Solomonica de Winter: Die Geschichte von Blue

14. August 2016

blue

Man kann dieses Buch, diesen Roman, von Solomonica de Winter nicht besprechen, ohne auf das eine oder andere Detail einzugehen. So ist zum Beispiel der Name ‚de Winter‘ nicht dem Zufall geschuldet, sondern dem Vater, Leon de Winter, der bekanntlich zudem mit einer gewissen Jessica Durlacher verheiratet ist. Mithin, um in den deutschen Sprachwortschatz zu greifen, ist mit Solomonica, der Tochter, die Äpfelin nicht weit vom Stamm gefallen. Zur Zeit der Erstausgabe 2014 – welch ein Zufall, der Diogenes-Verlag, Hausverlag der Eltern, hatte sich die Rechte für diesen auf Englisch geschriebenen Roman gesichert und ihn auf Deutsch erstpubliziert – war die 1997 geborene Verfasserin bemerkenswerte erst siebzehn Jahre jung.

Die Kritik bzw. die meisten Kritiker überschlägt bzw. überschlagen sich fast vor Begeisterung. Da ist davon die Rede, dies sein eins jener Bücher, die einen umhauen. Vor denen man noch Jahre später sagen wird: Diesen Roman müssen sie unbedingt lesen. Da wird konstatiert, Solomonica de Winter hämmere Sätze heraus .. wie Charles Bukowski und das ganze sei unglaublich cool, abgeklärt und stilsicher [1]. WOW!


Hören Sie sich die Geschichte an
von einem dreizehnjährigen Mädchen,
das einen Mann tötet.
Und eine Frau. 

Blue, die Protagonistin, war ursprünglich ein normales, aufgewecktes junges Mädchen. Ihre Eltern waren glücklich miteinander, betrieben mit viel Engagement ein Restaurant. Leider reichte Engagement alleine nicht, trotz der vielen Arbeit kam die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, der Vater Oliver musste Kredite aufnehmen, die er nicht zurückzahlen konnte. Man kennt das: der Finanzhaifisch, den man angepumpt hatte, der hat Zähne und die fletscht er bald. Um ihn zufrieden zu stellen, heckte der Vater einen idiotischen Plan aus: er wollte das Geld durch einen Überfall besorgen. Das ging gründlich schief, er wurde bei der Aktion erschossen und die Tochter Blue verkraftete diesen Verlust, den Tod des Vaters nicht. Sie verstummte (im wörtlichen Sinne) und driftete immer stärker in eine Phantasiewelt ab, die durch das Märchen vom Zauberer von Oz [2] gestaltet wurde: Während ihre Kindheit durch den Mord an ihrem Vater und die sich entwickelnde Drogensucht ihrer Mutter Daisy brutal zerstört worden war, wurde Oz ihr Sehnsuchtsland, Dorothy ihr sehnsuchtsvolles Alter Ego. Das Buch mit dem Märchen, das sie damals vom Vater bekam, wurde nicht nur ihr stetiger Begleiter, es wurde zu ihren Fetisch, ihrem einzigen Halt in dieser Welt.

In Blue wuchs ein Plan heran, langsam, aber sicher nahm er Besitz von ihr. Es war der Plan, den Schuldigen an allem, den Schuldigen am Tod des Vaters zu töten. Er heißt James, ist ein typischer Gangster, hat das Restaurant der Eltern übernommen. Sie, Blue, benannt nach dem Dunkelblau in den aufziehenden grauen Wolken vor reinem Gewitter, kundschaftete ihn aus, wußte bald über seine Gewohnheiten Bescheid.

Blues Leben, ein Leben voller Probleme. Steter Krach mit der Mutter, in der Schule die gehänselte Aussenseiterin, die nie sprach und keinen Kontakt hatte, ihr einziger Halt war das Buch Der Zauberer von Oz, das sie von ihrem Vater hatte. Und Charlie, der langsam in ihre Geisteswelt diffundierte, ein Junge der hinter der Kasse eines Minimarktes saß und sie anscheinend so akzeptierte, wie sie war: stumm, verschüchtert, Dorothy-affin. Bei und mit Charlie sah sie den Film vom Zauberer… wundert es, daß sie sich in diesen Jungen verliebte?


Von dem allen (und wie die Handlung weiter geht) erfahren wir durch ein Buch im Buch, Aufzeichnungen nämlich, die Blue für einen Psychologen, der sie mit dem Ziel begutachtet, eine Behandlungsempfehlung zu erstellen, angefertigt hat. Wir erinnern uns: Blue spricht nicht (genauer gesagt: Charlie gegenüber hat sie mit viel Mühe nach Jahren des Schweigens wenige Worte herausquetschen können….), ihr Kommunikationsmittel mit ihrer Umwelt sind Zettel, auf den sie ihr Anliegen, ihre Worte schreibt.

So entblättert sich vor uns Lesern langsam und im wesentlichen chronologisch mit einzelnen Rückblenden das Leben dieses kranken Mädchens, immer wieder auch unterbrochen durch ihre direkten ‚Ansprachen‘ an den Psychologen, für den sie ihre Geschichte aufschreibt. Es ist ein Blick in eine Psycho, die in einer engen Endlosschleife bzw -spirale gefangen ist, der Gedanke, den Vater zu rächen, wird immer obsessiver und nimmt das junge Mädchen immer mehr gefangen, derweil das ‚richtige‘ Leben immer weiter auf einen Abgrund zusteuert: die Probleme in der Schule, der Konflikt mit der koksenden Mutter. Die Welt, Blues Welt, ist schlecht und böse. Den einzigen Halt stellt ausgerechnet die Fantasie dar, Dorothy zu werden, in ein Land Oz zu kommen….

Ich habe vorstehen erwähnt, wie positiv die Reaktion der Kritik auf diesen Roman war bzw. ist. Diese Begeisterung läßt sich auch in vielen Blogs, in denen das Buch vorgestellt wird, finden. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür (pars pro toto) möchte ich ziteren, es stammt aus dem Blog booknerds.de [3]: Heftig ist, mit welcher Wortgewalt und Ausdruckskraft die Autorin dieses Werk verfasst hat. Dieses Werk, an dem kein Nanogramm verbales Fett hängt. In welchem repetitive Elemente bewusst eingesetzt wurden und dadurch mit einer beklemmenden Eindringlichkeit auf den Leser wirken. „Die Geschichte von Blue“ liest sich oftmals wie die Arbeit eines jahrzehntelang erfahrenen Schriftstellers – imaginär-visuell derart wirkungsvoll….

Die hier vom Bloggerkollegen angemerkten ‚repetetiven Elemente‘: ich habe sie auch bemerkt, sicherlich, im wesentlichen beim Lesen jedoch leider als langatmig bis langweilig empfunden, keineswegs als eindringlich. Sie mögen der dargestellten psychischen Situation des jungen Mädchens entsprechen, diese sozusagen 1:1 – Darstellung durch die Autorin, in der die sich wiederholenden Gedankenschleifen also genauso wiederholt beschrieben werden,  hat mich jedoch nicht überzeugt. Die Kunst wäre gewesen, diese Situation der Mädchens kürzer und vom konkreten Geschehen abstrahierter zu schildern. Erst im letzten Drittel des Romans gelingt es de Winter, den Spannungsbogen ihrer Geschichte besser in Szene zu setzen, sie wartet dort auch mit einer überraschenden Volte auf und löst deren Handlung mit einer (im Laufe des Lesens irgendwo schon aufgekeimten und vermuteten) Wendung auf. Und falls jemand durch den Vergleich mit dem ‚Dirty Old Man‘ Bukowski neugierig geworden ist: hin und wieder das f-Wort in den Text einzustreuen, reicht bei weitem nicht aus, um Henry Chinasky zu toppen.

Für mich, um mein Leseerlebnis zusammen zu fassen, war Blues Geschichte also etwas langatmig, die allgemein vorherrschende Begeisterung teile ich nicht. Ungeachtet dessen ist der Roman angesichts der Jugend seiner Autorin schon bemerkens- und auch lesenswert, er läßt in jedem Fall gespannt sein, was wir von Solomonica de Winter noch zu erwarten haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Der hinteren Einbandseite entnommen. In der Reihenfolge: Christine Westermann, wdr/ Bettina Klee, Gala / Melina Savvidon, FAZ
[2] Wiki-Artikel zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_von_Oz und zum Film (1939), der im Roman auch seine Rolle spielt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberer_von_Oz_(1939)
[3] Chris Popp: Solomonica de Winter – Die Geschichte von Blue (Buch); in:  http://wp.me/p37jsc-43v

Solomonica de Winter
Die Geschichte von Blue
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 288 S., 2014

 

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