Niall Williams: Die Geschichte des Regens

9. März 2016

Dies ist die Geschichte der Ruth Louise Swain, Faha, County Clare, Irland. Und da Ruth Swain noch jung ist und da die Geschichte eines Menschen nie mit seiner Geburt anfängt, sondern er immer verwoben ist in ein Netz anderer Menschengeschichten, ist dies auch die Geschichte von Ruth´ Vater und wiederum die von dessen Großvater und dem Vater des Großvater und ist es ebenso die Geschichte der Mutter und der Muttermutter… Irgendwann schließlich verlieren sich die Spuren dieser Menschen und die einzelnen Fäden, aus denen das Tuch der Menschheit gewoben ist, sind nicht mehr auszumachen, sondern gehen auf in der Gesamtheit aller Schicksale…..

ruth cover


Mit ihrem Blut ist irgendwas. Eine Expertendiagnose, die Ruth Louise Swains  (RLS) Zustand nicht, noch nicht erklärt, aber nichts Gutes erwarten läßt. So treffen wir die Neunzehnjähige im ihrem Boot-Bett unter dem Dach: sie ist schwach, kann nicht mehr aufstehen, nimmt nur noch indirekt am täglichen Leben teil durch die Besuche, die sie erhält, von Mrs. Quinty, die ihres Mannes an eine andere verlustig gegangen ist und die der Familie Swain, oder genauer gesagt, Mutter und Tochter, auf sehr spezielle Weise verbunden ist, von der wir aber erst spät im Buch erfahren, von Vincent Cunningham, der so unkaputtbar die grob abschlägigen Bescheide der RLS auf seine Heiratsanträge hinnimmt und unerschütterlich Bestandteil ihres Lebens wird, ist und bleibt, von.. ach, ich höre besser auf, sonst müsste ich ja das ganze Buch erzählen….

Wir sind in Irland, im Irland der Jetztzeit, nach dem Bankencrash, dem wirtschaftlichen Ruin des Landes. In dieser Ecke der Insel, wo im westlichen Irland der Shannon in den Atlantik mündet, wo der Begriff ‚Regen‘ praktisch Synonym wird für ‚Wetter‘ (zumindest im Buch) und es nur noch um dessen Ausmaß und Grad geht, liegt das Haus der Swains etwas ausserhalb des Ortes ‚Faha‘ . Fünfzehn Morgen Land gehören dazu, Land vollgepackt mit Steinen, regelmäßig geflutet vom Fluss, schlammbedeckt, matschig und sauer… Paradies geht anders. Auch das Haus der Swains: regendurchweicht und winddurchzogen. Geheizt wird mit Torfsoden, beim Warten, bis warmes Wasser aus der selbstgelegten Leitung steigt, stellt sich leicht eine Ungeduld ein, die Türen sind verzogen, das Mobiliar alt und die Kleidung wird geflickt, so lange es noch geht. Oft kommt Fisch auf den Tisch, den der Fluss gibt und sowieso haben die Swains einen besonderen Bezug zum Fisch, zum Lachs… Materielle Reichtümer hat die Familie nicht zu verbergen.

Was kann eine junge Frau, federleicht und ans Bett gefesselt, machen? Sie kann lesen und es gibt Bücher in diesem Haus, es ist keine repräsentative Bibliothek, es ist ein Sammelsurium billig oder günstig oder beides zusammen erstandener Bücher, die Ruth´ Vater gesammelt hat und die im Haus stehen mit ihrem Eigengeruch nach altem Papier, nach Feuchtigkeit, nach Gelesenwordensein, mit ihren Flecken und Eselsohren, mit ihren Bleistiftstrichen und Anmerkungen, mit all den Abzeichen des Lebens, das ein Buch überhaupt erfüllen kann.

Ruth liest, Ruth liest sich die Büchersammlung ihres Vaters, um genau dies zu tun, ihren Vater zu finden und zu verstehen. Denn die Swains sind anders, sind Anhänger des ‚Unmöglich Hohen Anspruches‘ an sich selbst und ihr Leben und damit ist ihr Scheitern vorprogrammiert, seien es nun der Reverend oder dessen Sohn Abraham, der Großvater Ruths, und schlußendlich fällt auch ihr Vater Virgil, Virgil der Bauer, Virgil der Dichter diesem Verdikt zum Opfer.

Ist das auch wirklich wahr, Ruth?

Auf über vierhundert Seiten präsentiert Williams mit der Geschichte des Regens eine pralle Familiensaga, die sich die belesene und phantasiebegabte Ruth in den einsamen Stunden in ihrer Mansarde zurechtlegt. Eine Familiensaga, eingebettet in die Geschichte der Menschen von Faha, die traurig sein kann und tragisch, die komisch und skurril sind, eine Geschichte der Swains und der MacCarrolls, dieser Vermählung von Zunge und Papier, der Vermählung des Unwahrscheinlichen mit dem Unmöglichen. Eine Familiensaga, in der auch die Romane und Bücher, die Figuren und Dichter, deren Werke Ruth förmlich in sich einsaugt, Pate stehen und Ruth durch diesen „Trick“ auch ihre Eltern, zuvörderst ihren Vater, zu einer Art literarischen Figur werden läßt: Genauso macht es Charles Dickens in Martin Chuzzlewit (Buch 180, Penguin Classics), wo er im Ersten Kapitel die Chuzzlewits bis zu Adam und Eva zurückverfolgt. Die MacCarrolls gehen noch weiter zurück. Und: Wenn ich als meinen Vater als Virgil Swain denke, wird er für mich zur Geschichte. Ich halte ihn für meine eigene Erfindung….

Ist das auch wirklich wahr, Ruth?
frage Mrs Quinty mit aufgerissenen Augen und
erhobenen Brauen und verfehlte damit völlig
den Zweck aller Geschichten.

… der nach Ruth folgender ist: Wir sind unsere Geschichte. Wir erzählen sie, um am Leben zu bleiben oder die am Leben zu halten, die jetzt nur noch im Erzählen da sind. In Faha, County Clare, ist jeder eine lange Geschichte ..

Mrs. Quinty meint, ich litte an Stilistischer Überfülle und müsse mich zügeln.

Williams läßt seine Ruth ihre Geschichte erzählen, eine Flusserzählung mit dem bevorzugten Stilmittel des Mäander. So ist die Geschichte linear, chronologisch und sie ist es doch nicht. Wie ein verspieltes Ornament greift sie Vergangenes wieder auf und bringt es zu erneut und anders zu Gehör, macht sie Schleifen und Bögen, kreuzt sie sich selbst und schreitet doch immer weiter von der Vergangenheit kommend in die Gegenwart hinein. An ein anderes Stilmittel von Ruth dagegen muss man sich gewöhnen: die Worte, die sie für Wichtig Hält, schreibt sie Groß. Das ist eine ganz neue Variante der Groß-/kleinschreibung… ja, ist so. Ob das vom Autoren so gemacht werden musste – da kann man sich sicher streiten, jedenfalls schärft es die Aufmerksamkeit für den Text.

Ruth legt sich keine Zügel an, sie wagt es ohne eigentlich Handlung (Leben passiert eben einfach) zu erzählen, macht das Erzählen zum Selbstzweck, erzählt sich selbst die Angst weg, die Sehnsucht nach ihrem Vater: erzählen, weit ausholendes Erzählen als Heilmittel für die Seele. Und sie kann erzählen, oh ja! Mit Witz, mit Bosheit, humorvoll und sarkastisch, bildmächtig und reich an Metaphern. Es ein Fluss, ein Erzählfluss und als Leser haben wir die große Chance, einfach hineinzuspringen, uns mitreissen zu lassen, uns tragen zu lassen zu unbekannten Ufern…

Parallel zur Familiengeschichte entsteht, vor allem gegen Ende des Romans, gleichzeitig ein Bild des „modernen“ Irland, in dem die kleinen Leute durch die Krisen der Weltwirtschaft gebeutelt worden sind, des wenigen noch beraubt wurden, was sie hatten… dabei zeichnet der Autor seine Figuren, die Bewohner Fahas, die Nachbarn der Swains in all ihren positiven und weniger positiven Eigenschaften nie bösartig oder abwertend, die Menschen sind einfach so, sie sind manchmal seltsam, manchmal bemerkenswert, andere dagegen sind so farblos, daß sie mit ihrer Umgebung verschmelzen und kaum auffallen. Immer aber sind und bleiben sie Menschen, die den Respekt der Mitmenschen verdienen.

Die Geschichte des Regens ist eine Geschichte des Scheiterns: die Messlatte für das Nichtscheitern liegt unendlich hoch. Somit sei der Leser gewarnt: der Roman ist bei allem Humor und Spöttereien ein tragisches Werk, bis weit in die Jetzt-Zeit hinein. Die Leukämieerkrankung von Ruth ist nur das letzte Glied dieser Unglücke, die auf die Familie einstürzen, aber möglicherweise hat Ruth ja Glück, und die Behandlung im Dubliner Krankenhaus hilft und sie überlebt und dann ist das hier ihr Buch, mit dem ihr Vater das Ewige Leben, das Bücher bieten können, erlangt, und dies ist keine vage, virtuelle Angelegenheit, sondern etwas zum Anfassen, Spüren und Riechen.

.. aber nicht nur eine Geschichte des Scheiterns (wobei man sich auch hier streiten kann, ob das, was passiert, wirklich ein Scheitern ist…) ist der Roman, er ist auch eine Geschichte der Liebe, der Liebe zu den Menschen, der Liebe zum Land und der Liebe zu Büchern…..

Die Geschichte des Regens, eine pralles, lebensbunt fabuliertes Familienschicksal aus Irland, ein Buch, bei dem das Herz beim Lesen aufgeht und das man kaum bei Seite legen kann, bevor es beendet ist. Daß es ausserdem noch einiges an lebensklugen An- und Bemerkungen enthält, macht es noch wertvoller. Wer sich so etwas zu lesen zutraut, dem kann ich den Roman nur wärmstens empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.niallwilliams.com

 

Niall Williams
Die Geschichte des Regens
Übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels
Originalausgabe: History of the Rain, London, 2014
diese Ausgabe
: HC, DVA, ca. 410 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

2 Responses to “Niall Williams: Die Geschichte des Regens”


  1. Eigentlich bin ich nicht so an irischen Familiengeschichten interessiert. Aber dank deiner großartigen Buchvorstellung möchte ich diese hier unbedingt lesen!

    Gefällt 2 Personen


  2. […] wie die Handlung und der Regen selbst. “ Eine tolle Rezension habe ich außerdem bei Radiergummi […]

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: