Mikio Kanda (Hrsg): Der Blitz über dem Reisfeld

Am Achten bin ich wieder nach Hiroshima gegangen,
aber ich habe keine Leiche gefunden,
die meinem Mann ähnlich sah.

(Kirio Yae)

Blitz

Wenn man es jetzt nicht aufschreibt…. vor fast genau fünfunddreißig Jahre schrieb Mikio Kanda diesen Satz in sein Nachwort zu seiner Sammlung der Lebensläufe von Frauen, denen der Atombombenabwurf von Hiroshim am 6. August 1845, heute vor 71 Jahren, den Mann geraubt hatte.

Neunzehn Lebensläufe von neunzehn Witwen aus einem Dorf nahe bei Hiroshima – sie werden mittlerweile, noch einmal fünfunddreißig Jahre später, gestorben sein, so wie auch viele ihre Kinder schon tot sein werden. Um so dringlicher diesen Jahrestag nicht zu vergessen, stetig an ihn zu erinnern – gerade in den Zeiten, in denen wie jetzt die Aggressions- und Gewaltbereitschaft in der Welt zuzunehmen und die Möglichkeit eines Krieges wieder zu einer politischen Kategorie zu werden scheint.

Mitte 1980 fasste der japanische Autor Mikio Kanda den Entschluss, das Schicksal dieser Witwen aufzuzeichnen. Sie alle eint ein Schicksal: am Morgen des 6. August verließen ihre Männer das Dorf Kawauchi-Nukui, wenige Kilometer von Hiroshima entfernt, zu einem Arbeitseinsatz in der Stadt. Die Frauen blieben zurück im Dorf, es schien ein ganz normaler Tag zu werden, sie machten Frühstück, sorgten für ihre (teilweise vielen) Kinder und bereiteten sich auf die Feldarbeit vor. Das Dorf und seine Bewohner waren arm, die meisten Familien bewirtschafteten etwas Feld und bauten dort Gemüse an. Oft war der Boden für Reis zu arm, dann wurde auf Gerste ausgewichen, ansonsten baute man Zwiebeln an, Hirse oder Hanf, es gab Versuche mit Seidenraupen. Morgens um 1 Uhr bin ich aufgestanden, erinnert sich Tade Kinuyo, habe den Imbißkasten für Frühstück und Mittagessen vorbereitet und meinen Mann auf den Weg geschickt. Auf dem Markt hat er dann das Frühstück  verzehrt. Wenn er am Nachmittag der Südwind wehte, brachte er Fäkalien (mit denen die Felder gedüngt wurden) mit dem dem Boot heim …. Beim Gemüse,  fiel nicht viel Gewinn ab. …. Das Essen war ärmlich: Reis, mit viel Gerste gemischt.

Mikio Kanda wollte nicht nur die Ereignisse und das Erleben der Frauen an diesem einen Tag dokumentieren, ihm ging es darum, das gesamte Leben der Witwen zu erfassen. Es war für diese Frauen eine große Wertschätzung: zum ersten Mal überhaupt fragte jemand nach ihrem Leben, ihren Gefühlen, waren sie für jemand anderes interessant. Herausgekommen aus diesen Aufzeichnungen ist eine Sammlung sich oft ähnelnder Schicksale, in die sich die Ereignisse des 6. August brutal festgeschrieben haben.

Die meisten der Frauen waren in der ersten Dekade des letzten Jahrhunderts geboren worden, viele wurden in arrangierten Ehen in das Dorf verheiratet. Der Ort hatte damals cirka zweitausend Einwohner, er galt als arm, das Leben dort als schwer und arbeitsreich…. Im Sommer 1945 wurde in Erwartung des Entscheidungskampfes eine ‚Freiwilligen-Einheit‘ ins Leben gerufen, zu der alle Männer zwischen sechzehn und sechzig und alle Frauen bis vierzig (hier macht der Herausgeber in seinem Vorwort keine Angabe einer Untergrenze) mit Ausnahme der Mütter mit Kindern, die jünger als drei Jahre alt waren, angehörten. Am 6. August gingen 191 Bewohner des Ortes nach Hiroshima, um dort Abrissarbeiten für Brandschneisen vorzunehmen.


Ich war gerade mit dem Ausdünnen (der Hirse auf dem Feld) beschäftigt,
da gab´s einen Blitz. Ich dachte, die Sonne ist runtergefallen. …
(Monzen Tsuruyo)

In diesem Moment gab es einen weißen Lichtschein und vor dem Haus ist es ganz hell geworden, und dann ist ein Donner gekommen wie bei einem Erdbeben. .. Als ich flußabwärts nach Hiroshima blickte, war´s dort blutrot. … Eine Qualmwolke wie ein Feuerball steigt auf und breitete sich nach Norden aus. …
(Dobara Shinayo)

Damals gab´s einen lauten, dumpfen Knall und am südlichen Himmel steigt ein schwarze Wolke auf. Die Schiebetüren wurden umgeworfen
und die Zimmerdecke wurde hochgedrückt. ….
(Ryoso Shizuko)

Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, gab es einen dumpfen Knall und wir haben uns vor Schreck flach auf die Erde geworfen. Als ich aufblickte, stieg am Himmel über Hiroshima ein weißer Klumpen auf. …. Da sah ich zufällig, wie das Bambuswäldchen von Jonan seitwärts niedergedrückt war und lfach lag.  …. Als wir heimkamen, sah das Haus schlimm aus. Die Schiebetüren waren alle aus ihren Schienen gerissen. Die Zimmerdecke war hochgedrückt worden und Ruß vom Dach lag auf allen Sachen. … (Yokochi Toshiko)


Manche der Frauen wussten intuitiv, daß dies niemand, der in der Nähe der Explosion war, überleben konnte, auch über den Dorflautsprecher wurde bekannt gegeben: „Die ganze Freiwilligen-Einheit ist umgekommen.“ Verletzte, die aus Hiroshima kamen, sagten: „In Hiroshima ist es schrecklich, geht nicht hin!“. Der Mann von Yokochi Toshiko beispielsweise wurde am Abend noch lebend mit einem Boot ins Dorf gebracht: Wegen der Brandwunden waren Gesicht und Körper angeschwollen. Die Augenlider waren umgestülpt, die Haut auf den Armen hatte sich gelöst und hing in Fetzen herab. Er trug nur eine Unterhose. Hemd und Hose waren verbrannt. Sonst war er nackt. … Alle Haare, die offen gelegen hatten, waren verbrannt….  Er verstarb in der Nacht. Später habe ich gedacht: Mein Mann ist trotz der Verbrennungen lebend heim gekommen; wir haben noch miteinander sprechen können; in anderen Familien ist keine Leiche, ist nichts heimgekommen; viele Leute haben rein gar nichts mehr gesehen von ihren Angehörigen; ich habe ihn nach Hause getragen, ihn gepflegt, ihm den letzten Trunk geben können; ich bin ein glücklicher Mensch, habe ich gedacht. 

Daß einer der Freiwilligen noch lebend nach Hause kam, war die absolute Ausnahme. Wie es Yokochi Toshiko sagte, wurde von vielen Menschen überhaupt nichts mehr gefunden, andere wiederum mussten lange suchen, vielen Gerüchten nachgehen, daß an diesem oder jenem Ort Menschen aus dem Dorf wären: Als ich zum Tempelweg kam, habe ich unwillkürlich mit lauter Stimme: „Das ist Vater!“ gerufen. Auf der rechten Seite, die zweigte Leiche, das war Vater. Er lag da, mit einer Strohmatte zugedeckt. Ich habe die Matte zur Seite getan und ihn angesehen. Ich habe nur : „Wie siehst du aus!“ gesagt und habe sein Gesicht in die Hände genommen. Er war mit Brandwunden übersät: Wie ein gehäuteter Spatz sah er aus, das Fleisch rot aufgequollen. Das Gesicht war unverletzt, es hatte einen milden Ausdruck. Sugita Chiyoko hatte ihren mit der Matte zugedeckten Mann an seinen Füßen erkannt.

Am nächsten Tag, erinnert sich Takasaki Haru, bin ich meinen Mann suchen gegangen. Unterwegs habe ich Menschen gesehen, die wie Gespenster dahergingen. Und am Wegrand lagen überall schwarzgebrannte Leichen. Sie waren alles aufgequollen und sahen aus wie die großen Wächterfiguren am Tempeleingang. …. Auch nach drei oder vier Tagen Suche habe ich meinen Mann nicht gefunden. Er war wohl zum Fluß geflohen und die Leiche war mit der abziehenden Flut ins Meer hinausgetrieben….

So oder so ähnlich erging es den meisten der im Dorf zurückgebliebenen Frauen: Sie hatten ihren Mann verloren, wenn sie seine Leiche nicht gefunden hatten, konnte keine Begräbnisfeier abgehalten werden: Ich hatte nichts zu verbrennen. (Takasaki Haru). Später wurde dann ein Witwenvereinigung gegründet, in dem sich die Witwen in gegenseitiger Unterstützung organisierten. Über diesen Verein wurden dann auch Gedenkfeiern für die Toten abgehalten. Da die Atombombe unser Leben völlig verändert hatte und wir alle vom gleichen Schicksal betroffen waren, wir wir uns gegenseitig gestützt und ermuntert. Wir alle haben Landwirtschaft getrieben, so haben wir´s irgendwie geschafft. Heute sind wir alle glücklich. …  (Takasaki Haru).

Das Leben, das trotz allem weiterging, weitergehen musste, musste organisiert werden. Viele der Kinder, die zur Zeit des Atombombenabwurfs in der Schule waren, kamen verletzt und verwundet nach Hause, sie mussten versorgt werden. Es musste Essen organisiert werden, auch die Feldarbeit war weiterhin zu leisten – allein, ohne die Hilfe des Mannes: Etwa zehn Jahr lang mußte ich als Frau die Arbeit eines Mannes leisten. (Nomura Masako). Manche der Frauen verdingten sich als Tagelöhner: …. Aber weil ich schon fünfzig war, habe ich nicht den vollen Tagessatz bekommen. (Momoki Tamano). Da Kleinkinder nicht ohne Aufsicht zurückgelassen werden konnten, wussten sich Frauen manchmal nicht anders zu helfen, als das Kind am Morgen an einem Pfahl anzubinden und es am Abend, nach der Arbeit, wieder abzuholen….. Zudem litten auch einige der Frauen selbst unter der Strahlenkrankheit, verspürten eine Müdigkeit und Mattigkeit, gegen die sie permanent ankämpfen mussten…


Es waren einfache Menschen in diesem Ort, die von einem für sie unerklärlichen Schicksalsschlag getroffen worden waren, der ihr Leben in den Grundfesten erschüttert hatte. Ein Leben, das erst einmal auf das Elementarste reduziert worden war: wo konnten sie schlafen, wo bekamen sie Essen her, woher die Hilfe, die sie brauchten? Sie suchten die Leichname ihrer toten Familienangehörigen, um sie der Tradition gemäß bestatten zu können, oft suchten sie vergeblich. Bald ging es wieder auf die Felder, wer konnte den Dünger aus der Stadt bringen…. Viele der Frauen zogen später zu den Familien der Töchter oder Söhne, lebten und arbeiteten dort.

Kandas Sammlung von Lebensläufen ragt über viele andere Atombombenliteratur hinaus. Während diese meist mit dem Abwurf (und eventuell einer geringen Vorgeschichte) einsetzt und sich auf die Ereignisse danach konzentriert, war es Kandas ausgesprochenes Motiv, die Lebensläufe der Witwen zu dokumentieren. Somit erlaubt die Textsammlung einen Einblick in das Leben der japanischen Landbevölkerung zu Anfang des letzten Jahrhunderts, eines Lebens, das durch Arbeit charakterisiert war, durch Not auch und Mangel, jedenfalls nur in seltenen Fällen durch Überfluß. Der Krieg und dann vor allem der Abwurf der Atombombe beendete diese Art des Lebens, alles wurde auf den Kopf gestellt und musste sich neu finden. Trotzdem, und dies liegt in der Beharrlichkeit bäuerlichen Lebens, blieb eine Konstante: die Arbeit draußen auf dem Acker, auf dem Feld, das Säen, das Unkrautjäten, das Düngen, die Ernte. Dies alles erdet die Menschen, macht sie bodenständig und hilft ihnen, mit Katastrophen umzugehen – mag sein, auch damals, in der Zeit nach dem 6. August.


In Ehrfurcht den Seelen der Mitglieder der Freiwilligen-Einheit gewidmet.

Die Witwen des Ortes haben sich einen eigenen Gedenkplatz für die Toten geschaffen, er trägt auf der Rückseite die Namen der durch die Atombombe Umgekommenen. Es sind hundertachtzig Menschen. Vierundachtzig aus Kami-Nukui, sechsundvierzig aus naka-Nukui, fünfzig aus Shimo-Nukui. Vierundneunzig waren Männer, sechsundachtzig Frauen. 

Hier trafen sich die Frauen am 6. August jeden Jahres, sie gingen nicht nach Hiroshima auf die offizielle Gedenkfeier, die ihnen zu laut war, sie wollten still für ihre Toten beten. Es ist eine traurig und auch wütend machende Szene, die Kanda schildert, als er beschreibt, wie bei einer dieser Gedenkfeiern der Konvoi des Ministerpräsidenten auf der Rückfahrt von Hiroshima ohne Rücksicht auf die Witwen mitten durch deren Veranstaltung fährt….


Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen
John Hersey: Hiroshima

Mikio Kanda (Hrsg)
Der Blitz über dem Reisfeld
Witwen aus einem Dorf bei Hiroshima berichten

Aus dem Japanischen übersetzt von 
Originalausgabe: Genbaku ni otto wo uwaqarete, Tokio 1982
diese Ausgabe: dtv (Reihe: zeugen und zeugnisse), TB, ca. 226 S., 1985

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