Doris Knecht: Wald

28. August 2016

Marian Malin, Anfang Vierzig, alleinstehend, Mutter einer mittlerweile erwachsenen und in London studierenden Tochter, wohnt (?) / haust (?) / lebt (?) in einem alten Häuschen im Voralpischen. Daß sie dort überhaupt wohnen/hausen/leben kann, verdankt sie einer seinerzeit und wie sich jetzt erwiesen hat glücklichen Entscheidung: sie hatte das Haus, welches sie von der Tante geerbt hatte, der Tochter Kim überschrieben. Hätte sie dies nicht getan, wäre es genauso wie alles andere, was sie in ihrem früheren Leben an Besitz besaß, weg gewesen. Denn Marin, die vor ihrer Marian-Zeit Marianne hieß, hat in einer Mischung aus Blauäugigkeit, einer der Verliebtheit verschuldeten Realitätsblindheit in der Wirtschaftskrise, die auf die Implosion aller möglichen Blasen nach Lehmann folgte, alles verloren: ihre wirtschaftliche Existenz ebenso wie ihre private, ihr Selbstbild, ihre moralischen Ansprüche und überhaupt – ihr ganzes Leben, so wie sie es bis zu diesem Zeitpunkt kannte. Alles verloren.

knecht cover

Marian ist auf der Flucht, ist geflohen in diese ländliche Gegend, die als Idylle zu beschreiben Hohn wäre. Sie ist dort ein Outlaw, eine Geächtete, ihr kommt im Dorf dieser Aussätzigenstatus zu; sie wird von niemanden gegrüßt, allenfalls die alte Peneder nickt ihr manchmal zu und wechselt ein Wort mit ihr. Das Land verlangt ihr, der Städterin, die nichts vom Leben hier weiß, alles ab. Mühsam und mit viel bitterer Erfahrung lernt sie, zu überleben. Im ersten Winter gelang ihr das kaum, mit dem vielen Selbstgebrannten des schon lange toten Onkels, den sie vorfand (gemeint ist der Schnaps….), trank sie sich allabendlich in wüste Nächte. Fast gestorben wäre sie damals, der Tod, der selbst herbeigeführte Tod, war ihr der tröstlichste und schönste Gedanke, dem sie in dieser Zeit nachhing.

Mein und Dein: sie war nicht mehr in der Position, darauf allzu viel Rücksicht zu nehmen. Sie stahl den Bauern Pflanzen vom Feld, das ein oder andere Huhn des Nachbarn landete unfreiwillig in ihrem Topf. Mit der alten Flinte des Onkels ging sie wildern, auch wenn dies letztlich schief ging. Oder auch nicht, je nachdem, wie man es betrachtete: Franz Schwaiger, der Mann, von dem sie später erfahren sollte, daß er die Autorität in dieser Gegend war (mal ganz abgesehen von seinem bemerkenswerten Besitztum). erwischte sie beim toten Reh.

Im Grunde entschied sich in dieser Sekunde ihr weiteres Schicksal. Der Mann hatte die Entscheidung bei sich, er konnte sie als Wilderin anzeigen, es hätte eine heftige Strafe gegeben und mehr noch, sie wäre wieder auf dem Schirm ihrer Gläubiger erschienen. Er konnte aber auch … zu ihr hingehen, ihr eine gewaltige Ohrfeige geben, ihr sagen, daß sie an Ort und Stelle bleiben solle, sein Auto holen, das tote Reh aufbrechen, es auf die Ladefläche werfen und damit wegfahren, wobei er sie im Wald stehen lassen könnte. In diesem Fall könnte er dann ein paar Tage später in ihr Haus kommen, ihr das portionierte, in Folie gezogene und eingeschweißte Rehfleisch bringen, ihr den Pullover über den Kopf ziehen, die Hände an die Brüste legen und den Gegenwert einfordern. Den Marian ihm mit gespreizten Beinen auch sich nehmen läßt, denn sie ist sich ihrer Lage und ihre Position bewusst.

Es sollte sich daraus so etwas wie Ratenzahlung entwickeln… nein, damit tue ich dem Franz unrecht, Franz erweist sich als zuverlässiger Versorger, er bringt bei seinen regelmäßigen Besuchen Lebensmittel mit und läßt Brennholz vor das Haus kippen, so daß Marian nicht mehr gezwungen ist, das Mobiliar zu verbrennen (war eh nicht mehr viel da…) und trotzdem zu frieren… und Marian bezahlt mit dem, was eine Frau bis zum Schluss immer besitzt: mit ihrem Körper. Und auch ‚dies‘ nicht wirklich liebt: sich hinterher den Mund ausspülen und die Zähne putzen zu müssen, zwingen andererseits muss sie sich nicht, es erscheint ihr, dieses Verhältnis erscheint ihr als etwas, was jetzt in diesem Leben so ist. Was ihr das Leben hier sehr viel leichter macht. Im Grunde erscheint es ihr mit Franz sogar einfacher und ehrlicher als es manchmal früher war…

Denn hatte sie sich nicht früher, in ihrem vorherigen Leben auch hin und wieder verkauft? Dinge gemacht, Sachen gemacht, weil ihre Kunden sie so wollten, weil Oliver es so wollte, weil Bruno es so wollte, ohne daß sie es auch wollte oder es richtig fand? In Fällen, in denen sie die ‚Tilda Swinton Frage‘ sorgsam vermied und erst gar nicht stellte? War es wirklich so viel unmoralischer, seinen Lebensunterhalt mit dem gesamten Körper und nicht nur mit den Händen oder dem Kopf zu verdienen? Sobald Marian bereit war, die moralische Komponente ganz aus dem Sachverhalt abzuziehen, wurde es schlagartig viel weniger kompliziert…. bis vielleicht auf Tatsache, daß der Franz verheiratet war. Aber eben nicht mit ihr. Die Basis, der Ausgangspunkt ihrer Beziehung zu Franz jedenfalls war unverlogen und aufrichtig, nicht durch Gefühlsduselei verklärt. Was man wahrscheinlich nicht von jeder Beziehung sagen kann, Marian muss sich da nur an die Sache mit Bruno erinnern, der sie damals, im anderen Leben, als sie die Prinzessin mit den sauteuren roten Heels gab („Rucke die guh, Blut ist im Schuh“aus ihrer Stammbar abschleppte und den sie vom folgenden Morgen an bis zum bösen Erwachen nur noch mit rosarote Verblendung vor dem Auge sah.


Doris Knecht führt uns mit ihrem Roman Wald in die Gefühlswelt einer Frau, die privat nicht so sehr, aber beruflich großen Erfolg hatte, eine Karriere vor sich hatte, die dann Umstände halber, aber auch selbstverschuldet in große Probleme geriet, alles verlor und jetzt gezwungen ist, ihr gesamtes Leben auf den Prüfstand zu setzen, ihre Massstäbe, ihre Kategorien, ihre Vorlieben und auch ihre Fähigkeit, zu (über)leben. Das neue Leben führt sie an ihre Grenzen, erst einmal rein physisch: ihr Körper wird durch Hunger und Kälte malträtiert, der Schnaps, den sie als Rundum-Medizin hineinschüttet, tut ein übriges. Dieses sehr reduzierte Leben, das sie in einer feindlichen Umgebung führen muss und das sie ganz auf sich selbst zurückwirft, zwingt sie ebenso, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und der Frage nach zu gehen: Wer war ich, wer bin ich und wer möchte ich wieder sein? Einfach aufgeben jedenfalls war in ihrem jetzigen Leben keine Option mehr…. so lernt sie – oder lernt, daß sie die Fähigkeiten dazu irgendwo in sich verborgen hat – was sie jetzt braucht, Brot backen, den Garten bewirtschaften, Einwecken, Konservieren, Hühner schlachten … Wenig bleibt letztlich von der Marian, die früher kompliziert und eine Prinzessin war; im Badezimmerspiegel ist es zu erkennen, ihr jetzt fleckiges, gebräuntes Gesicht, Falten und Fältchen … umrahmt von ungekämmtem, farblosem Haar … O Gott, ich bin jetzt die Tante, wird sie eines Tages bei diesem Anblick denken, ihr Geist ist in mich gefahren….

