Einar Kárason: Die Teufelsinsel

10. August 2016

teufelsinsel

Der Autor dieses Romans, Einar Kárason, gehört zu den wichtigen Gegenwartsliteraten Islands. Geboren wurde er 1955 in Reykjavik, er studierte Literaturwissenschaft und veröffentlichte früh Gedichte. Seine Durchbruch als Romanautor hatte er mit diesem 1983 erschienen Buch Die Teufelsinsel, dem zwei weitere Teile (Die Goldinsel, 1986 und Das Gelobte Land, 1989) folgten, die zusammen die Barackentrilogie bilden.

Kárason führt uns mit seiner Geschichte in eine Aussenseitergruppe der isländischen Gesellschaft, der Name Barackentrilogie läßt es schon vermuten. Wir kommen ins proletarische, möglicherweise kann man auch schon sagen, asoziale Milieu der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Es ist ein Randbereich der Stadt, der eng mit der Anwesenheit der Amerikaner auf Island verbunden ist, hier lebt die Familie um Karolina und Tommi, die im Mittelpunkt der Handlung steht.

Amerikaner (und Briten) hatten im 2. Weltkrieg Island besetzt, die Amis nutzten die Insel nach dem NATO-Beitritt der Isländer weiterhin militärisch. In den von ihnen gebauten halbtonnenförmigen Baracken hausen unsere Protagonisten am Rand der Stadt, Baracken, die unter dem Schnee des Winters sogar den alten isländischen Torfhäusern zu ähneln scheinen. Und doch: es waren nur Halbkreise aus Holz, umspannt von Wellblech, Holzplanken auf gletscherglatt geschliffenem isländischem Boden isolierten nach unten, der Rauch des Kohleofens zog durch ein Rohr durchs Dach. Man kann sich vorstellen, wie heimelig das Leben in diesen Baracken sein konnte…

Doch wann beginnt nun die Geschichte der Familie? Vielleicht mit Karolina selbst, denn sie war die Älteste. … Nein, näher läge es, die Geschichte damit beginnen zu lassen, wie Lina Tomas heiratete, der ebenfalls allein der Welt stand, ….

Karolina und Tomas, Tommi, stehen im Mittelpunkt der Familiensaga, ein Stammbaum, den Kárason beigefügt hat, erleichtert das Verständnis des Buches sehr (die Straßen- und Häuserskizze des Barackenvierteles, die ebenfalls abgebildet ist, ist dagegen leider recht schlecht lesbar, was den Gebrauchswert etwas mindert). Das Schicksal Karolinas war damals, noch vor der Zeit dieser Erzählung, nicht einfach, sie war eine von drei Schwestern, und sie war nun weiß Gott beinhart – nie sah jemand sie lächeln -, laut und nörglerisch, und darüber hinaus galt sie als verdammt kundig in schwarzer Magie. Es grenzte an Zauberei und Wunderwerk, wie sie es schaffte am Leben zu bleiben, nur mit ihrem Kind und völlig alleinstehend, nachdem sie ihre nächsten Verwandten verloren hatte…. Gogo hieß es, dieses einzige Kind, das sie, die so viele Kinder aufzog, selbst in die Welt gesetzt hatte, Gogo, das Fundament der gesamten Großfamilie. Die Großmacht. Gogo war fruchtbar und fiel man auch der Ächtung anheim, wenn man sich mit Ausländern einließ, so brachte sie doch insgesamt acht Kinder auf die Welt, die bei weitem nicht alle denselben Vater hatte und bei Gott: nicht alle Väter kamen aus Island. Aber wichtig für die Geschichte sollten nur drei dieser Kinder sein: Baddi, Danni und die Schwester Dolli, die anderen fünf sind nur vermerkt. Letztlich heiratet Gogo sogar einen Amerikaner namens Charlie Brown und mit dieser Heirat wendet sich für die Familie alles zum Besseren: sie können sich ein Haus bauen und aus der Baracke ausziehen und Gogo versorgt sie mit allem möglichen Hausrat. Später dann sollte Gogo mit ihrem Charlie nach Amerika gehen und für eine Zeit besuchen sie dort auch die Söhne Baddi und Danni, die recht verschieden sind. Der Ehrlichkeit halber muss man aber auch sagen, daß nicht jeder Einfluss – und ja, the American Way of Life war attraktiv, besonders für die Jugend – der Amerikaner wirklich begrüßenswert war und später dann die Lebensqualität im Viertel heben konnte.

Verdiente sich Lina also mit Wahrsagerei ein paar Kröten, so stieg Tommi, der seinerzeit zur See gefahren war, vom fliegenden Händler zum Ladenbesitzer auf. Er war in dieser Familie der ruhende Pol und wurde dies auch im Lauf der Zeit für das ganze Barackenviertel, trat nur selten in den Vordergrund, wirkte mäßigend und beruhigend, versuchte Unheil abzuwenden oder zumindest abzumildern. Und dazu hatte er reichlich Gelegenheit im Lauf der Jahre.

Aus dieser Grundkonstellation heraus entwickelt Kárason eine Familiengeschichte oder im größeren Rahmen gesehen eine Milieugeschichte, die geprägt ist von Armut, von Alkohol und Schlägereien, von Kleinkriminalität und Brutalität. Der Autor schildert ein Milieu, das seine eigenen Gesetze hat und nach diesen funktioniert – oder auch nicht, wenn sich beispielsweise ein Zwölfjähriger mit Frostschutzmittel besäuft und sich irgendwann selbst die Kehle durchschneidet. So waren Alkoholexzesse und Schlägereien an der Tagesordnung, die Kinder wurden in diesem Klima groß (von erziehen kann man kaum reden) und verinnerlichten die immanenten Mechanismen ihrer Gesellschaft.

Es gibt in den Jahren nach dem Krieg (die Handlung dieses Bandes der Trilogie endet in etwa zu der Zeit, in der Elvis nach Deutschland kommt, um dort seinen Militärdienst abzuleisten, also 1958) für das Viertel ein herausragendes Ereignis: Tommi gelang es, die anderen Männer davon zu überzeugen, daß der Jugend etwas geboten werden müsse, um ihr eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu geben. Freizeit – für die Männer, die sofort in nostalgische Erinnerungen über die eigene Jugend versanken, war dies ein Fremdwort, sie selbst hatte natürlich von Kindesbeinen an gearbeitet, aber heutzutage.. . jedenfalls wurde ein Fußballverein gegründet und es wurde mit viel Enthusiasmus und auf Teufel hinaus improvisiert. Beispielsweise gab es keine Schiedsrichterpfeife und Tommi, der als Trainer und Schiedsrichter fungierte, nahm eine Trompete für seine Arbeit… der Verein, der FC Kauris, war jedoch eine zeitlang ein großer Erfolg. Die Jungen, die zuvor als gefürchtete Schlägerbanden durch die Gegend zogen, bildeten ein Team und waren so erfolgreich, daß sie sogar zu Spielen ins Ausland fuhren. Doch als Baddi und Gjorni und andere der Helden keine Lust mehr hatten und aufhörten, ins Training zu kommen und zu spielen, brach das Team zusammen…

Dies also die Ausnahme. Allenfalls könnte man wohl den Weltrekord im Kugelstoßen, den Hreggvid erzielte, noch erwähnen, aber da dies letztlich eine peinliches Ende hatte, lassen wir es lieber…


Kárason schildert in seinem Roman den eher lausigen Alltag im Barackenviertel und konzentriert sich mehr auf Personen und deren Schicksale. Beispielsweise auf Fia und Toti, die als einzige im Viertel viel Geld haben, aber dadurch nicht glücklich geworden sind, haben sie doch große Angst davor, das Geld zu verschwenden und vor allem für Fia ist ‚verschwenden‘ gleichbedeutend mit ‚ausgeben’…. oder Halldor, der unglückliche Schreiner, der zwischen zwei Frauen gerät, der seine eigene verläßt und von der anderen selbst verlassen wird und der danach ein trauriges, einsames Leben führen muss…. die Katzennärrin Seaunn mit ihrem Sohn Bard, die dem Wahn nah ist seit dem Tod des Mannes und die im Feuer ein Ende findet…. Hyln, der Automechaniker, der sich so stolz gab auf seine beiden Söhne Otto und Olaf, die sich bei näheren Hinsehen jedoch als ebensolche Verlierer erwiesen wie viele der anderen.

Lina, die Mutter, wird nicht müde, ihren Baddi zu lieben und zu verteidigen, selbst und gerade als er nach seiner Rückkehr aus Amerika mehr als einmal mit seinen Kumpels im brutalst möglichen Rausch die Einrichtung der Wohnung zerschlägt… ist er mal wieder verhaftet worden, lotst sie ihn mir ihren Beziehungen (schließlich ist sie eine bekannte Wahrsagerin) wieder heraus und betüdelt den verlorenen Sohn, dessen Dankbarkeit ihr gegenüber sich allerdings in überschaubaren Grenzen hält.

Man kann das alles ‚verteufelt human‘ nennen, man kann die Menschen dort ‚echte Helden‘ nennen, man kann auch davon reden, sie seien ‚hemmungslos menschlich‘ und es herrsche ‚eine seltsame Aufbruchstimmung‘ – man kann natürlich auch über den Klappentext des Taschenbuches den Kopf schütteln, denn was Kárason schildert, ist einfach nur deprimierend und desillusionierend. Er schildert ein Milieu mit eigenen Gesetzen, aber ohne Zukunft, es ist eine Gesellschaft, in der die üblichen Werte keine Rolle spielen, Bildung oder Ausbildung sind Fremdworte: sie tauchen im Roman einfach nicht auf. Das kann man – wie vorstehend zitiert – aus der gut geheizten Stube und einer gesicherten Existenz heraus romantisieren, es sollte allerdings nicht vergessen werden, daß ein Milieu, in dem einzig das Recht des Stärkeren gilt, in einer Gesellschaft, die sich entwickeln will, bald abgehängt werden wird. Ich bin daher sehr gespannt, wie Kárason die weitere Entwicklung ’seines‘ Viertels in den nachfolgenden Teilen der Trilogie schildert.

Für das Buch selbst jedoch muss ich resümieren: Kárason ist mit Die Teufelsinsel ein absolutes Highlight gelungen. Ein toller Roman voller Tempo, voller Liebe zu seinen Figuren, mit Passagen, die wie im Rausch geschrieben scheinen, spannend, unterhaltsam und bei aller Düsternis: Vitalität kann man weder dem Roman noch den Figuren absprechen. In diesem Punkt hat der Kritiker recht!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Einar Kárason: https://de.wikipedia.org/wiki/Einar_Kárason

Einar Kárason
Die Teufelsinsel
(Barackentrilogie Bd. 1)
Übersetzt aus dem Isländischen von Marita Bergsson
Originalausgabe: Par sem djöflaeyan rís, Reykjavik, 1983
diese Ausgabe: btb, Tb, ca. 240 S. 2011

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