Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland

17. August 2016

Ich bin eine Hebräerin – Gottes Wille und nicht der Hebräer Willen;
ich liebe sein kleinstes Volk, die Hebräer, fast wie den Ewigen Selbst.
Ich liebe mein Volk, ärgere mich nicht an seinem Satz:
trinke ich doch des Hebäerlandes Traube
und ärgere ich mich nicht des geringen trüben Rests im Glase.
Doch der Andersgläubige, der den Satz meines Blutes verhöhnt,
genieße auch nicht mich und – mein Gedicht.
Aber er blicke auf seines eignen Blutes Boden!

hebraeer


Ich habe vor wenigen Tagen hier im Blog die von Brigitte Landes herausgegebene Sammlung einiger Briefe Else Lasker-Schülers an ihren Mann bzw. dann Ex-Mann Herwarth Walden aus dem Jahr 1912 vorgestellt, ein allerliebstes Insel-Büchlein [7]. Dies hat mich selbst dazu verführt, zum wiederholten Male mit dem kleinen dtv-Bändchen von ihr aus lange vergangenen Zeiten (Zeiten, in denen Celestino Piatti [6] noch die wunderschönen Umschlaggestaltungen verantwortete) zu liebäugeln.

Das Hebräerland hatte ich schon mehrfach in den Händen, sah auch Anmerkungen und Unterstreichungen früherer Leseansätze darin – nur fertig gelesen hatte ich es nie, wahrscheinlich erschien es mir immer zu abgehoben, zu esoterisch, zu wenig realitätsnah: Die Tatsachen sind manchmal geradezu grotesk falsch dargestellt, so daß niemand, der das Land nicht kennt, sein äußeres Bild aus diesem Buch erfahren wird – so steht in einer frühen Besprechung des Buches aus dem Erscheinungsjahr [2a]. Wahrscheinlich trifft genau dieser Sachverhalt meine Unfähigkeit, bislang Lasker-Schülers Prosadichtung lesen zu können. Nach dem erwähnten Insel-Büchlein jedoch war bei mir das Interesse an der Dichterin erneut geweckt, ein neuer Anlauf also, erfolgreicher… denn auch das steht in obiger Besprechung, und dafür bin ich mittlerweile und möglicherweise sensibler geworden:  In ihm tritt uns eine Wahrheit auf höherer Ebene, die innere Wahrheit des Landes entgegen.

Else Lasker-Schüler, noch 1932 für ihr Lebenswerk mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, sah sich ein Jahr später nach tätlichen Angriffen gezwungen, Deutschland zu verlassen, sie ging 1933 in die Schweiz, nach Zürich, einer Stadt, in der sie jedoch unwillkommen und diversen bürokratischen Beschränkungen unterworfen war. Vor dort aus unternahm sie 1934 eine erste Reise nach Palästina. Über Genua erreichte sie Alexandria in Ägypten, wo sie einen Zwischenaufenthalt macht, den sie auch im Buch beschreibt. In Palästina trifft sie Anfang April 1934 ein, sie bleibt dort bis Ende Mai, also nur wenige Wochen. Die Frage von Bekannten nach dem Grund, warum sie überhaupt zurückreist, beantwortet sie recht kryptisch: Ich reise nach Europa zurück, und zwar aus – geographischen Gründen; festzustellen, ob man von dem Bibelstern wieder zur Erde gelangen kann. Eine Auskunft, die im Grunde die Ausgangsfrage nur transformiert: Warum überhaupt sie wieder ‚zur Erde gelangen‘ will, wo sie doch im ‚Bibelstern‘ angekommen ist…. Noch zweimal sollte Else Lasker-Schüler nach Palästina reisen, 1937 und 1939. Der Kriegsausbruch und die Verweigerung des Rückreisevisums in die Schweiz zwangen sie, in Palästina zu bleiben. Sie starb dort 1945 nach einem Herzanfall, wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben [1].