Es gibt noch mindestens einen zweiten Schlüsselmoment im Roman, wenn Marian nämlich das Wort „HUR“ an ihrer Haustür entdeckt, zwingt dies sie doch, sich mit ihrem Verhalten und ihrem Verhältnis zu Franz auseinanderzusetzen. Sie, die früher auf die romantische Liebe gesetzt hatte, wird hier massiv damit beschimpft, daß sie die Beziehung zu einem Mann auf eine rein ökonomische Basis aufbaut. Oder? Oder – wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich ist (was ihr schwerfällt, denn einen Mann wie Franz hätte sie in ihrem früheren Leben nicht angeschaut) -, scheint da etwa etwas im Entstehen zu sein – ist es möglich, daß ein positives Gefühl sich auch auf solcher Basis entwickeln kann? Ich möchte nicht mehr deine Hure sein. … Ich will, daß du mich respektierst. … Ich will, daß du weiterhin kommst. Ich habe dich gern hier. Franz ist kein ‚Verbalisierer‘, er ist ein Macher. Aber er hört Marian aufmerksam bei diesem Wunsch und dieser Wunsch scheint sich mit seinem zu decken… (Auf die irgendwann einmal naheliegende Frage, wie Franz dieses keineswegs nach außen hin verheimlichte Verhältnis mit der ‚Aussätzigen‘ mit seiner privaten und gesellschaftlichen Stellung in Einklang bringt, geht Knecht nicht ein, daß es ihm offensichtlich gelingt, muss man als Leser einfach hinnehmen – oder auch als Zeichen dafür nehmen, wie unangreifbar seine Stellung in der Familie und im Dorf ist.)

Der Roman endet in zweierlei Hinsicht versöhnlich. Franz, der Versorger, eröffnet ihr eine Zukunftsperspektive, in der ihre jetzige Beziehung zwischen ihnen in dieser Art jedenfalls nicht mehr Bestandteil ist. Vielleicht in anderer Weise. Aber das entscheidet sich noch. Und Marian selbst scheuert das „HUR“ von der Tür. Daß dabei auch der Lack, die glänzende Oberfläche abgeht – eh egal. Sie jedenfalls ist angekommen.


In Doris Knechts Roman Wald reißt die Autorin verschiedenste Themen an. Ihre Protagonistin Marianne sieht sich in ihrem „ersten“ Leben als Angehörige der modernen urbanen Welt, in die dieser biedere, provinzielle und altmodische Vornamen nicht passt, zu sehr nach ‚Sissi-Film‘ auch, Marian, das dagegen, klang, fand sie. modern, kreativ, international, geheimnisvoll, androgyn, genderneutral. … das passe besser zu einer Modedesignerin…. So designet sie letztlich ihr gesamte Leben durch: von den Essensgewohnheiten und der Kleidung über die Einrichtungsgegenstände bis hin zur Bettwäsche, deren Farbgestaltung – so hatte sie es irgendwo gelesen – ihr zu besserem und häufigerem Sex verhelfen sollte: ihr Leben war durchgestylt und verlief auf der Höhe der Zeit.

Marian hat früh ein Kind bekommen, ist aber nur die wenigste Zeit Mutter gewesen. Das Muttersein, die modernen Zeiten für moderne Frauen sind oft so, ließ sich mit dem Beruf nur schlecht vereinbaren, Ausbildung und Praktika in verschiedenen Städten Europas waren für die zielstrebige, ehrgeizige junge Frau möglich und für einen späteren Erfolg nötig. Daß der Vater mit seiner neuen Frau das Kind bei sich aufnehmen wollte und es dort eine behütete Kindheit zusammen mit diversen Stiefgeschwistern hatte – ein wohlfeiler Trost für Marian.

Leider, leider war sie mit Blindheit geschlagen… nicht, daß Bruno ihr irgendwann einmal etwas in dieser Hinsicht vorgemacht hätte… aber sie sah, was sie sehen wollte und übersah dabei die Krise, die von ein paar koksenden Banken ausgelöst wurde und die sie, Marian, ganz konkret etwas anging – so weit weg anfangs auch alles schien, die Globalisierung ist Globalisierung auch des Zusammenbrechens…..

