Martin Bleif: Krebs

17. Februar 2016

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Der Autor, Martin Bleif [1], selbst ein erfahrender Onkologe, legt mit Krebs – die unsterbliche Krankheit ein anspruchsvolles Buch vor, das sich den wesentlichen Aspekten dieser Krankheit widmet. Es ist anspruchsvoll in mehrfacher Hinsicht: zur Erklärung der Tatsache, was Krebs überhaupt für eine Erkrankung ist, gibt Bleif eine ‚Einführung‘ in die Biochemie einer Zelle und in das notwendige genetisches Grundwissen. Das ist nicht unbedingt trivial, und auch wenn Bleif gut formulieren kann und sich auf die das Grundsätzliche beschränkt, fordern diese Passagen den Leser. Zum Zweiten wird Bleif ‚persönlich‘ in seinem Buch: er redet den Leser direkt an. In vielen Abschnitten sind Passagen enthalten, in denen er ganz direkt Ratschläge gibt: Machen Sie dies, Fragen Sie ihren Arzt hiernach und danach, Holen Sie ruhig eine Zweitmeinung ein… Diese Hinweise machen unmittelbar bewusst, daß man selbst einmal – und die Wahrscheinlichkeit dafür ist erheblich – ein betroffener Krebskranker sein kann resp. wird. Und zum Dritten und daran hängt Bleif sein Buch konzeptionell auf, ist der Autor selbst betroffen: völlig gegen jede Wahrscheinlichkeit wurde 2008 bei seiner 35jährigen Frau Imogen ein aggressiver Brustkrebs diagnostiziert. Von einem Moment auf den anderen wurde so aus dem Onkologen Dr. Bleif ein betroffener Ehemann, der auf der anderen Seite des Arzt/Patientenverhältnisses stand.

Das vorliegende Buch ist in gewisser Weise ein Nachhall der vielen Gespräche, die der Autor mit seiner erkrankten Frau, die selbst Ärztin war, über ihr Erkrankung führte. Imogen Bleif war neugierig, gab sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden, entwickelte auch – was nicht selten ist – Schuldgefühle, das Gefühl also, irgendwann in ihrem Leben irgendetwas falsch gemacht oder versäumt zu haben, mithin: (mit)verantwortlich zu sein für ihre Erkrankung. Um dieses sehr belastende Gefühl abzubauen, ging/geht Bleif recht ausführlich auf die biochemischen und genetischen Grundlagen der Entstehung von Krebs ein.

Krebs ist eine Krankheit, die viele Erscheinungsbilder hat und vorwiegend im Alter auftritt. Zeugnisse aus früheren Zeiten sind rar, unter anderem, weil die Menschen damals früher gestorben sind. Behandlungsmöglichkeiten gab es praktisch nicht, bis zum einen durch Vesalius (1514 – 1564) belastbare Kenntnisse über die Anatomie des menschlichen Körpers gewonnen wurden und zum anderen mit den Grundlagen von Hygiene und Narkose die Chirurgie einige Jahrhunderte später aus dem Status einer obskuren ‚Metzgerei‘ in den einer ärztlichen Behandlungsmethode aufstieg. Aber selbst dies verbesserte die Heilungschancen kaum, man verstand nicht, wieso der Krebs trotz radikalster Entfernungen befallener Körperpartien, oft wieder ausbrach.

Die vielen Krankheitsursachen, die Krebs haben kann, machten die Erforschung der Krankheit schwierig. Früh bekannt war das gehäufte Auftreten von Hodenkrebs bei Jungen, die in England als Kaminreiniger nackt in den Schächten arbeiteten und direkten Hautkontakt mit Teer, einem Gemisch vieler karzinogener Stoffe, hatten. Ferner war früh klar, daß Rauchen eine hohes Risiko für eine Erkrankung an Krebs (nicht nur der Lunge) war. Bleif schreibt an einer Stelle, daß man in zwanzig oder dreißig Jahren mit einem Verbot des Rauchens mehr Menschenleben retten könnte als es der gesamten Krebsforschung der letzten zweihundert Jahre möglich war…. In der aufstrebenden chemischen Industrie kam es in bestimmten Bereichen zu vermehrten Krebserkrankungen, seltsamerweise gab es auch Familien, in deren Stammbäumen bestimmte Krankheitsbilder gehäuft aufzutreten schienen. Und last not least traten beispielsweise bei Wissenschaftlern, die sich mit den neu entdeckten X-Strahlen und den geheimnisvollen Strahlen bestimmter Elemente befassten, rätselhafte Krankheitsfälle auf….

