Jenna Kosig: Totenfreund

2. März 2016

Jenna Kosig ist eine Jungautorin aus Köln, die sich mit mit ihrem ersten Roman, Totenfreund, an einem Krimi versucht hat. Sie selbst erklärt sich (ironisch) als vorbelastet, da sie vom Großvater, der Polizist war, wohl entsprechende Gene geerbt hat, die sie für dieses Genre empfänglich machen…. schaumermal…

Kosig cover


Totenfreund ist aus der Sicht seines Protagonisten, des Polizisten David Westers, der als Ich-Erzähler fungiert, geschrieben. Dieser, Ermittler bei der Mordkommission, ist immer noch stark traumatisiert vom Mord an seiner schwangeren Frau Lara. Dies liegt zwar mittlerweile vier Jahre zurück und das Ungeborene konnte gerettet werden, jedoch ist es David noch nicht gelungen, mit dem Erlebnissen von damals zu leben: immer noch plagen ihn nächtestens schlimme Alpträume. Sein einziger Lichtblick scheint seine süße Tochter Mia zu sein, die sich prächtig entwickelt und ihm ein großer Halt ist.

In diese Situation wird er zu einem Mordfall gerufen. Die Leiche einer jungen Frau ist bestialisch zugerichtet auf einem aufgegebenen Bauernhof gefunden worden. Als David Westers den Tatort besichtigt, fühlt er sich intuitiv an das Verbrechen an seiner Frau erinnert, außerdem kommt ihm die Tote bekannt vor. Und als der Gerichtsmediziner einen Käfer in der Hand der Toten findet, wird der Mordfall noch ein wenig mysteriöser: was will der Täter damit seinen Jägern sagen?

Ein ‚Whodunit‘ [2] also, dessen allgemeinen Aufbau Kosig recht treu befolgt: Wir haben das (bzw. die, denn – soviel sei verraten – bei einer Leiche bleibt es nicht) begrenzte Setting (den Bauernhof, die Lagerhalle….), nur wenige Verdächtige (die aber irgendwie auch nicht wirklich verdächtig sind und denen man das Verbrechen kaum zutraut) und am Ende war es zwar nicht der Gärtner, aber in einem Showdown wird der Täter entlarvt bzw. er gibt sich im Totenfreund im Gefühl, die Situation im Griff zu haben, zu erkennen. Soweit das Gerüst, nun die Figuren.

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver; Bildquelle: [B]

Gerippter Totenfreund (Thanatophilus sinuatus) an Maulwurfkadaver;
Bildquelle: [B]

Der traumatisierte Polizeibeamte, der zudem selbst indirekt Zielfigur des Verbrechers ist; das Ermittler-Duo, das sich zum Buddypaar entwickelt hat; ein Pathologe, der als Figur eines Krimis mittlerweile anscheinend unersetzbar ist; als Verdächtige der möglicherweise abgewiesene Verehrer, der verheiratete Liebhaber, dazu noch eine romantische Affäre beim Protagonisten…. – das sind bewährte Rollenbilder und Archetypen eines Thrillers – neu also ist dies alles nicht. Selbst der titelgebende Käfer hat sein literarisches Vorbild im Schmetterling vom Schweigen der Lämmer, das im Buch sogar explizit erwähnt wird.

Insofern wandert Kosik also auf bewährten Pfaden, nutzt Bekanntes als Gerüst, um das sie ihre eigene Geschichte windet. Geschickt baut sie dabei auf Urängste der Menschen: die weit verbreitete Abscheu vor „Krabbeltierchen“, die Angst davor, einem Sadisten bei vollem Bewusstsein, aber völlig wehrlos, ausgeliefert zu sein, die Angst vor Schmerz, der Ekel vor Blut…. als Gegengewicht dient ihr ihr sympathischer Ermittler, der als alleinerziehender Vater und Kripobeamter schon ohne seine Trauersituation überfordert ist, dann natürlich die kleine Mia, die für ihr Alter schon so vernünftig und doch als Kind reagiert und last noch least die sich entwickelnde Romanze, die David Westers aus seiner emotionalen Isolation herauszulösen beginnt…

Zu einem Krimi gehören die Ermittlungen wie das Salz in der Suppe. Aber fragt man die Mitbewohnerin des Opfers, immerhin eine Studentin und damit eine junge Frau und kein Mädchen mehr, als erstes wirklich danach, ob man sie Duzen darf? Und überbringt man dem Elternpaar die Todesnachricht, um sich dann nach ein paar trivialen Fragen wieder zu verabschieden und die beiden alten Menschen mit dem Schock wieder allein zu lassen? Sollte die Polizeiarbeit da nicht etwas mehr Empathie und Fürsorge zeigen? Ob diese Darstellung bei der Autorin tatsächlich dem Alltag der Ermittlungsarbeit entspricht, kann ich nicht beurteilen, aber für sich genommen ist diese Vorgehensweise sehr wenig einfühlsam und nimmt auf die Situation der mit dem Mord an ihrer Tochter konfrontierten Eltern keine Rücksicht.

Die Auflösung – ich muss zugeben, sie hat mich überrascht, erst im Nachhinein lassen sich einige wenige Sätze im Roman als Hinweis auf gerade diese Figur deuten. Zum ordentlichen Whodunit gehört natürlich ebenso die Erklärung für den Zuschauer oder Leser, wie, was und warum das alles so geschehen ist und auch geschehen musste… da hat aber offensichtlich Kosig selbst ein wenig Probleme und zieht sich zum Teil auf den Standpunkt zurück, muss denn wirklich immer alles einen Grund haben?, der von der sadistischen Täterfigur letztlich doch noch um einen eifersuchtsbedingten Masterplan zur Vernichtung der Familie Westers ergänzt wird.

Das alles wird von der Autorin in einer sehr szenische aufgebauten Geschichte erzählt. Man merkt ihr an, daß sie im Filmgeschäft tätig war, die gut 220 Seiten des Buches sind in siebenundfünfzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils ihr eigenes Setting haben. So liest sich der Roman sehr flott und abwechslungreich; da Kosig gleichfalls gefällig zu formulieren weiß, erfüllt er auch eins der Essentials eines Krimis: er ist spannend. Viele Dialoge, nur wenige Exkurse in Gedankenwelten – Totenfreund ist ein gut unterhaltendes Buch mit einem sympathischen und empathieweckenden Protagonisten. Bemerkenswert ist, daß Kosig den ‚Mut‘ hat, das mögliche emotionale Happy-End für ihren Helden, mit dem man als Leser eigentlich rechnet, knallhart gegen die Wand zu fahren. Zusammenfassend kann ich für mich festhalten, daß Totenfreund ein hoffnungsvoller Erstling ist, man kann gespannt sein, wie sich die Autorin weiter entwickelt.

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.totenfreund-thriller.de/, ein Besuch dieser Seite lohnt sich, man sieht ihr die Erfahrung der Autorin als Marketingleitung an
[2] Beitrag in der Wiki zu diesem Unter-Genre eines Krimisromans:  https://de.wikipedia.org/wiki/Whodunit

Bildquelle: Käfer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Thanatophilus_sinuatus_natur.jpg; Lizenz: von Siga (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Jenna Kosig
Totenfreund
diese Ausgabe: TB, ca. 225 S., 2015

Ich bedanke mich bei der Autorin für die Überlassung eines Leseexemplars.

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