Natalie Kriwy: 14/09 Tagebuch einer Genesung

17. Juli 2016

Kriwy

Das Bild einer jungen Frau ohne Haare auf dem Kopf, schaut man genauer, sieht man Stoppeln wachsen. Die Augenbrauen schmal, auch hier fehlen die Haare. Der kahle Kopf läßt die Ohren hervortreten, die mit kleinen Ohrgehänge geschmückt sind. Der halb geöffnete Mund zeigt eine weiße Zahnreihe, die Wangen sind leicht gerötet: das Gesicht der jungen Frau, die direkt in die Kamera schaut und damit den Eindruck erweckt, uns, den Betrachter, anzusehen, vermittelt zweierlei Eindrücke: auf der Ebene des Verstandes weiß man, daß diese Frau Schweres erlebt und durchlitten hat, möglicherweise noch mitten drin ist in ihrer Krankheit, gefühlsmäßig dagegen strahlt das Gesicht Offenheit und Zuversicht aus.

Bekommt man wie ich, der ich auf dem Land lebe, doch relativ viele Bücher per Post, so ist man immer gespannt, was in dieser oder jener eintreffenden Büchersendung denn nun für ein Werk drin ist. Dieses Buch mit seinem recht großen Format und demzufolge großen Coverbild hat mich überrascht und spontan die oben geschilderten Eindrücke hervor gerufen. Ich habe das Umschlagbild lange auf mich wirken lassen, bevor ich das Buch öffnete, habe mich vertraut gemacht mit diesem Gesicht, diesen Anflug von Lächeln, das zu ahnen ist, der Spiegelung des Fotografierenden in der Pupille, den kleinen Fältchen an den Augen…. fast hatte ich damit gerechnet, daß Natalie Kriwy, die sich auf diesem Portraits hat abbilden lassen, plötzlich anfing zu sprechen…


Natalie Kriwy [1], geboren 1979, lebt als Fotografin in Lübeck. Ende August 2011 palpierte ihr Gynäkologe einen Knoten in der linken Brust, verschwieg ihr aber den Befund. Sie selbst bemerkte diesen Knoten (… eine kleine, feste Kugel….) ein paar Tage später beim Abtasten. Am 14. September bekam sie nach entsprechenden Untersuchungen in der Klinik die Diagnose, daß dieser Knoten bösartig war, sie also Brustkrebs hatte: …. ich hatte keine Angst. Ich stand unter Schock. Und ich habe mich davor gefürchtet, es Titi [i.e. ihre Mutter] zu sagen. … aus irgendeinem Grund habe ich mich stark gefühlt. .. Endlich wusste ich, was los war. Die Ungewissheit der letzten zehn Tage war weg und das hat mich sehr erleichtert. und auch: Die Tränen und die Angst kamen erst zwei Tage später. Es wird im Arztgespräch ein Behandlungsplan erstellt, der eine Chemotherapie mit sechs Zyklen umfasst, eine Genanalyse der Tumorzellen wird empfohlen.

Die Chemotherapie schlägt an und zeigt die ‚üblichen‘ Nebenwirkungen: Müdigkeit, Haarausfall, körperliche Schwäche u.a.m.

Bis das Ergebnis der Genanalyse vorliegt, vergeht ein Vierteljahr, es wird Natalie Kriwy am 22. Dezember 2011 mitgeteilt. Es ist ungünstig, der Tumor  beruht auf einer BRCA1-Mutation [2], es war bei dieser Diagnose für Natalie keine Frage, dass sie beide Brustdrüsenkörper entfernt haben wollte. Sie war auch hier für die radikale, für ihr Gefühl sichere Lösung. [Zitat von Dorothea Fischer, behandelnde Ärztin]. Die beidseitige Mastektomie wurde mit einem sofortigem Wiederaufbau beider Brüste kombiniert [3]. Die OP und der Wiederaufbau der Brüste verlaufen sehr gut, die Zeit der Wundheilung ist anstrengend und teilweise schmerzhaft. Am 24. März war dann ein besonderer Tag für Natalie: In der Früh bin ich …. alleine zum ersten Mal seit Ende des ersten Chemozyklus joggen gegangen. Das normale Leben bahnt sich wieder seinen Weg….

Ein zusätzlicher wichtiger Punkt in ihrer Krankengeschichte war es, die Möglichkeit aufrecht zu erhalten, ein Kind zu bekommen, schließlich war Natalie ja erst knapp über dreißig Jahre alt.


Ziemlich zeitgleich zur Erstdiagnose beschloß Natalie Kriwy, die Fotografin, ihre Krankengeschichte zu dokumentieren, in ihrem eigenen Medium, der Fotografie und als Tagebuch. Beide Teile dieser Aufzeichnungen enthalten nicht nur die persönlichen Eindrücke, Gefühle, Hoffnungen und Ängste, sondern umfassen ebenso Daten wie beispielsweise die über die bei den insgesamt sechs Zyklen der Chemotherapie applizierten Medikamente, Fotos der Infusionsbeutel u.ä.

Herausgekommen ist dieses sehr beeindruckende, sehr intensive Fotobuch, dem das Tagebuch angeschlossen ist. Wir begegnen in diesem Buch einer schönen Frau, die zu jeder Zeit ihr Schicksal annimmt, ja, es offensiv annimmt. Natürlich – auch sie spürt die existentielle Angst, die mit der Diagnose verbunden ist, hat Träume, aber sie verschließt nicht die Augen, verdrängt nichts. Sie zögert keinen Moment, den radikalen Weg zu gehen, der ihr als der sichere erscheint.

Natalie Kriwy ist während der Zeit ihrer Krankengeschichte mehrere: Sie ist Tumorpatientin, sie ist Fotografin, sie ist Fotomodel. Das wichtige dabei ist, daß sie nicht auf die Rolle der Kranken beschränkt ist. Ihr Fotografieren (es sind viele Tausende Fotos, die sie schießt) versetzt sie in die Lage, sich in dieser Funktion eben nicht als Kranke zu sehen: sie muss die technischen Details checken, die Komposition der Bilder festlegen, was will sie überhaupt aufnehmen und festhalten… etc pp. Eine sehr (auch in diesem Zusammenhang muss man das sagen:) schöne Bilderfolge ist beispielsweise die von ihrer „Haaraktion“ Mitte Oktober 2011, also gut zwei Wochen nach Beginn der ersten Chemo: es sind achtzehn Bilder ungefähr im Passfotoformat, die eine meist lachende, manchmal auch grimassierende Natalie Kriwy zeigen, die sich mit beiden Händen die Haar vom Kopf reisst…. sie schreibt dazu: Das war echt beeindruckend. …. Zwischendurch wollte Basti [ihr Freund, der hier als Fotograf fungiert] auch mal ziehen. Das durfte er natürlich. … Ich habe viel gelacht und war auch wirklich beeindruckt, wie das Ganze ablief. ….  Ihrem Freund, so hält Natalie Kriwy fest, ging diese Aktion viel näher als ihr selbst.

Es wird aus den Tagebuchaufzeichnungen deutlich, wie massiv die Erkrankung das normale Leben über den Haufen wirft. Am 17. Februar 2012 konstatiert sie: Der Tumor ist weg und die Brüste auch. Irgendwie ist jetzt doch alles etwas komisch. So abgeschlossen. Keine Zeit mehr in der Klinik, keine Ärzte mehr, keine weißen Kittel. Das normale Leben wird sich wieder seinen Weg bahnen. .. Für das zurückliegende halbe Jahr war die Klinik weitgehend ihr normales Leben, die Reisen und Unternehmungen, die sie zwischenzeitlich gemacht hatte, nur Ausflüge davon… Das normale Leben: es ist nicht leicht. Ihr Körper läßt sie noch manchmal im Stich, was sie früher konnte, fällt ihr jetzt schwer oder ist gar unmöglich. Falsche Bewegungen und zu hohe Belastungen (beim Heben z.B.) erzeugen Schmerzen, die Schmerzen wiederum rufen Ängste hervor: das Vertrauen in den Körper fehlt und das Selbstwertgefühl leidet ebenso: … ich musste weinen. Ich will kein Krüppel sein und fühle mich auch nicht so. Aber in bestimmten Situationen bis ich es wohl doch. Ein Krüppel bin ich. [am 5. Februar 2013]

Ein gutes Jahr nach der Diagnose hat Natalie Kriwy zu ihrer großen Freude zum ersten Mal wieder ihre Tage, Mitte Oktober zum zweiten Mal. Auch jetzt, bei der anstehenden Familienplanung, zeigt sich ihre Konsequenz: Ich will meine Eizellen auf die Genmutation untersuchen lassen. Inzwischen ist auch klar, aus welchem Familienzweig die BRCA1-Mutation stammt, die Familienmitglieder, die sie informiert, gehen unterschiedlich mit dieser Information um, nur ihre Mutter und ihre Tante lassen sich ebenfalls testen.

Der letzte Tagebucheintrag ist vom 2. April 2014. Ihr Projekt nimmt langsam Formen an, sie ist in Paris, um im Rahmen einer Ausstellung „Cheveux chéris“ einen Vortrag über ihr Vorhaben zu halten. Sie muss, auf dem Podium angekommen, weinen, aber ich habe meine Tränen schnell wieder im Griff und begann mit meinem Vortrag, als ob nichts gewesen wäre.


