Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann

24. April 2016

tewje-coverScholem Alejchems Tewje, der Milchmann, gehört wohl zu den bekanntesten Werken der jiddischen Literatur. Das Jiddische… mit der Vertreibung der Juden im 14./15. Jahrhundert (der anschwellende Antisemitismus während des großen Pestzugs, aber auch die Kreuzzüge waren Anlass dafür) aus Deutschland nahmen diese ihre Muttersprache mit nach Osten in die neuen Siedlungsräume. Dort nahm die Sprache wenige neue Worte aus dem Slawischen auf, diese betragen im wesentlichen Begriffe des täglichen Lebens. Grund dafür ist die relative strikte Isolation der jüdischen Bevölkerung von anderen Bevölkerungsgruppen. Sie blieben im Wesentlichen unter sich, in ihren Shtetl , lebten dort ihre Traditionen und religiösen Riten. Einige wenige von ihnen gelangten zu Ruhm, Geld und Einfluss [4], die meisten dagegen blieben zeit ihres Lebens arme Schlucker, die oft nicht wussten, wie sie die vielen Mäuler der Familie satt bekommen sollten.

Das Jiddische war die Sprache des Alltags, es war eine gesprochene Sprache. In einer kurzen Zeitspanne Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen wurde das Jiddische literarisch, Gedichte wurden auf Jiddisch verfasst und Geschichten in dieser Sprache niedergeschrieben. Schreibt Jiddisch, dann werdet ihr der Welt nützlich sein, so wird einer der damaligen Schreiber wiedergegeben [3]. Diese „Karriere“ des Jiddischen endet jedoch jäh und blutig mit dem Versuch, das gesamte jüdische Volk auszurotten.

Scholem Alejchem (dies ist die jüdische Grußformel: Der Friede sei mit Euch!) ist einer der bekanntesten jiddischen Dichter. Er lebte von 1859-1916, Manés Sperber schildert in seiner Kindheitserinnerung Die Wasserträger Gottes, wie sich abends alle in der Stube versammelten, um den vorgelesenen Geschichten Alejchems zu lauschen [9]. Geboren wurde er als Scholem Rabinowitsch, Sohn eines Getreide- und Holzhändlers aus Perejaslaw (Ukraine). Er erhielt die jüdische Grundausbildung und lernte am russischen Gymnasium. 1879 begann er zu publizieren, jedoch noch nicht auf jiddisch, sondern auf hebräisch.

1883 heiratete er Olga Lojew. Zwei Jahre später stirbt sein Schwiegervater und er zieht mit seiner Frau nach Kiew um (dem Jehupez seines Werkes). Nachdem er 1890 bankrott ging, verließ er Russland und wechselte bis zu seinem Tod ( er starb an Tuberkulose) 1916 in New York noch sehr oft seinen Wohnort. Unter anderem lebte er auch für einige Zeit in Berlin.

Seine Werke über und für das einfache Volk begeisterte viele Menschen, gerade weil er auf jiddisch schrieb, das vorher nur als ungeliebter Umgangston galt. Scholem Alejchems Begräbniszug folgten tausende Menschen, insbesondere Juden, um damit ihren Dank auszudrücken.“ [z.T. 2 entnommen]


Tewje, der Milchmann wird zwar vom Verlag als Roman klassifiziert, er ist jedoch schon von seiner Entstehungsgeschichte her gesehen kein klassischer Roman. Vielmehr vereinigt er acht Geschichten um diesen Tewje, die Alejchem im Zeitraum von ca. zwei Jahrzehnten verfasst hat. Diese Erzählungen spiegeln jiddische Leben auf dem Dorf einerseits. Aber auch die große, die Weltgeschichte findet ihren Niederschlag in dieser abgelegenen und sich selbst genügenden Welt der kleinen Leute auf den Dörfern im russischen Ansiedlungsrayon um Kiew, dem Jehupez der Geschichten Alejchems.

Tewje und seine Familie, das sind die Frau Golda und sieben Töchter. Sieben, eigentlich ein biblisches Symbol für die göttliche Vollkommenheit, bringt den Eltern hier kein Glück, Töchter zumal, die verheiratet werden müssen und bei der Heirat spielt hie und da die Liebe eine Rolle und wer kann schon die Liebe beeinflussen, wo sie hinfällt und wo nicht… Fünf der Geschichten handeln davon, wie sich die ältesten Töchter verheiraten bzw. verlieben, die Schicksale der zwei jüngsten Tochter dagegen wird nichterwähnt, in der letzten Geschichte, in der sie eigentlich auftauchen müssten, denn diese handelt von der Vertreibung der Juden aus ihren Dörfern und sie müssten ja noch im Elternhaus sein, bleiben sie unerwähnt.

Die Geschichten sind als Erzählungen aufgebaut. Tewje nämlich trifft den Autoren Alejchem, spricht ihn an oder begrüßt ihn: Ein schönes, ein gutes, ein ausladendes ‚Scholem alejchem‘ auf Euch, Herr Scholem Alejchem! Friede über Euch und Eure Kinder! und erzählt ihm von seinem Schicksal. Entsprechend verabschiedet er sich am Schluss der Geschichte auch wortreich, entschuldigt sich dafür, so viel gesprochen zu haben und hofft auf ein erneutes Zusammentreffen mit Alejchem – oder er gibt Ratschläge bzw. äußert Bitten, wie Alejchem, der Autor, doch mit seiner Erzählung umgehen sollte, nämlich vergesst um Gottes willen nicht, worum ich Euch gebeten habe: Dass es nämlich pst! und pscht! bleiben soll, ich meine, Ihr sollt daraus kein Buch machen! Und wenn ihr nun mal schreiben müsst, dann schreibt über einen anderen, nicht über mich; …. Für Geschichten, die im Laufe einiger Jahre veröffentlicht werden, ist dies sicherlich ein sinnvoller Rahmen und die Selbstbezüglichkeit solcher Worte verleiht dem Ganzen einen lebendigen Charakter und gibt einen besonderen Reiz.

Die Geschichten im Einzelnen:

Ich bin zu gering
Das große Los (1895)
Wie gewonnen…. (1899)
Kinder von heute (1899)
Hodel 81904)
Chava (1906)
Sprinze (1907)
Tewje fährt ins Land Israel (1909)
Geh aus deinem Vaterland (1914)
Vachalaklakkoiß … Und schlüpfrig werden soll ihr Weg (1916)

Man sieht, daß die Geschichten über einen Zeitraum von gut zwei Jahrzehnten entstanden sind. Das als Einleitung und Einstimmung dienende Ich bin zu gering ist als Brief Tewjes an den Verfasser abgefasst, in dem er seine Verwunderung beschreibt, daß Ihr Euch mit so einem geringen Menschlein abgebt, mir sogar Briefe schreibt und, damit nicht genug, auch noch meinen Namen in einem Buch benützt, … , was ihn aber nicht hindert, in einem Postskriptum die Adresse anzugeben, an die der Verfasser, wenn das Buch beendet ist, etwas Geld schicken kann….

Das große Los beschreibt, wie aus Tewje, arm an Geld, aber reich an Kindern, der mit seinem Pferd und dem Wagen aus dem Wald Baumklötze zum Bahnhof holt und bringt, Tewje, der Milchmann wird. Weil er nämlich zwei seltsame Figuren, Weibsbilder, die sich im Wald verirrt hatten, findet und sie zurück in ihre Datscha bringt, in der sie als Sommerfrischler leben. Die Belohnung, die er dafür erhältm ist groß, für seine Verhältnisse groß und macht aus ihm den Milchmann, der Kühe sein eigen nennt, Milch melkt, buttert und käst und seine Waren an die Sommerfrischler verkauft.

In der nächsten Geschichte wird schon eine Ahnung der neuen Zeit wach. Menachim-Mendel, ein entfernter Verwandter, überredet ihn zu Finanzgeschäften, zum Kauf von ach was weiß ich, von Papieren, die billig gekauft werden, teuer verkauft werden und von diesem Geld kann man wieder billig kaufen und teuer verkaufen und haste nicht gesehen, macht man aus hundert Rubel tausend… oder auch null, so wie es Tewje geschieht… Gottseidank ist es nur das Geld, noch hat er seine Kühe, sein altes Pferd, den Wagen….

Die Töchter – wunderschön und heißgeliebt vom Vater, aber welche Bürde auch, denn sie wollen verheiratet werden. Da trifft es sich gut, daß der wohlhabende Schächter, Reb Leiser-Wolf, in Kinder von heute…. ein Auge auf die Älteste, Zeitel, geworfen hat…. doch was will man machen, Zeitels Augen schwimmen, ihr Herz hängt am armen Schlucker Mottel, einem Schneider…. nicht viel anders geht es bei Hodel, oder doch ganz anders.. es sind mittlerweile Zeiten angebrochen, in denen die jungen Leute lernen wollen, studieren anstatt zu arbeiten und Brot für die Familien zu verdienen. Hungerleider sind sie, mit seltsamen Ideen, die sich um die Arbeiter drehen und deren Los…. und ausgerechnet so einen gabelt Tewje am Straßenrand auf und füttert ihn mit Golda seiner Frau in seinem Haus, auf daß sich die Zweitälteste in ihn verliebt… kann er was dagegen machen? Wenn Gott es so gefügt hat? Was soll er sich dann dagegen stellen…. und so heiraten sie und schon bald sitzt Pfefferl und dann folgt ihm Hodel in die Verbannung…

Schlimmer noch ist das Schicksal Chavas für ihn, denn Chavas Herz gehört einem Abkömmling Esaus… Dein Kind bricht auf in eine andere Welt, und du verstehst sie nicht – oder willst sie nicht verstehen….. es zerreißt ihm das Herz, fast hält er es nicht aus, die Qualen Was ist meine Sünde, was ist mein Verbrechen? ruft er seinem Gott entgegen….. Steh auf, mein Weib, ziehe die Schuhe aus, wir wollen uns hinsetzen und die sieben Tage trauern, wie Gott es geboten hat. … Lass uns in der Vorstellung leben, … als hätten wir niemals eine Chava gehabt….

Noch ist das Kinder-Aufzuchtleid für Tewje und Golda nicht vorbei. In Sprinze zeigen sich die neuen Zeiten von ihrer schlimmen Seite: es kommt zu Progromen, viele Reiche verlassen das Land und gehen ins Ausland, andere fliehen aus der Stadt und kommen ist Umland, nehmen ihren Platz in Tewjes Kundenkreis ein. Eine davon, eine Witwe, hat einen reichen und verzogenen Sohn und – egal, wie es im Einzelnen dazu kommt – dieser verguckt sich in die Tochter Sprinze und diese sich in ihn…. im ersten Impuls ist Tewje davon nicht begeistert und redet dagegen… doch als ihm der Gedanke daran, im Alter vllt etwas bequemer leben zu können mit dem reichen Schwiegersohn im Rücken, kommt dieser nicht mehr zu Besuch. Im Gegenteil wird Tewje vom Onkel des Nichtsnutzes zu sich bestellt und beschuldigt, alles schlau zum eigenen Nutzen so eingefädelt zu haben…. aber das größte Unglück erlebt Tewje auf der Rückfahrt vom Onkel, der Menschenauflauf am Fluss… und seine tränenaufgelöste Golda inmitten der Menschen… Sprinze, die so still geworden war und so viel weinte, Sprinze war ins Wasser gegangen…

Das Schicksal meint es nicht gut mit Tewje selbst und mit den Juden… die geliebte Golda stirbt ihm, aber was nützt es, gegen den, der ewig lebt, aufzubegehren?  Bejlke dagegen, die nächste der Töchter fällt dem Pedazur ins Auge, einem Reichen, einem Kriegsgewinnler, einem Emporkömmlung, der seine Herkunft und die seiner Braut verschleiern will. Jeder kümmert sich selbst und hat auf die Welt vergessen…. Hemmungslos schwindelt er alle an und Tewje, den er zu sich rufen läßt, soll nicht mehr Milchmann sein als Vater der Frau.. am Geld soll´s nicht liegen und will er verreisen vielleicht? Israel, ja, nach Israel – da wird unser Tewje schwach, aber um ins Land Israel zu fahren, muss man … etwas haben… [..] ach die Macht des Geldes… er scharrt das bischen Papier, das Geld, das Pedazur ihm gab, zusammen und steckt es ganz tief in die Tasche….

Aber es ist nicht damit getan, daß Tewje ins Land Israel fährt, man muss ihn und die anderen Juden verprügeln, zumindest, man muss ihnen die Fensterscheiben einschlagen, zumindest, damit man selbst keine Probleme bekommt mit der Obrigkeit, die dies sehen will. … und warum kommt nicht endlich der Messias? Ein wenig hadert der Tewje mit seinem Gott…. käme er gerade jetzt auf einem weißen Pferd zu uns herabgeritten! […] Derweil, wie ich, in diese Gedankengänge vertieft, dasitze, blicke ich auf einmal auf – ein weißes Pferd! Und geradewegs auf mein Haustor zu! […] Doch: Sieht man dem Messias entgegen, kommt der Dorfpolizist… Drei Tage hat der Tewje Zeit, alles zusammenzupacken, alles zu verkaufen, man hat ihm gesagt, er solle gehen, also geht er….


Tewje ist ein einfacher Mensch, seine Ansprüche an die Welt sind nicht überbordend. Ein wenig Arbeit, um für sich und die Seinen genug zu Essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, eine Bank vor der Tür, um in den wenigen Mußestunden die Wärme der Sonnenstrahlen zu spüren und nachzudenken – über Gott und die Welt. Belesen ist er, der Tewje, auch wenn er nicht alles verstanden hat, manches an der falschen Stelle zitiert und auch mit den Begriffen der neuen Zeit nicht immer konform geht. Ein Konfusius ist er, ein liebenwerter, der sich in sein Schicksal fügt.. ein Schicksal, das es einst so gut mit ihm meinte, ihn aus dem Wald holte und zum Milchmann machte. Dann aber nahm es ihm eine Tochter nach der anderen, es nahm ihm die Frau, es nahm ihm das Heim, die Heimat, es nagte letztlich sogar an seinem Gottvertrauen.

In der Figur des Tewje, der ein Dulder ist und ein Hiob, personalisiert Alejchem das Schicksal der Juden in Russland. Die lange Zeit friedliche Koexistenz mit den Christen löst sich peu a peu auf, die neue Zeit um die Jahrhundertwende mit den neuen, revolutionären Gedanken greift nach den Menschen, die jungen Leuten zumal, löst sie aus den alten traditionellen Gedanken- und Verhaltensmustern und damit aus der seit altersher gegebenen jüdischen Gesellschaft. Gleichzeitig werden die Ressentiments gegen die Juden wieder wach und gefördert, finden ihren traurigen Höhepunkt in den Progromen, die um 1905 einsetzen und letztlich mit der Vertreibung bzw. Emigration vieler Juden endet. So sitzt Tewje am Schluss des Buches da, hat keine Heimat mehr, ist, dem Bibelspruch nach, aus dem Vaterland gegangen (worden). Nach dem heiteren und optimistischen Beginn des Romans endet er letztlich in tiefer Dunkelheit.

Tewje lehnt sich gegen nichts auf. So wie er den Töchtern letztlich immer ihre Liebesheirat erlaubt (denn letztlich könnte es ja sein, daß genau das von Gott so gewollt ist), läßt er sich am Ende auch aus seiner Heimat vertreiben. Allenfalls rettet ihn seine Schlitzohrigkeit und seine Redseligkeit, mit der er seinen Gegenüber ohnmächtig quasselt, davor, in personam verprügelt zu werden, ja, man läßt ihm die „Freiheit“, sich seine Fenster selbst einzuschlagen – aber retten, das kann er sich nicht.

Unerforschlich ist für ihn das Schicksal bzw. Gottes Wille, denn für ihn ist alles Wille und Ausdruck von Gottes Plan – den Menschen unzugänglich und unergründlich. Deswegen hat er sich hineinzufügen, auch wenn manchmal der Wunsch durchscheinen mag, daß Gott – zumindest hin und wieder – mal ein anderes Volk auswählen könne als immer nur die Juden. Wie groß mag für Tewje die Enttäuschung gewesen sein, daß Gott just im Moment, da er die Frage stellte, wann denn der Messias auf einem weißen Pferd käme, ein Schimmel auf seinen Hof ritt – dessen Reiter die irdische „Ordnungsmacht“ vertritt und ihn von selbigen vertreibt.

Mit den Progromen von 1905 (Jabotinsky z.B. bescheibt die Zerstörung der heilen jüdischen Welt in Odessa in seinem schönen Roman Die Fünf sehr eindrucksvoll, auch z.B. Isaac Babel widmet sich diesem Thema in seinen Erzählungen [5]) wurden viele der russischen Juden in alle Welt vertrieben. Manchmal findet man die Spuren dieser Vertreibung auch ganz unvermutet, beispielsweise hier in Südamerika im Roman des argentinischen Schriftstellers Edgardo Cozarinsky Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…. [5]. Die bis dato geordnete Welt der Ostjuden, die vorwiegend in ihren ‚Schtetl‘ lebten, wurde hinweg gefegt, die angeordnete Vertreibung, die instinktsicher seit alters her verwurzelte Antipathien und Vorurteile gegen Juden instrumentalisierte, zerstörte zusammen mit den sich sowieso radikal ändernden Lebensumständen Jahrhunderte alte Traditionen und Lebensweisen im zaristischen Ansiedlungrayon [6]. Tewje, der Milchmann, ist der Archetyp dafür, die Figur des Hiob, des Dulder, die Figur auch des in die Diaspora vertriebenen Juden, des Abraham, der eine neue Heimat sucht und de dabei trotz hin und wieder auftauchender dunkler Gedanken unverzagt an seinen Gott glaubt.

Die vorliegende Übersetzung von Armin Eidherr ist ergänzt durch ein Nachwort, in dem der Übersetzer auf die Lebensgeschichte und die Bedeutung des Autoren für die jiddische Literatur eingeht. Dabei hebt er hervor, das Bild des fröhlich-frommen Dulders Tewje, wie es z.B. im Musical Anatevka (Fiddler on the Roof) [7] vermittelt wird, nur bedingt stimmt. Desweiteren äußert er sich zur Bedeutung/Deutung des Werkes, das hier in einer Neuübersetzung erstmals vollständig vorliegt. Insbesondere sind auch die Eigenheiten von Tewjes Sprache nicht geglättet worden, das ‚Konfusius‘ wurde also nicht zum ‚Konfuzius‘, die ‚Birnillanten‘ nicht zu ‚Brillianten‘ und ‚Speck-Kohlant‘ nicht zum ‚Spekulanten’… auch die manchmal von Tewje nur lautmalerisch zitierten Sprüche aus Thora oder Talmud bleiben erhalten, Tewje liest viel, aber das Verständnis kommt nicht immer nach und so ergeben sich wohl eine Vielzahl von unfreiwillig komischen Wortspielen. „wohl“: weil man als deutscher Leser die angeführten Sprüche selbst nicht kennt (das gilt – denke ich – jedenfalls für die allermeisten Leser) und den Widersinn daher kaum beurteilen kann. Hier geben die Fussnoten des Buches leider nur sehr sporadisch Auskunft.

Letzteres ist aber auch schon mein einziger Kritikpunkt an diesen wunderschönen, traurigen Buch. Es entführt den Leser in eine verschwundene Welt, macht ihn zum Zeugen der Geburt einer Literatursprache, die aus einer bis dato weitgehend gesprochenen Sprache (in der Übersetzung, ich weiß…) entsteht, eines Prozesses, der wenige Jahre später blutigst beendet wurde [vgl. auch 8]. Ein zutiefst menschliches Buch, was die Figuren angeht, ein Roman, der die Ereignisse zweier bewegter und für die politische Entwicklung der ganzen „Welt“ wichtiger Jahrzehnte im Zarenreich auf die Ebene eines einfachen Juden herunterbricht.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren
[2] z.B. ist hier eine ausführliche Wiedergabe des Inhalts zu finden: Maria Klingner: Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann; in:  http://judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/alejchem/index.html
Bemerkenswert: während bei Klingner steht: „1883 heiratete er Olga Lojew. Diese stirbt 1885,..“, führt der Übersetzer in seinem Nachwort an, daß es der Schwiegervater ist, der 1895 den Tod findet, eine Aussage, die ich in meinen Text übernommen habe, ohne sie weiter zu überprüfen.
[3] Gilles Rozier erzählt die oder eine Geschichte des Jiddischen als Hochsprache in seinem wunderbaren Buch : Im Palast der Erinnerung (Buchvorstellung hier im Blog). Die Quelle des hier zitierte Spruch ist dort unter [4] zu finden
[4] vgl z.B. in dem wunderbaren Buch von Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Buchvorstellungen hier im Blog:
– Vladimir Jabotinsky: Die Fünf,
– Isaak Babel: Erste Hilfe
– Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….
[6] Wiki-Artikel zum
– Schtetl: https://de.wikipedia.org/wiki/Schtetl
– Ansiedlungsrayon:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ansiedlungsrayon
[7] Wiki-Artikel zu Anatevka:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anatevka
[8] Gilles Rozier: Im Palast der Erinnerung (Besprechung hier im Blog)
[9] Manès Sperber: Die Wasserträger Gottes (Besprechung hier im Blog)

 

Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann
mit einem Nachwort vom Übersetzer
Übersetzt aus dem Jiddischen von Armin Eidherr

Originalausgabe: tevjeh der milchiger, (1894 – 1916)
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. xxx S., 2016 (der Verlagslink führt zu einer früheren Ausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

Advertisements

One Response to “Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann”


  1. […] [Eine ausführlichere Besprechung bei: aus.gelesen.] […]

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: