Vittorio Segre: Ein Glücksrabe

29. Juni 2016

Der Autor dieser Biographie, Vittorio Segre, (1922 – 2014) ist von Namen her unschwer als Italiener zu identifizieren. 2014 ist er in hohem Alter gestorben [1]; es ist nicht selbstverständlich, daß er (so) alt geworden ist, denn er stammte aus einer jüdischen Familie im Piemont, der Region um Turin, wo er wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren wurde. Auch wenn sein Vater 1929 das beträchtliche Familienvermögen wie so viele andere auch verloren hatte, lebte die Familie bis 1938 weitgehend unbehelligt von den politischen Randbedingungen ein privilegiertes, weil wohlhabendes Leben. Nachdem ab 1937 in Italien jedoch gegen Juden gerichtete gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten (19. April 1937:  ‚Rechtswirkungen ehelicher Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und Untertanen‘, 17. November 1938: „Gesetz zur Verteidigung der Rasse“.  [2]), wurde auch in der abgehobenen Welt dieser Familie klar, daß man selbst als assimilierter und faschistischer Jude verfolgt wurde, aus dem einzigen Grund: weil man Jude war. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen sorgten verschiedene Ereignisse schließlich für den Entschluss, daß der seinerzeit sechzehnjährige Sohn Vittorio nach Palästina auswandern sollte.

gluecksrabe

Die ersten vier von den elf Abschnitten des Buches umfassen diese ersten sechzehn Lebensjahre Segres sowie die Geschichte seiner Familie. Er wurde in eine typisch großbourgeoise Familie mit Großgrundbesitz hineingeboren: dem Vater gehörte das Tal, auf das sie blickten, die Dörfer, die darin lagen und die Menschen, die dort auf seinem Land arbeiteten, waren von ihm abhängig. Den Erinnerungen des Autoren nach war der Vater ein guter „Hirte“, der auch als Bürgermeister viel Vertrauen und Ehrfurcht von seinen Leuten entgegengebracht bekam. Von beidem büßte ein: der Krieg, für dessen Teilnahme er 1916 entflammte und aufrief, war nicht ganz so kurz und nicht ganz so siegreich wie von ihm prophezeit: viele der Männer, die begeistert hatte, kehrten nicht mehr zurück in das Tal.

Eher aus Zorn über die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg zwangsläufig mit sich gebracht hatte …. war er nach Turin gegangen, um der von Polizei und Armee unterstützten faschistischen Partei beizutreten und dort Karriere zu machen. Der Faschismus war für den Vater der Triumph der Ordnung über die Anarchie. 1922 wurde der Sohn Vittorio geboren, der in diesem wohlhabenden faschistisch orientierten Umfeld wie in einer Blase, die von den Realitäten abschirmte, aufwuchs. Es war ein privilegiertes Leben, das weder von ihm und seiner Familie in Frage gestellt wurde. Auch nach dem wirtschaftlichen Crash des Vaters, dessen Vermögen durch die Wirtschaftskrise 1929 verloren ging, änderte sich nicht wirklich etwas, bis auf die Tatsache, daß der Vater jetzt für Lohn arbeiten musste. Ganz so schlimm wie es klingt, war es dann aber doch nicht, der reiche, angeheiratete Onkel wusste den Vater standesgemäß in seinen Fabriken in Stellung zu bringen. Jedoch war damit ein Umzug aus dem Piemont ins Friaul verbunden.

Der Knabe selbst genoß nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien. Da schwächlich und kränklich, wurde er von Privatlehrern unterrichtet, was wohl nicht sehr effektiv war, denn als er dann doch in die Schule gehen musste, viel er durch fehlende Grundlagen auf. Jene sechzehn Jahre im faschistischen Italien stellten für [ihn] eine so geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit dar, daß [er] nicht sagen könnte, was das Besondere am Faschismus war. …. Als vollkommen assimilierter Jude … hielt ich den Faschismus für die natürliche Form des Gemeinschaftslebens. Ohne weiteres Nachdenken, weil es selbstverständlich war, trat er auch in die faschistische Jugendorganisation ein. Die Gerüchte, die teilweise vom weiter nördlichen Geschehen in diese patriarchalisch ausgerichtete Gegend drangen, nahm man nicht sonderlich ernst, der ‚Duce‘ sei doch eher ein Freund der Juden, nicht so wie Hitler.

Das jüdische Leben in Italien unterschied sich von dem in Mittel- und Osteuropa. Die Gettos, in denen die Juden lebten, waren erst wenige Jahrzehnte vorher im Rahmen des „Risorgimento“, der Schaffung des Nationalstaates Italien 1848, aufgelöst worden. Die Gettomauern hatten zwei Effekte, die nun wegfielen: nach außen die Isolierung und Abgrenzung, nach innen aber auch die Konzentration jüdischen Lebens auf einen eng definierten Bereich, in dem es sich entfalten konnte. Dieses jüdische Leben verkümmerte, als sich die Juden nach 1848 in die italienische Gesellschaft integrierten und sich an sie anpassten, die Gemeinden waren zudem meist zu klein, um die Jüdischkeit aufrecht zu halten. Segre geht ausführlich auf diese historische Entwicklung, die recht schnell stattgefunden hat, ein. Sie führte in der eigenen Familie dazu, daß beispielsweise das Hebräische kaum noch beherrscht wurde, daß man zwar noch wusste, daß Schwein und Hase (letzterer eine Lieblingsspeise des Vater) nach den Speisegesetzen verboten waren, aber die Vorschrift, daß man am Sabbat kein Feuer anzünden dürfe, hätte diesen sicherlich sehr erstaunt. Rituale wie Gebete und Segenssprüche wurden zur Hülle und – wenn überhaupt noch durchgeführt – sinnentleert und zu Weihnachten/Chanukka ging man mit den Christen in die Mitternachtsmesse. Ferner gab es auch verschiedentlich   Übertritte vom Judentum zum Christentum, die Mutter des Autoren konnte seinerzeit nur durch massives Eingreifen des Vater beim Bischof davon abgehalten werden.

Daß man trotzdem immer noch Jude war, wurde gegen Ende der 30er Jahre schmerzhaft deutlich. Der Autor musste die öffentliche Schule verlassen und in eine jüdische überwechseln; einmal in einem der vielen Urlaube, die man sich im Jahr leistete, traf man auf eine Flüchtlingsfamilie aus Deutschland, dennoch verkannte man noch immer die Realitäten, glaubte sich nicht in Gefahr. Den Ernst der Lage erkannte der Vater erst, als ihm 1939 faschistische Juden den Vorschlag machten, gegen andere Juden vorzugehen, um dem ‚Duce‘ zu zeigen, daß man hinter ihm stünde. Der Vater verweigert sich diesem Ansinnen: … Es stimme, daß wir als Italiener unserer sakrosankten Rechte beraubt worden seien. Aber niemand könne uns unsere Würde und unsere Ehre als Juden nehmen. In trostlosen Zeiten wie diesen Glaubensbrüder anzugreifen, ums uns bei einen Regime einzuschmeicheln, das uns betrogen hatte, sei gemein und unter aller Würde. Die Familie fasste den Beschluss, daß der Sohn nach Palästina auswandern sollte. Der Vater selbst überlebte die Zeit der Judenverfolgung in Italien in der Verkleidung eines herumziehenden Hausierers, er wurde von „seinen“ Leuten gedeckt und versteckt, niemand verriet ihn.


Das Leben ist stärker als das Böse.

Die folgenden sieben Kapitel des Buches umfassen den Zeitraum von der Ausreise nach Palästina bis zu seiner Rückkehr nach Italien als britischer Soldat. Damit schließt sich in gewisser Weise die literarische Aufbereitung dieser Lebensepoche Vittorio Segres, denn dieser Rückkehr, sein Wiedersehen mit dem Vater, schildert er zu Beginn der Aufzeichnungen, an den sich in der Rückschau die Erinnungen daran, wie alles gekommen ist, anfügen.

Die Überfahrt nach Palästina, das noch unter dem Mandat der Briten lag, verlief für den jungen Mann den Umständen entsprechend luxuriös, schließlich war sein Onkel ja mal Besitzer des Schiffes und – so wohl der Gedanke des Kapitän – wer weiß, vielleicht würde er es ja mal wieder werden. Die Ankunft in Jaffa war für den jungen, verwöhnten Mann, der wie ein europäischer Dandy gekleidet dort eintraf, ein Kulturschock: nichts, was er sah, glich dem, was er aus seiner Heimat kannte, er selbst fühlte sich völlig deplatziert. Staub, Hitze, zerlumpte Menschen, ein Geruch nach Vergang und Verwesung zog vorüber…

Politisch war die Region  schon damals eine Art Pulverfass, die nur durch die Anwesenheit der Briten und dem einenden Kampf aller Parteien gegen die Nazis unter Kontrolle gehalten wurde. Briten, Araber, orthodoxe Juden, Zionisten – man war sich, um es milde zu sagen, nicht immer grün. Vittorio Segre, zur Zeit seiner Ankunft in Palästina, das darf man nicht aus den Augen verlieren, noch ein Jugendlicher, noch lange keine zwanzig Jahre alt, findet sich in dieser realen Umwelt nur schwer zurecht. Es war ein tiefer Sturz aus der Irrealität seines privilegierten Lebens im Wohlstand in die staubige Realität eines Kibbuz, in dem ein neuer sozialistischer Gesellschaftsentwurf umgesetzt und gelebt werden sollte. In Italien politisch weitestgehend desinteressiert, kann er mit den vielen Meinungen hier, den Strömungen, den politischen Ideologien kaum etwas anfangen, selbst sein ‚Jüdischsein‘ ist ihm fremd. Und so bleibt er auch den anderen fremd und suspekt, ist immer in einer Aussenseiterrolle. Daß sich langsam auch ein Interesse am weiblichen Geschlecht entwickelt, erleichtert sein Leben nicht unbedingt.

Er besucht in den folgenden Monaten eine Landwirtschaftsschule, auch hält er sich abseits. Dann entschließt er sich, zur britischen Armee zu gehen, um diese beim Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Nach der Grundausbildung kommt er jedoch bald in eine spezielle Truppe: für den Propagandasender wurde ein italienischer Sprecher gesucht – und in ihm gefunden. Hier genießt er jetzt wieder spezielle Privilegien: ihm ist erlaubt, Zivilkleidung zu tragen und er kann sich ein privates Zimmer nehmen und muss nicht mehr in den Unterkünften der Armee leben.

So mietet er sich bei einer aus Deutschland emigrierten jüdischen Familie  ein und lernt dort deren Tochter Berenika, mit der er ein seltsame Verhältnis eingeht: Ich bemächtigte mich ihres Körpers, sie riss meine Seele in Stücke. Erst sehr spät, am Ende dieser Beziehung (auch Berernika hatte sich zur Armee gemeldet) erfährt er vom schlimmen Schicksal Berenikas in Deutschland vor der Flucht.

Schließlich geht der Krieg seinem Ende zu. Der Autor berichtet von einer schweren persönlichen Krise in diesem Zeitraum die bis hin in suizidale Pläne ging. Seine ‚Feigheit‘, mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Italien abzuspringen – obwohl er sich zuvor dazu gemeldet hatte – belastet ihn schwer. Immer noch schien der zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzigjährige junge Mann (zumindest zeitweise) in einer kleinen, selbstgeschaffenen Traumwelt zu leben, Fantasien und Vorstellungen mit Realem zu verwechseln. Ferner berichtet Segre von einer Art ‚Persönlichkeitspaltung‘, die ihn in der Folge sein Leben lang begleitete: er ließ im Innersten seiner Seele nichts mehr an sich heran, ein eiskalter Kern war in ihm. In schwierigen, schmerzhaften Situation dissoziierte er, konnte er sich wie von aussen beobachten und fühlte nichts mehr. Er veranschaulicht dies sehr plastisch mit der Aussage, er hätte erst spät im Leben eingesehen, daß man sich bei zahnärztlichen Wurzelbehandlung eine Betäubungsspritze geben lassen könne…..


Der Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet, die letzten britischen Verbände hatten sich aus Palästina zurückgezogen. Dieser ‚Geburt‘ des neuen Staates ging – um im Bild zu bleiben – die ‚Schwangerschaft‘ voraus, seit 1937 zum ersten Mal die Idee einer möglichen Spaltung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil formuliert worden war. Nach Ende des Krieges, als die entsetzliche Erkenntnis, daß und wie Millionen Juden von den Nazis ermordert worden waren, immer klarer wurde, gewann die zionistische Bewegung mehr internationale Unterstützung, die Briten kündigten ihren Rückzug als Mandatsmacht an und 1947 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas.

Obwohl das Leben selbst in Palästina Anfang der 40 Jahre träge verlief, war es also eine für die weitere Geschichte (zumindest unseres Teiles) der Welt wichtige Epoche, in der Entscheidendes geschah. Und Vittorio Segre war sozusagen mittendrin und da er selbst politisch/ideologisch  nicht festgelegt war (sich am ehesten immer noch einer faschistischen Überzeugung anhing), sich noch nicht einmal richtig als Jude sah, eine Art ’neutraler‘ Beobachter. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er später Jura studierte und im diplomatischen Dienst war. Sie sind sehr analytisch, ausführlich und abwägend, ohne jedoch zu einem Urteil zu kommen. Die Darstellungen, die auf Tagebuchaufzeichnungen dieser Zeit beruhen, zeigen das Bemühen des jungen Mannes, die unterschiedlichen politischen Strömungen dieser Zeit zu verstehen, sie sind für den heutigen Leser ein profunder Einstieg in die komplexe Ausgangsposition in Palästina, die mit der Gründung Israels und den folgenden Auseinandersetzungen und Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern einen steten Unruheherd in der politischen Landschaft des Nahen Ostens schuf.

Die autobiographischen Aufzeichnungen des Glücksraben Vittorio Segre erfüllen also verschiedene Funktionen. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung des italienischen Judentums nach der Auflösung der Gettos, das sich völlig in die italienische Gesellschaft assimlierte und in großen Teilen die faschistische Bewegung des ‚Duce‘ unterstützte. Ferner enthalten sie die Analysen diverser politischer Strömungen unter vor allem den Juden in Palästina in dieser Zeit und – last not least – beschreiben sie in ihren biographischen Passagen das Schicksal und das Leben einer bourgeoisen jüdischen Familie und eines jungen Mannes, der aus einer behüteten, wenngleich ‚irrealen‘ Welt von heute auf morgen in die brutale Realität geworfen wurde, in der er sich nur mit Mühe und immer wieder glücklichen Umständen zurecht fand.

Vieles von dem, was Segre beschreibt, war mir unbekannt, von daher waren seine Aufzeichnungen spannend im Sinne von lehrreich. Andererseits haben es politische Analysen so an sich, langatmiger zu sein und auch trockener, solche Passagen häufen sich in den späteren Kapiteln, die in Palästina spielen. Nichtsdestotrotz sind die Abschnitte, in denen das Leben dort beschrieben wird, sei es nun das im Kibbuz (mit der besonderen Bedeutung, die den Aborten und die Duschen dort zukam) oder auch das Leben in Jerusalem bzw. beim britischen Militär, interessant – wer weiß darüber schon etwas….

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich die Lektüre dieses autobiographischen Buches trotz einiger Längen nicht bereue, das neue Wissen, die vielen mir bis dato unbekannten Infos wiegen eine gewissen Trockenheit in einigen Passagen bei Weitem auf. Und nicht zu vergessen natürlich, daß diese deutsche Erstausgabe der Anderen  Bibliothek einfach auch als Buch ein Gewinn ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Nachruf in der Jerusalem Post: Manfred Gerstenfeld: In memoriam: Dan Vittorio Segre; in:  http://www.jpost.com/Opinion/In-memoriam-Dan-Vittorio-Segre-378225
[2] siehe die ausführliche Darstellung z.B in: http://www.wernerbrill.de/downloads/AntismitismusItalien.pdf oder: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf

Vittorio Segre
Ein Glücksrabe
Die Geschichte eines italienischen Juden
Übertragen von Sylvia Höfer (Kap. 1 bis 4 der italienischen Ausgabe und Hanni Ehlers (Kap. 5 bis 11 nach des Autors eigener englischen Fassung)
Originalausgabe: Storia di un ebreo fortunato, Mailand, 1985
englischsprachige Ausgabe: Memoirs of a Fortunate Jew, Chicago, 1987
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Bd. 101), HC, ca. 360 S., 1991

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