Lion Feuchtwanger: Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch

Lion Feuchtwanger hat diesen historischen Roman, der im 14. Jahrhundert spielt,  um die damalige Gräfin von Tirol Margarete von Tirol-Görz konzipiert. An die grundsätzlichen historischen Fakten hat sich Feuchtwanger im wesentlichen gehalten, die Ausgestaltung und auch das betrübliche Ende der einen oder anderen Person scheint dagegen erfunden.

Feuchtwanger stellt die Zeit, in der der Roman spielt, als eine Epoche der Änderung, des grundsätzlichen Wandels in der Geschichte dar. Das Rittertum mit seinen Traditionen, den Rüstungen, den Privilegien der Ritter, den Turnieren, der oftmaligen Willkür den Untertanen gegenüber, geht seinem Ende zu. Langsam, aber sicher geht die Macht über auf die Städte, in denen Männer sitzen, die Bücher führen, Handel treiben, Verträge aufsetzen und Geld verleihen. Echte Krämerseelen also, für die der Ritter nur Verachtung übrig hat….

Dieser Wandel ist auch einer der Gründe für die oft wechselnden Machtverhältnisse, für Allianzen, die zwischen Fürstenhäusern geschlossen und wieder gebrochen werden, denn die Machtverhältnisse verschieben sich. Es sind vor allem drei Häuser, die sich gegenseitig belauern: die Luxemburger mit ihrem raschen, glänzenden, schillernden Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere, schwankende Ludwig von Wittelsbach, aus deren Reihen der momentane Kaiser entstammt und der zähe, weitsichtige Albrecht von Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden Brüder gemacht hat. Und das Objekt der Begierde ist das Land Tirol, beherrscht von Herzog Heinrich, der keinen männlichen Nachkommen hat. Tirol ist ein schönes Land, reich, fruchtbar, berühmt, mit prächtigen Reben, mit saftigem Obst, mit fleißigen Menschen. Und es liegt mittendrin in Europa, reicht von Burgund bis zur Adria, von Bayern bis zur Lombardei, so daß jeder der Fürsten und der Häuser einen guten Grund hat, warum gerade ihm die Herrschaft über das Land so gut täte…

Es sieht so aus, als hätte Herzog Johann, der Luxemburger, ein stürmischer, gut aussehender, draufgängerischer Kämpfer und Mann, die Nase vorn. Herzog Heinrich von Tirol und Kärnten, der alternde Witwer ohne männlichen Nachfolger, hat sich die weibliche Erbfolge zusichern lassen für den Fall, daß er keinen männlichen Erben hätte. Und Johann versteht es geschickt, den Herzog, dem er eine Braut zu bringen versprochen hatte, hinzuhalten. Je älter der Mann, desto unwahrscheinlicher neuer Nachwuchs, so seine Überlegung…. und um sich Tirol endgültig zu sichern, verheiratet er seinen Sohn Johann mit der Tochter Heinrichs, mit Margarete.

Bildnis der Margarethe Maultasch aus der Ambraser Sammlung, Öl auf Leinwand, 1. Hälfte 16. Jahrhundert. Mit den Wappen von Tirol, Bayern und Kärten Bildquelle [B]
Bildnis der Margarethe Maultasch aus der Ambraser Sammlung, Öl auf Leinwand, 1. Hälfte 16. Jahrhundert. Mit den Wappen von Tirol, Bayern und Kärten
Bildquelle [B]
 In diesem Punkt läßt Feuchtwanger offensichtlich seine Fantasie spielen (vielleicht aber wusste man es 1923, zur Entstehungszeit des Romans auch noch nicht besser; vgl auch [2]), denn seine Margarete, die jetzt die Bühne betritt, ist ein Kind von zwölf Jahren, sie ist schlicht und einfach häßlich mit groben Zügen, strohigem Haar, mit äffisch vorgewulsteten Lippen, wie Feuchtwanger refrainartig immer wieder im Roman einflicht. Den Namen „Maultasch“, wie Margarete später einmal genannt werden sollte, interpretiert er wörtlich, heutzutage wird wohl eine andere Deutung des Namens vorgezogen, ebenso ist die Häßlichkeit der Margarete nicht belegt, im Gegenteil spricht ein Zeitzeuge sogar von besonderer Schönheit [1].

Bleiben wir bei der Margarete des Buches. Von äußerer Häßlichkeit wird hinter dem Rücken des Kindes und später der Frau über sie gelacht und gespottet, sie merkt es gleichwohl. Ihr Ehemann Johann ist solches nur auf dem Papier, er ist ein grober, hinterlistiger Mensch, rührt sie nicht an, verweigert auch zur gegebenen Zeit kränkend den Vollzug der Ehe. Im Gegensatz zu ihrem abstoßenden Gesicht steht Margaretes überlegender Geist, ihre Intelligenz, ihre Auffassungsgabe, ihr auch strategisches Geschick. Es spricht sich herum, daß der Herzog zwar der Herzog ist, daß zum Reden und Verhandeln aber besser die Herzogin aufzusuchen ist.

Der Page ihres Mannes, Chretien, ihn versteht sie, sich zu verpflichten, in ihm glaubt sie Zuneigung keimen und wachsen zu sehen. So fördert sie ihn und schafft sich selbst eine Traumwelt, die die irdische noch und nöcher überglänzt. Tief ist für Margarete der Sturz aus diesem Traum zurück in die Realität, er hinterläßt eine trauernde, sich der Apathie ergebene Frau, die sich gegen alles von außen kommende verkrustet.

Zeit, sich der Schönheit zuzuwenden. Als Gegenfigur und ja, -spielerin zu Margarete dient Feuchtwanger Agnes von Flavon, eine junge Frau, die den Ruf hat, die schönste überhaupt zu sein. Sie spielt mit den Männern, kann sie haben, kann sie verdürsten lassen vor Sehnsucht nach ihr… die Klaviatur der Verführung steht ihr in ganzer Breite zu Verfügung. Wo Margarete Widerwillen erweckt, erzeugt sie Begehren. Und es sind genau die Männer, die um Margarete herum sind, denen sie den Kopf im Lauf der Jahre verdreht, dem Johann, dem Chretien, später dem Markgrafen und auch dem Frauenberger, dem Albino… wundert da der abgrundtiefe Hass, den Margarete gegen Agnes empfindet? Vertiefend kommt hinzu, daß das Volk Agnes verehrt als Engel, der vom Himmel kommt. Alles was Gutes an und in Tirol geschieht, schreibt das Volk dem Wirken der Agnes zu, das Schlechte dem der Margarete – obschon es sich genau anders verhält, denn Margarete liebt ihr Tirol heiß und innig: Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flüsse, Täler, Städte, Schlösser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die Flüsse ihre Adern. […] Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein. Mußte das Land das nicht spüren, soviel Liebe zurückgeben, sie in sich hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja!…..

Wenn schon keine Liebe, die schnöde zurückgewiesen wird, dann Macht: Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen, Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne Sinn.. Geschickt schmeißt sie erst ihren ungeliebten Mann aus Schloss und Land und heiratet später den Sohn des Kaisers, einen Wittelbacher. Ärger gibt´s mit Kirche, denn die Ehe mit Johann besteht für diese weiterhin. Was kümmert´s den Kaiser, er steht eh unter Bann und Interdikt…. Auch den aus Staatsraison zur Ehe „überredeten“ Ludwig schrickt natürlich das Aussehen seiner Frau, doch merkt er schnell deren andere Qualitäten, es entwickelt sich eine Ehe auf der Basis gegenseitigen Respekts und Anerkennung zwischen den beiden, eine Ehe, die nicht kinderlos bleibt… insgesamt viermal kommt Margarete nieder, zwei Töchter, einen Sohn – und eine Totgeburt.

Bei Margarete fragt ein Mendel Hirsch nach, ob er sich in Bozen ansiedeln dürfe. Er sei der einzige von vielen, der überlebt habe mit seiner Familie, alle anderen seien erschlagen worden. Ein bischen kaufen, verkaufen, Handel treiben…. gurrig gaumt er solche Reden der Herzogin vor, die ihm die Erlaubnis erteilt. Und derart bekommt der Messer Artese, der aus Italien kommt und der bislang, wenn jemandem das Geld knapp wurde, stets zu Diensten war gegen eine kleine Unterschrift hie und da, eine unerwünschte Konkurrenz, denn der Hirsch bleibt nicht der Einzige, seien Zinsen sind niedriger und emsig sind sie, die jetzt noch kommen – und mutig, denn sie gehen durch die Straßen, obgleich sie nicht gern gesehen werden und sie Leuten verachtenswert erscheinen und sie das zeigen; aber handeln, das können sie….

So geht es hin und her im Reiche der Margarete. Tirol ist wie ein Stück Wild, das gejagt von drei Jägern, das gezerrt wird in die eine und die andere Richtung, ohne das einer der drei sich endgültig das Bret sichern kann. Margarete selbst erleidet viele Niederlagen, die sie verbittern, sie weiß sich zu wehren, sie lernt es. Nicht jeder, der ihr eine Niederlage bereitet, überlebt dies….. Immer wieder rafft sie sich auf, baut ihr geliebtes Tirol wieder auf. Selbst nach der Pest, die ihr die zwei Töchter mit blauschwarzen, stinkenden Beulen raubt, die Tirol menschleer und verwüstet zurückläßt, die die Juden brennen läßt, denn irgendjemand muss ja schuldig sein an dieser Katastrophe und wer könnte dies sein, wenn nicht die Juden. Daß die Schuldscheine mitverbrennen, ist nicht ungern gesehen, viel Besitz wechselt blutig den Besitzer in diesen Tagen….

Mit dieser Urkunde vom 26. Januar 1363 wird die Übergabe der Grafschaft Tirol an die Habsburger bestätigt. Bildquelle [B]
Mit dieser Urkunde vom 26. Januar 1363 wird die Übergabe der Grafschaft Tirol an die Habsburger bestätigt.
Bildquelle [B]
… nach vielen Jahren des Machtkampfes, des zergelns und zerrens um das schöne Tirol, nachdem Johann von Luxemburg und Böhmen, blind wie er war, auf dem Schlachtfeld grausig gemetzelt worden war, nachdem die Wittelsbacher sich rückwärts gewandt als Artus-Bund selbst besiegten bleibt nur noch der lahme Albrecht, der Habsburger, übrig, dem die Herzogin Margarete nach dem Tod ihres Sohnes und der Vakanz der Erbfolge (es ist eine Lage wie sie weiland viele Jahre vorher schon einmal war) ihr Land übergibt….


Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch ist ein Roman des Aufeinanderprallens. Die alte Zeit war vorbei. Rittertum und Rittersitte waren wohlfeil geworden und Attrappe. Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen und drauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt, in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Herzog Johann von Luxemburg und Böhmen ist es, in dessen Person dies augenfällig wird: er, auf dem Turnierplatz erblindet, stürzt sich aufgetakelt aber blind ins Schlachtengetümmel und ward bis zur Unkenntlichkeit zerhauen; das Rittertum war mit ihm tot. Agnes, die schöne Agnes von Flavon, war seine Schutzherrin, der rückwärtsgewandte Artusbund, der die alten Zeiten noch einmal aufleben lassen wollte, erwählte sie zur Herrin, aber auch dieser Bund wurde zerschlagen. Das Sagen hatten jetzt andere, die die neuen Zeiten erkannt hatten, die wie Margarete die Städte, nicht die Burgen, förderte, die Handel wollten, die Sicherkeit wollten, nicht Wilkür… die sahen, wie in der friedlichen Ruhe geordneter Verhältnisse der Wohlstand gedieh. Mag sein, daß das Rittertum den glänzenderen Schein hatte – wie seine Schutzherrin Agnes, das sich entwickelnde und keimende Bürgertum farbloser war, wie seine Repräsentatin Margarete, aber es war wie sie intelligenter und weitsichtiger.

Als Person dagegen und Herzogin ist Margarete gescheitert an den Verhältnissen und an den Zeiten, in denen äußerer Schein und Pomp den Menschen die Augen verblendete und sie mit ihrer Häßlichkeit und Abscheu erregte und sie für alles Schlechte verantwortlich gemacht wurde. Letztlich überläßt sie ihr Reich, weil es einfach vernünftig ist, dem Habsburger, sie selbst hat nicht mehr die Kraft und auch die Möglichkeit, es als eigenständiges Reich zu retten. Der letzte Sieg, den sie über Agnes erringt, es ist ein Phyrrussieg, der auch für sie eine Niederlage ist. Entgegen aller politischen Vernunft stellt sie in diesem Fall ihren persönlichen Hass an erste Stelle.

Der Mensch Margarete ist eine tragische Figur. Es gibt nur wenige Momente in ihrem Leben, in denen sie Glück verspürte, sich anerkannt und wertgeschätzt sah…. die politisch opportune Ehe mit dem Markgrafen, dem Wittelsbacher war so eine Zeit – wider Erwarten. Unsere Maultasch – was grob klingt, war Anerkennung und Lob und wurde so aufgefasst. Wie tief muss der Sturz für sie gewesen sein, als sie realisierte, daß auch dieser Mann sich im Netz der Agnes verfing…. Feuchtwanger zeichnet diese innere und äußere Auf und Ab der Margarente in feinen Strichen nach, zeigt das Aufblühen wie auch das Verkrusten, das starr werden unter pompöser Garderobe…


Feuchtwangers Roman ist wiederum ein Beispiel dafür, wie spannend, fesselnd und intelligent dieser Mann formulieren konnte. Thematisch ist es anspruchsvoll, es sind verwickelte Verhältnisse und es treten eine Unzahl von Figuren, teilweise mit identischen Namen, auf, Aufmerksamkeit beim Lesen ist daher vonnöten. Aber Feuchtwangers Schilderungen sind so farbig, so bunt, daß man die Kulisse, vor der alles spielt, förmlich zu sehen meint, egal, ob Feuchtwanger uns auf einen Turnierplatz der Ritter führt, in die zugigen Hallen einer Burg, durch die Gassen der Städte oder in die Schneeregion der Berge. Es ist beeindruckend… und macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Abgesehen davon vermittelt der Roman einiges zur Atmosphäre einer Epoche, in der Entscheidendes geschah: der Abgesang des Rittertums verbunden mit dem Erstarken des Bürgertums in den Städten (die epische Auseinandersetzung von Willkür und Unvernunft gegen Logik, Verträge und Vernunft) beispielsweise sowie die Schrecklichkeit des Pestzuges mit all seinen Folgen. Und last, not least ist …Maultasch auch die Geschichte eines tragischen Lebens, das im wahrsten Sinne des Wortes letztlich von Äußerlichkeiten bestimmt worden ist….

Yepp. Gute Literatur veraltet nicht.

Links und Anmerkungen:

[1] Die historische Magarete in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_von_Tirol
[2] Margarethe von Tirol im Bild – Die ’schöne‘ und die ‚häßliche‘ Herzogin; http://homepage.uibk.ac.at/~c61710/mbild.html

Mehr Buchvorstellung von/über Lion Feuchtwanger auf diesem Blog: https://radiergummi.wordpress.com/tag/lion-feuchtwanger/

[B]ildquellen:

(i) Margarethe Maultasch:  https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_von_Tirol; von Unbekannt (Eigenes Werk, user:Maksim) [Public domain], via Wikimedia Commons; Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
(ii) Urkunde: a.a.O.; von Doug Knuth from Woodstock, IL (Bolzano 1-36  Uploaded by AlbertHerring) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Lion Feuchtwanger
Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch
Erstausgabe: 1923
diese Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca. 310 S., 1976
mit 13 Zeichnungen von Michael Matthias Prechtl

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2 Kommentare zu „Lion Feuchtwanger: Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch

  1. Da war ich nicht auf dem neuesten Stand, ich dachte, der Name „Maultausch“ sei darauf zurückzuführen, dass Margarete eine Habsburger Lippe hatte. Interessant! In der Geschichtsschreibung wird so vieles sinnverändert. Ich habe das Buch vor einigen Jahren im Tirolurlaub gelesen, außerdem noch „Der falsche Nero“. Ich will eigentlich seit Jahren die Josephus-Trilogie lesen…

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    1. danke für deine antwort. ja, die interpretationen…. es ist alles so lange her, keiner weiß etwas genaues nicht und so ist auch der fantasie, sprich: deutungskraft viel raum gegeben…

      was feuchtwanger angeht, habe ich vor vielen jahren zwar „exil“ gelesen, aber seine romane sind immer so lang…. das, ich muss es zugeben, schreckt mich ab. obwohl ich weiß, wie spannend er schreibt….

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