Die uralte Frage: was macht den Menschen aus, was bleibt von ihm übrig, was ist er wirklich, wenn ihm die Äußerlichkeiten abhanden kommen? Was ist sein Wesen, wenn er gefordert ist, sein Leben zu gestalten, ohne daß er es sich kaufen kann? Für Marian beantwortet Knecht die Frage positiv: ja, es ist und bleibt etwas hinter der Fassade, möglicherweise mit Falten im Gesicht und strähnigem Haar drumherum, ganz sicher ist es ein Kampf und verursacht Schmerzen: aber sich mit seinem Schicksal abfinden bedeutet nicht, sich aufzugeben, sondern, sich neu zu gestalten: ehrlicher, direkter und ursprünglicher.

Die Umwelt, in der Marian Malin dies gelingt, ist ihr feindlich gesinnt. Jelinek reloaded? Ja, ich habe des öfteren an Jelinek denken müssen, die Missgünstigkeit, Verschrobenheit, Unzugänglichkeit, das Abweisende der Menschen – auch bei Knecht ist dies konstituierend für die Menschen, mit denen die Protagonistin zu tun hat. Das ‚Land‘ (i.e. die Gegend ausserhalb der Stadt) kommt nicht gut weg, das Land ist laut, es wird noch nach Gutsherrenart beherrscht (gut für Marian, daß sie sich für den ‚Gutsherrn‘ auszieht und sie nicht an irgendeinen der anderen ‚Franzens‘ geraten ist), der Sex ist konventionell: die Frau liegt, der Mann schiebt. Und sitzt die Frau mal, so ist es ebenfalls der Mann, der ihre Hüften packt und sie dirigiert…. dabei alles streng katholisch unter dem Etikett der ‚Nächstenliebe‘ verbucht…. und stets hockt jemand hinter der Gardine, um nur ja nichts zu verpassen….


Wald: ein Roman (in der dritten Person erzählt) mit spröder, auf Distanz achtender Sprache, der bald einen inneren Sog auf den Leser ausübt. Zwar identifiziert man sich nicht mit der Protagonisten, dazu bleibt die Distanz zu groß, die Wandlung der Protagonistin, die in den ehrlichen Rückblenden auf ihr bisheriges Leben deutlich wird, legt jedoch deutlich offen, wie schmerzhaft und anstrengend der Weg von der komfortablen Oberflächlichkeit des moderenen Lebens hin zu einem geerdeten ‚Sein‘ sein kann. Im Zuge dieser Entwicklung gewinnt auch die Protagonistin immer deutlicher an Charakter und an Sympathie ebenso. Wald von Doris Knecht: ein gelungenes, ein gutes Stück Literatur.

Doris Knecht
Wald
diese Ausgabe: Rowohlt TB, ca. 270 S., 2016

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7 Responses to “Doris Knecht: Wald”

  1. Silvia Says:

    Ist auch noch auf meiner ToDo-Liste. Die Gruber-Bücher der Autorin fand ich einfach klasse.

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  2. Im Frühjahr erscheint ein neuer Roman von Doris Knecht!
    Und „Besser“ hat mir auch gut gefallen, aber nicht besser;-)

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  3. Herr Hund Says:

    Danke. Ein Beitrag -Ihrer- reicht. Meiner Faulheit ist Genüge getan. Muss nun keinen weiteren Beitrag schreiben. Hier steht’s ja. Chapeau!

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    • flattersatz Says:

      Lieber Herr Hund, ich führe ihre selbst zitierte ‚Faulheit‘ auf die übergroßen Strahlungsmenge zurück, die unser Zentralstern im Moment nach Deutschland einführt… Vielleicht wird´s ja noch was, wenn Ariel und Boreas wieder da sind!
      Und danke für den Hut ich freu‘ mich!

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  4. Valinka Says:

    Aber auch Marlen Haushofer reloaded – „Die Wand“ aufgepeppt fürs 21. Jahrhundert.

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