sehen, die ihrerseits wieder Wirkungen anderer Ursachen waren (eine Reihe, die sich unendlich in die Vergangenheit weiter verfolgen ließe), doch nahm mit der Zerstörung der Twin-Towers die politische und militärische Entwicklung in Folge der Reaktion der Amerikaner auf den Gewaltakt rasant an Fahrt auf. Die Jagd auf Bin Laden stellt dabei noch einen untergeordneten Aspekt dar, seine Ergreifung oder Tötung war militärisch weitgehend bedeutungslos und bediente ’nur‘ psychologische Aspekte des ‚Kriegs gegen den Terror‘. Weltpolitisch viel bedeutender waren dagegen die militärischen Interventionen in diversen Staaten wie Afghanistan und dem Iraq, nicht nur infolge der Kriege, die vor Ort geführt wurden, sondern auch durch die dadurch resultierende Destabilisierung einer geopolitisch sowieso schon brisanten Region.

Knapp ein Jahrzehnt dauerte die Jagd der Amerikaner auf Bin Laden, dann hatten sie ihn aufgespürt und in einer militärischen Aktion durch Spezialkräfte getötet [vgl. z.B. 1]. Das klingt viel eindeutiger, als es ist bzw. als es war, denn neutrale Beobachter der Aktion gab es natürlich nicht, Bin Ladens Leiche wurde weggeschafft und nach Abhalten eines islamischen Rituals von einem Schiff aus ins Meer versenkt. Sowieso schien sein Gesicht durch Schussverletzungen zerstört gewesen zu sein, die Identität wurde über DNS-Analysen sichergestellt. Diesen groben Ablauf der Ereignisse kann man glauben. Muss man aber nicht, denn er wirft viele Fragen auf und bietet dementsprechend Nahrung für Verschwörungstheorien, die sich an der Darstellung des Ablaufs abarbeiten oder auch an der These, Bin Laden sei gar nicht erschossen worden bzw. derjenige, der erschossen worden ist, war nicht Bin Laden.

Eine solche Verschwörungstheorie breitet Leon de Winter in seinem Roman Geronimo vor uns aus (ich werde hier jedoch auf Details nicht eingehen, das wäre unfair allen gegenüber, die das Buch (noch) nicht kennen). Eine gute Verschwörungstheorie ist allerdings schon eine spannende Sache. Sie hängt sich an offenen Fragen auf oder an zweifelhaften Antworten auf Fragen, an erstaunlichen Fakten (wieso beispielsweise gab es ’nur‘ dreitausend Tote bei der Zerstörung der Twin-Towers, wo doch bis zu 50.000 Menschen dort arbeiteten (nach Wiki)) oder man hält Fakten schlicht und einfach für unmöglich und gefakt, wie manche noch heutzutage die Mondlandung der Amerikaner anzweifeln.

Zu  offiziellen Darstellungen bietet eine Verschwörungstheorie eine Alternative, ein Erklärungsmodell, das in sich geschlossen ist und von aussen nicht angegriffen werden kann. Es ist eine ad-hoc Theorie, deren Erklärungsmuster immer wieder auf sich selbst verweisen, Einwände von aussen werden eher als bestätigend denn als Zweifel erweckend aufgenommen. In dieser Hinsicht bestehen also durchaus auch Parallelen zu religiösen Überzeugungen, die argumentativ kaum erreichbar sind. Fragt man sich also – um auf den konkreten Falls Bin Ladens zurückzukommen – warum ist zum Beispiel dessen Leichnam nie gezeigt und mittels Seebestattung sehr schnell ausserhalb jeden Zugriffs gebracht worden, so ist dies ein prächtiger Aufhänger für Erklärungen, die mit den offiziellen nicht übereinstimmen.


Im Mittelpunkt des de Winterschen Romans steht mit dem ehemaligen CIA-Agenten Tom Johnson ein Mann, dem das Schicksal schwer mitgespielt hat. Seine Eltern, beide Musiker, hätten gerne gesehen, daß auch er eine Künstlerlaufbahn eingeschlagen hätte, was aber offensichtlich nicht der Fall war. Er ging zum Militär, später dann zur CIA, machte eine schnelle Karriere, bei einem seiner Einsätze in Afghanistan wurde er jedoch schwer verletzt und schied aus dem aktiven Dienst aus. Auch privat wurde er nicht glücklich, seine Ehe mit Vera ist geschieden, die Trauer und auch die Vorwürfe nach dem Tod der kleinen Tochter, die mit ihrer Mutter 2004 mit einem Pendlerzug nach Madrid gereist war, brachte die beiden auseinander.

Obwohl nicht mehr aktiv, hatte Tom noch seine Kontakte. Auf einer Party bei ehemaligen Kameraden erfuhr er, daß ein hochgeheimer Auftrag für die Navy Seals in der Luft lag, capture or kill…. wobei, und das war noch geheimer, das ‚kill‘ von ganz oben eindeutig im Vordergrund stand. Eine Anweisung, mit der die Seals, die auf der Party waren, nicht übereinstimmten und in ihrem mittlerweile alkoholdurchwaberten Hirn sponnen sie etwas völlig Verrücktes aus….


Geronimo ist nicht einseitig auf diese Verschwörungstheorie konzentriert, auch wenn sich letztlich die zwei anderen Handlungsstränge darin einfügen.

Eine dieser parallel verlaufenden Ereignisse beginnt in Afghanistan, in einem der amerikanischen Stützpunkte, auf dem Johnson stationiert ist. Dort arbeitet die Amerikaner mit einem einheimischen Dolmetscher zusammen, der hier mit seiner Tochter lebt, der Rest der Familie ist tot. Die Tochter, Apana, hört eines Tages bei Tom die Goldbach-Variationen, gespielt von Gould [3]

Dieses afghanische Mädchen Apana ist die zweite Figur neben Tom Johnson, die das Buch zusammenhält. Tom Johnson sieht das Leuchten in den Augen des Mädchen, wenn sie die Musik hört und nimmt sich ihrer ein wenig an, erzählt ihr über die Musik und bringt ihr auch wenig andere Sachen bei…. [2]

Apana ist uns als Leser jedoch schon vorher begegnet. de Winter nutzt sie nämlich, um uns ’seinen‘ Osama Bin Laden zu zeigen, einen von Hass erfüllten Mann, der in einem abgeschirmten Haus mit seiner Familie lebt, Kontakt zur Aussenwelt nur über wenige Kuriere hat und dem hin und wieder einfach die Decke auf den Kopf fällt und der dann raus muss. In erbärmlicher Verkleidung schnappt er sich dann ein altes Moped, mit dem er nachts durch die Straßen fährt und sich in immer wieder demselben Laden Zigaretten kauft. Und bei einem dieser Ausflüge begegnet ihm ein bettelndes Mädchen ohne Hände, aber mit einem Bild von ihm neben ihrer Schale…. und er weiß es und sie weiß, daß er es weiß: sie hat ihn erkannt, weiß, wer dieser in Lumpen gekleidete Mensch ist, der da mit seinem Moped die Straße entlang gekommen ist….

Der dritte Erzählstrang knüpft sich an ein weiteres Kind an: an Jabbar, der eigentlich John heißt und Christ ist, der mit seiner Mutter in Abbottabad lebt, in einem großen Haus, in dem die Mutter für die reichen Besitzer den Haushalt führt, der davon träumt, eines Tages nach Amerika zu gehen und der eines Nachts von Lärm geweckt wird, großen Lärm, der von Hubschrauber, von Black Hawks (er erkennt sie genauso wie die Chinooks, die auch auftauchen, weil es sein Traum ist, nach Amerika zu gehen…) verursacht wird. Dann wird es hell in dem Hof des seltsamen Hauses in der Straße, dessen Bewohner man nie sieht, Schüsse sind zu hören, Soldaten wie Aliens gekleidet drängen die Männer, die aus ihren Häusern gelaufen kommen und sich in der Straße sammeln, zurückm einer der Helikopter fängt an zu brennen, die anderen jedoch steigen bald wieder auf und verschwinden in der Nacht….


de Winter verzahnt diese verschiedenen Handlungen miteinander, geht nicht chronologisch vor, sondern springt auch in den Zeitebenen. Dies im Hinterkopf ist es aber nicht schwierig, dem zu folgen. Das Bindeglied in der Geschichte ist Apana, sie führt letztlich auch Tom, den Ex-CIA mit Jabbar und seiner Mutter zusammen, schafft ferner ebenso diesen anderen Aspekt der Person Bin Ladens.

Apana ist die Figur, in und an der sich das Emotionale festmacht. Tom, der sowohl seine Tochter – woran er unschuldig ist – und seine Frau – die er in dieser Situation allein gelassen hat, der Umstände halber allein lassen musste – verloren hat, projiziert seine Verantwortung, die er seinerzeit für seine Familie hatte und die er nicht wahrgenommen hat, in dieses afghanische Mädchen. Apana, ein schmerzhaftes, bedrückendes Einzelschicksal unter vielen Tausend ähnlichen, für ihn ist es die Aufgabe, an der er innere Schuld abtragen kann, sich um sie zu kümmern bedeutet für ihn, zur versuchen, inneren Frieden mit sich zu schließen…. zum Ende des Romans läßt de Winter seine Figur einem Phantom hinterherlaufen, denn solange er dies nicht findet, sagt er Vera bei einem Telefonat, solange lebt Apana.

Jabbar/John und Apana treffen ebenfalls aufeinander, die von den Taliban verstümmelte Bettlerin und der Christenjunge, der sich mit seiner Mutter des Mädchens erbarmt und die sich seiner annehmen – getreu der Lehre Jesu. Diese Abschnitte heben die Barnherzigkeit der Christen(gemeinde) der Stadt sehr hervor, vllt ein wenig zu plakativ, zu idealisiert, ein harscher Kontrast jedenfalls zu dem, was Muslime dem Mädchen antaten.

Ja, bei dieser Gelegenheit muss auch Osama Bin Laden erwähnt werden, dem de Winter in Bezug auf Apana Gefühle zubilligt und zuschreibt, die eine Aspekt seiner Persönlichkeit bezeichnen, den ausser den direkt Beteiligten keiner kennt.


Im Grunde kann man Geronimo als historischen Roman auffassen: er bedient sich eines historischen Ereignisses (auch wenn der zeitliche Abstand gering ist) und historischer Persönlichkeiten.. und er stellt die Frage, wie hätte sich was abspielen können, wenn… dabei ist er so geschickt, sich auf das Beschreiben zu konzentrieren, auf das ‚Was‘, das ‚Wie‘, also Erklärungen, läßt er meist im Dunkeln, wir als Leser wissen nicht mehr als ein Beobachter wissen kann, nicht mehr als beispielsweise die Männer, die seinerzeit in Abbottabat den Zugriff auf Bin Laden von der Straße aus beobachtet haben. Wie er geschehen ist bleibt rätselhaft, so wie vieles andere auch.

Geronimo ist ein vielseitiger Roman, er verknüpft eine spannende Verschwörungstheorie mit dem Versuch eines Mannes, der (in gewisser Weise schuldlos) Schuld auf sich geladen hat, diese abzutragen, mit dieser Verantwortung fertig zu werden. Politisches bleibt weitestgehend aussen vor, daß bei der ganzen Aktion gegen Bin Laden (im Roman) auch andere als politische Gründe eine Rolle gespielt haben könnten, das deutet de Winter jedoch mehr als deutlich an.

So ist Geronimo am Ende spannende Unterhaltung vom Feinsten, eine auch wegen des teils reportagehaften Stils realistisch erzählte Geschichte, die nach dem Lesen das sicher Gefühl hinterläßt, daß man die Wahrheit (wenn es die Wahrheit überhaupt gibt) über diese Aktion 2011 und deren Hintergründe wohl nie erfahren wird.

Links und Anmerkungen

[1] Natürlich gibt es aus aller Welt unzählige Berichte zur Liquidierung Osama Bin Ladens, diese hier sind also eine rein subjektive, extrem verkürzte und willkürliche Auswahl. Sie sind chronologisch geordnet und man erkennt schön, daß die Art und Weise des Zugriffs und der Tötung bin Ladens in der Tat Fragen offen läßt und damit einen Sumpf bietet, auf dem Verschwörungstheorien prächtig gedeihen:

[2] z.B. hier: https://www.youtube.com/watch?v=Ah392lnFHxM

[3] Weitere hier im Blog vorgestellte Romane Leon de Winters:
Leo Kaplan
Hoffmans Hunger
Recht auf Rückkehr
– Sokolows Universum
– Ein gutes Herz
– SuperTex

Leon de Winter
Geronimo
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe: Geronimo, Amsterdam, 2015
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 445 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: