Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe

25. Mai 2016

Es gibt die bekannten Statistiken über Krebserkrankungen, aus denen man viel ablesen kann, das Internet bietet eine Vielzahl von Informationen dazu [1]. Statistiken sind aber nur das eine, sie sagen wenig bis nichts über den Einzelfall aus. So werden in Deutschland zwar bei 450.000 Neuerkrankungen pro Jahr nur 4.500 bei Menschen unter 40 Jahren diagnostiziert, aber wenn man zu diesen Unglücklichen viereinhalbtausend Menschen gehört, nutzt einem die geringe Wahrscheinlichkeit, die die Staistik anzeigt, nichts mehr.

Wir wissen, entweder intuitiv oder weil wir uns diesem Thema „Sterblichkeit“ nicht verschließen, daß der Tod eines Menschen unausweichlich ist und zum Leben gehört. So trauern wir zwar auch, stirbt ein „alter“ Mensch, aber wir wissen darum, daß dies der natürliche Gang ist, daß hier ein Lebenskreis, das durchschritten und (hoffentlich) in der Fülle, die ein Leben zu bieten hat, durchlebt worden ist, ein Ende gefunden hat. Der Tod eines jungen Menschen dagegen wirft die Ordnung durcheinander: ein Leben erlischt, bevor es gelebt wurde. So auch bei Paul Kalanithi.

kalanithi


Paul Kalanithi muss ein bemerkenswerter Mensch gewesen sein. Schaut man sich seine Biographie an, sieht man, daß der 1977 in New York geborene junge Mann 2000 in Stanford Abschlüsse in Englischer Literatur und „Human Biology“ machte, anschließend beendete er Studien in Wissenschafts- und Medizingeschichte in Cambridge bevor er sich entschloss, Medizin zu studieren. 2007 schloss er dieses Studium in Yale mit besten Noten und diversen Auszeichnungen ab. Im Anschluss spezialisierte er sich auf Neurochirurgie und arbeitete sowohl im Krankenhaus aus Chirurg als auch in der Forschung, auch hier wieder mit Preisen ausgezeichnet [2]. Die Zukunft bot ihm als Arzt und als Forscher alle Möglichkeiten zu einer großen Karriere. Noch keine vierzig Jahre alt starb im März 2015 Paul Kalanithi an einer Krebserkrankung, er hinterließ eine Frau und eine kleine Tochter.

Soweit die Kurzbiographie eines viel zu kurzen Lebens.

Bevor ich jetzt gehe (im Original: Before Breath becomes Air) ist ein euphemistischer Titel dieses biographischen Buches, er entspricht dem, was Caitlin Doughty in ihrem Buch Fragen sie Ihren Bestatter [3] als ‚Todesbeschönigung‘ bezeichnet, das Umschreiben dessen, was tatsächlich passiert ist: ‚Bevor ich jetzt sterbe‘ wäre der ehrlichere Titel gewesen. Denn das Buch ist in einer Art Wettlauf mit dem Tod entstanden, der Autor hat mit aller Kraft, die ihm in seinem Sterbeprozess zur Verfügung stand, geschrieben, ohne es jedoch vollenden zu können. Er bricht mit dem unerfüllten Wunsch ab, noch lange genug leben zu können, daß sich seine Tochter Cady noch an ihn erinnern kann… die letzten Phasen in seinem Leben werden von seiner Frau Lucy in einem Nachwort geschildert.

Der Text selbst hat zwei große Abschnitte. Der zeitlich wesentlich größere umfasst die Schilderung seines Lebens bis zur Krebsdiagnose. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Kalanithi als Neurochirurg in einem Krankenhaus. Mit der Diagnose begann eine Übergangsphase, in der er gleichzeitig Arzt war – und Patient, in der er sehr sinnfällig die Räumlichkeiten, in die er bislang als Arzt mit seinen Patienten ging, um Diagnosen zu besprechen, selber als Patient betrat und seinem Ärzten seine eigene Diagnose besprach. Dies ist Inhalt des zweiten Teils des Buches.

