Roger Shatulin: Der verlachte Tod

12. Februar 2016

Ewig währt am längsten.
(Kurt Schwitters)

tod cover

Der Tod, Kurt Schwitter sagt es, ist eine Angelegenheit der Ewigkeit, einer recht großen Zeitspanne also, zumindest gemessen an der Dauer eines Lebens. Und unvermeidbar obendrein. Also, wie damit umgehen, daß man die meiste Zeit seines Lebens unabänderlich tot sein wird?

Verzweifeln wäre eine Möglichkeit, aber nicht die beste. Warum dagegen nicht den Tod zum Tanze laden, so wie es die Baseler machten, vor geraumer Zeit und Nachahmer fanden allerorten. Und der Tod ließ sich laden, schnappte sich ein Mädel (Kleidung konnte, aber musste nicht sein) und koste es und tanzte und tanzte und tanzte… Tanz mit mir in den .. na ja, Morgen gerade eben nicht, aber sei´s drum. wo gestorben wird, wird´s staubig….

Man kann auch das Tabu dieses Gedankens an die Endlichkeit durchbrechen – wie so manch anderes Tabu – indem man es verwitzt. Der Witz, dieses Genre, das ja geradezu lebt vom Tabubruch: hier getraut man sich, das zu sagen, was man eigentlich nicht sagen darf, weil… und so gibt es auch genügend Witze über jenen, den man als Knochenmann, als Skelett, mit Sense und Sichel darstellt. Die Zähne sind ja noch gut, so der Zahnarzt, aber das Zahnfleisch, das Zahnfleisch macht mir Sorgen….


Etwas subtiler geht da schon Roger Shatulin vor [2], der in diesem wunderschön und liebevoll aufgemachtem Büchlein Heitere Grabinschriften, Nekrologe und Mementos aus der Weltliteratur zusammengestellt hat. Was eine Grabinschrift ist, ist klar, auch wenn Shatulin davor warnt, alles zu wörtlich zu nehmen, es ist wohl nicht alles tatsächlich in Stein gehauen worden, was in Worte, Zeilen und Reime gefasst worden ist. Ein Nekrolog ist dagegen die Würdigung eines Verstorbenen, oft als Nachruf verfasst und ein Memento schließlich ein Totengedächtnis (wenngleich natürlich bei diesem Begriff spontan auch Mascha Kalèko mit ihrem Gedicht ins Gedächtnis springt). Mascha Kalèko gehört mit ihren wunderbar lakonischen Gedichten selbstverständlich zu denen, die in der Zusammenstellung  vertreten ist, ebenso finden wir Hugo Ball, Tucholsky, Dürrenmatt, Gottfried Benn neben Dorothy Parker oder Erich Kästner…. Charles Dickens, die alten Griechen und die Römer ham´s gesagt und werden von Shatulin zitiert, der weise Olympier aus Weimar steuert unter anderem Skatologisches bei und Shakespeare ist selbstredend auch vertretend, sein oder nicht sein, das war niemals die Frage – der Namen sind viele und es wären noch einige wert, erwähnt zu werden. Allein, alles ist endlich und so auch diese Liste von Beispielen….

Man kann diese Sprüche natürlich einteilen nach diversesten Kriterien. Shatulin hat sich für das nach ihrer Art entschieden, so gibt es das Kapitel über launige Geleite, über blasphemische, zynische, anzügliche, schnippische oder kuriose – um nur einige zu nennen. Man könnte die Verse selbstredend auf Personen bezogen aufteilen, nach Berufen, nach Namen, nach Eigenschafte. Was beispielsweise dichtete man für den deutschen Dichter überhaupt? Na, auch dieses: Verstanden hat er vieles recht / doch sollt er andres wollen / Warum blieb er ein Fürstenknecht? / Hätt unser Knecht sein sollen eine Frage und Feststellung, die sich auf den Altmeister Goethe bezieht. Einem unbekannten Arzt (womit ein Exempel für alle berufsbezogenen Grabinschriften etc pp gegeben sei) ist folgender Spruch gewidmet Des Todtes Leutnant hat sich hierher gesellet / Nachdem sein Recipa viel hundert hingefället. / Mich wundert daß der Todt nicht seyner hat verschonet / Und ihm den treuen Dienst so er gethan belohnet. Offensichtlich erntet man auch Spott, nicht nur, wenn man Schaden hat, sondern auch, wenn man ihn sät…. Da schreibt man seine Grabinschrift doch besser selbst, wie es als Beispiel ein gewisser Richard Wagner tat: Hier liegt Wagner, der nichts geworden / nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden; / nicht einen Hund hinterm Ofen entlockt er / Universitäten nicht mal ´nen Dokter. Selbstironie, möglicherweise gewürzt mit gekränkter Eitelkeit? Apropos Eitelkeit: was würde sich besser anbieten für ein letztes Wort nach dem Ableben als eine Erinnerung an die prägendste Eigenschaft: So das von einem Anonymen ersonnene für eine alte Junger: Ungeöffnet zurück. … und was läßt sich über ‚Faule‘ sagen? Zum Beispiel dieses: Es tut / Im Grabe hier der gute Mann / Was er im Leben einst getan, / Er ruht. Jedoch nicht nur der Mensch, auch das Tier verdient ein Andenken nach dem Tod. Der Maulwurf, sonst eher im Dunkeln, tritt per Gedicht ans Licht. Zu lang, um es hier zu zitieren, beschränke ich mich auf den letzten Vers  … Nun liegst du, ach, so ruhig da / Mit deinem glatten Fell! / Dein Schicksal, oh! es geht mir nah, / Du schwärzlicher Gesell!

Oh Herr, vergib mir meine Druckfehler!: die letzten Worte, der letzte Wunsch eines amerikanischen Druckers und Verlegers…. Was der HERR macht, wissen wir natürlich nicht, aber wir hier unten auf Erden werden ihm vergeben, zumal sein Todestag schon einige Jahrhunderte zurückliegt und damit jeder Druckfehler verjährt ist.

Was wäre so eine Sammlung ohne ein Nachwort, das sich den Umgang mit dem Tod zum Thema macht und betrachtet, wie der Mensch über die Jahrhunderte (und länger..) damit umging [1]. Man schafft den Tod damit nicht aus der Welt, er ist und bleibt – wie es so schön heißt – eine Zumutung. Aber wäre Unsterblichkeit nicht eine noch größere Zumutung? Shatulin beendet seine Betrachtungen jedenfalls folgendermaßen:

Wie man es auch dreht und wendet, der Tod bleibt das Unzumutbare, dem niemand entkommt, das Skandalon, das durch keinen spirituellen Trostgrund und kein philosophisches Dementi aus der Welt geschafft wird. Die Zumutung ist mit oder ohne Pietät die gleiche. Man segnet und betet den Tod nicht weg, sagt ein polnisches Sprichwort. Ebenso wenig spottet man ihn weg. Doch in einem tieferen, lebensbejahenden Sinn gilt bis auf Weiteres: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.


Der verlachte Tod ist kaum ein Büchlein, das man von vorn bis hinten durchliest, es ist eins, zu dem man greift, blättert, sich amüsiert, bei dem man nachdenklich wird oder ganz einfach auch zum Grinsen kommt – oder sich wundert. Über das Büchlein jedoch wundert man sich nicht, es ist ganz einfach nur zum ‚Liebhaben‘, so schön ist es angefangen von der Haptik, den Sprüchen bis hin zu den Illustrationen des (passenderweise auch schon verstorbenen) Mexikaners. Mein Rat also: Kaufen oder sich schenken lassen, bevor es zu spät ist!

Links und Anmerkungen:

[1] Abdruck des Nachwortes von Roger Shatulin mit samt einer kleinen Rezension des Büchleins von Alf Mayer: http://culturmag.de/crimemag/sachbuch-roger-shatulin-der-verlachte-tod/89991
[2] über dessen Vita sich das Internet leider auschweigt…
[3] Beitrag in der Wiki zu José Guadalupe Posada:  https://de.wikipedia.org/wiki/José_Guadalupe_Posada

nicht so sehr im literarischen Bereich angesiedelt, sondern eher im handfesten, aber jedenfalls zum Thema gehörig und deswegen hier dieser Hinweis auf das Buch von Christian Sprang und Matthias Nöllke: Aus die Maus.
Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/…die-maus/

Roger Shatulin (Hrsg)
Der verlachte Tod
Heitere Grabinschriften, Nekrologe und Mementos
mit 7 Illustrationen von Josè Guadalupe Posada
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. 270 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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