Smith Henderson: Montana

1970 zog sich der vielverprechende und hochbegabte Mathematikprofessor Theodore Kaczynski in die Berge von Montana zurück, wo er in einer einfachen Holzhütte lebte. Von März 1978 an bis April 1995 verschickte er eine Vielzahl von Briefbomben, durch die im Lauf der Jahre drei Menschen getötet und viele verletzt worden waren. 1995 verschickte der sich selbst als Anarchist bezeichnende Kaczynski ein ‚Manifest‘ von ca. 35.000 Worten an die NYT und die Washington Post, die den Text nach Rücksprache mit den Ermittlungsbehörden druckten. Durch dieses Manifest kam man Kaczynski auf die Spur, 1996 wurde er verhaftet.

Warum stelle ich diesen kurzen Abriss über Theodore Kaczynski (auch bekannt als ‚Unabomber‘ [1]) der Vorstellung des Romans von Henderson voran? Nun, der zentrale Erzählstrang in Hendersons Roman, in dem ein analog gewaltbereiter Sonderling die Hauptrolle spielt, erinnert einfach daran. Zumal der ‚Unabomber‘ seine Hütte seinerzeit in Lincoln, Montana, hatte, ein Flecken, der in derselben Region liegt, in der auch ein großer Teil des vorliegenden Romans spielt [2], ebeson wie die Zeit, in der Henderson seine Handlung ansiedelt, die – grob gesagt – in dem Jahr spielt, das mit dem Wahlkampf Carter-Reagan begann. Man könnte auch noch weitere Details benennen, die Ähnlichkeiten aufweisen. Möglicherweise – aber dies ist eine pure Spekulation meinerseits – hat der Unabomber den Autoren ja zu seiner Figur des Jeremiah Pearl inspiriert.

Aber nun wirklich zum Roman Montana von Smith Henderson.


„Ein Haufen Leute kommen hierher,
weil sie vor irgendwas weglaufen“, sagte Pete.
„Bei mir war´s jedenfalls so.
Aber die meisten von uns stellen fest,
daß sie ihre Probleme mitgebracht haben.“

Montana

Der das sagt und feststellt, ist Peter (‚Pete‘) Snow, ein Sozialarbeiter vom SFD, dem Sozialen Familien Dienst, die Hauptfigur des Romans. Sein Einsatzgebiet liegt im unzugänglichen, waldreichen Nordwesten Montanas, einer Region, in der die verschrobenen, problembeladenen Menschen den Hauptteil der Bevölkerung ausszumachen scheinen. Die Ortschaften, in denen die Handlung angesiedelt ist – sofern sie nicht eh im Wald spielt – sind von überschaubarer Größe, der Alkohol anscheinend die Freizeitgestaltung Nummer 1 mit seinen typischen Folgen wie Schlägereien, weiterem Drogenkonsum etc pp. So zieht eins das andere nach sich, und Pete, der selbst ein Alkoholproblem hat, hat eine Menge ‚Kundschaft‘ im Klientel, für die er sorgen muss.

Dabei ist er selbst nicht frei von Problemen: seine Ehe ist gescheitert und nachdem er seine Frau Beth mit einem anderen im Bett erwischt hatte, ist er nach Montana geflüchtet. Beth dagegen nimmt die dreizehnjährige Tochter Rachel, die viel lieber Rose hieße, und geht nach Texas; da sie ist kein Kind von Traurigkeit ist, findet sie dort viele Bekanntschaften der flüchtigen Art, als Vorbild für ihre Tochter taugt sie weniger. Aber zurück zu Pete, dessen Verhältnis mit dem Vater schwierig ist, ebenso wie das zum Bruder Luke, der des öfteren Probleme mit dem Gesetzgeber bekommt und momentan auf der Flucht vor seinem Bewährungshelfer ist, eine der vielen kleinen Nebenhandlungen des Romans.

Von den drei Erzählsträngen Hendersons befasst sich einer mit den Schicksal Cecils, eines Jungen, den Pete in der Eingangsszene des Romans aus seiner eigenen (Rumpf)Familie herausholen und in eine Pflegefamilie geben muss. In der eigenen Familie ist die Mutter mit zwei Kindern vom Mann sitzen gelassen worden, sie frönt dem Alkohol und anderen Drogen und vernächlässigt dafür die Kinder, denn ausser Cecil gibt es noch die kleine, verängstigte und verschüchterte Katie. Aber Cecil eignet sich nicht für die Pflegefamilie, er wird dort auffällig, muss wieder gehen und so nimmt für ihn eine verhängnisvolle Schussfahrt in Richtung ‚verkorkstes Leben‘ Fahrt auf.

Im Zentrum des Geschehens jedoch steht das Schicksal der Familie Pearl, von denen Pete jedoch nur den ungefähr elfjährigen Ben und dessen Vater Jeremiah kennenlernt. Ben stand eines Tages an der Schule in Tenmiles, dem Ort, in dem Pete säuft und in dessen Nähe seine Hütte steht. Niemand kannte die verwahrloste Jungengestalt, niemand hatte sie bis dato gesehen. Ben lehnt die Geschenke Petes wie neue Kleidung und anderes ab, Nahrungsmittel und auch Medikamente gegen Skorbut und Parasiten gibt nimmt Pete mit, als er den Jungen wieder ‚zurück‘ bringt in den Wald, in dem er offensichtlich mit seinem Vater lebt. Den Pete dann auch kennenlernt, mit dem Gewehr im Anschlag, das er auf sich gerichtet sieht: Jeremiah ist misstrauisch und Pete letztlich froh, heil wieder an sein Auto zu kommen, nicht von diesem Menschen, der glaubt, die Apokalypse hätte begonnen und der Staat sei eine einzige große Verschwörung, erschossen worden zu sein….

Im Lauf der Wochen und Monate baut sich ganz langsam so etwas wie eine Beziehung zwischen den Pearls und Pete auf. Pete fährt immer mal wieder zu dieser Stelle im Wald wo sie sich getroffen hatten und deponiert Sachen dort, einiges davon fehlt später, offensichtlich holen sich die Pearls, das was sie annehmen wollen. Eines Tages jedoch ruft ihn Ben zu Hilfe, der Vater ist blind geworden. Pete sieht, daß dies Schneeblindheit ist, gegen die er Medikamente kennt, denn Schneeblindheit kennt er von sich selbst…. immer noch misstrauisch und auf der Hut duldet Jeremiah in der folgenden Zeit die Anwesenheit von Pete, der sogar eine Zeit lang mit ihnen durch die Wälder streift.

Henderson verzahnt diese Ereignisse um Pearl locker mit dem dritten wesentlichen Erzählstrang, der in Form eines Interviews formal eine Sonderstellung im Roman einnimmt. Immer wieder sind diese Gespräche als kurze Abschnitte in den Text eingefügt, der Interviewer/Frager könnte prinzipiell der Leser sein, nur daß der Frager meist schon mehr weiß (und daher entsprechende Fragen stellen kann) als der Leser. Wer die Antworten gibt, wird nicht klar, auf jeden Fall jemand, der sich auskennt… sich auskennt im Leben von Beth und Rachel, ein Leben, das bei beiden in die falsche Richtung läuft. Apropos läuft: Rachel verschwindet eines Tages spurlos, läuft weg, kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag. Zwar setzt Pete, den Beth verzweifelt anruft, alle Hebel in Bewegung, aber es ist ein bischen wie Hase und Igel. Jedenfalls kommt Pete, der Hase, auf der Suche nach Rose, dem Igel, immer zu spät….. einmal kommt er in die Nähe des früheren Wohnortes der Pearls, er fährt dort hin und trifft auf Familienangehörige, die ihm alte Filme zeigen. Es sind Bilder einer ganz normalen Familie, die aber langsam in einen religiösen Wahn hinein gleitet, insbesondere Veronika, die Frau, mit ihren Visionen… kinderreich sind die Pearls und natürlich steht damit die Frage im Raum: wo sind die Frau und die anderen Kinder?


Ich denke, mit diesen kurzen Hinweisen zur Handlung des Romans habe ich weder gespoilt noch versäumt, Appetit auf das Buch zu machen….

… denn Montana ist absolut lesenswert, ein gutes, ein sehr gutes Buch. Flüssig, unterhaltsam, intelligent, spannend und gut lesbar geschrieben zeigt uns Henderson ein Amerika der düsteren Art. Nichts ist zu spüren von Lebensfreude, von Optimimus, von einem erwartungsvollen Blick in die Zukunft. Die Menschen, die uns Henderson präsentiert, sind vom Schicksal geschlagen, vom eigenen Unvermögen gefesselt, werden von inneren Dämonen zerstört. Einsamkeit herrscht im menschenleeren Berg- und Waldgebiet inmitten einer übermächtigen Natur mit ihrem klaustrophoben Charakter. Sie zwingt dem Menschen einen Überlebenskampf auf, wenn er in ihr bestehen will: sie selektiert, hier ist nur der überlebensfähig, der leidensfähig ist und sie annimmt. Dann bietet sie jedoch auch einen Rückzugsort, ein Versteck, ein Refugium für Wahnvorstellungen, für von Dämonen Besessene, die das Ende erwarten, die dem Wort ihres Gottes buchstabengetreu horchen und in jedem Geschehen ein Zeichen sehen für das Wirken Satans auf der Erde. Apokalypse Now.

