Erica Jong: Angst vorm Sterben

27. April 2016

Erica Jong visiting Barnes & Noble in New York; Sept. 2013 Bildquelle: [B]

Erica Jong visiting Barnes & Noble in New York; Sept. 2013
Bildquelle: [B]

Die amerikanische Schriftstellerin Erica Jong [1] ist keine Unbekannte. Ihr großer „Coup“ liegt schon vier Jahrzehnte zurück, ihr Roman Angst vorm Fliegen, der 1973 erschien, war seinerzeit ein Paukenschlag, sein Titel ist mittlerweile ein geflügeltes Wort. Wohl zum ersten Mal hatte eine Schriftstellerin mit ihrer Protagonisten Isadora Wing eine Frauenfigur geschaffen, die gegen die männliche Dominanz rebelliert und mit viel Witz, frech und offensiv ihr Recht auf sexuelle Befriedigung, die nicht mit Liebe gekoppelt sein muss, eingefordert und auch umgesetzt. Der Feminismus jener Tage hatte eine Leitfigur, wenngleich die Rezeption des Romans (zumindest in deutschen Medien) oft verhalten war [2].

jong cover


Jetzt also, auf den ersten Blick anknüpfend an ihren großen Erfolg (was Jong sonst noch publiziert hat, war nicht so erfolgreich wie ihr Debüt) Angst vorm Sterben. Es ist nicht direkt die Fortsetzung, wir treffen auf eine andere Protagonisten, aber mit ähnlicher Vita, auch Vanessa Wonderman ist Jüdin und Künstlerin, stammt zwar aus Kalifornien, lebt aber in New York, ihre finanziellen Verhältnisse … nun ja, sagen wir es so: Tierarztrechnungen über mehrere Tausend Dollar zu begleichen, ist nicht wirklich ein Problem für sie. Wir betreten also die Sphäre derjenigen, die mit ihrem Einkaufsverhalten die Welt der überteuerten Markenprodukte am Leben halten. Schuhe für tausend Dollar sind kein Problem, sondern ein Zeichen der  Klassenzugehörigkeit. Isadora Wing, der Heldin aus Angst vorm Fliegen, wird in diesem Roman eine Nebenrolle eingeräumt, sie ist die geläuterte Frau, die aus ihren Erfahrungen schöpft und die mittlerweile weiß, daß bloßer Sex kein Allheilmittel gegen die Herausforderungen und Hürden des Lebens ist.

Vanessa Wonderman ist eine Sechzigjährige, die wie Fünfzig aussieht, sie ist mit einem zwanzig Jahre älteren Milliadär, Asher, verheiratet. Dieser Altersunterschied ist ein Teil ihrer Crux, das Ehepaar liest öfter in Todesanzeigen als daß sie Sex haben. Überhaupt der Tod, das Sterben: in die heile Welt des Konsums, der Botoxinjektionen und der Wohltätigkeitsveranstaltungen bricht er/es für Vanessa (und ihre beiden Schwestern) mit Macht ein: die Eltern sind siech, der geliebte Pudel schwer erkrankt und der Ehemann kann gerade noch gerettet werden, ein Aneurysma….

Was könnte helfen? Sex, genau, Sex, der die überschüssige erotische Energie kanalisiert, der einmal die Woche ….. die glücklich verheiratete Frau (sprich Vanessa) mit dem glücklich verheirateten Mann zwecks „Huldigung des Eros“ zusammenbringt. Eine Anzeige auf einen einschlägigen Internetportal soll es richten….

Und zwischen den Kranken dieser Welt, die sich auf diese Anzeige hin melden (und von denen Vanessa ein paar wenige trifft und bald die Nase voll hat) resümiert die Protagonistin ihr Leben. Das so ärmlich und schlecht gar nicht war. Die Eltern waren in Hollywood eine gute Adresse, bevor sie nach New York gingen, sie selbst hat mit sechzehn die Schule geschmissen, hatte ein Verhältnis, trieb ein Kind ab und wurde dann selbst recht erfolgreiche Schauspielerin. Zwischendurch gab es ein Alkoholproblem (das sie in den Griff bekommen hat) sowie die eine oder andere Ehe, deren wichtigste zweifelsohne die mit Ralph war, einem Poeten, denn ihr entstammt Glinda, die einzige Tochter.

Mitte Zwanzig ist diese jetzt auch schwanger und kein unbedarftes Blatt mehr, was das Leben angeht. So hat sie schon einen Drogenentzug hinter sich. Doch Leo, der kleine Wurm, dem sie das Leben schenkt, wird zum Lebensmittelpunkt, Leo reißt auch für Vanessa das Steuer rum, er ist die Zukunft, die es zu schützen und zu bewahren gilt.

Mit dem Tod der Eltern und dem Beinahe-Tod von Asher erhält Vanessas Lebensschiff herbe Schläge. Es heißt Abschiednehmen von den Eltern, worauf die Heldin überhaupt nicht vorbereitet ist. So schwierig und problematisch das Siechtum von Vater und Mutter war, jetzt, da der Moment da ist, versinkt Vanessa in ein schwarzes Loch. Wenigstens überlebt Asher seine Krankheit, wenngleich sie ihn so schwächt, das den beiden seine erektile Dysfunktion den Sex, zumindest den Sex unmöglich macht. Etwas anderes ist aber geschehen: Vanessa spürt, daß zwischen ihr und Asher etwas wirklich tieferes, bedeutenderes entstanden ist: Liebe. Und in Indien, das jetzt offensichtlich der Ort ist, an dem man sein muss (habe ich irgendwas versäumt??) erfahren die beiden dann so etwas wie eine synchrone Erleuchtung und widmen sich erfolgreich dem, was Isadora gemächlichen Sex in einer schnelllebigen Welt nennt. Na also, geht doch! möchte man rufen….


Materiell abgesichert und auf der Sonnenseite des Lebens ist dieses mitnichten leicht für die Protagonistin, Ängste beherrschen ihr Leben in weiten Teilen. Die Jugend ist dahin und das Älterwerden hat – sieht man von einer gewissen Abgeklärtheit ab – noch keine großen Vorteile gebracht, Vanessa träumt sich in Zeitmaschinen hinein, die sie zurückbringen in Zeiten, in denen sie das Leben genießen konnte. Vorherrschend ist die Angst, etwas zu versäumen, versäumt zu haben. Anzusehen, was das Alter aus ihren Eltern gemacht hatte, beunruhigt und ängstigt sie. Der Tod der Eltern hinterläßt ein Kind, das damit kaum umgehen kann.

Sex würde ihr die Jugend wieder zurück bringen, die Zeit zurückdrehen, Sex ist ein Allheimittel. Doch auch das funktioniert nicht wirklich, ihr eigener Mann ist immerhin schon acht Jahrzehnte auf der Welt und die, die sich über die Anzeige holt, sind kaum erwähnenswert, eher erschreckend, wenn sie es überhaupt probiert. Aber was hat sie denn erwartet, wenn sie in solchen Gewässern die Angel auswirft? Fantasien werden eben selten real.

An drei ihre Mitmenschen lernt sie langsam, ihre Ängste zu erkennen und zu überwinden. Isadora ist mittlerweile die Abgeklärte, die sich die Hörner abgestoßen hat während Asher nach seiner Krankheit so in sich ruhend ist, daß dies auf Vanessa abfärbt. Und dann noch die Zukunft, Leo in seiner Unschuld, der eines Tages die Last des Lebens schultern und dafür sorgen wird, daß es weitergeht..


Angst vorm Sterben ist im Grund ein einziger, immer wieder unterbrochener innerer Dialog über die Angst vorm Leben mit den Herausforderungen, die dieses bereit hält und die auch mit allem Geld der Welt nicht zu verhindern sind. Das Leben hatte viel für sie bereit gehalten, eine materiell sorglose Kindheit, viele Ehen, viele Liebhaber, eine erfolgreiche Schauspielkarriere, später schrieb Vanessa Drehbücher – jetzt stößt sie an die Grenzen, das Alter läßt sich nur auf der Ebene von Äußerlichkeiten wegspritzen, Zeitreisen sind nru in der Fantasie und in Träumen möglich. Dazu noch die globalen Sorgen über unseren, d.h. der Menschheit Umgang mit der Erde… man hat´s nicht leicht als wohlhabende New Yorkerin, Woody Allen hat es uns schon ja immer bewiesen, kein Wunder, daß er auf dem Cover zitiert wird. Wer Woody Allen mag, wird auch den Ton und die Diktion von Jong als leicht neurotischer Gr0ßstadtpflanze mögen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn derjenige, der sich in der Hoffnung an das Buch wagt, er würde hier einen erotischen oder gar Sexroman in die Hand bekommen, enttäuscht sein wird. Überhaupt hat sich Jong ja auch nach Angst vorm Fliegen immer gegen dieses Etikett gewehrt, für mich waren die Sexszenen in diesem Buch sogar mit die schwächsten Momente, da ich häufig das Gefühl nicht los wurde, sie wären nur eingefügt, weil „das jetzt halt so gehörte für sie um ihrem Ruf gerecht zu weren…“. Da sich nie etwas daraus entwickelt, stehen die Szenen etwas verloren im Buch, sind allenfalls abschreckende Beispiele für solche Abenteuer.

Man darf von Angst vorm Sterben keine philosophische Tiefe über die Probleme unseres Daseins erwarten, das ist aber auch, denke ich, nicht der Anspruch. Der Kritiker des Deutschlandradios vergleicht es mit dem „Niveau gehobener Frauenzeitschriften“, was ich jedoch, mangels Kenntnis dieses Publikationen, nicht beurteilen kann. Letztlich sind es Fragen, die wir alle – ohne die Antwort zu kennen – an das Leben haben, verdichtet in Merksprüche und Schlagzeilen: Sex muss ein großes Geheimnis bleiben, sonst wird er nämlich zum großen Missverständnis [S. 190] oder Wir brauchen neue Rituale, eine neue Philosophie [S. 155].

Hat man, wenn man Angst vorm Fliegen gelesen hat, seinerzeit gestaunt und aufgemerkt und „WOW!“ gerufen, in diesem Roman stellt sich diese Reaktion nicht ein, es fehlt das Umstürzlerische, Revolutionäre, das Öffnen neuer Horizonte. Im Gegenteil mag der „normale“ Mensch sogar schon weiter sein als die Protagonisten Jongs, das Tabu, über „Sterben“ und „Tod“ zu reden, ist in den letzten Jahren für ihn geschwunden, dass der Tod (auch der Eltern) bei aller Trauer zum Leben gehört – die meisten von uns werden dies wissen und im Falle eines Falles weniger fassungslos erleben.

Was also bleibt mit diesem Buch ist eine literarisch fixierte Geschichte über die Angst einer neurotischen Großstadtpflanze vorm Sterben, vorm Alter, vorm Leben mithin. Dies aber – was nicht wenig ist – unterhaltsam, flott und frech präsentiert, gut lesbar, kurzweilig, ja auch humorvoll und mit Ironie gewürzt und – wenn man dem Buch eine solche entlocken will – enthält es möglicherweise die Botschaft, daß Älterwerden keineswegs bedeutet, dass das Leben aufhört, man muss sich auf das Alter, die Beschränkungen, die mit sich bringt, aber auch auf die neuen Horizonte einlassen.. dann klappt´s – sozusagen – auch mit der Nachbarin…

Links und Anmerkungen:

[1] Zur Person Erica Jongs: https://de.wikipedia.org/wiki/Erica_Jong
[2] z.B. hier in der ZEIT von Rolf Michaelis (1976): http://www.zeit.de/1976/35/kopf-sex/komplettansicht
[3] Buchvorstellung hier im Blog:  Angst vorm Fliegen, ferner von Jong im Blog: Der letzte Blues

[B] Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erica_Jong; Copyright: von Wes Washington (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Erica Jong
Angst vorm Sterben
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Tanja Handels
Originalausgabe: Fear of Dying, NY, 2015
diese Ausgabe: S. Fischer Verlag, HC, ca. 370 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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