Ihr Projekt, der Fototeil… natürlich kann man keinen Bildband besprechen, ohne auch auf die Bilder einzugehen. Die meist großformatigen Bilder sind dokumentarisch, sollen festhalten, archivieren gegen das Vergessen. So finden sich Abbildungen der Mützen, die sie trägt, der Schminksachen, die von einer Freundin gekauft bekommt auch Landschaftsaufnahmen von der Nordsee, von frühlingshaften Blüten oder der Winterlandschaft, die sie in der Reha geniessen kann. Aber es gibt auch die ’schwierigen“ Bilder, die aus dem OP von der Mastektomie beispielsweise oder die drei Aufnahmen mit ihr, von der man nur den völlig haarlosen Kopf sieht, im Bett unter der Bettdecke, entweder mit geschlossenen Augen oder nachdenklich an die Decke schauend. Diese absolute Haarlosigkeit wirkt beim Anschauen wie eine hochpotentierte Nacktheit, die völlige Schutzlosigkeit und Ausgeliefertheit suggeriert. Erschütternd ihr letztes Porträt mit meiner natürlichen Brust: sie sitzt fast völlig unbekleidet auf einem Stuhl, kleine Kreolen im Ohr, die Haare – natürlich, sie fehlen. Die Arme sind seitlich auf der Sitzfläche abgestützt. Der Blick geht ein klein wenig am Fotografen vorbei schräg in die Höhe. Zusammen mit der Bildunterschrift wird beim Betrachten schlagartig die Endgültigkeit dessen was in zwei Tagen geschehen wird klar, das Unwiderrufliche der Aktion… Dann ein paar Seiten und zwölf Tage später ein Selfie von ihr im Spiegel mit ihrer ’neuen“ Brust, auf der gegenüberliegenden Seite ein Bild mit den mit blutrotem Sekret gefüllten Drainagebeuteln, die sie bis dahin getragen hat. Im letzten Drittel oder Viertel der Bilderstrecke dann stolz die neuen Haare, die jetzt lockig wachsen, immer wieder Portraits mit ihren neuen Haaren…


14/09 Tagebuch einer Genesung: ein wahnsinnig lautleises Buch: laut, weil in den Bildern, in den Texten der Krebs in seiner ganzen Schrecklichkeit sichtbar wird, leise: weil Kriwy es versteht, dies sublim spürbar zu machen, nicht durch Schocken oder Entsetzen, sondern durch Nachdenklichkeit und Sensibilität.

Die Texte verraten eine sehr starke Frau, die sehr viel ‚richtig‘ gemacht hat. Sie ist ihren Weg gegangen, hat so gehandelt, wie sie es für sich als richtig empfunden hat, ohne dabei Ratschläge und Informationen ihrer Umwelt zu ignorieren. Sie hat einen stabilen Verwandten- und Freundeskreis (in dem zufälligerweise, weil ihr Freund Arzt ist, viele Ärzte sind), der sie unterstützt und trägt, sie hat vor allem mit ihrem Projekt der Krankheitsdokumentation ein Vorhaben, das über den Krebs hinausgeht, zeitlich und auch mental. Ich denke, daß dies in vielen Situationen sehr unterstützend war.

Eigentlich ergibt es sich, glaube ich, aus dem vorstehend von mir geschriebenen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Kriwy hat mit diesem Buch etwas sehr Schönes geschaffen, etwas, was Frauen, die unter einem ähnlichen Schicksalschlag zu leiden haben, helfen kann: ja, es ist nicht einfach, es ist scheisse und schwer, aber du kann es schaffen, wie ich es geschafft habe.

Ich wünsche Frau Kriwy von ganzem Herzen zweierlei: daß ihr ein weiterer Schicksalsschlag dieser Art in ihren Leben erspart bleibt und daß ihr Kinderwunsch in Erfüllung geht. Und daß sie glücklich wird, wünsch ich ihr sowieso…..

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage von Natalie Kriwy: http://www.nataliekriwy.com
[2] Übersichtsartikel „BRCA1“ in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/BRCA1
[3] ein prominente Fall eines solchen Vorgehens betrifft die Schauspielerin Angela Jolie. Ihre Entscheidung zur (vorsorglichen) beidseitigen Mastektomie, also ohne, daß sie schon an Krebs erkrankt war, ist nicht unumstritten. Vgl. z.B. hier: https://thetruthaboutcancer.com/angelina-jolie-brca-gene/

Natalie Kriwy
14/09 Tagebuch einer Genesung
diese Ausgabe: Prestel, HC, ca. ca. 225 S. (Fototeil: ca. 140 S.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Responses to “Natalie Kriwy: 14/09 Tagebuch einer Genesung”

  1. wildgans Says:

    Schrecklich schön – ich will es lesen! Danke für die aufschlussreiche Besprechung hier!

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  2. […] zur Besprechung: https://radiergummi.wordpress.com/2016/07/17/natalie-kriwy-1409-tagebuch-einer-genesung/ […]

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