Philipp Baar: Flüchtlinge unterwegs nach Europa

16. März 2016

In der Rhein-Zeitung vom 23. Februar 2016 [1] wird eine Aussage des Chefs des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, mit folgenden Worten wiedergegeben: Eine Geheimhaltungsstrategie ist der falsche Ansatz und behindert insbesondere die spätere Integration. Vielmehr müssen die Aufnahme, Unterbringung und Integration von Flüchtlingen kommuniziert werden. Dazu gehört vor allem die Darstellung der schweren Schicksale, die diese Menschen häufig getroffen haben. So könnten auch Menschen nachdenklich werden, die Flüchtlinge kritisch sehen. Auch wenn mit diesem Ansatz wahrscheinlich nur noch diejenigen erreicht werden können, die sich noch einen Rest von Offenheit und Mitmenschlichkeit bewahrt haben, wird er dadurch ja nicht falsch.

Genau auf der Linie dieser Aussage ist das vorliegende Büchlein von Philipp Baar zu sehen. Der als freier Journalist arbeitende Autor hört in seiner Tätigkeit als Deutschlehrer für Migranten viele von deren Lebensgeschichten. Fünf davon präsentiert er hier, und zwar nicht als direkt biographische Geschichten, sondern als literarisch aufgearbeitete Stellvertretergeschichten, die exemplarisch sind für viele Menschen. Konkret heißt das, dass zwar viele kleine Details erdichtet wurden, die Handlung aber tatsächlich so passiert ist. Das Meiste stammt aus der Erinnerung der Beteiligten, stellenweise wurden aber Stimmungen, Wortwechsel, und so weiter erfunden. ..

baar cover


Es sind fünf Fluchtgeschichten, vier davon sind von Menschen, die aus Syrien geflohen sind, eine ist die Geschichte einer somalischen Journalistin. Niemand von ihnen hätte freiwillig daran gedacht, seine Heimat, seine Familie zu verlassen. Sie waren bzw. sind gute ausgebildete und im Beruf stehende Menschen, Qaisar beispielsweise hat als Mechatroniker für seine Firma in China und in Saudi-Arabien gearbeitet, Mohammed ist Arzt, der sich eine eigene Praxis in Damaskus aufgebaut hatte, Malek Elektroingenieur aus Kobane, der von seiner Firma auf ein Seminar nach Nairobe geschickt wurde und dort von der Eroberung der Stadt durch den IS überrascht wurde. Die junge Journalisten Nadifa aus Mogadischu fühlte sich dort ihrem Land und der Maxime ihres Berufes verpflichtet, der Wahrheit. Probleme mit dem regionalen Al-Kaida-Ableger ließen nicht lange auf sich warten, die Ermordung von Journalisten ist in Somalia Alltag.

Die Fluchtbiographien sind unterschiedlich. Zum Teil sind es willkürliche Inhaftierungen und grausame Folterverhöre, die bei vielen Mitgefangenen zum Tode führen. Knochen und Gelenke werden zerschlagen, das Wasser, das auf dem Boden der Zellen steht, unter Strom gesetzt, Hunger und Durst sind tägliche Qualen…

Selbst Auslandsaufenthalte schützen nicht unbedingt. Nadifa beispielsweise wurde auch in Kenia, dem ersten Land, in das sie nach den Morddrohungen, die sie erreichten, floh, ausfindig gemacht und weiter bedroht….

Wie aber das Land verlassen? Wie durch die vielen Sperren kommen, die die Straßen nach Norden überwachen, wie die Grenze in die Türkei übertreten? Man muss sich auf Gedeih und Verderben Schleppern anvertrauen, wird in überfüllte Autos gequetscht, muss tage- und nächtelange Märsche durchs Gebirge zurücklegen… es kostet viel Geld, die Schlepper kassieren oft die Pässe ein, man kann kaum etwas mitnehmen und meist bleiben die Familien zurück… Angst ist das beherrschende Gefühl, Angst, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein – und die Hoffnung, daß dort, wo man hin will, sich alles zum Besseren wendet…

In der Türkei angekommen, bessert sich die Situation, die Flüchtlinge bekommen Papier, mit denen sie sich eine Weile lang legal im Land aufhalten dürfen. Aber noch ist Europa weit… manche versuchen sich wie der Schüler Yassir, einen gefälschten Pass zu besorgen und über einen Weg zu reisen, der etwas weniger häufig genutzt wird, manche reisen illegal ein, auf Schlauchbooten über´s Mittelmeer auf eine griechische Insel [2]


Das Herunterbrechen solcher Massenschicksale auf Individuen, die eine fassbare Biographie haben, ist wichtig, denn dadurch bekommt das Elend ein Gesicht, wird „greifbarer“ und das Verständnis für die verzweifelte Situation von Flüchtlingen steigt. Und es ist gleichfalls wichtig, diese exemplarischen Schicksale in einer Form zu schildern, die dauerhafter ist als Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge. Dies ist Baar mit seinem Buch gelungen.

Links und Anmerkungen:

[1] Jan Drebes und Eva Quadbeck: Polizei: Rechte Täter schneller verurteilen, Rhein-Lahn-Zeitung 45/71 vom 23. Februar 2016, Titelseite
[2]…. ob man jedoch von Istanbul aus über Nacht nach Chios kommt (Die dortige [i.e. Istanbul] Schlepperszene kennt er bereits und so findet er schon für die nächste Nacht ein Boot. […] Sie schaffen es. Malek betritt Europa in den frühen Morgenstunden, als er seinen Fuß auf den steinigen Strand der Insel Chios setzt. [S. 85/6] ) – es sind immerhin so um die 600 km, eher mehr – kann ich mir ohne weiteres nicht vorstellen.

Philipp Baar
Flüchtlinge unterwegs nach Europa
diese Ausgabe: Softcover, Manuela Kinzel Verlag, ca. 125 S., 2016

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars.

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One Response to “Philipp Baar: Flüchtlinge unterwegs nach Europa”

  1. kat+susann Says:

    Das bedeutet:der Katastrophe ein Gesicht geben. Ich hab selber Kontakte zu Flüchtlingen,kenne ihre Geschichten,habe ihre verzweiflung während ihrer Flucht dank der Technik mit erlebt. Wenn ich Zweiflern davon erzähle, was ift hinter einer Flucht steht,dann schweigen diese. Und denken vielleicht ein wenug nach. Gruss Kat.

    Gefällt 2 Personen


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