Die Versuche, über dieses regellose Leben eine gewisse staatliche Ordnung zu zwängen und den Menschen zu helfen, wirken selbst hilflos. Der örtliche Richter ist selbst ein Freund des Alkohols; Pete, die Hauptfigur, ein Getriebener, ein Flüchtling, einer, der bei der eigenen Familie versagt hat, der mit ansehen muss, wie seine Frau und vor allem seine Tochter immer tiefer in ein Schicksal treiben, daß er nicht verhindern kann. Nein, Henderson kennt kein Mitleid mit seinen Figuren. Kurzfristig läßt er uns Leser in dem Glauben, daß Pete mit Mary eine Chance hat, aus diesem Teufelskreis herauszukommen – nur, um diesen Hoffnungschimmer dann um so kompromissloser wieder zu zerschlagen, bis ihm fast nichts mehr bleibt, bis aus die Kinder aus den Familien, die er betreut. In einer Welle des Selbstmitleids über all die Ungerechtigkeit erkennt er, daß seine Tochter schon lange verschwunden war, von ihrem Vater mit ihrer Alkoholiker-Mutter … zurückgelassen. Seine Eltern tot. Sein Bruder weg. … Diese vollkommene Einsamkeit… Wie im Traum bemerkte er, daß Katie [i.e. die Schwester Cecils] ihm den Kopf tätschelte. Die Berührung half ihm, sich zusammenzureißen. Momentan wurde er gebraucht. Das Mädchen brauchte ihn oder er sie, oder beides.

Der Autor führt uns Leser mit seiner Geschichte immer wieder auf´s Glatteis. Ich will ein Beispiel geben: der weiter vorne erwähnte Cecil wird bald von seiner Pflegefamilie (übrigens die für mich einzigen ’nomalen‘ Figuren im ganzen Roman) wieder rausgeschmissen, der Mann hat ihn bei einer ‚igitt-igitt‘-Handlung erwischt, die in der Tat etwas eklig und fragwürdig ist: man kann den Rausschmiss nachvollziehen und verstehen. Viele Seiten später klärt sich jedoch der Hintergrund, den dieses Verhalten Cecils hat, es wird dadurch nicht weniger eklig, ist aber doch nachvollziehbar geworden und zeigt deutlich, daß man sich ein Urteil erst erlauben darf, wenn man wirklich alles weiß, beide Seiten gehört hat. Nach diesem Erzählprinzip verfährt Henderson in vielen Situationen, ganz besonders, was das Schicksal der Pearls angeht, mit dem er uns über weite Passagen so richtig an der Nase herumführt.

Damit sagt Henderson im Grunde zweierlei. Zum einen, daß der erste Eindruck, das Augenscheinliche trügerisch ist und zum zweiten macht er seine Figuren damit zum Spielball des Schicksals, die zwangsläufig so handeln wie sie handeln, weil sie keine Alternative sehen, weil sie von einer fixen Idee besessen sind, weil sie traumatisiert sind…

Montana ist ein amerikanischer Roman auch in dem Sinne, daß es den guten, alten Show-Down gibt. Gegen Ende der Geschichte kulminiert die Handlung zu einer staatlich verordneten Jagd auf die Pearls, bei der auch Pete nicht ungeschoren bleibt. Jetzt erweist sich der Wald als Verbündeter, Henderson verknüpft lose Fäden zu neuem Wissen und läßt letztlich das Ende seiner Geschichte(n) offen.


Smith Henderson, so ist der Kurzbiographie zu entnehmen [3], kennt die Verhältnisse: er stammt aus Montana und war selbst Sozialarbeiter. Es ist daher zu befürchten, daß das von ihm (besonders, was die Arbeit und die Arbeitsumstände der Sozialarbeit) Beschriebene in weiten Teilen der Realität entspricht… Sisyphus hat dagegen einen wirklichen leichten Job: Idylle geht anders. Ob der Bundesstaat Montana wirklich diese dargestellte Senke ist für, sagen wir mal, Verschrobene und Verschobene, kann ich natürlich nicht sagen, was ich aber mit voller Überzeugung sagen kann, ist folgendes: Hendersons Roman Montana ist ein großes, intensives Leseerlebnis, das uns (pars pro toto) in die dunkle Seite der amerikanischen Seele führt.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Unabomber: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Kaczynski
[2] vgl. diesen Kartenausschnitt von Montana. Markiert ist der seinerzeitige Standort der Hütte des Unabombers, Ortschaften, die im Roman immer wieder erwähnt werden, sind z.B. Missoula, Spokane oder auch Choteau: https://goo.gl/maps/bRnoQau7RAN2
[3] zur Verlagsseite über den Autoren: http://www.randomhouse.de/Autor/Smith-Henderson/p524469.rhd

Smith Henderson
Montana
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Walter Ahlers und Sabine Roth
Originalausgabe: Fourth of July Creek, NY, 2014
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 600 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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2 Kommentare zu „Smith Henderson: Montana

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