Diese sehr unterschiedlichen Auslöser eines Krebses konnten erst dann schlüssig erklärt werden, als man nach der Entwicklung von Mikroskopen entdeckt hatte, daß der Körper des Menschen (so wie der jedes organischen Wesens) aus Zellen aufgebaut ist, in denen parallel vielfältigste biochemische Vorgänge ablaufen. Als weiteres mussten die Grundsätze der Vererbung und deren materielle Basis, sprich, das Konzept der Chromosomen, der Gene und deren Lokalisierung in der DNA einer Zelle entwickelt und erforscht werden. Darauf aufbauend erkannte man, daß durch die verschiedenen Agentien (Inhaltsstoffe des Teers im Rauch von Zigaretten oder in dem Ablagerungen der Schornsteine, chemische Agentien, Strahlen) Veränderungen im Erbmaterial ausgelöst werden (‚Mutationen‘). Solche Mutationen in den Zellen sind normale Vorgänge, die z.B. durch die natürliche Strahlenbelastung aus der Umwelt ausgelöst werden und für die die Zelle im Lauf der Evolution hocheffektive Reparaturmechanismen entwickelt hat.

Es gibt jedoch bestimmte Arten von Schädigungen der DNA bzw. auch anderer Komponenten der Zelle. Sie verwandeln eine gesunde Zelle [in eine] Krebszelle durch kritische Mutationen. …. Diese Mutationen lockern die Bremsen der Zellteilungsmaschine und treten gleichzeitig das Gaspedal des Zellzyklus voll durch. [S. 412] Das bedeutet, daß durch diese kritischen Mutationen eine (!) Zelle innerhalb des Organismus die Fähigkeit verliert, sich in den ‚Dienst‘ des Organismus zu stellen und sie zugleich das Potenzial gewonnen hat, sich unbegrenzt zu teilen und letzteres auch noch deutlich schneller als gesunde Zellen. Diese eine einzige (!) Zelle ist der zelluläre Ausgangspunkt für die später mikro- und makroskopisch feststellbare Krankheit Krebs.


An dieser Stelle ein persönliche Bemerkung: Es erscheint wie ein kaum glaubbares Wunder. Auf Seite 130 stellt Bleif fest: Im Laufe eines einzigen Tages sind in einer einzigen Zelle zwischen 1.000 und 1.000.000 solcher Schadensereignisse [i.e. DNA-Schäden] zu verzeichnen. Der Gesamtorganismus des Menschen enthält größenordnungsmäßig (gegoogelt) 10 exp 14 (10 Billionen) Zellen. Das bedeutet im Leben eines Menschen von ca. 80 Jahren: 10 exp 3 * 10 exp 14 * 365 Tage * 80 Jahre = 3 * 10 exp 20 (gerundet und nur für die untere Zahl der Schadensereignisse in der DNA) DNA Schäden, die die Reparatursysteme der Zellen im Laufe des Lebens eines Menschen (es erkranken ja bei weitem nicht alle Menschen an Krebs, und wenn, bekommen die meisten ja ’nur‘ einen Krebs…) beseitigen. Ich bin kein Mathematiker, aber wenn ich die beiden Zahlen in Relation setze: größenordnungsmäßig weit mehr als 10 hoch 20 DNA-Schäden im Lauf eines Menschenlebens im Verhältnis dazu, daß jede Krebserkrankung auf eine einzige Zelle, die aus der Bahn geworfen wurde, zurückzuführen ist, selbst wenn in dieser Zelle mehrere DNA-Schäden eintreten müssen, bevor sie zur Krebszelle wird… eigentlich würde ich als Laie naiv erwarten, daß anhand solcher Zahlen (es kommt auf eine oder zwei Zehnerpotenzen nicht an) Krebs viel häufiger vorkommt….


Letzteres ist ein Punkt, auf den Bleib natürlich auch eingeht: hat der Körper Möglichkeiten, Krebszellen als krank zu erkennen und zu bekämpfen? Schließlich besitzt der Organismus mit dem Immunsystem eine hocheffektive Abwehr’waffe‘ gegen fremde, ihm schadende Eindringlinge und die veränderte, zur Krebszelle gewordene Körperzelle entspricht in diesem Aspekt zum Beispiel einer Bakterie oder einem Virus.

Das Problem liegt darin, daß die Unterschiede zur gesunden Zelle gering sind, das Immunsystem mit seinen einzelnen Komponenten Probleme hat, Krebszellen als fremd zu erkennen. Eine Frage, der sich der Autor gründlich widmet und bei der er wiederum auch die biochemischen Vorgänge anreißt.

Nachdem die Ursache für Krebs also auf Ebene der Zelle verortet worden ist, stellt sich die Frage, ob  und wie wir das Krebsrisiko durch unsere Lebensweise beeinflussen können. Bleif diskutiert diverse Möglichkeiten der Einflussnahme wie Ernährungsgewohnheiten und damit zusammenhängend den Einfluss des Körpergewichts (Übergewicht und Krebsrisiko sind stark korreliert, es bestehen plausible kausale Zusammenhänge), das Risiko des Konsums von Genussmitteln wie Tabak (es gibt zuverlässige Schätzungen, dass über 30% aller Krebserkrankungen weltweit durch das Rauchen verursacht sind [S. 194]) und Alkohol, die positiven Auswirkungen von Sport bzw. Bewegung. Zusammengefasst empfiehlt er, die Finger vom Rauchen zu lassen, wenn Alkohol, dann ein Gläschen Rotwein, beim Kochen industrialisierte Lebensmittel zugunsten frischer, natürlicher Zutaten zu vermeiden und auch die Küche Asiens mit entsprechenden Kräutern und Gewürzen zu goutieren. All dies sind sicherlich ‚weiche‘ Faktoren, passen aber – wie der Autor zeigt – in die kausalen Zusammenhänge der Krebsentstehung und sind generell der Gesundheit förderlich.

Neulich gab´s  bei Twitter einen Beitrag, der in etwa so ging: „Hingefallen – Knie aufgeschürft – gegoogelt – Krebs“. Dem ist nicht so. Die meisten Beschwerden und Zipperlein [haben] ganz harmlose Ursachen. [S. 276], aber Bleif nennt auch Bedingungen, bei denen man aufmerken und den Arzt konsultieren sollte. Definitiv festgestellt und eingeordnet werden kann Krebs letztlich nur durch einen Pathologen, der eine Gewebeprobe (Biopsie) untersucht. Womit die nächste Frage auf der Hand liegt: ist je früher auch desto besser?

Auch hier gibt es keine allgemein gültige Antwort. Da alle Aussagen bzgl. Krebsrisiko, Rückfallwahrscheinlichkeiten etc pp statistische Aussagen sind, deren Herunterbrechen auf den Einzelfall immer problematisch ist, sind die Sinnhaftigkeit von Screening und Früherkennungsuntersuchungen (vulgo: Krebsvorsorge) an bestimmte Bedingungen gebunden. Unter Umständen mag sogar das Nichtwissen günstiger sein als das Wissen, denn ein (im Sinne der Untersuchung) ‚positiver‘ Befund läßt sich nicht mehr aus der Welt schaffen und führt meist zu Aktionismus, auch wenn es im Einzelfall (z.B. Prostatakrebs bei älteren Männern) unter Umständen sinnvoller wäre, einfach damit leben zu lernen. Im Einzelnen befasst sich der Autor mit den Vorsorgen für Brust-, Darm-, Gebärmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs.

Konsequenterweise erfolgt nach einem positiven Befund die Therapie. Wie schon erwähnt, hat es lange gedauert, bis die Chirurgie zur effektiven Behandlungsmethode gereift war, ihr zur Seite steht heutzutage die Bestrahlung von Tumoren, ggf. auch in Kombination mit der chirurgischen Behandlung. Diese Therapie ist aber nur bei lokalen Krebsherden möglich, die örtlich begrenzt sind. Sobald Tumore Kontakt mit Gefäßen (Blut, Lymphe) haben, ist grundsätzlich eine Metastasierung möglich, eine oder auch mehrere Krebszellen wandern durch den Körper und entwickeln sich an bestimmten Orten (oft die Lunge mit ihren feinen Gefäßen) zu neuen Tumoren. Allerdings ist die Neigung einzelner Tumorarten zur Metastasierung unterschiedlich stark ausgeprägt. Im Körper metastasierende Krebszellen sind nur noch über Chemotherapien zu bekämpfen, Bleif stellt aber eindeutig fest, dass bei metastasierten Erkrankungen kaum eine Aussicht auf Heilung besteht … eine … Ausnahme … bilden die knapp 5 Prozent aller Krebserkrankungen, die durch eine Chemotherapie zu heilen sind. [S. 385/6].

Für alle drei Säulen der Krebstherapie (Stahl, Strahl, Chemo) gibt Bleif einen Überblick über die historische Entwicklung, ihre Vor- und Nachteile, ihre Wirkweise, ihre Anwendungsbereiche, ihre Grenzen.

Bei vielen Erkrankten reift irgendwann der Entschluss, alternative Krebstherapien einzusetzen. Der Autor diskutiert dies, sein Kriterium für Behandlungsmethoden ist letztlich einfach und klar: es gibt lediglich wirksame Therapien, unwirksame Therapien und solche, über deren Wirksamkeit noch nicht entschieden werden konnte. [S. 407] Über die Wirksamkeit einer Therapie jedoch muss ein anerkannter, auf wissenschaftlicher Grundlage basierender Kriterienkatalog entscheiden. Jedoch ist bei vielen Menschen irgendwann auch der Zeitpunkt gekommen, in denen er Träume braucht, Hoffnung darauf, daß vielleicht doch… Es ist der Punkt, an dem die Medizin zurück ins zweite Glied treten muss. Leben, auch und gerade von hoffnungslos Krebskranken, braucht Raum für Träume. [S. 407] …. und so hat auch der Autor für seine erkrankte Frau seinerzeit dunklen Sud aus Kräutern gekocht…

Zukunftsentwicklungen mögen individualisierte Impfstoffe sein bzw. neue Chemotherapeutika, dies alles ist aber noch Zukunftsmusik und liegt in den Anfängen. So ist die Entwicklung neuer Medikamente sehr aufwändig und sehr teuer, so daß Firmen sich aus wirtschaftlichen Gründen überlegen, ob sich die Entwicklung eines Medikaments aus einem hoffnungsvollen Wirkstoff überhaupt lohnt…. zumal die Krebszelle eine schwieriger Gegner ist: sie nutzt die Evolution für sich, überleben auch nur wenige Zellen die Behandlung mit einem Chemotherapeutika (passen sich also evolutionär an), so wird die Erkrankung irgendwann wieder aufflammen und das Medikament unwirksam sein.

Mit zwei Abschnitten beendet Bleif sein Buch: zum einen eine Diskussion des (sehr seltenen) Phänomens von Spontanheilungen, die vorkommen, deren Randbedingungen jedoch nicht bekannt sind. Häufig sind sie nach schweren Infektionen mit hohem Fieber aufgetreten, aber auch dies ist offenbar keine notwendige Bedingung.

Abschließend behandelt der Autor, auch aus der eigenen Erfahrung heraus, die Frage: wenn alle Therapie vergebens ist und der Erkrankte (im Gegensatz vllt auch zu seinen Ärzten, die noch dies oder das vorschlagen möchten) einen Schlussstrich zieht und sich weiteren Therapieversuchen verweigert: wie mit dem Krebs leben? Es ist der Übergang aus dem kurativen Medizinsektor in den palliativen Bereich, in dem die Lebensqualität im Vordergrund steht. Es ist die Zeit der Umwertung aller Werte, in der die Kleinigkeiten wichtig werden, in der sich der Kreis der Freund automatisch reduziert auf die, die wirklich Freund sind, es ist die Zeit des Abschiedsnehmens einerseits, aber auch des Geniessens der kleinen Augenblicke des Lichts, die jeder Tag bietet: ein kleiner Spaziergang, ein Sonnenuntergang, ein Glas Wein zusammen, eine liebevolle Berührung….


Das Buch von Martin Bleif ist in zwölf Kapitel gegliedert, in der inhaltlichen Darstellung bin ich dieser in sich logischen Gliederung gefolgt. Einleitend zu den einzelnen Abschnitten erinnert sich der Autor an Gespräche mit seiner erkrankten Frau, an die er seine Ausführungen anknüpft. In diesen kurzen Gesprächen findet man sich als Laie selbst wieder, es sind die Fragen, die man (wahrscheinlich) im gegebenen Fall oder auch als interessierter Leser selber hat. Die Ausführungen selbst beschließt der Autor mit einem ‚Fazit‘, in dem er das wesentliche des Inhalts noch einmal zusammenfasst und rekapituliert.

Ich halte das Buch für anspruchsvoll, ob es auch ‚mühelos‘ ist, wie die auf der hinteren Umschlagseite wiedergegebene Meinung der Rezensentin von ‚Spektrum der Wissenschaft‘ meint, weiß ich nicht. Leser ohne eine gewissen naturwissenschaftliche Grundbildung werden zumindest in den Passagen, in denen biochemische Vorgänge in der Zelle und genetische Grundlagen erklärt werden, ihre Schwierigkeiten haben. Allein die Nomenklatur und die Schreibweise (Abkürzungen!) aus diesen Fachgebieten sind gewöhnungsbedürftig. Bleif selbst ist sich dessen durchaus bewusst und bezeichnet seine Ausführungen selbstkritisch als Parforce-Ritt und ‚Zumutung‘ [S. 120]. Und ob Illustrationen des Textes wie Abb. 6 [S. 119] wirklich das Verständnis erleichtern, wage ich zu bezweifeln. Über die jeweiligen Zusammenfassungen (‚Fazit‘) bleibt man jedoch als Leser auch dann am Ball, wenn man die Details nicht bis in´s Letzte nachvollziehen konnte. Aber – auch das muss man einfach anerkennen – es ist nun mal kompliziert und je mehr Fakten man über die Vorgänge in einer Zelle erfährt, um so wunderbarer erscheint es, was dort alles passiert. Aber wie gesagt, die Zusammenfassungen bringen die wesentlichen Aussagen auf den Punkt.

