Annelie Keil, Henning Scherf: Das letzte Tabu

31. August 2016

scherfkeil

Annelie Keil und Henning Scherf haben mit Das letzte Tabu ein am Biographischen festgemachtes Buch über das Thema: ‚Altern, Sterben und Tod‘ geschrieben. Henning Scherf ist (zumindest war dies bei mir der Fall) wohl bekannter als seine Mitautorin, er ist ehemaliger Bürgermeister der Hansestadt Bremen, lebt seit einigen Jahren mit seiner Frau und Freunden in einer Wohngemeinschaft und tourt mit allem, was im Zusammenhang mit dem Thema ‚Alter‘ steht, durch die Republik. 1938 geboren ist dies ein Thema, das ihn immer deutlicher auch selbst betrifft.

Die Mitautorin Annelie Keil ist nur ein Jahr später geboren als Scherf, auch ihr sind das eigene Altern, sind Gedanken um Sterben und Tod nicht fremd. Sie hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert, lehrte an der Universität Bremen und engagiert sich in u.a. der Hospizbewegung.

Das letzte Tabu knüpft wie gesagt, am Biographischen an und beginnt (nach einem einleitenden Interview mit beiden Autoren) damit, daß beide Autoren schildern, wie sie als junge Menschen den ersten Kontakt mit dem ‚Tod‘ hatten.

Annelie Keil hat früh Bekanntschaft mit dem Tod gemacht, sie war als Kind in einem Waisenhaus im Polen und musste 1945 zusammen mit ihrer Mutter nach Westen fliehen. Auf der Flucht erlitt das sechsjährige Mädchen das typische Flüchtlingsschicksal: Tieffliegerangriffe, Verletzte, Tote, Erhängte, Vergewaltigungsversuche bei der Mutter – das ganze Kompendium des Schreckens also. Gefragt waren unter diesen Umständen nicht Sensibilität und Einfühlungsvermögen, sondern Härte, das Unterdrücken von Tränen und Mitleid, die Fähigkeit, sich auch auf Kosten anderer selbst zu behaupten.

Henning Scherf dagegen wuchs behütet bei der Großmutter auf, im Kreise seiner Geschwister. Der Vater war unter den Nazis häufiger in Haft, die Mutter lange krank. Die Großmutter starb, als er sechzehn Jahre alt war, es war, wie man sagen kann, ein guter Tod im Kreis der Enkel. Ein anderes Sterben, welches er bei seiner Mutter erlebte, belastet ihn noch heute: sie starb allein auf einer Intensivstation, Scherf nahm seinerzeit im Glauben, seine Mutter sei gut versorgt, andere Verpflichtungen wahr und war nicht vor Ort.

Es ist in dieser Besprechung in der gebotenen Kürze nicht möglich, den Inhalt des Buches wiederzugeben. Er spiegelt das Bemühen der beiden Autoren wieder, das Alter, den Sterbeprozess und den Tod aus seinem gesellschaftlichen Abseits herauszuholen und wieder als einen integralen Bestandteil des ganz normalen Lebens darzustellen, wobei ‚gutes Sterben‘ seine eigenen Ansprüche stellt: es braucht die Öffnung innerer und äußere Räume für eine Rückschau, es braucht Stille und Abschiednehmen, es braucht Demut auch. Jedes Leben endet mit dem Tod, auch wenn die (moderne) Gesellschaft viele Vermeidungsstrategien und Verdrängungsprozess zeigt. Der oftmal grassierende ‚Jugendwahn‘ ist dafür ein Beispiel ebenso wie die ‚Entsorgung‘ alter und kranker Menschen im Heimen und Krankenhäuser, insbesondere in den USA sind Methoden auf dem Markt, Verstorbene zu konservieren, um sie ggf. bei einer entsprechend fortgeschrittenen Medizin wieder zum Leben zu erwecken [2].

Jeder Tod ist individuell und einmalig und Sterben kann man nicht lernen. Man kann sich aber auf sein eigenes Sterben vorbereiten, in dem man sich mit seinem Leben und der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. Dies meint nicht mehr und nicht weniger eine Änderung der Sterbekultur in unserem Land, einer Sterbekultur, in der der Sterbende seiner Selbstbestimmung nicht beraubt wird und in der Menschlichkeit herrscht anstatt, daß er in einsam und ohne Begleitung in einen Heim oder einem Krankenhaus (oder….) stirbt. Ehrenamtliche und professionelle Hospizbegleitung sowie die Wiederentdeckung der palliativmedizinischen Begleitung sterbenskranker am Ende ihres Lebens sind wichtige Komponenten einer menschlichen, einer humanen Sterbebegleitung, die ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. Im Kern, so fasst Keil zusammen, geht es in der Begleitung und Betreuung sterbender Menschen um die Erhaltung und Verbesserung ihrer Lebensqualität, um die Unterstützung derer, die als begleitende Angehörige mit besonderen Problemen konfrontiert werden, die mit einer lebensbedrohlichen Krankheit einhergehen. 

Der Begriff der Selbstbestimmung ist den Autoren wichtig, er taucht immer wieder in verschiedenen Aspekten auf, vor allem im Sinne des Suizides eines Kranken und des möglichen Wunsches eines Sterbenden nach einem assistierten Suizid; für den ersten Fall wird der Suizid des an einem Glioblastom erkrankten Schriftsteller Wolfgang Herrndorf als Beispiel angeführt [3]. Damit stellt des weiteren das Themenfeld ‚Sterbehilfe‘ einen Schwerpunkt der Ausführungen dar. Einen weiteren Schwerpunkt stellt der Komplex der ‚Sterbebegleitung‘ dar, in der neben den medizinischen und pflegerischen ‚Fachleuten‘ jeder Einzelne gefragt ist. Sterbebegleitung als seelsorgerische und mitmenschliche Begleitung ist ein schöpferischer Akt, in dem soweit es möglich ist, auf die Bedürfnisse des Sterbenden eingegangen wird. Er wirkt auf den Begleitenden zurück: nur weniges ist friedvoller als eine gelungene Begleitung, die immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist.

Sterben ist vom Bestatten und vom Trauern nicht zu trennen. Auch hier findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, alt hergekommene Rituale werden aufgeweicht und durch neue ersetzt, insbesondere Scherf beschreibt dies mit Beispielen aus seiner persönlichen Erfahrung. Sogar der bundesweite Friedhofszwang scheint zu wanken, seit 2015 ist er zumindest in Bremen aufgehoben.

In der Summe stellt das Buch ein Zusammenfassung persönlicher Erfahrungen und Ansichten der beiden Verfasser zum Themenkreis ‚Alter, Sterben und Tod‘ dar, auf deren Grundlage ihr Plädoyer für die Entwicklung einer neuen, humanen Sterbekultur fußt.


Soweit, so wichtig, so gut. Doch kein Licht, das nicht auch Schatten wirft – oder: was mir aufgefallen ist am Buch.

Im Grund habe ich schon beim zweiten Satz des Buches gestutzt: Fragestellerin: Warum ist es immer noch tabu, über das eigene Sterben und den eigenen Tod zu reden. Annelie Keil: Wir sind ja schon dabei, dieser Verdrängung entgegenzuwirken. Dazu tragen etwa die Kriegsberichterstattung in den Medien bei. …. so habe ich das jetzt auch noch nicht gesehen… aber dieser Satz ist nicht weiter entscheidend.

Grundsätzlich hätte ich mir dagegen eine schärfere Begrifflichkeit in den Beiträgen gewünscht. Auch ein Buch, das keinen wissenschaftlichen Anspruch hat, sondern für ein Allgemeinpublikum geschrieben ist, sollte verwendete Begriffe in ihrer Bedeutung erklären, um Missverständnissen vorzubeugen. Dies betrifft vor allem einen zentralen Term der Ausführungen, den der ‚Sterbehilfe‘. Dieser, vom Prinzip her ein Oberbegriff, der sich aktive, passive und indirekte Sterbehilfe sowie den assistierten Suizid differenziert (vgl z.B. hier: 4] wird häufig eben ohne diese Differenzierung verwendet. So kommt es zu Aussagen wie: … Als ich bei dem Versuch, das Thema Sterbehilfe anschaulich zu machen, über die Selbstmorde von Ernest Hemingway und Gunther Sachs redete…. [Scherf im Abschnitt Das Sterben >machen<, S. 127]. Im einem Vortrag mag das durch den Kontext klar werden, aber im Buch steht es wie zitiert und Suizid (auch der im Buch häufig verwendete Begriff Selbstmord sollte eigentlich vermieden werden) fällt nun mal nicht unter den Begriff Sterbehilfe. Auch mit der Aussage auf S. 134: Die einen [i.e. Standesregeln der deutschen Ärzteschaft] überlassen die Gewissensentscheidung dem einzelnen Arzt, die anderen untersagen Sterbehilfe gänzlich. … muss man hadern: Über die Patientenverfügung (auf die als Möglichkeit, sein eventuelles Sterben selbstbestimmt festzulegen, praktisch gar nicht eingegangen wird) – lassen sich indirekte (Verabreichung von ausreichenden Schmerzmitteln, auch wenn dadurch unbeabsichtigt der Tod früher eintreten mag) und passive Massnahmen der Sterbehilfe (z.B. Verzicht auf künstliche Ernährung oder auf eine Wiederbelebung nach einem Herzstillstand) für Ärzte bindend festschreiben.

Es gibt immer wieder Situationen im Leben, nicht nur im Sterben, in denen Menschen durchhängen…. Und da wünsche ich mir, dass sie nicht mir ihrer Not allein bleiben, sondern Menschen finden, denen sie sich offenbaren können, die ihnen zuhören, einen Arzt, der vielleicht sogar ein Medikament hat, mit denen er ihnen helfen kann. Das wünsche ich den Alten , den Sterbenden. [Scherf im Abschnitt Das Sterben >machen<, S. 141] Selbstverständlich, davon gehe ich aus, ist dies nicht gemeint, aber die erste Assoziation (‚Arzt – Medikament – Sterbenden helfen‘) in diesem missglückten Satz war für mich, daß hier von ‚aktiver Sterbehilfe‘ die Rede ist.

Abschließend möchte ich noch ein Zitat anführen für eine Aussage Scherfs, über die ich auch gestolpert bin, weil dazu diametral entgegengesetzte Position denkbar ist. Bei der Diskussion des Themas neuer Rituale bei Bestattungen schreibt er: Nehmen wir an, ich finde den Schamanismus Zentralasiens großartig und eigne mir davon etwas an. Warum soll ich mir auf meiner Beerdigung kein schamanisches Ritual wünschen? Das steht dann nicht für Beliebigkeit, sondern für mein Leben, so, wie ich es gelebt habe. Dass die Hinterbliebenen das respektieren und möglich mach, ist das Minimum, meine ich. [S. 203]. Da die Bestattung der endgültige Abschied vom Verstorbenen ist und den Hinterbliebenen in besonderer Weise in der Erinnerung bleibt, sollte diese – so eine mögliche Gegenposition zu Scherf – so ausgestaltet werden, daß die Hinterbliebenen eine gute Erinnerung daran haben – was ich im Fallbeispiel Scherfs nicht für automatisch gegeben halte. Deshalb ist es wichtig, sich in der Familie vorher über diese Sachen zu unterhalten und sich möglichst auch zu einigen.

P.S.: Die Trauer muss irgendwann ein Ende haben. [Scherf, S. 238] Muss? Wer sagt das? Und was ist, wenn nicht?


Das letzte Tabu ist ein Mutmachbuch. Es zeigt, da biographisch, daß man sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen kann und es zeigt die Richtung, in die man gehen kann, um die Erkenntnis von der eigenen Endlichkeit akzeptieren zu lernen. Es ist überzeugend dadurch, daß die Verfasser aus eigenen Erfahrungen heraus sprechen. Trotzdem sollte man sich immer daran erinnern, daß jedes Sterben so individuell ist wie das Leben, an dessen Ende es steht, es gibt keine für alle Menschen gültigen und zu befolgenden Regeln, die ein ‚richtiges‘ Sterben garantieren. Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, auch auf die Gefahr hin, sich zu verirren: niemand kann dieser Tatsache ausweichen.

Daß ich im vorliegenden Buch ein Glossars vermisst habe, habe ich schon angemerkt, im Zusammenhang damit die mangelnden Schärfe bei der Verwendung wichtiger Begriffe. Gut getan hätte den Ausführungen ebenso eine Liste der Bücher, die im Text erwähnt werden. Nicht jeder wird sich gleich parallel zum Lesen die entsprechenden Notizen machen, unter [3] und [5] sind ein paar der angeführten Titel, soweit ich sie hier im Blog schon besprochen habe, aufgelistet. Meine Empfehlung für das vorliegende Buch ist aus den vorgenannten Gründen leider nur eingeschränkt, für die-/denjenigen, der sich schon mit dem Thema befasst hat, bietet es jedoch eine gute Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit eigenen Überzeugungen und mit Aussagen, die im Text getätigt werden.

Links und Anmerkungen:

[1] zu den Autoren/der Autorin:
– Webseite der Autorin Annelie Keil: http://www.anneliekeil.de und ‚ihr‘ Artikel in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Annelie_Keil
– Henning Scherf bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Henning_Scherf
[2] Andrea Dorn hat sich dieses Themas auf intelligente und unterhaltsame Weise in ihrem Roman Die Unglückseligen angenommen (Besprechung hier im Blog)
[3] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Besprechung hier im Blog
[4] http://www.cdl-rlp.de/Unsere_Arbeit/Sterbehilfe/Sterbehilfe-Definition.html
[5] – Wolfgang Bergmann: Sterben lernen
– Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch

Weitere Buchvorstellungen zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ sind in meinem Themenblog zu finden: https://mynfs.wordpress.com

Annelie Keil, Henning Scherf
Das letzte Tabu
Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen

diese Ausgabe: Herder, HC, ca. 256 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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