Mary Miller: Süßer König Jesus

„Ist er in dir?“
Ihre Standardantwort flüsterte sie mir wie immer ins Ohr.
„Falls ja, spür ich ihn noch nicht.“

miller cover


Montgomery, Alabama, im Süden der USA, ist der Ausgangspunkt für diese viertägige Road Novel, auf der wir als Leser die Familie Metcalf nach Kalifornien [2] begleiten. Es sind nach dem festen Glauben der Eltern ebenso die letzten Tage der Menschheit überhaupt, denn Ziel der Reise ist die Teilnahme an der „Entrückung“, der Auffahrt in den Himmel, die verbunden ist mit dem irdischen Armaggedon: Was uns bevorsteht, ist unvorstellbar. Es ist drei Mal 9/11 am selben Tag – Tornados an Orten, die noch nie einen Tornado gesehen haben, und Erdbeben in eigentlich erdbebenfreien Gebieten. Und die Sonne wird sich blutrot färben. Oder in den spöttischen Worten von Elise: es ist eine Pilgerreise, in der die Gläubigen errettet und die Ungläubigen Feuersbrünste und Erdbeben zu durchleiden hätten und die Erde dann zum absoluten Nichts explodieren werde.

Die USA, in die uns die junge amerikanische Autorin Mary Miller in ihrem Erstlingsroman (denen einigen Erzählungen voran gingen) erfahren wir aus zwei Perspektiven: es ist zum einen die Innenwelt des Autos, mit dem die vierköpfige Familie ihre Fahrt zum letzten Ziel unternimmt und es die Landschaft und die Umgebung, durch die sie fahren, die sie durch die Scheiben ihres Wagens erleben und in die sie punktuell eintauchen an den Tankstellen, Motels und Raststätten.

Die Geschichte folgt streng der viertägigen Fahrt, die zwar an einem Mittwoch in Alabama ihren Anfang nahm, uns Leser aber erst ab Louisiana teilhaben läßt [3]. Erzählerin der Geschichte ist die jüngere der beiden Töchter, die aufgeweckte fünfzehnjährige Jessica, genannt Jess, aus ihrer Perspektive wird dieses Roadmovie geschildert. Sie und Elise, ihre zwei Jahre ältere Schwester sitzen hinten im Wagen, die beiden Mädchen sind sehr vertraut miteinander, sie bilden zusammen den Gegenpol zu den Eltern John und Barbara.

Merkwürdig.
All diese Leute schauten uns an, als seien wir düster.
Dabei waren wir handfeste Mittelklasse.
Unsere Eltern hatten Collegeabschlüsse.

Ich habe dieser Buchvorstellung ein Zitat vorangestellt, daß recht doppeldeutig ist. Es ist natürlich ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, im Kontext der Unterhaltung der beiden Mädchen ist es die Frage nach dem Glauben an Gott, an Jesus, ob man ihn „innen“ spürt. Aber diese Doppeldeutigkeit des Zitats, und deswegen habe ich es als eine Art ‚Motto‘ ausgewählt, ist exemplarisch für das, was Miller uns schildert. Hinter der Fassade des stets frisch angezogenen bügelfreien Hemdes des Vaters und der König-Jesus-kehrt-Zurück!-T-Shirts der Mädchen verbirgt sich eine kaputte, heuchlerische und in den Abgrund trudelnde Welt persönlicher Niederlagen.

Zwei Streifen. Mit einem wäre alles in Ordnung gewesen, aber zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest bedeutet: Elise, Vegetarierin, mit Reinheitsring am Finger, den sie wie Jess feierlich angesteckt bekommen hatte, ist schwanger. Von Dan, wie sie behauptet, von Abe, wie Jess vemutet. Sie hat nicht nur Sex gehabt, sie hat auch ein neues Leben im Bauch. Jess, die Schwester, der sie das anvertraut, ist keineswegs sonderlich schockiert, eher ein wenig neidisch auf den erlebten Sex ihrer Schwester, die sie anhimmelt. Mit ihren fünfzehn Jahren ist der Gedanke an Jungs Jess nicht fremd… noch hadert sie mit ihrem Körper, der ihr zu pummelig erscheint (…Schellen scheppern…), noch zu viele Pickel hat, um, wie sie glaubt, für Jungs attraktiv zu sein…

Schmierige Tankstellen, Fast-Food-Läden, öffentliche Klos mit Prostituierten, die sich dort schminken, billige Motels (… An Orten wie diesen bringen die Leute sich um…. sagt sich Jess)…. es ist nicht die Sonnenseite des Lebens, die sich ihnen bietet. Manchmal müssen alle in einem Zimmer schlafen, dann beschallen die Geräusche der Toilette das Zimmer…. manchmal macht sich Elise selbstständig, sie hat einen falschen Ausweis, mit dem sie sich so alt machen kann, daß sie Alkohol kaufen kann. Manchmal treffen die beiden Schwestern, die sich ansonsten von Fast-Food und Diet-Coke ernähren, am Pool eine Jungensclique auf Kurztrip… manchmal findet Jess einen davon süß und hofft, daß er sie bemerkt und hübsch findet, und einmal… – nun ja, wie gesagt, das Zitat ist doppeldeutig…. und noch einmal…

Für die Eltern, vor allem für den Vater, ist die Fahrt zweierlei: sie ist eine Reise zum Ort der erhofften Entrückung und sie ist eine Flucht aus seinem bisherigen Leben. Denn das bügelfreie Hemd bedeckt einen Versager, einen, der seinen Job verloren hat, der trinkt, der spielt, den es nicht kümmert, wenn seine Tochter auf Tour geht, der keinen Reifen wechseln kann… und Barbara, die Mutter? Lehrerin ist sie, weiß wohl um die Grenzen ihres Mannes, hat aber nicht die notwendige Kraft. Sie ist die blasseste aller Figuren im Kosmos des Autos…

Während Jess noch mit sich selbst beschäftigt ist, mit ihrem Selbstzweifeln, ihre Unsicherheit, ihrem mangelnden Selbstbewusstsein, ist Elise schon ein Stück weiter und desillusionierter, scheut letztlich auch die Auseinandersetzung nicht: „Wir sind nicht wie ihr“ sagte Elise, „Wir wollen nicht so leben“ – „Wie?“ – „Mit Lügen und so – so tun, als hätten wir Geld und wir haben gar keins, als seien wir diese perfekten Christen, die nie etwas falsch machen.“ – „Das ist keine Lüge.“ – „Eine Täuschung“, sagte Elise. – „Es ist unser Ruf“, sagte meine Mutter. ‚Unser Ruf‘: der Schein bestimmt das Leben…..Und auch ihren Vater konfrontiert sie mit der Realität seines kleingeistigen Verlogenheit: „Du bist also morgens aus dem Haus gegangen und direkt in den Park?“, fragte Elise. „Oder in die Bibliothek?“.

Es überrascht nicht weiter: die angekündigte Entrückung, das Wiedererscheinen von Jesus, bleibt aus. Was bleibt, ist die Rückkehr zum trostlosen Alltagsleben in Montgomery, dessen Fassaden und Blendscheiben Risse bekommen haben und kaum noch aufrecht gehalten werden können. Die Täuschung von der handfesten Mittelklasse ist aufgeflogen und so, wie Elise jetzt zum Bacon greift und ihn ißt, als wäre sie nie Vegetarierin gewesen, so hat auch Jess mittlerweile zum ‚Fleisch‘ gegriffen und ist keine Jungfrau mehr….


Süßer König Jesus – ein lakonischer, ungeschönter Blick auf das Amerika einer Mittelklasse des Plastikzeitalters im Niedergang, einer Mittelklasse,  die sich einer Illusion ihres eigenen Wertes hingibt, die versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten, hinter der sie sich selbst etwas vormacht. Dazu eine zur Schau getragene, eiferische und heuchlerische Frömmigkeit, verbunden mit der Hoffnung und dem Glauben, durch eben diese Frömmigkeit dem Jammertal Erde entrissen zu werden. Vor den Klippen und Gefahren des realen Lebens kann diese Art des Glaubens offensichtlich nicht retten, Zeremonie und Ring erweisen sich als ungeeignete, zu schwache Abwehrtotem.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ganz unzweifelhaft die pubertierende Jess, die ihre Schwester bewundert und doch nicht nachahmen kann. Elise ist Jägerin, sie macht sich abends auf und davon, flieht das Gefängnis elterlicher Bevormundung, das ihr keinen Halt gibt und sie nicht beschützt hat. Jess dagegen wartet, ist sich ihrer nicht sicher, versucht, das, was sie sieht, in ihre Art, die Welt zu verstehen, einzuordnen. Immer ist ihr dabei die Schwester ein Vorbild, so wie diese möchte sie auch sein und kann es doch nicht. So ist es dann folgerichtig auch Elise, die sie nachholt an diesem Abend in die Gruppe, und die damit ihrem „Sündenfall“ Vorschub leistet.

Miller erzählt ihre Geschichte dieser vier Tage lakonisch, ohne Wertung und ohne erhobenen Zeigefinger. Es ist so, wie sie erzählt und sie erzählt so, wie es ist. Man möchte seitenweise aus dem Text zitieren, so gut macht sie das, so fesselnd und packend – obwohl es eine einfache Geschichte ist, die Geschichte einer Suchenden unter vier Verlierern. Mary Miller – den Namen merke ich mir, ihr nächster Roman steht jetzt schon auf meiner Leseliste!

Links und Anmerkungen:

[1] Infos zur Autorin: – https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Miller
– http://maryumiller.tumblr.com/bio
[2] Jedem unterlaufen Fehler, aber manche sind schon amüsant… so läßt der Rezensent der DIE ZEIT die Reise der Protagonisten in seiner (empfehlenswerten) Besprechung einfach mal in Florida enden… liegt ja auch viel näher an Alabama als Kalifornien: 

Mary Miller

Süßer König Jesus
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Alissa Walser
Originalausgabe: The Last Days of California, NY, 2014
diese Ausgabe: TB, dtv, ca. 256 S., 2015

Anmerkung: Interessant ist, daß die deutsche Übersetzung als Erstausgabe schon 2013 im Metrolit-Verlag, Berlin, vor der Originalausgabe, die erst ein Jahr später auf den Markt kam, erschienen ist.

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