Die Arbeit an dem vorliegenden Büchlein nahm Lasker-Schüler erst in der Schweiz auf, auch hierüber berichtet sie kurz: Jerusalem und sein Land taucht lächelnd auf aus meiner Erinnerung und belebt mich mächtig. Wie die Nachkur einer Kur. Meine beiden Begleiterinnen, die Dichtung und die Malerei, beginnen die wohltätige Folge der heiligen Stadt zu fühlen. Ausgeruht erschließt sich die Zeile meines Verses und blüht … Kunst ist Wein! Der will gären, sich filtrieren, je länger der kostbare Most im Herzen des träumenden schäumenden Künstlers ruht, desto unvergleichbar süßer der Dichtung Blume. Der Text beschränkt sich nicht ausschließlich auf Eindrücke aus Palästina, es sind an einigen Stellen ebenso frühe Erinnerungen an ihre Kindheit in den Text eingeflossen, an den Vater und die geliebte Mutter… ebenso an ihren verstorbenen Sohn Paul.


Ganz Palästina ist eine Offenbarung!
Palästina getreu zu schildern,
ist man nur imstande, indem man das Hebräerland dem zweiten – offenbart.
Man muß gerne vom Bibelland erzählen;
wir kennen es ja alle schon von der kleinen Schulbibel her.
Nicht wissenschaftlich, nicht ökonomisch;
Palästina ist das Land des Gottesbuchs, Jerusalem – Gottes verschleierte Braut.
Ich kam von der Wüste aus, reiste zur heiligen Hochzeit,
eingeladen zur Feier, die immer Jerusalem umgibt.
Immer ist Hochzeit unter dem Baldachin seines Himmels.
Gott hat Jerusalem lieb.
Er hat es in Sein Herz geschlossen.
Er hat diese ewige Stadt der Städte erwählt.

Das Hebräerland ist also kein Reisebericht einer Touristin, die ein fremdes Land bereist und darüber Rechenschaft abgelegt hat. Auf dieser Ebene kontrastiert es völlig mit anderen Büchern und Berichten aus dieser Zeit, ich denke dabei insbesondere für mich an die Erinnerungen eines italienischen Juden, Vittorio Segre [ich habe diese Erinnungen hier im Blog vor kurzem ebenfalls vorgestellt: vgl. 4], der zur gleichen Zeit wie Lasker-Schüler nach Palästina kam (dieser für immer) und einen gänzlich anderen Eindruck vom Land übermittelt.

Lasker-Schüler sieht Palästina, insbesondere Jerusalem, die Braut Christi, den Vorhimmel, als Jüdin, die heimgekehrt ist, sie sieht es schwärmerisch, poetisch, verklärend, vielleicht auch ein wenig naiv. Sie sieht es so, wie sie es sehen möchte, sie sieht es als Fromme mit dem Herzen, das hier zu ihrem Gott schlägt, das dessen Anwesenheit allüberall spürt. Sie erfährt das Land mit in einer Art Innenschau, sieht das was sie sehen will und sehen will sie ihren Traum. Palästina ist für sie der Ort, den die Bibel als Paradies bezeichnet [5], entsprechend überzeichnet und – für unser heutiges Empfinden – überfrachtet sie das, was sie sieht.

Gottes Herz ist Jerusalem.

Insbesondere gilt dies für ihre Eindrücke von Jerusalem (das damalige dürfte nicht mit dem heutigen vergleichbar sein….), dieser Stadt, die für sie ein Bindeglied ist zwischen Himmel und Erde, nur im Äußeren auf letzterer beheimatet, im Inneren aber schon im göttlichen Reich [5]. So schildert sie ihre Gänge durch die Gassen der Stadt, die Begegnungen, die sie hat, die Eindrücke, die auf sie einwirken. Voller Demut ist ihr alles ‚lieb‘ in diesem Land, einerlei, ob es die ‚lieben jüdischen Pflanzer‘ sind, die sie sieht oder die ‚lieben, blinden, jüdischen Musikanten‘, die sie zum Hochzeitstanze aufspielen hört. Für Lasker-Schüler ist der Araber kein Fremder, für sie ist es der semitische Bruder, der mit dem jüdischen in Frieden lebt und auskommt: Die Artigkeit beider Semitenvölker tut einem gut. Wo ich aus weile unter ihnen, auf den Straßen, Plätzen, auf den Pfaden, aber auch in den Shops, Bars und Wirtschaften, begegnet man Güte…..

Nur an ganz vereinzelten Stellen schieben sich Töne in den Vordergrund, die realitätsnäher scheinen. So beschreibt sie in einer Passage [S. 89]: Aber die jungen Judenbauern … setzen sich immer von Neuem in ihren Pflanzungen großen Gefahren aus. Um unerschrocken, wahrhaft heldenmütig, die sie nächtlich überfallenden Bergvölker, im Grunde arglosen, doch aufgestachelten Arabern, für das geheiligte Werk ihrer Emeksiedlungen [Emek: Jesreel-Ebene in Palästina] zu gewinnen, mit ihnen in Freundschaft zu leben. …. Mag das Zitat auch ein Beispiel sein für den verspielten Schreibstil der Autorin, der ein aufmerksames Lesen erfordert. Und für ihre teils maßlos anmutende Idealisierung des Juden sowie für ihr Bemühen, den semitischen Stiefbruder (i.e. den Araber) gleich wieder in Schutz zu nehmen und von Schuld freizusprechen.

Noch ist Lasker-Schüler als ‚Touristin‘ im Land, lebt sie im Hotel, wird oft eingeladen und hofiert. Das Jahr, das zwischen Erleben und Niederschreiben vergangen ist, mag zusätzlich zur Verklärung beigetragen haben. Wie Brigitte Landes [7] andeutet, barg das Leben in Palästina für Else Lasker-Schüler später Enttäuschungen, ist ist plausibel, daß der Zusammenprall des wirklichen Lebens als Bewohnerin des Landes mit dem Traum letzteren zerschellen ließ…


Lasker-Schüler ist keine Unbekannte im Land, man weiß von ihren Gedichten, hört sie gerne, sie wird gelobt dafür und eingeladen, vorzulesen und vorzutragen. Auch trifft sie viele Bekannte im Land, darunter auch viele Flüchtlinge und Emigranten: Maler, Schriftsteller, andere Künstler. Der Aderlaß aus dem faschistischen Europa hat längt begonnen und Palästina erreicht….. Auch Uri-Zwi Greenberg begegnet sie, dem alten Freud aus längst vergangenen Berlintagen, von denen Rozier in seinem Buch berichtet [3], mich freuen solche Querverbindungen aus Büchern, die als Buch, gleichwohl nicht als Thema, weit von einander entfernt sind.

So wechseln in dem Büchlein Passagen spirituellen Inhalts mit Beschreibungen von Orten, Menschen und Ereignissen, die Erinnerungen an ihr vergangenes Leben in Deutschland haben ihren Platz und vor allem auch die Erinnerung an ihre Kindheit, an den Vater und die geliebte Mutter. Ihr eigener Sohn Paul, der 1927 im Alter von nur 28 Jahren gestorben war, hat ebenso seinen Platz in den Rückblicken.

Mag man Else Lasker-Schüler vorwiegend als Prinz Jussuf in Erinnerung haben, als schillerndes Mitglied der Berliner Boheme der Zwanziger rund um´s Café des Westens und später das Romanische Café, als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen, so offenbart sich in Das Hebräerland die vom Schicksal geschlagene, fromme und suchende Jüdin, eine träumende Jüdin.

Else-Lasker Schüler, eins von so vielen, vielen Tausenden jüdischen Schicksalen aus dunkelster Zeit. Ein Opfer, das nicht direkt ermordet wurde, aber wohl indirekt an seinem Schicksal litt und starb. Erinnern wir uns an sie und ihren Traum.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie von Else Lasker-Schüler: https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Lasker-Schüler; aber auch hier: http://www.kj-skrodzki.de/inhalt.htm
[2] a: Palästina (Wien). Jg. 20, Nr. 7 vom Juli 1937. S. 386; http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_041.htm
[3] Rozie: Der Palast der Erinnerung; Buchvorstellung hier im Blog
[4] Vittorio Segre: Ein Glücksrabe; Buchvorstellung hier im Blog
[5] in apokryphen Schriften zum Alten Testament steht geschrieben, daß die Stadt Jerusalem an dem Ort steht, an dem G`tt Adam erschaffen hat. Da passt es gut, daß Lasker-Schüler in Palästina das Paradies wiedererkennt.
[6] Wiki-Beitrag zum Piatti: https://de.wikipedia.org/wiki/Celestino_Piatti
[7] Brigitte Landes (Hrsg und Nachwort): Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus; Besprechung hier im Blog

Lesenswert auch diese Buchvorstellung im Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz (Zürich). Jg. 37, Nr. 19 vom 7. Mai 1937. S. 3 f.; in http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_050.htm 

Else Lasker-Schüler
Das Hebräerland
Erstausgabe: Mit 9 Zeichnungen, Verlag Dr. Oprecht und Helbling A.-G., Zürich 1937
diese Ausgabe: dtv, ca. 190 S., 1981

 

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: