Leon de Winter: SuperTex

24. August 2016

supertex cover

Simon Breslauer war Jude. Seine Schulbildung war gering, seine Neigung zu Schöngeistigem ebenfalls. Er war behaart, dick und schaufelte Essen in jeder angebotenen Quantität in sich hinein.

Nach dem Krieg, den er als einziger der Familie überlebte, baute er ein Textilimperium aufgebaut. Aus kleinen Anfängen heraus eröffnete er einen Laden nach dem anderen, in dem er Billigtextilien an die Mann bzw. die Frau brachte. Vieles davon in Asien gefertigt, Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts nahm die Globalisierung Schwung auf. Ihm brachte es mit seiner Ladenkette ‚SuperTex‘ Geld, viel Geld, haufenweise Geld. Aus Angst vor Anschlägen verkugelsicherte er seinen dicken Benz 560 SEL, in dem er dann letztlich im zarten Alter von neunundfünfzig Jahren leicht alkoholisiert einen Herzanfall erlitt, von der Straße abkam und in einem See ersoff. Das Ausmaß der Trauer bei den Familienangehörigen war unterschiedlich; zur Trauerfeier jedenfalls erschien sogar ein Brenninkmeijer.

Die Breslauers waren also wer in Amsterdam. Zu ihnen gehörte neben dem Verblichenen dessen Frau bzw. dessen Witwe Annie, die sich im Lauf der Jahre immer mehr dem Idealbild der jiddischen Mame angenähert hatte sowie die zwei Söhne Max und der zwei Jahre jüngere Benjamin, genannt Boy. Unterschiedlicher wie diese beiden konnte man als Brüderpaar kaum sein, Max war intelligent, renitent, kräftig, durchsetzungsfähig, er kam, kurz gesagt – und er selbst empfand es als beängstigend – auf den Vater. Boy dagegen war sanft, zwar nicht dumm, aber er konnte einfach nicht lernen und schaffte daher kaum die Realschule, nahm die Rolle des Verlierers im Brüderpaar klaglos und immer wieder an, ein Muttersohn. Er war derjenige, der bis fast zum Schluss im Elternhaus wohnen blieb, während Max dieses so früh es ging, verließ und ein freies, ungebundenes Studenten- und Liebesleben führte. Während Max sich später als Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei niederließ (bevor er nach einigen Jahren aus Liebeskummer auch in die väterliche Firma einstieg), stieg Boy im Lauf der Jahre in der Firma des Vaters zum Chefbuchhalter auf.

Ein herrschendes und ein heranwachsendes Alpha-Tier in einer Familie, das konnte nicht gut gehen. Zwischen Vater Simon und Sohn Max gab es Streit und Ärger, Max konnte die Art seines Vaters nicht ausstehen, der ewige Hinweis auf den Holocaust, den er als einziger der Familie überlebte, er nervte ihn ebenso wie die unzähligen jiddischen Alltagsweisheiten, die in Sprichwörter gepresst von Simon zu allen möglichen Gelegenheiten wiedergegeben wurden. Trauriger und tragischer Tiefpunkt des schwierigen Verhältnisses der beiden war der Beinahe-Mord des Sohnes am Vater….. Zwei Alpha-Tiere: so wie das zweite über die Markierung des ersten pinkelt, übernahm nach dem Tod des Vaters Max dessen Geliebte Maria, von deren Existenz er bis dato nichts gewusst hatte: Sexuelle Aspekte im Leben seines Vater zu vermuten, war ihm bis zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen.

SuperTex spielt auf zwei Ebenen. Die äußere, die als Rahmen fungiert, überspannt einen Tag von morgens bis abends. In dieser Zeit, die sich Max Breslauer teuer erkauft hat, liegt derselbige auf der Couch der Analytikerin Dr. Jansen, einem zarten Wesen, das von der Statur her eher einer Elfjährigen glich als einer Siebzigjährigen. Einerseits. Andererseits ist Max Breslauer auch davon überzeugt, daß, wenn G’tt eine Frau wäre, sie die Stimme von Frau Dr. Jansen hätte. Wie auch immer, dieser Dr. Jansen, bei der Max Breslauer vor Jahresfrist schon einmal einer erektilen Dysfunktion (die sich nach dem Tod des Vater jedoch spontan zurückbildete) wegen vorsprach, dieser Dr. Jansen erzählt er, warum und aus welchem Grund er heute morgen anrief und sie mit einen hohen Stundensatz zur Absage anderer Termine überredete, so daß sie ihm den ganzen Tag reservieren konnte. Max Breslauer nämlich hatte eine Geschichte zu erzählen, nein, musste eine Geschichte erzählen, musste diese Ereignisse loswerden.

supertex 928

Porsche 928 Bildquelle: siehe Links und Anmerkungen


Wenn Sie ein Jude sind,
was tun Sie dann am Schabbes-Morgen
in einem Porsche?

Neben dem Vater-Sohn-Konflikt, der in der Erzählung Max Breslauers einen breiten Raum einnimmt und der bis fast zum Vatermord führt, kennzeichnet genau diese Frage, die in seinem Leben bisher dreimal an ihn gestellt wurde, das zweite, das wahre Hauptthema des Romans: die Frage nach dem jüdischen Selbstverständnis in der heutigen Zeit, wobei man angesichts der jahrtausende alten jüdischen Geschichte die wenigen Jahre seit der Veröffentlichung des Roman durchaus ignorieren kann.

Jetzt im aktuellen Geschehen, sind die zwei Pole sind eindeutig: auf der einen Seite Max Breslauer, ein großer, dicker Mann mit feuerroten Gesicht wie ein deutscher Biertrinker, der weder Schinken noch Schicksen verschmäht, auf der anderen Seite diese drei Chassidim, die er mit seinem Lieblingsspielzeug, dem Porsche 928, fast über den Haufen fährt, ein Vater mit zwei Söhnen, auf dem Weg zum Schabbesgottesdienst in der Synagoge: „Ist das hier ein Porsche?“, rief der Vater nach dem Beinahe- Crash. „Also das ist das Auto von Herrn Professor Porsche, der für Herrn Hitler den Volkswagen gebaut hat? Und deswegen kommen wir zu spät zum Haus des Herrn?“ Mit der ganzen Autorität ihrer Tradition und ihres Glaubens belehrt ihn der jüngere der Söhne, den er mit seinem Porsche gerade noch so eben leicht touchiert hat: Moses wurden sechshunderund dreizehn Regeln gegeben … Dreihundertfünfundsechzig Verbote und zweihunderachtundvierzig Gebote. Ein guter Jude lebt nach den Regeln. worauf Max Breslauer nur arrogant erwidern kann: Was du nicht sagst! Regeln von vor ein paar tausend Jahren. Von einem Wüstenvolk. Damit schüchtert er das Kind natürlich nicht ein: Die Luft, die wir atmen, ist die neu? Die Sonne über unserem Kopf, ist sie von heute? Was konnte er darauf schon antworten, denn der kleine Junge hatte recht. Was bin ich eigentlich? Ein Jude? Ein Goj? Worum dreht sich mein Leben? Was bin ich außer einem Samenkorn im Wind?

Diese Fragen sind es, die ihn zu Dr. Jansen auf die Couch treiben. Nicht nur diese drei Chassidim haben ihn darauf gestoßen, schwer kommt ihm noch die Entscheidung seines Bruder Boy an, alles hinter sich zu lassen und wieder als gläubiger Jude zu leben. Was ist schließlich ein Jude ohne Hut? wurde Boy in Marokko gefragt, in einer Lebenskrise, in die ihn seine mangelnde Eignung für´s Geschäft getrieben hatte. Eine Frage, in der er gleichzeitig jedoch auch die (Er)Lösung für sich fand… und nicht nur das, Boy hatte  Sulamith gefunden. … ein durchaus symbolisch zu nehmender Name [3].

Max dagegen hatte seinerzeit seine Esther verloren. Dieser schon etwas zurückliegende Verlust seiner großen Liebe ist quasi das zu Boys Rückbesinnung auf seine ‚jiddischkajt‘ inverse Ereignis: Esther, eine aufgeklärte sephardische Jüdin [4], gab sich (Max und sie waren schon ein Paar zu diesem Zeitpunkt, Esther fühlte sich durch die permanente Suiziddrohung ihres Ex-Mannes erpresst) die Schuld an dessen Suizid und der einzige Trost, den sie fand, war die Hinwendung zum orthodoxen Judentum, eine Entscheidung, die Max nicht mitgehen konnte, obwohl es ihm das Herz brach. Max hatte einfach keinen Glauben.

Dreimal also klopft die ‚jiddischkajt‘ an die Tür von Max und bringt ihn dazu, an seinem Leben, wie er es führt, zu zweifeln. Leon de Winter, dieser großartige Erzähler, bettet diese Grundfrage eines jeden Lebens, die Frage nach dem Sinn, die sich mit der Besonderheit des Judentums noch einmal potenziert (gleichwohl sie natürlich auf für Andersgläubige existiert) ein in die Lebensgeschichte eines jähzornigen, durchsetzungsstarken Geschäftsmannes, der sich an der Überfigur seines Vaters abarbeitet, bis er durch seine eigene Sinnkrise erkennt: Ich wollte, daß er gleichzeitig Albert Schweitzer, Ghandi und Ben Gurion war, aber er war nur Simon Breslauer. … er war als Habenichts geboren und starb mit neunundfünfzig in einer goldenen Kutsche. Für Breslauer, den Sohn ist diese Erkenntnis eine Befreiung, endlich kann er akzeptieren, daß er der Erbe ist, daß er das Erbe seines Vaters übernehmen und weiterführen kann. Dieser Gedanke erwärmt mich, und das Ziel, das nun auf einmal hell und klar vor mir auftauchte, beruhigte und tröstete mich. Ich war der Erbe. Ich würde mich nicht mehr dagegen wehren.

Wie schon festgehalten, de Winter ist ein großartiger Erzähler. Schon nach wenigen Seiten packt der Roman den Leser, auch wenn Max Breslauer in seinem Jähzorn und seiner gesamten Art nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, so nimmt man doch starken Anteil an seinem Leben. Mit ähnlicher Aufmerksamkeit wie Dr. Jansen verfolgt man seine Erzählung, spürt man die Wege und die Irrwege in Max Breslauers Leben. Es ist eine jüdische Geschichte, geprägt durch die fast vollständige Vernichtung einer Familie im Holocaust, die nicht einfach mit dem Kriegsende vorbei war, sondern sich fortpflanzt in den Nachkommen, die unter den Traumatisierungen zu leiden haben, die oft, da sie es nicht selber erlebt haben, das Grauen nicht nachempfinden können und eher nach vorne sehen als in die Vergangenheit. Aber, auch das zeigt de Winter, sein Erbe, zumindest diese Art von Erbe, hat man und man kann es nicht abstreifen wie einen Mantel, es ist zu akzeptieren und anzunehmen.


Was ist ein Jude ohne Hut? 

Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Nicht viel. de Winter packt es in ein schönes Bild: Boy, dem sie gestellt wird, erhält einen Hut von Abdul, den Juden, der ihn ein paar Stunden zuvor noch über den Tisch gezogen hat und den er durch Zufall in der Stadt wiedertraf um mit großem körperlichem Einsatz verfolgte. Boy setzte diesen Hut auf, fühlte Abduls Augen auf [sich], aber das Geld und …. SuperTex ließen [ihn] vollkommen kalt.- [Er] hatte Sulamith gefunden. Sulamith, die Liebe und die Rückbesinnung auf die jüdische Tradition und seinen Glauben.

Max, du verstehst das nicht. Was war ich schon? Ein Jud ohne Hut! Was ist ein Jud ohne Hut? …. Ich bin eine bestimmte Sorte Mensch. Ein Jude. … Im Amsterdam, was war ich da? Ein Jude in einem Mercedes! Gütiger Gott, das ist doch nicht unser Lebensziel, Max? … Ich habe wieder angefangen, nach der Überlieferung zu leben…
…..
Der einzige, zu dem ich gehöre, ist G’tt. Und du? Fährst du noch in Deinem Porsche 928 durch Amsterdam? Machst gute Geschäfte und frisst dich voll? … Wohnst mit einer Schickse zusammen, und mit was für einer, der ehemaligen Mätresse von Papa … Fährt dir niemals das flammende Schwert der Scham durch Dein fettes Herz? Fragst Du Dich nie: ein Jude in einem Porsche, geht das?

 


Das sind eindringliche Passagen, die beim Lesen nicht ohne Wirkung bleiben. Der Sinn des Lebens, eine Frage, die sich jedem stellt, die jeder auf seine Weise beantworten muss und deren Antwort hin und wieder hinterfragt werden muss, damit man nicht wie Max Breslauer in die Porsche-Falle läuft und Nichtigkeiten zum Fetisch erhebt….

Ein durchaus schwieriges Thema also, daß de Winter sich erkoren hat, auf intelligente und fesselnde Art und Weise aufbereitet und dargeboten. Auch wenn der Roman nicht mehr ganz neu ist, er lohnt des Lesens immer noch!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Leon_de_Winter 
[2] —
[3] Sulamith ist der Name der Frauenfigur aus dem Hohelied Salomons
[4] im Gegensatz zu den meist aus ärmlichen Verhältnissen stammenden orthodoxen chassidischen Juden des askenischen Judentums des Ostens stammen die Sepharden, der jüdische Adel, von der iberischen Halbinsel, von der sie 1492 aus Spanien und wenig später auch aus Portugal vertrieben worden waren. Zwar gingen die meisten der Vertriebene ins Osmanische Reich, einige blieben jedoch auch in Europa, u.a. in den Niederlanden.

Weitere Roman von Leon de Winter hier im Blog:
Leo Kaplan
Hoffmans Hunger
Recht auf Rückkehr
– Sokolows Universum
– Ein gutes Herz

Bildquelle: ‚Porsche 928‘: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Porsche928_S4_1990.jpg; Bild gemeinfrei, von Cybergötti (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Leon de Winter
SuperTex
Originalausgabe: De Bezige Bij, Amsterdam 1991

übersetzt aus dem Niederländischen von Sibylle Mulot
deutsche Erstausgabe: Piper, 1993
diese Ausgabe
: Diogenes, TB deluxe, 352 S., 2014

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