Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus

3. August 2016

>Mit wem habe ich die Ehre<
>Prinz Jussuf.<
>Sie sind Else Lasker-Schüler?<
>So nannte man mich einst, jetzt aber bin ich Prinz Jussuf und heiße dich willkommen in Theben, der Stadt, deren Prinz ich bin. Ringsum herrschen die Perversen von Sodom, um meinen Tisch aber hat sich ein Lichthof gebildet, den ich zu meinem Reich gemacht habe: Theben. …<

Der da so begrüßt wird und mit der reifen Frau für eine Zeitlang unzertrennlich wurde, ist Uri-Zwi Greenberg, der rothaarige Rabbi aus Galizien, der nach dem 1. Weltkrieg der Progrome im Osten floh und u.a. in Berlin lebte. Dieses Kennenlernen zwischen ihm und ‚einer der größten Begabungen der deutschen Literatur‘, das Rozier in seinem „Palast der Erinnerung“ schildert [1], findet im ‚Romanisches Cafè‘ in Berlin statt, zwar ein paar Jahre und einen Weltkrieg später als die Briefe, die Brigitte Landes für dieses vorliegende Bändchen aus dem Insel-Verlag ausgesucht hat, aber dennoch immer noch die Else Lasker-Schüler, die sich auch in diesen Briefen zeigt: ‚verrückt‘, spontan und impulsiv.


Berliner Gedenktafel, Else Lasker-Schüler, Katharinenstraße 2, Berlin-Halensee, Deutschland Bildquelle: siehe Anmerkungen

Berliner Gedenktafel, Else Lasker-Schüler, Katharinenstraße 2, Berlin-Halensee, Deutschland
Bildquelle: siehe Anmerkungen

Zwischen den Briefen, die in einer (von Bändchen der Insel-Bücher gewohnt) schönen Ausstattung wiedergegeben werden und der Begegnung des Prinzen Jussuf mit ihrem rothaarigen Rabbi liegt nicht nur der 1. Weltkrieg, ein Wechsel des Lokals (wir sind jetzt, vor dem 1. WK im ‚Cafè des Westens‘ [8], das zu dieser Zeit Treffpunkt des literarischen und künstlerischen Berlins war und diese Funktion nach dem Krieg an das Romanische Cafè verlor), sondern auch eine Scheidung: so wie schon die erste Ehe Else Schülers mit Berthold Lasker nicht glücklich endete, so zerbrach 1911 auch die Ehe mit Herwarth Walden, ihrem zweiten Mann. Dieser heiratete noch im Jahr der Scheidung (1912) die Schwedin Nell Rosslund, die Briefe Elses liegen zeitlich  vor dieser Hochzeit (?). Lasker-Schüler nennt sie ‚Norwegische Briefe‘, sie sind 1913 in der literarischen Zeitschrift Sturm veröffentlicht worden [2]. Nach Norwegen, dorthin ist Walden nach der Trennung von Lasker-Schüler zusammen mit seinem Freund Kurt Neimann gefahren.

Viele der Künstler, die im Cafè des Westens verkehrten, tauchen in den (ausgewählten) Briefen Lasker-Schülers auf: Döblin zum Beispiel, der Schriftsteller und enge Vertraute Peter Baum, Benn oder auch der Maler Schmitt-Rottluff, der die Künstlerin porträtierte:  “Schmidt-Rottluff hat mich als Mandrill gemalt. … Mein Mund ist rot wie eine Dickichtbeere, in meiner Wange schmückt sich der Himmel zum blauen Tanz, aber meine Nase weht nach Osten, eine Kriegsfahne, und meine Kinn ist Speer, ein vergifteter Speer…” (zum Bild [3]). Oft sind die Personen nicht erkennbar, mit Fantasienamen versehen, der Kalif, der Papst…. auch Else unterschreibt ihre Briefe als Prinz, als Tino von Bagdad, als Odysseus….. wie die Personen verfremdet Lasker-Schüler auch die Orte, Theben eben….

Die Auswahl der Briefe und eingefügten Gedichte Lasker-Schülers las/liest Angela Winkler unter dem Titel: Ich bin die Else Lasker-Schüler – leider [4]. Es sind Briefe aus dem Jahr 1912, diesen für Else Lasker-Schüler sicherlich persönlich schlimmen Jahr mit der Trennung von ihrem Mann, inwieweit sie chronologisch sind, ist nicht erkennbar. In einem der Texte ist sogar unter „Neuigkeiten“ davon die Rede, daß Dr. Alfred Döblin sich als Geburtshelfer … niedergelassen hat, was (soweit die Wiki recht hat) schon 1911 war. Aber ob chronologisch oder auch nicht, es ist nicht entscheidend für die Atmosphäre dieses kleinen, schmalen Bändchens, in und mit dem die Dichterin ihren Gefühlen Platz gibt.

Womit schreibe ich eigentlich meine Gedichte? …
Die schreib ich mit meiner unsichtbarsten Gestaltung,
mit der Hand der Seele, – mit dem Flügel.
Ob er vorhanden ist – Sicher!
Aber gestutzt vom böswilligen Leben.

Else Lasker-Schüler schreibt ihrem Mann, der sie für eine andere verlassen hat. Ob sie Antwort bekommt – es wird nicht gesagt. Die Briefe berichten von Berlin, vom Cafè, wer dort war, wen Else dort getroffen hat, mit wem geredet. Immer wieder die Sorge um das Geld, das sie nicht hat (Daß Sie mir nicht den Preis der Kleiststiftung gegeben haben, ist direkt das größter Unrecht der Erde. Wo ich so nötig Geld hab – bin allein. …. Ich arbeite, ich raube Tag und Nacht – also ich kann bald nicht mehr. … an Richard Dehmel, der 1912 für die Preisvergabe verantwortlich war [5]), um Schulden, die sie machen muss (.. beim Ober vom Mittag: ein Paradeishuhn mit Reis und Apfelkompott, beim Ober von Mitternacht: ein Schnitzel mit Bratkartoffeln und Preisselbeeren und ein Vanilleeins ….).. immer wieder scheint auch der Verlust durch, den der Weggang des Mannes ihr bedeutet, ja, auch die Eifersucht auf die Frau, zu der er geht: Herwarth Walden hat sich in eine blödsinnige Lockenundame verliebt mit langen, bangen Perlengehängen in den Ohren. Ich bin seit 14 Tagen geschieden.

Ich habe alles abgegeben der Zeit, wie ein voreiliger Asket,
nun nimmt der Wind noch meine letzten
herbstgefärbten Worte mit sich.
Bald bin ich ganz leer, ganz weiß, ….

Die Scheidung schlägt sich nieder in den Briefen. Waren sie bis dahin trotz Geldmangel und Einsamkeit von einer Lebenslust geprägt, möglicherweise auch von Hoffnung, so werden offenbaren sie jetzt des öfteren größere Niedergeschlagenheit: Ich gehe jetzt oft allein in die Stadt. Fahre mit all den Maulwürfen Untergrundbahn. Ich habe schon eine Erdfarbe bekommen. Ich soll schlecht aussehen…. bin allen Ernstes krank … mit meiner Schwermut. …. oder auch: … Wir können uns beide kaum mehr sehen, Herwarth; all die Leute, die uns wieder zusammenbringen wollen, sind nichts weiter als Oelschmierer oder Terpentinwäscher, uns auffrischen wollen sie, … man sollte lieber die Menschen, über die die Nacht kam, einbalsamieren. …

Ich habe bald nichts mehr zu sagen, Herwarth und Kurt.
Uebrigens seid ihr ja so lange wieder in Berlin schon,
und meine norwegischen Briefe neigen sich dem Ende zu.
Ich habe bald überhaupt nichts mehr zu sagen, dünkt mich. …

So lange schon wieder in Berlin – es klingt nicht so, als hätten sie sich gesehen. Und doch… es taucht ganz leise ein anderer auf am Horizont ihrer Gefühle, Dr. Benn, der Zyklop, der ‚dichtende Kokoschka‘, eine sich ab Sommer 1912 entwickelnde intensive Freundschaft, die sich literarisch in vielen Liebesgedichten niederschlug.

So tragisch und berührend dieses Einzelschicksal für Else Lasker-Schüler auch gewesen sein mag, angesichts dessen, was noch auf sie zukommen sollte, zählt es kaum. 1933 flog die Jüdin Lasker-Schüler in die Schweiz, sie war arm, musste in Zürich auf Parkbänken übernachten, wurde als unerwünschte Person aufgegriffen und erhielt nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen. Sie wurde zur Verscheuchten [Gedicht aus 2a entnommen],


Die Verscheuchte

Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild ….
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm, bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? –
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja, ich liebte dich.

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt –?
– Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich –
Und ich – vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt,
Auch du und ich.

Und deine Lippe, die der meinen glich,
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –.


die letztlich ihr geliebtes Hebräerland [7] noch erreichte und auch dort letztlich bitterlich enttäuscht wurde, ihr Traum von diesem Land hielt der Realität nicht stand. 1939 reiste sie wiederum nach Palästina, da die Schweiz ihr die Rückreise verweigerte, blieb sie dort. 1944 erkrankte sie schwer, nach einem Herzanfall starb Else Lasker-Schüler im Januar 1945 in Jerusalem. ‚Nachdem der Ölberg bei der Teilung Jerusalems 1948 unter jordanische Verwaltung gekommen war, wurde Lasker-Schülers Grab, wie viele andere historische Gräber auch, zerstört. Ihr Grabstein wurde nach der israelischen Eroberung Ostjerusalems im Sechstagekrieg versetzt neben einer Schnellstraße gefunden, welche die jordanische Verwaltung 1960 quer durch den jahrtausendealten jüdischen Friedhof bauen ließ. 1975 wurde der Grabstein an seinem heutigen Ort aufgestellt [entnommen: 6]‘.

Denk dir ein Wunder aus liegt vor dieser schweren Zeit. Hier tritt uns die lebensfrohe, lebensgefüllte, fantasievolle, quirlige und farbige Dichterin entgegen, die bekannt ist wie ein bunter Hund, die anerkannt ist und ihre Verehrer hat. Es ist eine persönlich schwere Zeit für sie, das gebrochene Herz, die armseligen materiellen Verhältnisse: sehr schön zeigt die Sammlung der Briefe, wie sich diese Nöte  in ihr auswirken, wie sie ihre Lebensfreude dämpfen und wie man gleichzeitig spürt, daß dies aber nur vorübergehend sein wird….

Ein schmales Büchlein für einen besinnlichen Nachmittag voller anrührender Momente, eine verdiente Erinnerung an eine große deutsche und jüdische Schriftstellerin und Künstlerin.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Else Lasker-Schüler:  https://de.wikipedia.org/wiki/Else_Lasker-Schüler
Seite der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft: http://www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de
[2] http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_044.htm
[2a] http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_020.htm
[3] http://lezenindekunst.blogspot.de/2011/02/else.html (Bild von schmitt-rottluff)
[4] siehe z.B. hier: http://www.wn.de/Welt/Kultur/1740251-Angela-Winkler-liest-Else-Lasker-Schueler-Man-muss-Clown-sein
[5] – Richard Dehmel war ein deutscher Dichter und Schriftsteller: https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dehmel
– https://de.wikipedia.org/wiki/Kleist-Preis 1932 erst, ein Jahr vor der Vertreibung aus Deutschland, sollte ihr der Preis endlich zuerkannt werden
[6] http://www.wikiwand.com/de/Else_Lasker-Schüler
[7] die Besprechung dieses Büchlein ist hier zu finden:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/08/17/else-lasker-schueler-das-hebraeerland/
[8] hier irrt der Suhrkamp-Verlag auf seiner Webseite zum Büchlein (s.u.: ‚diese Ausgabe‘) offensichtlich, wenn er vom Romanischen Café spricht, das ja erst 1916 eröffnet wurde… (https://de.wikipedia.org/wiki/Romanisches_Café)

else

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/…Lasker-Schüler.jpg; von OTFW, Berlin (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Else Lasker-Schüler
Denk dir ein Wunder aus
Hrsg: Brigitte Landes
mit einem Nachwort der Herausgeberin
diese Ausgabe
: Insel-Bücherei Bd. 1394, HC, ca. 80 S., 2014

Advertisements

One Response to “Else Lasker-Schüler: Denk dir ein Wunder aus”

  1. rotherbaron Says:

    .. eine großartige, etwas „verrückte“ Dichterin. Solche Menschen braucht die Welt!

    Gefällt 1 Person


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: