Dominique Valentin: Die Schickse

7. Februar 2016

Schickse

Seit dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert bezeugt; ursprünglich die westjiddische Bezeichnung für „Christenmädchen“, sowie im Gegenzug dazu wohl in Sprachformen mit Kontakt zum Jiddischen „Judenmädchen“; zum andern ist das Wort im Rotwelschen zu „Mädchen, Frauenzimmer“ verallgemeinert worden, woraus sich wohl die abwertende Bedeutung „Flittchen“, die zuerst in der Studentensprache aufkam, herausbildete; das jiddische Wort שיקסע‎ (YIVO: shikse) ist eine Femininbildung zum westjiddischen שײגעץ‎ (YIVO: sheygets) ‚Christenbursche; Schimpfname für einen jüdischen Burschen‘, welches auf das hebräische שָׁקֵץ‎ (CHA: šāqēṣ) ‚Abscheuliches; Gräuel‘ zurückgeht; das Femininum hat jedoch wegen der christlichen Dienstmädchen in jüdischen Familien eine erheblich größere Rolle gespielt. [1]

Ich kann mich noch an meine frühe Kindheit erinnern, ich weiß noch, daß mein Vater diesen Ausdruck (wie auch andere aus dem Jiddischen oder Rotwelschen) verwendete. Ob dies abwertend war oder neutral einfach für ein junges Mädchen/eine junge Frau, kann ich nicht mehr sagen. Im Sprachgebrauch selbst habe ich „Schickse“ schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehört, wieder begegnet ist mir der Begriff erst wieder in Meyers Roman über Wolkenbruchs wunderliche Reise… [4], die ich hier vor kurzem ebenfalls vorgestellt habe und die mich letztlich auch zu diesem Roman von Dominique Valentin führte.


schickse cover

Ich habe eben den Roman von Thomas Meyer erwähnt. Auch bei Valentin geht es wie in seinem Buch um das grundlegende Problem, daß sich ein jüdischer Mann in eine goje, eine Schickse, ein nicht-jüdisches Mädchen bzw. Frau verliebt. In beiden Schicksalen führt diese Tatsache zu einem Bruch mit der Familie, in beiden Fällen jeweils über die Mutter. Mag der (sexuelle) Kontakt eines Juden mit einer Nichtjüdin unter Umständen, wenn es diskret läuft, noch tolerabel sein (der Mann der Mutter, der eigentlichen Hauptperson in Valentins Buch, selbst hat im Lauf der Jahre diverse christliche Frauen, zu denen er geht), stellt die Absicht, sie zu heiraten, einen absoluter Bruch dar: die Kinder aus dieser Ehe wären keine Juden mehr, dann das Jüdischsein wird über die Mutter auf die Kinder vererbt.

Die Schickse ist ein autobiographischer Roman, Dominique Valentin ist diese Schickse, die Hure, die mit ihrem Geschlecht Moses eingefangen hat, eine zweiundreißigjährige alte Jungfer, die kein Goj haben wollte und die mit ihren Schlichen ihren zarten Jungen eingefangen hat – so die Mutter von Moses in einem Brief an ihren Sohn. Wir werden nie eine Schickse akzeptieren: im Namen deiner toten Familie, im Namen der Unschuldigen, die zerstückelt und verbrannt worden sind, weil sie Juden waren. Laß deine Eltern und dein Volk nicht im Stich. Es ist eure Pflicht, eine jüdische Generation aufzubauen.

Ein wenig führt die Kategorisierung des Klappentextes „autobiogaphischer Roman“ in die Irre: Dominique Valentin tritt selbst nur selten in Erscheinung, das meiste über sie erfahren wir noch über die Ermittlungsergebnisse des Privatdetektivs, den die Mutter auf sie ansetzt, um im letzten Moment die Hochzeit zu verhindern. Erst ganz spät im Buch erscheint sie auch als „Ich“-Erzählerin. Valentin ist die indirekt Hauptperson des Buches, sie steht in direkter Konkurrenz zur Mutter ihres Geliebten Moses, beide kämpfen um ihn, als Frau die eine, als Mutter und Jüdin die andere.

Valentin bemüht sich, die Motivation ihrer Feindin, anders kann man das Verhältnis von Seiten der Mutter aus nicht bezeichnen, zu verstehen. Nie erfahren wir den Namen der Mutter, sie ist immer nur die Mutter von Moses, genauso wie der Vater immer nur der Vater von Moses ist. Anders dagegen verfährt Valentin mit anderen Verwandten, der Onkel Klein-Moses lebt mit seiner Familie in den USA, die Tante Sarah lebte in direkter Nachbarschaft zu Moses´ Familie.

Das Leben hat die Mutter von Moses hart gestraft. Der Vater wurde von einem der ersten Autos, die es in Lodz gab, überfahren. Vor den Nazis floh die Familie nach Osten, dort wurde sie, noch ein Mädchen, mit einem Mann verheiratet. Mit zugebissenem Mund ertrug sie fortan für ihr ganzes Leben das, was man wohl eheliche Pflicht nennt. Beide, Mann und Frau, waren nicht imstande, sich zu lieben. Ein einziges Mal in ihrem Leben war der Mann zärtlich und liebe(voller), ein einziges Mal breitete sich so etwas wie Wärme in ihrem Bauch aus… Drei Kinder brachte sie zur Welt, Moses war der mittlere der drei Jungs.

Mutter und Vater überlebten den Krieg, andere, viele, Familienmitglieder dagegen nicht. Nach dem Krieg hatte der Vater großen geschäftlichen Erfolg. Auch ohne Schulbildung schuf er mit seinem Instinkt ein großes Vermögen mit Immobilien, ausgehend von Frankfurt expandierte er z.B. auch in die USA. Dort war sein Schwager Klein-Moses sein Statthalter. Geld jedenfalls war im Überfluss vorhanden.

Schuf der Vater ein geschäftliches Imperium, so war das der Mutter ein Netzwerk des Hasses, des Misstrauens, der Bespitzelung. Sie, die nie Liebe empfangen hatte, konnte auch keine geben. Einzig, wenn die Kinder krank waren, kam so etwas wie Fürsorge in ihr zum Vorschein. Wenn jemand in dieser Familie lieben konnte, war es Sarah, die Tante der Jungs.. ein unglückliche Liebe ist es, die das Leben der ledig bleibenden bestimmte…

Dominique Valentin versucht als verhasste Geliebte ihres Sohnes den Charakter von dessen Mutter zu verstehen, nachzuvollziehen, wie sich ihr Leben zu solch einem Ergebnis formte. Natürlich – die vielfachen Traumatisierungen der Kindheit, der frühe Tod des Vater, der Holocaust, der soviele Familienmitglieder verschlang, die unglückliche Hochzeit mit den lebenslang erfolgenden „geduldeten“ Quasi-Vergewaltigungen hat aus dem resoluten, lustigen, feurigen Mädchen eine verbitterte Frau gemacht, die ihr Leben lang schwieg. Als ihr durch den Reichtum nach dem Krieg die Möglichkeiten gegeben waren, kompensierte sie diese Traumatisierungen, diesen absoluten Vertrauensbruch in das, was das Leben zu bieten hat, auf zwei Arten: durch den Aufbau einer absoluten Kontrolle über alle Menschen, mit denen sie zu tun hatte und dadurch, daß sie das Jüdischsein zum Absoluten erhob. Die Erhaltung und der Fortbestand der Juden war für sie das, dem sich alles unterzuordnen hatte.

Die Kontrolle, die die Mutter ausübte, war absolut. Immer wusste sie Bescheid, fand sie Zuträger und Informanten, die sie über die Vorgänge draußen, bei Moses und seiner Schickse in Kenntnis setzten: es war Sache des Preises. Selbst in den USA war ihr Einfluss auf ihren Onkel beherrschend. Sie war der (fast) unangefochtene Tyrann der Familie. Fast – denn an den Rändern franzte es aus. Schon der jüngste der Söhne, der ungewollte und ungeliebte Willy, war mit einer Christin zusammen und damit verstoßen; auch Moses entzog sich ihrer Kontrolle, je älter er wurde, immer mehr. Und in den USA verstand es die Schickse sogar, beim Besuch des Onkels in New York durch einen zündenden Witz die Atmosphäre soweit aufzulockern, daß sie nicht mehr wie durchsichtig behandelt wurde.

Trotz nahezu verzweifelt anmutender Bemühungen konnte die Mutter von Moses die Hochzeit von Moses und seiner Geliebten nicht mehr verhindern. Schwiegermutter und Schwiegertochter wechselten nie ein Wort, begegneten sie sich selten bei (wenigen) Familienfeiern der Brüder, zu denen Moses und sie im Lauf der Zeit dann doch eingeladen wurden, ignorierte die Mutter von Moses die Anwesenheit ihrer Schwiegertochter mit zusammen gepressten Lippen und hoch erhobenem Haupt. Der Vater von Moses dagegen war bei einem offiziellen Termin, an dem der Sohn ihm die Schwiegertochter vorstellte, sogar gezwungen, ihr die Hand zu geben. Wenigstens wechselte er noch ein paar Worte mit seinem Sohn….

pars pro toto: das individuelle Problem, das die Autorin hier schildert, kann ohne große Verfälschung verallgemeinert werden, handelt es doch von den Problemen des Zusammenlebens von Juden, die den Holocaust mit- und überlebt haben und Nicht-Juden. Selbst wenn sich das Verhältnis in den letzten Jahren entspannt hat, ist es sensibel, die Probleme, die auftreten, wenn israelische Politik (insbesondere von Deutschen) kritisiert wird, sind bekannt.

Ein erschütterndes Schicksal entfaltet sich in Dominique Valentins autobiographischem Roman. Eine Überlebende des Holocaust, die ihr Leben lang an den seelischen Verletzungen zu tragen hatte und den Widrigkeiten des Lebens zuvor kommen wollte, in dem sie alles unter ihre Kontrolle brachte. Sie machte den anderen damit das Leben zur Hölle, das Kind Moses kann einem leid tut, liest man von den Folgen, die die Lieblosigkeit der Mutter bei ihm zeitigte und von denen die Autorin berichtet.

Natürlich interessiert, wer dieses Familie war, die in Frankfurt (und anderswo) so beherrschend und wichtig war, man könnte es sicher aus Angaben des Buches, die an mehreren Stellen sehr konkret sind (Moses war/ist Theatermensch, es sind Daten angegeben, wo und wann er welche Stücke inszeniert hat, die Rezensentin in der SZ hat seinerzeit auch die Identität genannt) ermitteln. Aber letztlich ist es nicht wichtig. Interessanter war und ist für mich die Frage, warum Dominique Valentin dieses Buch geschrieben hat. Ihre Schwiegereltern sind beide tot, mit dem Begräbnis ihrer Schwiegermutter endet die erzählte Familiengeschichte im Buch. Mit dem überwiegenden Rest der Familie, so habe ich es gelesen, herrschte zumindest ein friedliches Nebeneinander.

Aber wie tief müssen die Verletzungen gewesen sein – oder noch sein -, die der Hass der Mutter von Moses bei ihr hervorgerufen haben. Wie tief auch ihr Gefühl, ihre Liebe für Moses, an dem sie trotz aller Widrigkeiten festhielt… Daß sie sich nicht auch in Hass flüchtete, sondern versuchte, das Schicksal ihrer „Feindin“ zu ergründen, hat sicherlich dabei geholfen, einen Teil des Schmerzes abzufangen. Musste der andere Teil durch diesen Schrei hinaus in die Öffentlichkeit geheilt werden? Eine Art Karthasis also? Wehleidig oder selbstmitleidig ist Valentins Schilderung dagegen nie, sie selbst, ich sagte es, tritt auch erst spät in Erscheinung, ein großer Teil des Textes bemüht sich, ein Bild vom Leben der Mutter und der Familie zu zeichnen.

Zur reinigenden Karthasis, dem Schrei in die Öffentlichkeit, würde der Stil des Romans (man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, daß es sich um einen Roman handelt, der eine Bearbeitung realer Gegebenheiten wiedergibt) passen: wie in einem einzigen Guss auf´s Papier gebracht wirkt der Text, kaum gegliedert, Rückblenden und Gegenwart gehen zum Teil nahtlos ineinander über. Dies passt hervorragend zur Arbeitsweise unseres Gedächtnisses, das sein Erinnerung ja auch nicht chronologisch, sondern in „Happen“ abspeichert, die dann wieder zusammengesetzt werden zu einer Geschichte [3]. Exakt so liest sich der Text, der sehr fesselnd ist, der mitnimmt, gefangen hält, der anschaulich und farbig ist, der erschüttert, entsetzt und von einem großen Erzähltalent kündet: so überrascht es nicht, wenn ich Die Schickse voller Überzeugung empfehlen kann. Leider habe ich von Dominique Valentin keine weitere (ins Deutsche übertragene) Arbeit mehr gefunden, das ist wirklich schade.

Links und Anmerkungen:

[1] aus: https://de.wiktionary.org/wiki/Schickse, dort sind auch die entsprechenden Quellenangaben zu finden
[2] Webseite der Autorin: http://www.dominiquevalentin.com/index_accueil.php
[3] dazu ist im Spiegel (in anderen Zusammenhang zwar) ein verständlicher Beitrag gewesen, in dem die Funktionsweise des Gedächtnisses anschaulich erklärt wird
[4] Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse; Besprechung hier im Blog

die grün unterlegten Stellen sind (u.U. grammatikalisch angepasste) Zitate aus dem Buch.

Dominique Valentin
Die Schickse
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Schöffling & Co, HC, ca. 206 S., 1996

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