Da Bleif selbst Onkologe ist, ist der Text von der fachlichen Seite, davon darf man ausgehen, fundiert und onkologisch am Puls der (forschenden) Zeit. So verzeiht man ihm leicht einen Satz wie: Wasserstoff Atome sind geladene Teilchen… [S. 270] oder die etwas unklaren Aussagen zu Gamma- und Röntgenstrahlen:  Gammastrahlen sind physikalisch identisch mit den Photonenstrahlen aus Röntgenröhren. Der prinzipielle Unterschied beruht lediglich darauf, daß sie bei Kernreaktionen und nicht in der Atomhülle entstanden sind. [S. 345] Das, was Bleif hiermit sagen wollte, ließe sich klarer formulieren.

Als Betroffener ignoriert der Autor auch (bezogen auf die ‚Schul’medizin) randständige Themen nicht: den möglichen Einfluss von z.B. Ernährung und Bewegung auf Krebsrisiken oder das Potential, das in ‚alternativen‘ Ansätzen zur Behandlung von Krebserkrankungen möglicherweise steckt. Gleichfalls weiß er um die Wichtigkeit auch psychologischer Faktoren, die hier eine große Rolle spielen. All das spiegelt sich in seinem Text wieder, der einen beim Lesen in seinen abschließenden Ausführungen, in denen Bleif von den letzten Tagen mit seiner Frau berichtet, nicht unberührt läßt.


Einen Gedanke, der mir beim Lesen einer Passage, in der der Autor vom vergeblichen Versuch erzählt, auf kollegialer Basis einen (viel)versprechenden, aber noch bei weitem nicht ausreichend erprobten Wirkstoff für seine Frau zu erhalten, gekommen ist, will ich hier zum Abschluss anführen. Absolute Sicherheit bedeutet null Freiheit mehr. Das gilt auch hier. Man muss anerkennen, daß die Entwicklung von Medikamenten (und das gilt ja nicht nur für Krebsmedikamente) sehr aufwändig und teuer ist, sich für Firmen also nur lohnt, wenn nachher ein entsprechender Bedarf vorhanden ist, wie ihn die sogenannten Volkskrankheiten ‚bieten‘. Medikamente für selten(er)e Krankheiten dagegen…. werden vielleicht erst gar nicht entwickelt.

Angesichts der Risikobereitschaft, die viele Menschen notgedrungen z.B. fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben, weil die Alternative letztlich ‚Tod‘ heißt, .. müsste man da nicht die Sinnhaftigkeit des Sichheitsbedürfnisses (Stichwort: Nebenwirkungen) überprüfen und ggf. unter bestimmten Bedingungen (unter Umständen zeitlich beschränkt) auch die Sicherheitsstandards senken? Aber das sind Überlegungen, die ich mir selbst beim Lesen des Buches machte….


Krebs –  Die unsterbliche Krankheit von Martin Bleif jedenfalls ist für alle, die sich für diese Krankheit interessieren oder gar betroffen sind und wissen wollen, was da gerade in ihnen oder bei anderen Menschen, die ihnen nahe stehen, passiert, ein Muss. Ohne Wenn und Aber.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren:  http://radiochirurgicum.de/de/prof-dr-martin-bleif.html

Eine Übersicht über weitere Buchvorstellungen von mir zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ findet sich hier:
https://mynfs.wordpress.com
Ferner sammle ich Materialien zum Thema auf meiner Facebook-Seite:  https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Martin Bleif
Krebs
Die unsterbliche Krankheit
diese Ausgabe: Klett-Cotta, brosch., 528 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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5 Responses to “Martin Bleif: Krebs”

  1. ©lz Says:

    Womöglich ist alles richtig gemacht bei diesem Werk / und dennoch liest es sich wie eine kalte Skalpell Geschichte und bringt einen dennoch nicht weiter / ich hätte auch darauf verzichten können.

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  2. […] zum Beitrag: https://radiergummi.wordpress.com/2016/02/17/martin-bleif-krebs/ […]

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