Bov Bjerg: Auerhaus

10. April 2016


Der Jugendroman Auerhaus, lautmalerisch aus dem Titel des oben anzuhörenden Popsong Our House der britischen Gruppe Madness gebildet, will allenthalben und zum Teil sogar hoch gelobt, er hat seinen Charme, ganz zweifelsohne. Ich will diese meiner Buchvorstellung voranstellen, denn trotz dieser Charmes habe ich mich etwas schwer getan mit dem Werk, zu vieles ist mir suspekt geblieben.

auerhaus

Worum geht es in dem Buch?

Irgendwo in der Nähe von Stuttgart, im ländlichen Bereich, bildet sich eine Schüler-WG aus vier angehenden Abiturienten/-innen, die im Lauf der Wochen noch um zwei weitere Mitglieder wächst, einen homosexuellen Lehrling und ein psychisch krankes Mädchen. Diese WG entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus einem bestimmten Grund…. womit die Überleitung zum Kern der Geschichte geschaffen wäre, denn Frieder, einer der Abiturienten, hat vor einiger Zeit einen Suizidversucht mit Tabletten unternommen und die Freunde aus seiner Klasse versuchen nun, gegen das drohende Unheil eines weiteren Versuchs Frieders anzuleben und anzureden,  denn  irgendwann, nach geraumer Zeit in der ‚Irrenanstalt‘, hatte ein Arzt gesagt, es sei nicht gut, wenn Frieder wieder zu seinen Eltern zöge. In der Psychiatrie selbst wurde seine Depressivität mit Tabletten behandelt, ganz langsam, so musste Höppner bei seinem ersten Besuch beobachten, kam er durch den Flur geschlappscht auf ihn zu, die Arme hingen schwer an den Seiten runter, die Haussschuhe schleiften über den Boden….

Gut jedenfalls, daß das Haus von Frieders Opa leer steht und die Eltern damit einverstanden sind, daß Frieder dort einzieht, nur eben nicht allein. So kommt es, daß Frieder mit mit seinem Freund Höppner ‚Hühnerknecht‘, der Figur des Erzählers, und dessen Freundin Vera sowie mit Cäcilia in dieses ehemalige Bauernhaus, das seine besten Zeiten auch schon hinter sich hat, einzieht. Später stoßen dann noch die schon erwähnten Harry und Pauline dazu.

Die vier sind sehr unterschiedlich von Charakter und Temperament. Frieder ist in der Schule ein As, aber depressiv, der Erzähler dagegen kommt in der Schule eher schlecht zurecht, ist zwar aufgeweckt, kann aber für sich die Sinnfrage nach allem nicht beantworten und so kommt halt auch oft Unsinn heraus bei dem, was er sagt. Vera, seine Freundin ist clever und aufgeweckt, das Verhältnis der beiden aber eher platonisch als körperlich, und noch akzeptiert Höppner Veras Spruch, daß Liebe kein Kuchen sei, der vom Teilen weniger würde…. und Cäcilia schließlich ist von zu Hause aus verwöhnt, ansonsten eher unauffällig, strebsam und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Das Leben der vier dort im Auerhaus funktioniert ganz gut, es organisiert sich von allein ohne große Regeln. Das Geld – natürlich. Ein wenig Unterstützung von den Eltern, ein wenig Geld, daß Höppner bei seinem Job als Hühnerknecht in der Mastanstalt verdient. Ohne große moralische oder sonstige Skrupel tragen von Vera und Frieder schon fast bandenmäßig organisierte Ladendiebstähle zur Finanzierung der WG bei, Höppner wird später durch die beiden angelernt und so sind sie dann zu dritt unterwegs in den Läden. Harry, der schwule Lehrling, ist finanziell gut ausgestattet, neben seinen Lohn bringt ihm die Tätigkeit als Dealer und Bahnhofsstricher noch einiges an Zusatzgeld.

‚Auerhaus‘ ist ein Ort im Zwischenreich. Es ist allen klar, daß es irgendwann, und so lange kann es nicht dauern, enden wird. Schulisch steht das Abitur vor der Tür, für Höppner droht danach die Wehrpflicht. Sorgfältig heftet er die eintreffenden Aufforderungen, sich zur Musterung einzustellen, in einem Ordner ab. Verweigern oder Berlin – so sieht er seine Alternativen, Anfang der achtziger Jahre war das so. Aber wie bei so vielen, ist er auch hier zu zögerlich mit seinen Entscheidungen. Frieder dagegen, der von den Noten her die besten Voraussetzungen hätte, träumt von einem Job als Fahrradmechaniker.

… und auch mit Vera geht es für unseren Protagonisten irgendwie auch nicht weiter, denn auch ein etwas begriffsstutziger Junge stellt sich bei (un)passender Gelegenheit die Frage, ob überhaupt ein Kuchen da ist, der geteilt werden könnte. Ausgerechnet Harry….

Sie bauen Scheisse, ziemliche. Auch wenn die Provinz gutmütig zu ihnen ist, läuten sie damit doch das Ende ihres Projekts ein, das Zwischenreich löst sich auf und das richtige Leben greift nach ihnen. Sie fangen an, es mehr oder weniger erfolgreich zu leben, nur Frieder (und Pauline) sind nach wie vor in diesem Leben falsch aufgehoben und allein gelassen….


Bjerg führt uns Leser mit seiner Geschichte zeitlich einige Jahrzehnte zurück, die Handlung spielt Anfang der 80er Jahre [2]. Die Geschehnisse im Auerhaus werden aus der Sicht des jungen Höppner erzählt, der für sich noch keinen Plan von der Welt und von seinem Leben hat. Eine andere Geschichte, die implizit auch erzählt wird, ist die derjenigen, die kaum auftreten in diesem Buch: die der Eltern, der Erwachsenen also, die ihrer Verantwortung so überhaupt nicht nachkommen. Um einen Suizidalen (der in der Psychiatrie wohl mehr oder weniger nur ruhig gestellt worden ist) herum eine WG aus kaum erwachsenen zu nennenden Schülern zu bilden, ist ein mehr als abenteuerliches Konstrukt und Höppner fühlt auch ganz genau, daß er der Verantwortung, die sie übernommen haben, im Grunde nicht gewachsen ist… abgesehen davon, daß die potentielle Brandstifterin Pauline dann auch noch auf dem Heuboden einquartiert wird – das alles, ohne jegliche Unterstützung und/oder Begleitung…..

Für mich weiter fragwürdig ist ebenso die Verharmlosung der ja im Grunde schon bandenmäßig durchgeführten Ladendiebstähle als akzeptable Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu sichern. Nur Jugendsünden, tauglich für ein späteres „erinnerst du dich noch, wie wir damals….“? Das hier auf der Grenze zwischen Vergehen und Verbrechen agiert wird, klingt nirgends an, Bedenken dagegen werden nicht formuliert und als Frieder mal erwischt wird, ist das wohl normales Berufsrisiko, das ausser Hausverbot keine weiteren Konsequenzen nach sich zieht.

… und daß sich der bekennende Homosexuelle und Stricher Harry in der Silvesternacht trotz der vielen Freunde, die er eingeladen hat, ausgerechnet mit Vera (die (i) eine Frau ist und (ii) die Freundin seines Mitbewohners) vergnügt…. hat mich zumindest verblüfft.


Der Roman erntet zum Teil hymnische Verehrung: Dieses Buch erzählt, daß das Leben schön sein kann. (Daniel Cohn-Bendit) oder wie die Rezensentin des WDR bekennt: Ich lese dieses Buch und bin vergnügt und bin bewegt und bin berührt. bzw., um auch eine Blogkollegin zu zitieren: …denn das Auerhaus ist einfach wunderbar! (Jaqueline vom Lesevergnügen-Blog [4])

Womit erklärt diese breite Zustimmung? Sind es Sätze wie diese, die begeistern: Eigentlich wollte ich gar nicht nach Berlin. Eigentlich fand ich Berlin total scheiße. Die vielen Leute waren scheiße, die vollen Straßen waren scheiße, das Scheißwetter war scheiße, alles., oder ist es die häufige Verwendung des Begriffes Egal? Die Sprache, die Berg seinem Protagonisten in den Mund legt, ist jedenfalls einfach strukturiert und stellt für den Leser, auch den Jugendlichen, keine Herausforderung dar. Oder sind es Szenen wie die unglaubwürdige Slapstickeinlage für der Musterungskommission oder (die Eingangszene des Buches) das kindische Absägen des dörflichen Weihnachtsbaumes an Heilig Abend, weil man ’so etwas‘ selbst schon so gerne mal gemacht hätte? Oder ist es das romantisierende Setting, das um diese dem (weil sie die Verantwortung, die sie übernommen haben, gar nicht übersehen können) Scheitern geweihte Konstellation einer Gruppe hoffnungslos überforderter, unreifer, gerademal so eben Volljähriger, gelegt wird (altes Bauernhaus, WG, leicht anarchischer Alltag vs. durchorganisierter Erwachsenenalltag, erste Liebe…) und das damit nach Cohn-Bendit suggeriert, daß das Leben schön sein kann….

Ich jedenfalls teile die allgemeine Euphorie nicht so ganz. Zwar liest sich die Geschichte – weil einfach geschrieben – schnell und gut und sie hat auch ihre berührenden Momente und Aspekte – zugegeben. Aber zu vieles darin ist mir suspekt, wird verharmlost, erscheint mir fraglich, schrammt am Glaubwürdigen vorbei, wirkt konstruiert oder passt nicht zusammen, als daß ich diesen Roman vorbehaltslos empfehlen könnte. Was mir etwas leid tut, denn Our House [3] gefällt eigentlich immer noch….

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite zum Buch, dort gibt es auch Angaben zum Autoren: http://www.auerhaus.de
[2] der titelgebende Song von Madness wurde am 12. November 1982 veröffentlicht, “The Final Countdown” (Seite 123) 1986. Ein herzliches Dankeschön an Gérard,  der mich auf meinen hier unsprünglich stehenden Fehler aufmerksam gemacht hat.
[3] zum Titelsong:  https://de.wikipedia.org/wiki/Our_House_(Madness-Lied)
[4] http://lesevergnuegen-blog.de/erlesenes/buecher/bov-bjerg-auerhaus/

Bov Bjerg
Auerhaus
diese Ausgabe
: Aufbau-Verlag (Blumenbar), HC, ca. 240 S., 2015

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5 Responses to “Bov Bjerg: Auerhaus”


  1. Danke für den Ohrwurm ;-)

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  2. Ich gehöre absolut zu den Lesern und Rezensenten, die dieses Buch lieben und ich hätte es gerne auf der letztjährigen Short-List des Deutschen Buchpreises gesehen. Allerdings führt die Bezeichnung „Jugendroman“ etwas in die Irre, denn der Blumenbar-Verlag veröffentlicht nicht explizit Jugendromane. Bjerg hat einen Roman für Erwachsene geschrieben mit fast „erwachsenen“ Jugendlichen als Protagonisten. Auch Herrndorfs „Tschick“ ist ein Buch für Erwachsene, erst später, als er längst von einigen schlauen Lehreren als Schullektüre aufgegriffen worden ist, erschien er in der Jugendsparte des Rowohlt-Verlages. Vielleicht bin ich hier als ehemaliger Buchhändler etwas pedantisch. Auch die zeitliche Eingrenzung 1982/83 trifft nicht ganz. Da erschien zwar der Song „Our House“ von Madness, jedoch hören die Partygäste auf der Silvesterfeier die Fanfare von „The Final Countdown“ (Seite 123). Und dieser unerträgliche Song ist erst 1986 erschienen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit und diese fand tatsächlich in den frühen 80ern statt, aber so mischt sich eben Realität mit Fiktion. Und es gibt so unendlich viele Gründe, diesen Roman zu lieben. Einige stehen in meinem Artikel. Viele Grüße, Gérard
    http://www.soundsandbooks.com/2015/08/06/bov-bjerg-auerhaus-roman/

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    • flattersatz Says:

      ein ganz herzliches danke für deinen langen kommentar, auch was die aufklärung „jugendroman“ angeht. da bist du als ex-buchhändler natürlich näher am ball… was die zeitliche einordnung angeht, muss ich dir recht geben, da war ich nicht sorgfältig genug, ich ändere das auch in meinem beitrag.

      ich gebe dir ja völlig recht, habe es ja auch geschrieben: der roman liest sich gut und hat seine charmanten seiten. aber auch, wenn hier eine „wahre begebenheit“ zugrunde liegt: es ist nicht erkennbar, wo die fakten enden und die fiktion einsetzt. ich habe nach wie vor ein problem mit einem plot, der einen suizidalen zusammen mit einer kleptomanin, einem hehlenden stricher, einer pyromanin und einem recht naiven mitschüler als therapeutische massnahme in eine wg, die sich zu wesentlichen teilen über diebstähle finanziert, steckt… es geht ja letztendlich auch ziemlich schief. aber das ist eben meine ganz persönliche meinung.. und wenn genau dieser plot die damalige reale situation beschreibt – nun ja, um so schlimmer… ;-)

      herzliche grüße
      gerd

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      • Hallo Gerd, ich hatte das Werk zeitlich ja auch in die Früh-80er gelegt und bin aufgrund des Europe-Songs stutzig geworden. Wo genau sich Realität und Fiktion in dieser Geschichte verweben, weiß ich natürlich so genau auch nicht. Deine Einwände verstehe ich, aber das Buch enthält so viel Idealismus, den ich heute vielfach vermisse. Vielleicht der wichtigste Grund, wieso ich den Roman so superb fand. Schöne Grüße, Gérard

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