Jessica Durlacher: Der Sohn

5. Juni 2016

Jessica Durlacher ist eine niederländische Schriftstellerin, die immer wieder den Holocaust und dessen Wirkung auf die Überlebenden in den Mittelpunkt ihrer Romane stellt. In Bezug auf das vorliegende Buch Der Sohn ist es jedoch auch interessant, Durlachers eigene Familie zu betrachten, finden sich hier doch Parallelen zu den entsprechenden Figuren im Buch.

Ihr Vater war Gerhard Durlacher, er wuchs in Baden-Baden auf. Die Durlachers waren Juden, so wurden sie zunehmend durch die antijüdische Stimmung und Gesetze der Zeit drangsaliert. 1937 emigrierte die Familie in die Niederlande, dort wurde er mit seinen Eltern und der Tante 1942 in das Zwischenlager Westerbork interniert und von dort aus 1944 über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Er überlebte die Lager als einziger der Familie; nach dem Krieg wurde er Dozent an der Universität Amsterdam. Im Familienkreis sprach Gerhard Durlacher wohl nicht über seine Erlebnisse [1].

Wie die Protagonistin Sara ist also auch Jessica Durlacher selbst Kind eines Holocaustüberlebenden, wie die Romanfamilie haben auch sie und ihr Mann Leon de Winter zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen (das ihrerseits in die Fussstapfen der Eltern tritt und ihren ersten Roman 2014 mit 17 Jahren veröffentlich hat [2]), auch ist die Familie wie Durchlachers selbst aus Baden-Baden in die Niederlande emigriert. Der Vollständigkeit dieser Parallelen halber sei erwähnt, daß Jessica Durlachers Mann, Leon de Winter, sein Pendant im Roman in der Figur des erfolgreichen Regisseurs und Filmproduzenten Jacob findet; Parallelen, die Durlacher zugibt, bei denen sie aber „kategorisch biographische Analogien ausschließt“ [3]. Die eigenen Lebensumstände derart deutlich in einem solchen Plot zu spiegeln (Der Sohn ist nicht gerade ein Wohlfühlbuch), kam mir als Leser jedoch schon bemerkenswert vor….

der sohn cover


Durlacher beginnt ihren Roman mit einer Familienszene, in der sie bis auf Jacob, den Vielbeschäftigten, ihre Hauptpersonen vorstellt. Wir sind im Hause der Eltern der Erzählerin Sara, einer Autorin und Journalistin, Mutter der dreizehnjährigen Tess und des neunzehnjährigen Mitch, verheiratet mit eben diesem hier fehlenden Jacob. Ferner begegnen wir der drei Jahre älteren Schwester Tara, zwischen den beiden Schwestern herrscht hin und wieder ein gereizter Ton, nichts Ernstes aber. Von den Eltern sitzt Iezebel, die Mutter, mit im Zimmer, man leert eine Flasche Wein, während der Vater Hermann die Küche okkupiert hat, um – wie es bei seltenen Gelegenheiten von ihm Brauch ist – sein Spezialrezept, Kohlrouladen mit Kümmel, zu kochen. Es ist eine beschauliche Szenerie, eine harmonische Situation, die kurzzeitig zu entgleiten droht, als in der Küche Scheppern und Klirren zu vernehmen ist. Es ist Mitch, der als einziger, ohne daß es weiteren Ärger gibt, die Küche betreten darf und dies in großer Selbstverständlichkeit auch macht. Ihm gelingt es scheinbar mühelos, die „Krise“ zu deeskalieren.

Dieser Tag sollte das Ende der friedlichen Epoche der Familie Silverstein markieren, friedlich freilich bezogen auf die Zeit nach dem Krieg…. denn der Krieg hat der jüdischen Familie Silverstein das seinerzeit übliche Schicksal beschert. Aus Deutschland wurden sie vertrieben, in den Niederlanden fanden sie kurzzeitig Unterschlupf, bevor die Hitlers Truppen das Land besetzten. Mit Hilfe einheimischer Kollaborateure des NSB [4] wurden sie jedoch auch hier verfolgt und letztlich in Vernichtunglager deportiert. Einzig der damals dreizehnjährige Hermann überlebte diese Zeit. Nach dem Krieg wurde er beruflich Historiker, privat wurde er zu einem von Besorgnis geprägten Mensch, die sich auf alle Mitglieder seiner Familie erstreckt. Hermann erblickte in allem, was Tara und ich (seine „zarten Pflänzchen“) machten, …. sofort die Gefahren, das drohende Unheil .. und nur dank seiner Beschwörungen …. blieben wir von allem verschont, was er schon bildhaft vor sich sah.

Vorbei die Zeit dieses Glücks der Normalität, in den nächsten Wochen und Monaten scheint das Schicksal das an die Silversteins austeilen zu wollen, was es die letzten Jahre versäumt hat an Schlägen. Herrman hat einen an sich recht harmlosen Unfall, im Krankenhaus jedoch holt er sich eine Infektion, an der er stirbt. Sara wird beim Joggen überfallen und vergewaltigt und damit nicht genug, verkündet Mitch, der zu einem einjährigen Studienaufenthalt in den USA ist, seinen festen Entschluss, in die Army zu gehen und ein Marine zu werden. Mitch, der eher unstetig war, was seine Interessen anging, ihr Junge, ihr ein und alles – Sara kann es nicht glauben und fühlt sich zusätzlich von Jacob verraten, der den Wunsch seines Sohnes anscheinend unterstützt, zumindest ihn nicht davon abbringen will. Mitch bleibt bei seiner Entscheidung, auch als Sara kurz entschlossen in die Staaten fliegt, um ihn umzustimmen.

Der um das Leben gewobene Kokon der Geborgenheit, der Sicherheit, der relativen Unverletzlichkeit ist zerrissen, Angst herrscht jetzt und Unsicherheit, Verunsicherung und Misstrauen….

Beim Ausräumen von Hermanns Zimmer entdecken Sara und Iezebel völlig überrrascht eine versteckte Pistole, die unter dem alten Schreibtisch Hermanns befestigt ist. Nein, Sara schmeißt sie nicht, wie versprochen, weg, sie kommt im Gegenteil wieder an ihren Platz am Schreibtisch, der jetzt als Erinnerung in ihrem Haus steht….

Die alten Aktenordner des Vaters, Sara blättert sie durch, ein Streit, ein Prozess mit einem Handwerker, der schlecht gearbeitet hat, Bilder der Baustelle – und das Gesicht des Mannes, der ihr aufgelauert hat, das ihr auf einem der Bilder entgegen springt zusammen mit seinem Name in den Unterlagen… Zusammenhänge scheinen sich herauszuschälen, Iezebel kann die Geschichte des Streites erzählen und Sara forscht auf eigene Faust weiter, entdeckt Querverbindungen, Geheimnisse, von denen niemand etwas wusste, die der Vater für sich behalten hatte…

Wäre das alles nicht genug? Der tragische Tod des Vaters, der Überfall mit der Erniedrigung der Vergewaltigung, die Aussicht, Mitch nach Afghanistan gehen lassen zu müssen, wäre das nicht genug an Schicksal?

Durchlacher hat sich den schlimmsten Schlag jedoch zum Schluss aufgehoben: Sara, Jacob und Tess werden zu Hause überfallen, und es ist nicht damit getan, daß sie ausgeraubt werden… Vor Mitch, der kurz vor dem Abschluss seiner Grundausbildung bei dem Marines steht, verheimlichen sie diesen Überfall, sie wollen (auch Sara will ihm jetzt nichts mehr kaputt machen), daß er den Abschluss schafft, den er sich so wünscht. Erst auf der ‚Graduation‘ erfährt er von Jacob, mit dem er telefoniert, den wirklichen Grund, warum dieser nicht mit zur Feier in die Staaten gekommen ist. Aufgrund dieser Ereignisse erhält Mitch nach seiner bestandenen Ausbildung Sonderurlaub, um eine Woche lang zu seiner Familie nach Hause fliegen zu können.


Der Krieg ist ein Krake, der seine Arme noch lange Zeit nach den Menschen ausstreckt und sie an sich bindet. Hermanns ganzes Leben war geprägt von seinen Kriegserlebnissen, der Verschleppung der Eltern, die er aus seinem Versteck beobachten musste, seinem Selbstvorwurf, dies nicht verhindert zu haben, die übergroße Besorgnis, die er ein Leben lang für seine Familie fühlte und die er auf seine Tochter Sara übertrug, und dem Schweigen, dem Verschweigen all dessen, was erlebt und gefühlt worden war. Ein Schweigen, daß sich fortsetzte, als ihn der Krake Krieg ganz aktuell wieder ergriff…

Sind der Unfall des Vaters und sein anschließender Tod natürlich schlimm und schmerzhaft, so sind sie doch rational zu fassen: ein tragischer, dummer Unfall eben und eine Infektion, die nicht beherrschbar war. Nicht zu fassen jedoch war dieser Überfall auf Sara, der aus heiterem Himmel kam, keine Verbindung zu haben schien zu irgendetwas in ihrem Leben – ausgenommen der Tatsache, daß sie eine Frau ist. Durlacher beschreibt sehr klar, wie dieser Überall in Sara einen wilden Gefühlscocktail zusammenbraut: Angst enthält er genauso wie Wut, Unsicherheit so wie Rachewünsche und Hass. Es ist durch die völlige Unfähigkeit, die eigene körperliche Integrität und Verletzlichkeit beschützen und bewahren zu können, das absolute Ausgeliefertsein einer viehischen Erniedrigung und Entwürdigung wie ein Fallen in einem leeren Raum, der keinen Halt bietet. Selbst die Tatsache, daß sie das Bild ihres Vergewaltigers in den Unterlagen des Vaters gefunden hat, kann keinen Halt geben, da es genauso ein Zeichen dafür ist, daß vieles des bisherigen Lebens der Familie (und damit auch von ihr) Fassade ist, mit der Geheimnisse verdeckt wurden.

Diese Unsicherheit und das immerwährende unterschwellige Angstgefühl potenziert sich durch den Überfall im eignen Haus noch um ein Vielfaches. Selbst das eigene Haus kann der Familie keine Sicherheit bieten, schutzlos kann das Böse eindringen und wüten, sie sind buchstäblich nackt, ohne Schutz, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren. Im Gegenteil, sie wissen, daß Gegenwehr alles nur noch schlimmer machen würde, nein, schlimmer macht, denn diese Erniedrigung des Ausgeliefertseins, sie ertragen sich nicht völlig, versuchen zumindest abzumildern, zu verhandeln…

Vor einigen Jahren habe ich hier im Blog den Roman Schande von John M. Coetzee vorgestellt [5]. Es ist diese Geschichte der Vergewaltigung einer weißen Frau im Südafrika der wechselnden Machtverhältnisse. Bezeichnenderweise läßt Durlacher ihre Sara im Roman genau dieses Buch lesen, in dem eine Situation geschildert wird, dir der ihren ähnlich ist. Eine „Macht“, gegen die beide Frauen nicht ankommen, hat sie erniedrigt und zu Opfern gemacht. Wie kann man, wie soll man sich verhalten? Die Lucy in Schande akzeptiert letztlich die Gewalt, die man ihr antat, es sei, zu dieser Überzeugung ist sie gelangt, letztlich so etwas wie der Preis dafür, im Machtbereich dieser Männer, in ihrem Revier, bleiben zu dürfen. Akzeptieren also das eine, sich wehren das andere? Aber wie? Eine Gefängnisstrafe, selbst wenn man die Täter fassen würde und vor Gericht bringen könnte, wäre nach wenigen Jahren verbüßt, die Hoffnung auf Einsicht und Änderung, gar Reue bei den Tätern wohl Illusion… viel wahrscheinlicher, daß der Terror wieder von vorne anfinge… Weggehen, sich vertreiben lassen? Das Haus, in dem das Furchtbare geschah, wird ihnen nie wieder Geborgenheit geben können…. Das Böse beseitigen, es aus der Welt entfernen, heimlich, das Schicksal selbst in die Hand nehmen?


Durchlacher versteht es, die fast ausweglose Situation der Familie Silverstein sehr eindrücklich zu schildern. Eine Familie, der von einem Tag auf den anderen die Sicherheit, die Geborgenheit abhanden kommt, die sich erst unbekannten Mächten ausgeliefert sieht, dann aber erkennen muss, daß die Vergangenheit, die längst überwunden schien, noch ihre Fänge nach ihnen ausstreckt, so wie sie auch in der Familie selbst noch zum Tragen kommt. Die Befreiung, die Durchlacher ihren Protagonisten ermöglicht, wäre nicht jedem möglich, die meisten Menschen, die in solche Lebenssituationen, ja -bedrohungen gerieten, wären dagegen machtloser. Das erzeugt beim Lesen ein zwiespältiges Gefühl: wie könnte ich reagieren, wenn ein unbekanntes ‚Böses“ in mein Leben eindränge?

War mir der Abschnitt, in dem das „Muttertier“ Sara mit der Entscheidung ihres Sohnes, sich zum US-Marine ausbilden zu lassen, kämpft, etwas langatmig geworden, so nahm die Geschichte nach diesem Thema Fahrt auf, wurde spannend, fast zum Thriller. Sicherlich ahnt man recht früh, worauf die Story hinausläuft (die ‚Parameter‘ werden ja schon im Klappentext genannt), aber die Details und die Art und Weise, wie die Autorin dies darstellt, dies schildert und wie sie den Untergang des Hauses Silverstein, die Seelennöte Saras, in Worte fasst, ist spannend, intelligent, meiner Einschätzung nach auch psychologisch fundiert – und last not least liest es sich gut. Es gibt eben Autoren, die können es einfach: eine gute Geschichte gut zu erzählen. Durlacher gehört zweifelsohne dazu.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zu Gerhard Durlacher: https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Durlacher
Die Angaben auf den dort abgebildeten Stolpersteinen unterscheiden sich von denen im Text des Beitrags, was aber den prinzipiellen Sachverhalt der Deportation und Ermordung nicht ändert.
[2] Solomonica de Winter: Die Geschichte von Blue; Diogenes, 2014
[3] zur Person der Autorin z.B. hier: Anita Strecker: Meisterin der Emotion; in: http://www.buchjournal.de/519958/
und ganz konventionell der kurze Eintrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Jessica_Durlacher
[4] vgl. Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaal-Socialistische_Beweging
[5] John M. Coetzee: Schande;  https://radiergummi.wordpress.com/2013/01/30/john-m-coetzee-schande/

Jessica Durlacher
Der Sohn
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe: De held, Amsterdam, 2010
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 400 S., 2011

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One Response to “Jessica Durlacher: Der Sohn”


  1. […] Meine Gedanken dazu: Von diesem Buch blieb mir eigentlich nicht so viel in Erinnerung. Buchhändler Werner betitelte es als hochspannend mit dem moralischen Dilemma „Wie lange muss man etwas erdulden müssen, bevor man sich wehren darf/kann?“ Das macht mich auch neugierig. Interessant auch, dass ich eben feststellte, dass dieses Buch auf meiner Diogenes-Leseliste steht. Aufmerksam darauf wurde ich durch den Blog von „ausgelesen“ am 5.6.16. ( hier zu diesem Blog ) […]

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