Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht

Je ne sais pas qui vous êtes
et je ne veux pas le savoir,
vous êtes des âmes mortes. [2]

hass


Hélène Leiris besuchte am Abend des 13. November 2015 ein Konzert im Pariser Club Bataclan, ihr Mann, Antoine, war zu Hause geblieben, um auf den siebzehn Monate alten Sohn Melvil aufzupassen. Er las, um sich bis zur Rückkehr seiner Frau wach zu halten, fühlte sich durch eintreffende und augenscheinlich nichtssagende SMS gestört, bis er die irritierende Frage las: „Seid ihr in Sicherheit?“. Daraufhin schaltete er den Fernseher ein und erfuhr so von dem Terroranschlag, der im Bataclan stattgefunden hat [3]. Natürlich versuchte er sofort, seine Frau per Handy zu erreichen, was aber nicht möglich war. Ein Freund, der zusammen mit seiner Frau im Club war, ging erst nach vielen Versuchen an sein Handy: „Ich kann dir nichts sagen.

Noch gab es eine verzweifelte Hoffnung, zusammen mit seinem Bruder (einige Familienmitglieder waren mittlerweile gekommen und konnten auf Melvil aufpassen) fuhren sie die Krankenhäuser ab, vergeblich. Langsam sickerte das Wissen ein, daß Hélène tot war, einem sinnlosen Verbrechen zum Opfer gefallen…


Antoine Leiris´ Meinen Hass bekommt ihr nicht ist ein schmales Bändchen, eine Art Protokoll der ersten Tage nach dieser Vernichtung eines Lebens und der katastrophalen Zerstörung eines Lebensentwurfes (mindestens) zweier anderer. Vielleicht nicht mit dem Entschluss, nicht zu hassen, aber möglicherweise mit der Reaktion auf diese Katastrophe steht das Büchlein somit exemplarisch für viele andere Schicksale, die mit diesen Folgen sinnlosen Terrors umzugehen und zu leben haben.

Meinen Hass bekommt ihr nicht ist authentisch in dem Sinne, daß es nicht in der Rückschau entstanden ist. Leiris beschreibt, daß ihm in den ersten drei Tagen nach der Katastrophe die Worte gefehlt haben, er praktisch kaum gesprochen, allenfalls als Antwort auf Fragen ‚geknurrt‘ habe, ich war … nicht fähig zu denken. Aber sie hatten sich, die Worte, doch in seinem Inneren gesammelt und drängten hinaus: Die Worte kommen immer noch. Sie kommen allein, werden bedacht und gewogen, doch ohne dass ich sie zu rufen brauche. Sie drängen sich mir auf, ich muss sie bloß annehmen. Die Frage des Bruders, was er gerade mache: Kopieren, Einfügen, Posten, meine Wörter gehören mir schon nicht mehr, sie sind auf Facebook online gestellt und verbreiten sich in der Tat in Windeseile [2]. An diesem Abend des Eintrags begann Leiris auch mit diesem Buch, möglicherweise, so schreibt er, auch erst am Tag danach: Ich tippe sie ein, um sie zum Schweigen zu bringen, damit sie aufhören, sich zu streiten, und mich schlafen lassen. Sobald sie auf dem Bildschirm erscheinen, betrachte ich sie wie Fremdkörper, ich lese sie, um sie zu verstehen, lese sie noch einmal, um mich zu verstehen, und mag sie endlich. Der letzte Eintrag ist mit dem Datum des 26. November versehen, Antoine Leiris war zusammen mit seinem kleinen Sohn, die Mama, das Grab der Mama, zu besuchen.


In den Aufzeichnungen Leiris´ finden sich alle Gemütszustände, die für die Trauer nach einem solchen Verlust charakteristisch sind: die Verdrängung, Wut, Zorn, Verzweiflung, Vertrauensverluste… Leiris hat im Grunde den Kummer (er unterscheidet explizit den Gemütszustand der ersten Tage nach der Ermordung seiner Frau von dem, was ihn danach erwartet, am 25. Nov. notiert er: Er [i.e. der Kummer] ist schon auf der Suche nach dem nächsten Liebenden, den er quälen kann, er geht weiter und überläßt mich seinem tristen Weggefährten. Der Trauer.)   …. zweier Menschen zu tragen: Melvil, dem kleine Sohn, der seine Mutter natürlich vermisst, muss er die Mutter ersetzen, er muss ihn trösten, mit ihm weinen, ihm sagen, verständlich machen, daß die Mama nie wieder kommen wird….

Leiris erfährt viel Zuwendung anderer Menschen, die Mütter der anderen Kindergartenkinder zum Beispiel kochen für ihn und Melvil. Es ist ihm nicht recht, er glaubt darin die Meinung zu erkennen, daß er der Papa ist, der nie eine Mama sein wird. Der Mann, der nicht alles richtig machen wird, so ganz allein mit einem Baby. … Er spielt diese ‚kleine Komödie‘ jedoch mit, solange sie es brauchen. Beileidsbekundungen der Bestatter beispielsweise scheinen im floskelhaft, dem Beruf geschuldet, nicht ehrlich. Er traut anderen nicht zu, auch zu trauern, um und in dem, was geschehen ist, fühlt sich als Ausstellungsstück, das angestarrt und taxiert wird in seiner Trauer: Man will mich treffen, mit mir sprechen, mich berühren. Ich bin ein Totem …. „The Big One“ … Das Erdbeben, das nur ein- bis fünfmal pro Jahrhundert auftritt. Dabei wäre er doch viel lieber in dem kleinen Kummer-Universum mit seinem Sohn allein, eingekuschelt und umschlungen in der Wärme dieses lebendigen Beweises seiner Liebe und der Weiterexistenz seiner Frau. Doch das Äußere dringt in seine Welt ein, unabweisbar und ‚erinnert ihn daran, daß er keine Wahl hat, daß er noch lebt‘.

Denn das Leben, so trivial die Äußerung ist, geht weiter. Die Beerdigung muß organisiert werden, der Stromableser steht vor der Tür, Melvils Fingernägel sind zu lang…. Melvil, das Baby, das umsorgt werden muss, wird andererseits auch zum Halt für den Vater, er weiß, daß es Papa schlecht geht. Er sieht, wie sich der Abgrund unseres Lebens vor ihm auftut.

Meinen Hass bekommt ihr nicht… es ist auf den ersten Blick etwas irritierend, aber für Leiris sind die ‚Umstände‘ des Tods von Hélène nur zweitrangig, es hätte auch ein Verkehrsrowdy sein können .. ein Tumor.. oder eine Atombombe…. entscheidend ist für ihn ihr Fehlen. Er verweigert sich dem Reflex, einen Schuldigen fest zu machen und zu benennen, denn man denkt an den Schuldigen, um nicht mehr an sich selbst denken zu müssen, man verabscheut ihn, um nicht sein eigenes Leben zu hassen.  

Diese Gedanken an einen bzw. den Schuldigen würden ihn hindern, weil sie ihn beherrschen würden, sie würden ihn blockieren, mit dem eigenen Leben weiterzumachen, weil andernfalls sein und seines Sohnes kommendes Leben gegen diesen Menschen aufgebaut wäre. Aus dieser Fixierung löst er sich bzw. in diese Fixierung geht Leiris gar nicht erst hinein, damit vermeidet er Hass, der schon so viele Leben zerstört hat. Welch eine großartige Einstellung!

Meinen Hass bekommt ihr nicht… ein schmales, aber gewichtiges Buch über grenzenlose Trauer nach einem verabscheuungswürdigen Verbrechen, einer Trauer mit einem Trauernden, der sich dem Hass verweigert, einem Hass, der so verständlich und nachvollziehbar wäre. Ein Dokument über den Versuch, ein selbstbestimmter Mensch zu bleiben und sich nicht vom Hass fremdbestimmen zu lassen, ein Dokument auch über den Schmerz des Alleinwerdens und der Erkenntnis, daß das Leben nicht angehalten werden kann, sondern weitergeht.

Links und Anmerkungen:

[1] Vita des Autoren http://www.randomhouse.de/Buch/Meinen-Hass-bekommt-ihr-nicht/Antoine-Leiris/e510547.rhd#|vita
[2] https://www.facebook.com/antoine.leiris/posts/10154457849999947
[3] zum Übersichtsartikel in der Wiki zu den Anschlägen vom 13. November in Paris: https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschläge_am_13._November_2015_in_Paris

Antoine Leiris
Meinen Hass bekommt ihr nicht
Übersetzt aus dem Französischen von Doris Heinemann
Originalausgabe: Vous n´aurez pas ma haine, Paris, 2016
diese Ausgabe: Blanvalet, HC, 144 S., 2016

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s