Jun’ichiro Tanizaki: Tagebuch eines alten Narren

narr cover

Anläßlich des fünfzigsten Todestages des japanischen Autoren Jun’ichiro Tanizaki hat der Manesse-Verlag seinen letzten Roman neu herausgegeben und gegenüber der deutschen Erstausgabe um ein Nachwort von Eduard Klopfenstein bereichert. Auf dieses Nachwort muss ich jedoch leider verzichten, steht in meinem Regal doch die Erstausgabe aus dem Rowohlt-Verlag aus dem Jahr 1966. Aach net schlecht.

Jun’ichiro Tanizaki wurde 1886 in Tokio geboren und starb 1965, im Alter von 79 Jahren als einer der wichtigen Autoren Japans [1]. In Japan wurde dieser Roman drei Jahre vor seinem Tod veröffentlicht, nämlich 1962, die Handlung des Buches ist auf das 35./36. Jahr Showa datiert, das entspricht dem Jahr 1960/1. Zu seiner Zeit war das Tagebuch eines alten Narren also ein hochaktuelles Buch, in dem immer wieder die gesellschaftliche Situation Japans ihren Niederschlag fand. So werden beispielsweise Studentenunruhen erwähnt oder auch der Zusammenprall westlicher und östlicher Kultur bei Fragen der Kleidung oder der (Innen)architektur: das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt erst fünfzehn Jahre zurück und das „traditionelle“ Japan befindet in einer permanenten Auseinandersetzung mit westlichen Einflüssen. Die vom Autor (selten verwendete) Zeitangabe nach alter japanischer Zählung ist ein weiteres Indiz für diesen Konflikt, die angeführte „Showa“-Zeit beginnt nach westlicher Zählung im Jahr 1925.

Zeitangabe.. damit kommen wir zum Charakter des Buches. Es ist ein Tagebuch, das am 16. Juni (1960) mit der Beschreibung eines typisch japanischen Ereignisses einsetzt: der Schilderung des Besuchs eines traditionellen japanischen Theaterstücks durch den Tagebuchschreibers mit seiner Frau und der Schwiegertochter. Schreiber ist der siebenundsiebzigjährige Utsugi Tokusuke, ein gutsituierter Familienpatriarch. Er wohnt mit seiner Frau in einem schönen Haus in Tokio, in dem auch sein verheirateter Sohn Jokichi mit seiner Frau Satsuko lebt.

Sein Leben wird von zwei Sachen beherrscht wird: die gesundheitlichen Probleme, die sich nach einem leichten Schlaganfall bei ihm eingestellt haben und die sich infolge der zunehmenden, auch altersbedingten Hinfälligkeit seines Körpers häufenden Gedanken an das Sterben und an den Tod. Eine dritte Obsession gesellt sich zu diesen zweien hinzu. Das erste Mal begegnen wir ihr in der Eingangssentenz des Buches, in der der Tagebuchschreiber sich erotische Gefühle den Darstellern (im traditionellen japanischen Theater werden auch die Frauenrollen durch Männer dargestellt) des Theaterstücks gegenüber eingesteht, gerade weil es Männer sind, die sich als Frauen kostümiert sind. Auch erinnert er eines lange zurück liegenden erotischen Abenteuers, das er mit einem als Frau gekleideten Schauspieler hatte.

So häßlich der alte, von Impotenz geschlagene Mann ist – er mag sich selbst in Spiegel kaum ansehen mit seinem faltigen Gesicht, seinem eingefallenen zahnlosen Mund und der herunterhängendenn Nase –  so schön ist im Gegensatz zu ihm seine Schwiegertochter Satsuko. Auf sie fixiert er sich in seinen Vorstellungen und Satsuko, die als frühere Revuetänzerin einen schweren Stand in der Familie hat,  scheint dies zu ahnen…. sie bemerkt ihm gegenüber eines Tages, daß sie die Dusche nie abschließt, wenn sie sie benutzt…. nach Tagen des Grübelns, die er in seinen Aufzeichnungen schildert, interpretiert der Mann diese Bemerkung als Aufforderung….

So beginnt eine subtile Beziehung zwischen dem Alten und seiner Schwiegertochter, in der sich der Alte um so glücklicher fühlt, je mehr ihn die Frau erniedrigt. Anfänglich darf er nicht mehr küssen als ihren Fuss und das Bein bis zum Knie, das sie ihm unter dem Duschvorhang hinstreckt. Das Verbotene, Heimliche erregt ihn über alles Maßen, erhitzt ihn so sehr, daß ihn die Sorge befällt, er könne einen Hirnschlag erleiden oder sogar sterben. Trotzdem hörte er nicht auf, Satsukos Zehen zu küssen. Während es [ihn] durchfuhr: ‚Jetzt sterbe ich, jetzt!‘, küsste [er] sie immer weiter. Angst, Erregung, Lust wogten in [seiner] Brust.

Eines Tages aber schlägt sie ihm vor, gegen einen Wunsch, den er ihr erfüllen muss, dürfe er ’necking‘ und ‚petting‘ bei ihr machen. Zwar weiß er mit diesen neuen amerikanischen Begriffen erst einmal nichts anzufangen, aber natürlich willigt er freudig ein… Für den Diamanten, den sich Satsuko als Gegenleistung erbittet, muss der Mann das Geld verwenden, das er zum Umbau des Altersitzes vorgesehen hat. Aber wie glücklich schätzt er sich, so gequält zu werden, sogar Frau und Kinder würde [er] opfern, um ihre Liebe zu gewinnen! …. und um der erhofften Erniedrigung willen will er weiter auf ihre Wünsche eingehen… Als ich in Satsukos siegesstolzes Gesicht blickte, wandelte sich der Schmerz [den ihm seine kranke Hand bereitet] in ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wieviel schöner war es doch als wenn ich das Häuschen für mich und Obaasan gebaut hätte!

Außer dieser „Beziehung“ zu ihrem Schwiegervater hat Satsuko ein weiteres Verhältnis zu einem anderen Mann, der sie des öfteren besucht. Jokichi, ihr Mann, scheint von diesem Verhältnis zu wissen und es zu tolerieren.

Da es dem Protagoisten immer schlechert geht, drängt sich ihm der Gedanke an den Tod, vor dem er vorgeblich keine Angst hat, immer mehr auf. So fährt er mit Sasake, seiner Pflegerin und Satsuko nach Kioto, sich dort eine Grabstelle auszusuchen. Für seinen Grabstein hat er eine ganz besondere Idee: er will von einem Steinmetz die Fußabdrücke Satsukos einziselieren lassen, auf daß diese noch im Tod seine Gebeine mit ihren Füßen tritt….. mit roter Tusche nimmt er aufwändig ihre Fussabdrücke ab, Satsuko fährt daraufhin in der Nacht unangekündigt zurück nach Tokio.

Nach dieser anstrengenden Reise und den Aufregungen erleidet Utsugi Tokusuke einen  Herzinfarkt, es geht ihm nicht gut, er liegt lange im Krankenhaus. Seine Eintragungen im Tagebuch hören am 18. November auf, das Buch Tanizakis endet mit Auszügen aus der Krankenakte und einem Eintrag der in Kioto wohnenden Tochter, die ein schlechtes Verhältnis zum Vater hat. Sie beschreibt den Zustand ihres Vaters und das Bemühen der Familie, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Hierbei spielt Satsuko eine große Rolle, ihre Nähe beruhigt den alten Mann, kann ihn aber auch aufregen… ‚prekär‘ nennt Shiroyama Itsuko dies.


Das Tagebuch eines alten Narren ist ein tiefer Einblick in eine andere Gesellschaft einerseits und in die Psyche eine alten Mannes andererseits. Gerade was letzteres betrifft muss man sich die Entstehungszeit des Romans vergegenwärtigen, erotische Gelüste und Sex im Alter, noch dazu solcher der Art, wie er angedeutet wird, waren damals ein Tabu, ein Thema, an das nicht gerührt wurde. Die Erstausgabe des Buches in Deutschland war entsprechend mit Warnhinweisen versehen….

Der Protagonist ist, frank und frei gesagt, unsympathisch, ein ‚Kotzbrocken‘ wie es in einer Rezension heißt [2]. Er ist egoistisch und egozentrisch, mag keine Kinder, auch seine eigenen nicht; den Neffen, der ihn, der krank im Bett liegt, weist er barsch ab. Auch mit seiner eigenen Frau verbindet ihn kaum mehr als die Vergangenheit. Rücksicht auf andere kennt er nicht, seine zunehmende erotische Fixierung auf Satsuko verheimlicht er mehr schlecht als recht, sie wird schnell zum offenen Geheimnis im Haus.

Interessant ist, wie die Familie damit umgeht: sie anerkennt seine Stellung als Patriarch und toleriert seine Fixierung auf die Schwiegertochter letztlich. Vorwürfe bezüglich des vielen Geldes, das er für seine „Geliebte“ ausgibt, sind verhalten, später, als Utsugi Tokusuke mit seinem Herzinfarkt darnieder liegt, schreibt eigene Tochter: Sowohl Vater wie Satsuko befinden sich in einer prekären Situation. …. Wir richten es heimlich so ein, daß Satsuko ihn nicht allzu liebevoll behandelt; aber dann und wann muss er sich natürlich sehen.

War Sex im Alter seinerzeit als solcher ein Tabuthema (und ist auch heute wohl noch kein Alltagsthema), so ist die Art der Erotik, die den alten Mann erregt, zusätzlich ’shocking‘. Auf die Füße fixiert, sich erniedrigen, um Gunstbeweise bitten und betteln müssen – das musste erst einmal verdaut werden. Die Wunder der Liebe, mit denen Oswald Kolle seinerzeit die „Normal“varianten (ehelicher) Erotik ins Kino brachte und damit Aufklärungsarbeit betrieb, waren ja erst gegen Ende der 60er Jahre zu bestaunen und die Aufforderung an die Kumpel, es jucken zu lassen, erfolgte noch ein paar Jahre später.  Über das Niveau dieser Filme jedenfalls reichen Tanizakis erotische Passagen weit, weit hinaus, in erotischer Hinsicht war der Ferne Osten uns zumindest damals weit voraus.

Eingebettet ist das Werk, ich schrieb es schon weiter oben, in den gesellschaftlichen Umbruch, im dem Japan anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriegsende steckte. Dieser ist schon in der Figur der Schwiegertochter angelegt, eine Revuetänzerin (oder einer Frau aus ähnlicher gesellschaftlicher Schicht) als Schwiegertochter wäre früher niemals in akzeptiert worden. Auch jetzt ist die Familie nicht glücklich mit dieser Wahl des Sohnes, sie hat sich aber damit arrangiert.

Der westlichen Einfluss wird immer größer: Mode, Kleidung, Parfüm – alles, was aus dem Westen kommt, wird begehrt. Er, der Patriarch, will (und hat) ein westliches Bad und eine westliche Toilette – obwohl die Fliesen glatt und rutschig sind und es schon zu Stürzen kam. Seine Frau dagegen besteht auf eine japanische Bad-/Toiletteneinrichtung. Nun, sie haben die finanziellen Möglichkeit, beides zu realisieren. Wenn er, so seine Überlegung, die Toilette für seine Frau ganz am anderen Ende des Hauses… dann wäre sie ihm aus den Füßen und er könnte viel unauffälliger…. so gehen seine Überlegungen.  Das ist aber nur ein Beispiel für den westlichen Einfluss, den der Autor vor allem in der Figur der Schwiegertochter mit ihrem Vorlieben für das Rauchen von Zigaretten, das Tragen von Kostümen, den Besuch von Boxkämpfen und westlichen Kinofilmen thematisiert.

Utsugi Tokusuke ist krank, nach einem früheren Schlaganfall blieben Folgeschäden zurück. Schmerzen in den Gliedmaßen, vor allem der Hand, ein unangenehmes Kältegefühl ebenso. Schriebe man alle Medikamente auf, mit denen der Alte sich selbst behandelt bzw. die er von seinen Ärzten bekommt, es gäbe eine lange, lange Liste. Es herrscht offensichtlich Freude am Prinzip „Versuch und Irrtum“, was die Wirkung von Arzneien angeht (die im übrigen auch zum großen Teil aus dem „Westen“ kommen). Jedenfalls versteht es der Autor, klar heraus zu arbeiten, daß der Vorgang des Alterns keineswegs die reine Freude ist: der Körper wird hinfällig, die Gelüste dagegen möglicherweise abseitig (man könnte natürlich auch feststellen, daß im Alter die Einsicht in die Notwendigkeit, seine Gelüste sozial zu kontrollieren, abnimmt.. was hat man schon noch zu verlieren?).

Das Tagebuch eines Narren ist eine interessante, zum Nachdenken anregende Lektüre, jedoch ohne eine einzige sympathische Figur. Will man es lesen, sollte man jedoch Interesse für die japanische Kultur mitbringen: die anfänglichen Eintragungen beispielsweise über die japanischen Theateraufführungen werden sonst leicht unverständlich, möglicherweise sogar langatmig. Andererseits können sie selbstverständlich auch ein Anreiz sein, sich mit diesem so unterschiedlichen Sujet näher zu befassen….. In der Übertragung ins Deutsche wahrt der Übersetzer [2] viel von der japanischen „Atmosphäre“, indem er eine Vielzahl typisch japanischer Ausdrücke, zum Beispiel ‚Ojiisan‘ (Großvater) oder Anreden wie ‚omae‘ bzw ‚kimi‘ beibehält, im angehängten Glossar werden sie erklärt. Daß das Werk auch unter „erotische Weltliteratur“ kategorisiert wird, sollte niemanden dazu verleiten, zu glauben, er bekäme einen heutzutage darunter üblicherweise zu erwartenden Text vor die Augen, zudem die Jahre das Beschriebene aus der Verborgenheit menschlicher Begierden hinauf geholt hat in eine (Fast)Normalität.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanizaki_Jun’ichirō
[2] auch für die Neuausgabe im Manesse-Verlag wird die anscheinend die ursprüngliche (?) Übersetzung von Oscar Benl verwendet

Jun’ichiro Tanizaki
Tagebuch eines alten Narren
Übersetzt aus dem Japanischen von Oscar Benl
Originalausgabe: 瘋癲老人日記 (Fūten Rōjin Nikki), Tokio 1962
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, ca. 236 S., 1966
(Neuauflage: Manesse-Verlag, 2015)

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2 Kommentare zu „Jun’ichiro Tanizaki: Tagebuch eines alten Narren

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