Irene Ruttmann: Adèle

9. Februar 2016

Die Autorin Irene Ruttmann, 1933 in Dresden geboren, scheint eine Spätberufene unter den Schriftstellerinnen zu sein. Der erste Roman der u.a. Germanistin, Das Ultimatum, erschien erst 2001, bis dahin war sie Autorin mehrerer Kinderbücher. Bei der Veröffentlichung des vorliegenden Werks Adèle war sie immerhin schon stolze zweiundachtzig Jahre alt. Chapeau!

adele cover

Adèle erzählt eine Geschichte, die sich zwischen zwei sehr entgegengesetzten Polen bewegt. Die Hauptperson ist der Erzähler Max, ein zwanzigjähriger junger Mann, der als Lazarettsoldat im 1. WK dient. Zum Zeitpunkt der Handlung dieser kleinen Geschichte liegt seine Einheit in der Etappe irgendwo in der Champagne in der Nähe des Flusses Aisne. Eine der schlimmsten und blutigsten Schlachten dieser großen Menschenvernichtung (ein wahres Schlachten, von Menschen nämlich) tobte dort zwischen dem Juni und dem November des Jahres 1916 [2]. Max ist als Hilfpfleger eingesetzt, einer, der das, was von den Kameraden übrig bleibt, einsammelt und bergen muss. Trotz seiner Tätigkeit (Wegräumen, sich um die Reste kümmern, das ist ja jetzt mein Beruf.) ist Max ein sensibler junger Mann geblieben, der gerne malt, sich auch in der Literatur auskennt und der ein Tagebuch führt. Arzt wäre er gerne geworden, doch der Vater erlaubte es nicht, so lernte er, der die Natur liebt, Drogist.

Das Tagebuch, das seine Tochter erst lange nach seinem Tod mit viel Respekt zögerlich zu lesen anfängt.

Die ersten Einträge sind sporadisch aus dem Sommer und dem Herbst, im Dezember jedoch werden die Einträge regelmäßiger. Max liegt mit seiner Einheit in einem französischen Dorf hinter der Front, es ist ruhiger hier und auch etwas „komfortabler“ mit Öfen, mit Feldbetten, mit etwas mehr Zeit und Ruhe…. viele der Soldaten leiden an Magen-Darm-Problemen, haben Durchfall, die Angst vor Seuchen wie Typhus oder Ruhr ist immer präsent. Max, der Pflanzenliebhaber, der so gerne Arzt geworden wäre, wenn es der Vater erlaubte hätte (wenigstens lernte er, der die Natur liebt, Drogist), geht auf die Suche nach Salbei, um mit einem Tee die Beschwerden der Kameraden zu lindern. Im Dorf scheint zwar die Apotheke geschlossen, doch ist das nicht ein Kräutergarten dort am Haus gegenüber? Hinter dem Haus war tatsächlich ein großer Garten, winterlich kahl, aber ein richtiger Garten mit Rasenstück und Kirschlorbeeer und Feuerdorn mit seinen roten Beeren […] Ich hatte nicht gehört, dass jemand rief. Aber dann erschrak ich sehr und drehte mich um. Da saß sie auf einer schmalen Holzbank an der Hauswand […] vor der kalkweißen Wand, die in dem hellen Licht beinahe blendete, das vergesse ich nie. […] Und dann diese leuchtend rote dicke Jacke, die fuhr mir in die Augen, als hätte ich seit hundert Jahren das erste Rot wieder gesehen. […].

Tatsächlich ist außer dieser jungen Frau auch ein Salbeistrauch im Garten und Max kann ihr verständlich machen, was er sucht und mit einigen Zweigen beladen verabschiedet er sich. Der Tee half seinen Kranken, aber es war zu wenig, und so machte sich Max am nächsten Tag wieder auf zu diesem Haus, mit der jungen Frau, die diese rote Jacke trug, die ihn die ganze Nacht nicht mehr losgelassen hatte…

Max beherrscht nur ein paar wenige Worte Französisch, die Frau, die sich ihm als Adèle vorstellt, ein wenig mehr Deutsch, aber sie spricht fast nur französisch mit ihm. Trotz dieser Schwierigkeiten jedoch (die andererseits verhindern, daß sie, die offiziell ja Feinde sind, sich mit Worten missverstehen….) entsteht ein Band zwischen ihnen… Max, der keine Erfahrungen mit Frauen hat, dessen wacher Geist zu kompliziert arbeitet, um einfach auf eine Frau zuzugehen, ist überrascht, wie spontan Adèle ihm diese Entscheidungen abimmt, ihn einfach umarmt und nahe kommt…. wie weit weg ist das Elend da draußen in der Nähe Adèles, es raubt ihm die Sprache, die französische, von der er eh nur ein paar schüttere Worte beherrscht, aber auch die deutsche, denn in Adèles Nähe leert sich sein Kopf und füllt sich mit ihren Eindrücken, ihrem Geruch, der Zartheit ihrer Haut, ihrem Lachen, ihrer Wärme… alles ist so einfach und gut, wenn sie sich gegenseitig halten… es ist für beide nicht so wichtig, was sie sich sagen, der Klang der Stimmen ist wichtig, die sie hören. So lesen sie sich aus Büchern vor, wissend, daß der jeweils andere den Sinn nicht versteht, sondern nur in der Melodie der Stimme versinken kann….

Sowohl wir Leser als wahrscheinlich auch Adèle und Max wissen, daß im Krieg eine solche Liebe keine Zukunft hat. Weihnachten 1916 ist ihnen vergönnt, aber ein paar Wochen später wird die Einheit von Max verlegt, nach Russland. Er sollte nie wieder von Adèle hören, ein Andenken, eine kleine Vase aus Porzellan war ihm ein Leben lang eine wichtige Erinnerung an sie… Lass das nie fallen! war die stete Ermahnung des Vaters, so erinnert sich die Tochter.

Die Sprache, so erzählt uns Ruttmann mit ihrer Geschichte auch, ist nicht unbedingt notwendig zur Liebe. Zu leicht ist Sprache kopfgesteuert, vom Wissen, vom Verstand gelenkt. Ruttmann läßt beispielsweise in einer Szene die Tante Adèles zu Besuch erscheinen. Die Tante spricht Deutsch und das einsetzende Gespräch mit Max ist sofort von gegenseitigen Vorwürfen und Rechtfertigungen durchsetzt. Wäre es mit Adèle genauso gewesen, wenn sie sich hätten unterhalten können? Eine Frage, die nicht zu beantworten ist… andererseits: es gibt in diesen Tagen auch Momente, in denen auf einmal Misstrauen im Raum steht, es ein „sie“ und ein „ich“ gibt, das „wir“ verschwunden ist, zwischen ihnen eine Grenze verläuft. Dieses Misstrauen flackert nur auf, nistet sich nicht ein, aber zeigt, wie gr0ß die Gefahr ist, daß Gefühle daran scheitern mögen. Ich selbst habe mich übrigens beim Lesen gut in Max einfühlen können: meine französischen Sprachkenntnisse gehen wohl kaum über die von ihm hinaus, die wenigen französischen Sätze, die Ruttmann ihre Protagonisten sprechen läßt, habe auch ich nicht verstanden….

Die Liebe zur Französin ist für Max wie ein Wunder, die ihn die Armseligkeit und die Grausamkeit des Krieges um so deutlicher fühlen läßt. Zwar hat er Glück, daß er in diesen Wochen in der Etappe hinter der Front stationiert ist und relativ viel Freiräume hat, aber immer ist er Soldat, über dessen Zeit und Tätigkeit seine Vorgesetzten verfügen können. Wann hört das bloß auf? Der verzweifelte Stoßseufzer gilt dem großen Schlachtfest, der Hölle aus Kot und Gestank, von der er ein Teil ist.

Eingebettet ist diese Liebesgeschichte in die kleine Rahmenhandlung, die ich weiter vorne schon angedeutet habe. Am Ende des Romans erfahren wir noch, wie in groben Zügen das Leben von Max weiter gegangen ist; mit einer großen Frage, die offenbleibt und die man als Leser (trotz der Unwahrscheinlichkeit, daß es so ist) so gerne mit „Ja, es ist so!“ beantworten möchte.

Adèle ist ein kurzer, stiller, anrührender und intensiver Roman einer verbotenen, einer zarten und doch handfesten Liebe. Traurig ist er ebenso, weil wir wissen, daß dieser Liebe kein glücklicher Ausgang beschieden sein kann. Um so glücklicher sind wir mit Adèle und Max, wenn sie es wieder schaffen, für einige Stunden in ihre Zweisamkeit zu tauchen… in diesem Sinn ist Adèle auch eine sentimentale Geschichte, in jedem Fall aber ist sie eine großartige!

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Irene_Ruttmann
[2] siehe z.B. hier: http://de.historial.org/Schlachtfelder-der-Somme/Die-Schlacht-an-der-Somme:  […] Für einen Geländegewinn der Alliierten von weniger als 15 Kilometern waren 420 000 Briten, 420 000 Deutsche und 190 000 Franzosen getötet worden. […]

Irene Ruttmann
Adèle
diese Ausgabe: Zsolnay, HC, ca. 156 S., 2015

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