Daß Paul Kalanithi Arzt werden sollte, war keineswegs ausgemacht. Vielmehr war er lange Zeit der festen Absicht, kein Arzt zu werden, so sehr hatte er als Kind die Anwesenheit des eigenen Vater  der als Arzt einen langen Arbeitstag hatte, in der Familie vermisst als daß er dies seinen eigenen Kindern antun wollte. Sein Interesse galt frühzeitig der Literatur, dem Lesen und Schreiben, seine Mutter „versorgte“ ihm mit entsprechenden Werken der Weltliteratur. Eine Notmaßnahme der Mutter, denn dort, wo sie lebten, in dem malerischen Wüstenstädtchen Kingmanm, war die verfügbare Schulausbildung als anerkannt schlecht ausgewiesen.

Während meines ganzen Studiums stand das einsame wissenschaftliche Erforschen der großen Sinnfrage im Widerstreit mit dem realen Leben…. trieb mich das Bestreben an, wirklich zu verstehen, was das menschliche Leben mit Sinn erfüllt.

Kalanithi schloss sein Studium der Englischen Literatur und der Neurowissenschaft mit einer Arbeit zu Whitman ab, die jedoch ein wenig zwischen „den Stühlen“ der Neurowissenschaft, der Psychiatrie und der Literaturkritik angesiedelt war. Whitman jedenfalls war es, der geschrieben hatte, daß nur ein Arzt den ‚physiologisch-spirituellen Menschen‘ wirklich verstehen könne. Es scheint ein Moment der plötzlichen Klarheit gewesen zu sein, den Paul Kalanithi in dieser Phase der Wegfindung erlebte: „Leg die Bücher weg und studieren Medizin.“ […] Nur als praktizierender Mediziner könnte ich mich weiterhin ernsthaft mit der Philosophie der Biologie beschäftigen.

Schon sehr früh im Arztstudium tritt die ethische Dimension dieses Berufes an ihn heran, denn als Arzt verletzt er eines der größten Tabus: er schneidet Körper auf und dringt auf jede erdenkliche Art und Weise in diese ein. […] Der Arzt betrachtet einen Körper als Ding und Mechanismus […] Im Anatomiesaal verdinglichen wir die Toten, wir reduzieren sie buchstäblich auf Organe, Gewebe, Nerven, Muskeln. Es ist ein Abstumpfungsprozess, der so schon sehr frühzeitig einsetzt, den die Anatomie ist so etwas wie eine Initiation in der medizinischer Ausbildung. Am Studienende, so hält Kalanithi fest, ist der Idealismus der ersten Semester gedämpft oder ganz verschwunden, es gab sogar Diskussionen, in den Texten zu Abschlussreden den Passus zu streichen, in dem steht, daß wir die Interessen der Patienten über unsere eigenen stellen. (Die Stelle blieb letztlich drin.) Nachvollziehbar sei diese mit dem ärztlichen Ethos kaum vereinbare Einstellung, schreibt Kalanithi, denn 99% der Menschen suchen ihren Job nach Bezahlung, Arbeitsklima und Arbeitszeiten aus. Dies führe jedoch dazu, daß man zwar einen Beruf findet, jedoch keine Berufung.

Kalanithi beschreibt seine ersten Erfahrungen im täglichen Krankenhausgeschehen und schildert dann, daß er sich entschloß, Neurochirurg zu werden. Die Neurochirurgie mit ihrer unerbittlichen Forderung nach Perfektion hatte mich gepackt. […] Für mich war die Neurochirurgie die anspruchsvolle und direkteste Auseinandersetzung mit der Identität eines Menschen, dem Sinn des Lebens und dem Tod. .

Identität eines Menschen, die Sinnfrage – es sind philosophische Fragen, die Kalanithi bewegen, sich dem Gehirn als ‚Objekt‘ seines ärztlichen Handelns zuzuwenden. Es spiegelt sich hier, denke ich, die breite Ausbildung wieder, die er in den Jahren zuvor genossen hat, den weiten, nicht auf die reine Medizin verengten Blick für den Menschen an sich, dessen Charakter, dessen Bewusstsein – wo und wie auch immer – im Hirn angesiedelt ist. Dies verbunden mit der Bereitschaft, sowohl Verantwortung zu übernehmen als auch das Bestreben, dem hohen ethischen Ideal des Arztes gerecht zu werden, kennzeichnen seinen Berufsweg.


Klar … wäre es eine Prüfungsfrage – Patient, 35 Jahre mit unerklärlichem Gewichtsverlust und heftigen Rückenschmerzen -, wäre die Antwort eindeutig: Krebs. 

Es ist der Beginn vom Ende…. Zwar verdrängt Kalanathi, das Ende seiner Assistenzarztzeit ist absehbar, die Antwort auf die oben gestellte ‚Prüfungs’frage, die hier ganz konkret seinen eigenen Zustand beschreibt und er versucht, andere Ursachen zu finden, aber es nutzt nichts. Zwar bessert sich sein Zustand zwischenzeitlich noch einmal, setzt dann aber wieder mit erneuten heftigen Beschwerden, die sich jetzt auch auf den Brustraum ausdehnen, ein. Letztlich war die Diagnose klar, der Krebs hatte auf verschiedene Organe übergegriffen, Paul Kalanithi hatte den Status gewechselt, er war jetzt Patient geworden in ’seinem‘ Krankenhaus.

Mit Emma hat Kalanithi eine behandelnde Ärztin, mit der er sich gut versteht. Therapien werden diskutiert und eingesetzt, eine Zeitlang sieht es hoffnungsvoll aus, der Krebs bildet sich zurück, Kalanithi kann sogar noch einmal neurochirurgisch tätig werden. Aber der Krebs kommt zurück, Plan A ist zu Ende. Plan B, die Chemo verträgt er nicht, sie bringt ihn fast um…

… ich hatte etwas gelernt, das sich bei Hippokrates, Maimonides oder Osler nicht fand: Die vorrangige Pflicht des Arztes ist es nicht, den Tod abzuwenden oder einem Patienten sein altes Leben zurückzugeben, sondern einem Patienten und seinen Angehörigen Geborgenheit zu schenken und sie zu begleiten, bis sie selbst wieder stehen können…. […] Die Worte eines Arztes können beruhigend sein, und das Skalpell des Neurochirurgen kann eine Gehirnerkrankung lindern, dennoch muss man sich weiterhin mit den Unsicherheiten und Folgeerscheinungen auseinandersetzen. ...

Als Patient erkennt Kalanithis, und seine Ärztin stößt ihn immer wieder darauf, daß er sich neu zu erfinden hatte, sprich, er hatte herauszufinden, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig war. War sein Lebensweg als Arzt vorgezeichnet, in sicheren Bahnen angelegt, herrscht nun Unsicherheit und Angst. Besonders deutlich wird dies, wenn er immer wieder von seiner Ärztin eine „Prognose“ verlangt, wieviel Zeit ihm noch bleibt. Emma verweigert diese Auskunft, kann sie ihm nicht geben – und als Arzt weiß er das auch, als Patient jedoch ist ihm diese Auskunft wichtig: bleibt ihm ein Jahr, wird er seinen Traum vom Buch, das er schreiben will, erfüllen, bleibt ihm ein Jahrzehnt, will er wieder als Chirurg arbeiten….

In der Zeit, in der bei ihm die ersten massiven Symptome der Krebserkrankung auftraten, kriselte seine Ehe mit Lucy, aus ähnlichen Gründen, wie er sie seinerzeit bei seinem Vater sah: die Arbeit als Assistenzarzt nahm viel Zeit in Anspruch, die der Ehe fehlte. Die verhängnisvollen Worte von „Wenn du dies machst, mache ich das!“ fielen…. mit der Diagnose fanden die Eheleute wieder zu einander, seine Krebsdiagnose war wie ein Nussknacker, der uns wieder den weichen, nährenden Kern unserer Ehe nahegebracht hat, formuliert es Lucy Kalanithi in ihrem Nachwort. Der Wunsch nach einem Kind wird manifest und sie leiteten alles in die Wege, eins zu bekommen. Es gelingt und für ein paar Monate sollte die Tochter Cady zur Sonne im Leben Pauls werden….

Obwohl alle, Paul, Lucy, die Eltern Pauls wussten, daß Paul sterben wird, kam der Tod in seiner Plötzlichkeit letztlich doch unerwartet schnell. Am 9. März 2015 starb er im Kreis seiner Familie, es war seine eigene bewusst gefällte Entscheidung, die Beatmung abzustellen: Ich bin bereit.


Bevor ich jetzt gehe ist ein schmales Buch, verfasst von einem Menschen, der sein Sterben vor Augen hatte, der sich und seiner Umwelt Rechenschaft ablegen wollte und auch ein Beispiel dafür, daß wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Paul Kalanithi war ein Arzt, dem nicht nur eine große Karriere bevor stand, sondern auch ein Arzt, dem das ärztliche Ethos wichtig war, das sich noch einmal fortentwickelte, durch die tragische Tatsache, daß er durch seine Krebserkrankung auch die Probleme, die Fragen, die Ängste und die Hoffnungen eines todkranken Patienten am eigenen Leib erleben musste. Der Sinn des Lebens, die Frage, die Kalanathi sein Leben lang umtrieb, möglicherweise ist es der, zu akzeptieren, daß der Tod zum Leben gehört und daß man sich im Leben dieser Erkenntnis stellen muss. Lucy Kalanithi drückt es so aus: Dieses Buch war für den mutigen Seher eine Möglichkeit, auch ein Sager zu sein und uns anzuhalten, dem Tod aufrecht gegenüberzutreten.


Das Buch des ‚Sagers‘ Kalanithi ist nicht umfangreich und schnell gelesen. Es ist flüssig geschrieben, ernsthaft und nachdenklich. Es bietet uns, den Lesern, ein Beispiel für einen Menschen, der sich notgedrungen mit seinem Sterben, seiner Endlichkeit auseinandergesetzt hat, um dem Tod aufrecht gegenüberzutreten. Wir sind – und dies ist ein seltsamer Gedanke – wenn wir den Text lesen, sehr nahe an Paul Kalanithis Sterben, denn er hat an dem Buch geschrieben, solange es ihm möglich war. Irgendwo in dem Text, wahrscheinlich gegen Schluss, musste er sein Sterben endgültig akzeptieren, musste zur Kenntnis nehmen, daß auch dieser Plan, sein „Vermächtnis“ niederzulegen, nicht zur Gänze gelingen wird.

Sein Vermächtnis – wahrscheinlich wird jeder dies in seinem eigenen, persönlichen Kontext etwas anders sehen. Für mich ist es die Aufforderung, sich dem Tod gegenüber offen zu zeigen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, ihn nicht zu verdrängen. Er kann jederzeit „vor der Tür stehen“: eine Krebsdiagnose, eine andere schwere Krankheit, ein Unfall… es kann so schnell gehen – wie beim Autoren. Deswegen ist es keine Frage des Lebensalters, auch den eigenen Tod zum Thema zu machen, denn „so verliert der Tod die Fremdheit und ein Teil von uns ist er ja ohnehin“ [4]. Zusätzlich hilft es sehr dabei, das Leben bewusster und freudiger zu leben, es als nicht selbstverständlich, sondern als Geschenk zu sehen.

Links und Anmerkungen:

[1] ich habe z.B. hier ein wenig herumgestöbert:
https://www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsregister.php
https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/heranwachsende-und-junge-erwachsene-aya-adolescents-and-young-adults/@@view/html/index.html
[2] Webseite von Paul Kalanithi: http://paulkalanithi.com
[3] Buchvorstellung hier im Blog: Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter;  https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/18/caitlin-doughty-fragen-sie-ihren-bestatter/
[4] ich danke meiner Bloggerkollegin von literaturleuchtet für diesen Satz.

Weitere Bücher, die im Umfeld des Themenkreises „Krankheit, Sterben, Tod und Trauer“ besprochen habe, sind hier in einer Übersicht zu finden: https://mynfs.wordpress.com

Paul Kalanithi
Bevor ich jetzt gehe
Was am Ende wirklich zählt – Das Vermächtnis eines jungen Arztes
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gaby Wurster
Originalausgabe: When Breath becomes Air, 2016
diese Ausgabe: Knaus, HC, ca. 190 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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5 Responses to “Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe”


  1. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, auch der Tod ist ein Geschenk. Schließlich ist er eine erweiterte Erfahrung der Lebens. Für mich wäre Unsterblichkeit undenkbar. Wobei wir wieder bei Thea Dorn wären …

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  2. Ueber den Satz muss ich auch erst einmal nachdenken!
    Liebe Gruesse Monika

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  3. monerl Says:

    Ganz wundervoll, diese Besprechung! Ich glaube, du hast genau verstanden, was der Autor mit dem Buch überbringen wollte.

    Über den Satz von Marina möchte ich auch noch erst nachdenken.
    LG vom monerl

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