Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

13. Juli 2016

Meyerhoff

Erfinden heißt Erinnern.

Dieser Teil des autobiographischen Projektes von Meyerhoff (Alle Toten fliegen hoch [1]) schildert seine Kindheit, die er auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik in Schleswig verbrachte – nicht als Patient oder Bewohner, sondern als Sohn des Direktors, dessen Wohnhaus im Zentrum der Anlage stand [2]. Hier wohnen sie, der Vater, ein imposante Erscheinung, nicht so sehr die Körpergröße, sondern eher dessen Umfang betreffend, die Mutter und die drei Söhne, jeweils drei Jahre auseinander. Und, ach ja, der Hund, ein Landseer, der treueste Freund des späteren Autoren.

Die Zeiten damals waren direkter, brutaler, der Begriff der ‚political correctnis‘ noch nicht allgegenwärtig. Ein Terminus wie ‚Hirni‘ durchaus gebräuchlich, aber hier im Buch gar nicht einmal auf einen der Insassen angewandt (das sicherlich auch hin und wieder), sondern von seinen Brüdern auf den Erzähler Joachim, der auch so seine Probleme hat.

Nicht mit der Anstalt, nein, damit gar nicht. Allabendlich wird er vom Geschrei der Patienten in den Schlaf gewiegt, schläft Joachim mal woanders, zum Beispiel bei der Oma, schläft er schlecht – die Schreie fehlen. Die Anstalt ist sein Spielplatz, durch das Anstaltsgelände muss er laufen, wenn er zur Schule geht und wenn er von ihr zurück kommt – er kennt die Bewohner, hat keinerlei Scheu oder gar Angst vor ihnen. Nur vor dem Glöckner ängstigt er sich, diesem riesigen Kerl, der mit zwei Glocken bestückt über die Wege läuft und diese unentwegt schwingen und klingen läßt. Aber selbst diese Angst überwindet er und bald gehört es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, auf dem Rücken des glockenschwingenden Riesen übers Anstaltsgelände zu traben.

Es ist viel Situationskomik in den Erinnerungen (vgl. dieses Interview [3]) Meyerhoffs, in dem, was er erzählt. Der Besuch des ‚Klaren aus dem Norden‘ (für alle, die zu jung sind: Gerhard Stoltenberg, u.a. ehemaliger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein) zur Einweihung eines neuen Gebäudes beispielsweise, der in einer schlammigen Rutschpartie endet, weil einer der Patienten seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: sich mit einer Spielzeugpistole in der Hand hinter Büschen zu verstecken und „Hände hoch oder ich schieße!“ zu rufen…. die Schilderung des weihnachtlichen Rundgangs des Herrn Direktor durch die diversen Häuser, bei dem der Jüngste immer dabei war… die Blutsbrüderschaft mit dem Hund (obwohl mir der Hund da sehr leid tat….).. apropos Hund: die Rückkehr des ‚Faschingssalates‘ (höhö.. sag ich jetzt nicht, was damit gemeint ist, bin ja kein Spoiler!) in die heimische Wohnung…. einfach köstlich – genauso wie die Schilderung des Sommerfestes, egal, ob – wetterabhängig – als reines Vergnügen oder als Durchhalteübung und Regenfestival…

Die Handlung läßt der Autor einsetzen, als sein Erzähler, also er selbst, sieben Jahre alt ist. Dies ist ein Zeitpunkt, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Der Vater ist ein unermüdlicher Leser und Horter von Daten und Wissen, ein Kettenraucher und – nun ja, daß er gerne und viel isst, man sieht es ihm an. Ein Mensch aber auch mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen sowie zwei linken Händen: für die Praxis war er nicht gemacht, das Planen und konzipieren war sein Metier, geschuftet hat dann die Mutter, den Haushalt sowieso… dem Erzähler selbst fiel das Lernen nicht leicht, er war voller Fantasie, aber Buchstaben und Zahlen wollten in seinem Kopf nicht heimisch werden. Die Brüder zogen ihn damit auf, er solle früh ins Bett gehen, damit er morgen fit sei und endlich mal ´ne ‚Fünf‘ in Mathe schaffe…. Wutanfälle, Zornesausbrüche und Heulattacken brachen aus ihm heraus und waren beileibe nicht selten…

Die Welt ist eng und begrenzt, von den Anstaltsmauern und dem Vater. Ein Versuch, Urlaub zu machen, endet schnell und wird nicht wiederholt. Die Welt, zumindest wie sie Meyerhoff für die ersten Jahre schildert, bleibt draußen, später erst öffnet sie sich für den Jungen und seine Brüder.

Im Lauf des Älterwerdens zeigten sich Risse im Familienidyll, kleine zuerst, dann größer werdende… Der rätsel- und furienhafte Wutanfall, den die Mutter eines Tages hatte, ein Ausbruch, der die des Sohnes bei weiten in den Schatten stellte… manchmal nahm die Mutter eine Auszeit, sie, die aus dem Süden stammte, musste in die Wärme, ging für ein paar Wochen zu ihren Eltern nach München. Bei den regelmäßigen Anrufen, die sie von Franco aus Italien bekam war sie nicht wieder zu erkennen: lebhaft, voller Glut redete sie mit ihm… zu Uhrzeit, wenn sich Franco in Italien zum Ausgehen fertig machte, legte sich in Schleswig ihr Mann ins Bett… das elterliche Schlafzimmer, die Stellung der Betten zueinander, war der Gradmesser für die Art der momentanen elterlichen Beziehung… dem aufmerksamer gewordenen Beobachter wurde irgendwann klar, daß der Vater es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm…

Die ‚Erinnerungen‘ Meyerhoffs beginnen in der Tat, so steht auf dem Cover geschrieben, ‚brüllend  komisch‘ (na ja, direkt gebrüllt habe ich dann doch nicht, aber häufiger gelacht schon) und werden im Verlauf der geschilderten Jahre immer tragischer und trauriger. Der Vater verläßt die Familie, die Mutter geht in den Süden, nach Italien, der ‚mittlere Bruder‘ verunfallt tödlich… das Haus im Zentrum der Anstalt wird leerer und trostloser. Dann wird beim Vater Krebs diagnosiziert, er will dies seiner neuen Lebensgefährtin nicht zumuten und kommt zurück in das Haus im Hesterberg – und auch die Mutter kehrt zurück und es entwickelt sich jetzt, in dieser schlimmen Situation, eine gereifte, liebevolle Beziehung zwischen den beiden, die es so, in dieser zärtlichen Art, noch nie gab.


Hauptthema des Buches ist, dies wird im Verlauf der Handlung immer deutlicher, die Beziehung des Erzählers zu seinem Vater. Die Bewunderung des Kindes, die im Lauf der Jahre umschlägt auch in Erstaunen und Verständnislosigkeit, ohne daß sich daraus Abneigung entwickelt. So ist dieser Roman wohl auch ein Versuch der Annäherung an diesen früh verstorbenen Mann, der Versuch, sein Leben und damit auch die eigene Vergangenheit, zu erkennen:

Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen reifen können, wir die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wir sich die Linie zu einer Fläche weiten. 

Mit diesen nachdenklichen Worten Meyerhoffs, der das Gefühl hat seine Vergangenheit gestalten [zu müssen], … damit so etwas wie eine offene Zukunft für ihn entstehen kann, will ich meine Buchvorstellung beenden, ihnen ist kaum etwas hinzuzufügen. Außer meinem Facit, daß dieser Roman, dieses ‚Erinnerungspäckchen‘ ohne Einschränkungen des Lesens wert ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie des Autoren in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Meyerhoff
[2] Es ist ein wenig bitter, wenn man diesen schönen, einfach schönen Roman gerade gelesen hat und dann bei der ‚Recherche‘ auf Zeitungsartikel wie diesen hier stößt: Redaktion: Tod in der Psychiatrie? – Staatsanwaltschaft ermittelt; in: http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/tod-in-der-psychiatrie-staatsanwaltschaft-ermittelt-id12280881.html. Der Vater des Autoren wurde 1972 Direktor der Anstalt. In Bezug auf ihn steht in diesem Artikel: „Auch als 1972 mit Professor Hermann Meyerhoff ein neuer junger Direktor seinen Dienst auf dem Hesterberg antrat, der mit den Missständen aufräumen wollte, dauerte es noch Jahre, bis sich die Atmosphäre änderte, berichten frühere Mitarbeiter.“

Zwei Jahre zuvor, 2013, war die Anklage noch nicht so klar formuliert, aber die Aussage von Wolfang Petersen: ‚Es war die Hölle‘ spricht Bände: Frauke Bühmann: Über die Kindheit in der Psychiatrie; in: http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ueber-die-kindheit-in-der-psychiatrie-id3523601.html.

Über solche Zustände ist im Roman Meyerhoffs natürlich nichts zu finden, in der Rückschau des jetzt jungen Mannes am Ende des Textes wird allerdings festgehalten, daß der frühere Zustand der Anstalt ein unhaltbarer war…, aber gleichzeitig wird die romantisierende Erinnerung bewahrt, Meyerhoff konstatiert, daß die (zu diesem späteren Zeitpunkt noch 300 Patienten beherbergende Institution) einen beschissen hoffnungslosen Eindruck auf ihn mache und er sich nach wie vor nach der selbstverständlichen Normalität dieses Wahnsinnsortes sehnte.

zur Geschichte der Anstalt z.B. hier: http://www.alte-schleihalle.de/kinder-und-jugendpsychiatrie-hesterberg/
[
3] Joachim Dicks: Erfundene Erinnerungen; in: http://www.ndr.de/kultur/…meyerhoff123.html. Im Grunde wird dies ja schon im Titel angedeutet, weniger die reinen Fakten als das Atmosphärische stehen im Buch, der konsequenterweise deshalb wohl als „Roman“ eingestuft ist.

Joachim Meyerhoff
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Alle Toten fliegen hoch, Teil 2
diese Ausgabe: KiWi, TB, ca. 350 S., 2016

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