Jochen Klepper: Die Flucht der Katharina von Bora

3. Februar 2016

Klepper marke

Sondermarke zum 50. Todestag Jochen Kleppers 1992 Bildquelle [B]

Das „eigentliche“ Lutherjahr [3] ist ja erst nächstes Jahr, 2017, in dem sich zum 500. Mal der Anschlag der Thesen an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg jährt. Kein Grund natürlich, nicht 2016 auch schon im Umfeld dieses Jubiläums zu begehen (Stichwort: Lutherdekade), offiziell mit einem Themenjahr Reformation und die eine Welt [4]. So ganz passt das Buch, welches ich jetzt vorstellen möchte, nicht in das Thema dieses Jahres 2016, aber wie gesagt, die Feierlichkeiten ziehen sich ja sowieso über eine ganze Dekade hin…

Die Flucht der Katharina von Bora von Jochen Klepper (ich gehe einfach davon aus, daß jeder weiß, daß Katharina die Frau von Luther, die Lutherin [2] also, war) ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist es kein vollständiger Roman, sondern das Fragment eines größeren Werkes, das der Autor nicht mehr vollenden konnte. Jochen Klepper, der, so wie ich mutmaße, wohl nur noch Fach- und Kirchenleuten [5] bekannt ist, hat sich zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner jüdischen Stieftochter am 11. Dezember 1942 suizidiert. Die Zwangsscheidung stand unmittelbar bevor und damit die Deportation der geliebten Menschen in ein Konzentrationslager. Die zweite, ältere Stieftochter konnte rechtzeitig nach England fliehen.

Jochen Klepper hat ein Tagebuch geführt, das auszugsweise wieder gegeben ist. Hier sind sowohl seine vorbereitenden Arbeiten für den geplanten Roman Das ewige Haus beschrieben als auch der Kampf um das (Über)Leben der Familie. Sicherlich gibt es heute aktuelle Literatur zur Person Katharina von Boras, zur Zeit Kleppers war dies den Angaben Kleppers zufolge nicht der Fall, mühsam sammelte und recherchierte der Autor Material für seinen Roman. Die Arbeit daran wurde u.a. durch eine Einberufung zum Wehrdienst unterbrochen, nur ein paar Monate nach Einberufung Ende 1940 wurde Klepper jedoch, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wegen „Wehrunwürdigkeit“ unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen. Er nahm die Arbeit an seinem Roman über Katharina wieder auf, sie gab seinem Leben einen Halt (Es ist seltsam: Während ich keines neuen Kirchenlieds mehr fähig bin, glaube ich, ließe man mir von aussen ein wenig Ruhe, Das ewige Haus wie aus einer unauslöschbaren Erinnerung schreiben zu können. Es ist eben so, daß das fremde Leben Katharinas völlig in mir dominiert. (31. Jan. ´42)) , denn die äußeren Bedingungen für die Familie wurden immer schlechter.

10. 12. 1942

Nachmittags die Verhandlung mit dem Sicherheitsdienst.

Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott -,
wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild
des segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.

Zwar konnte Klepper in der ersten Zeit noch durch direkte Kontakte mit Frick, dem damaligen Innenminister, erreichen, daß für seine Frau und Stieftochter Ausnahmegenehmigungen (Befreiung von Auflagen für Juden) galten, als jedoch Frick die Zuständigkeit für das Sachgebiet entzogen und auf die Gestapo übertragen worden war, verschlimmerte sich die Lebensituation dramatisch. Für kurze Zeit gab es noch einmal Hoffnung, da sich die Möglichkeit der Emigration der Stieftochter zumindest, vllt auch der Ehefrau, nach Schweden eröffnete. Eichmann selbst deutet wohl an, die Möglichkeit einer Ausreiseerlaubnis zu überdenken. Als er diese jedoch nicht erteilte, sah die Familie Klepper keine andere Möglichkeit mehr zusammen zu bleiben als im Tode.

Das Fragment  des unvollendet gebliebenen Romans, Die Flucht der Katharina von Bora, wurde (in der von mir hier vorgestellten Buchausgabe) aus dem Nachlass herausgegeben und eingeleitet von Karl Pagel.


Wir schreiben das Jahr 1523, die Osternacht im Kloster Marienthron [6], einem Zisterzienserorden im Kurfürstentum Sachsen. Noch ist der Konvent der Frauen unter der Äbtissin Margarete von Haubitz dreiundvierzig Nonnen stark, aber in dieser Nacht passiert Ungeheuerliches. Im Schutze der Dunkelheit und der Osternacht, in der die strenge Ordnung des Klosters nicht gegeben ist, schleichen sich acht Nonnen auf die Pforte nach außen zu. Ein Schrecken durchfährt die Nonnen – im Kreuzgang taucht eine Gestalt vor ihnen auf, sie wittern Verrat, daß ihr Fluchtversuch entdeckt worden sei von dieser Nonnen, in der sie Katharina von Bora erkennen. Doch auch Katharina schlupft durch die von heimlicher Hand geöffnete Pforte nach aussen, wo sie erwartet werden. Zwei Knaben noch, Diener der Äbtissin helfen ihnen, die Klostermauer zu überwinden und zu dem Fuhrwagen zu kommen, der ihrer erwartet. Leonhard Koppe, der Kaufmann aus Torgau, der mit dem Kloster viele Geschäfte machte, versteckt (erstaunt über die nicht erwartete neunte Nonne und ihr gegenüber misstrauisch) die Nonnen hinter Fässern und Planen und macht sich mit seinen Helfern auf den Weg nach Torgau, wo die Flüchtenden in Sicherheit sein werden. Nach langer nächtlicher Fahrt auf schlechten Wegen durchqueren sie das dem Kloster naheliegende Grimma und gelangen schließlich ans Ziel, wo die Nonnen zwar sicher sind, sich für sie eine unsichere Zukunft offenbart [7].

Die Flucht der Nonnen ist in zweierlei Hinsicht etwas Ungeheuerliches: sie, die Bräute Christi, brechen das heilige Gelübde und kehren in den Stand zurück, den sie auf immer zu verlassen hatten. Und sie berufen sich auf den Ketzer aus Wittenberg, den Doktor Martinus, der die heilige Ordnung der Kirche gehörig durcheinander wirbelt mit seinen Predigten, mit seinen Ansichten, mit der Verdammung des Ablasshandels, der die Menschen verwirrt mit seiner Übersetzung der Bibel, so daß sie auf einmal verstehen, was dort geschrieben steht und sie anfangen, Fragen zu stellen, nicht mehr widerspruchslos alles hinzunehmen.

Gespalten hat diese Irrlehre die Kirche und die Welt schon. Schon bekennen sich einzelne Landesherren zu dieser neuen Lehre, während andere weiterhin der alten anhängen. Risse gehen durch das Land, politische Verwerfungen wie in Sachsen. Der Herzog Georg ist ein Feind Luthers im Gegensatz zum Kurfürsten…. die Nonnen, wiewohl die ersten Frauen, sind nicht ersten, die aus den Klösterkonvente wieder in die Welt gegangen sind. Viele Mönche haben den geistlichen Stand schon verlassen, heimliche Botschaften werden mit anderen ausgetauscht, so wie auch die neun Nonnen von des Doktor Martinus Lehre erfahren haben.

Geschickt baut Klepper seine historischen Exkurse über z.B. die Vorgeschichte der Reformation in der Region von Grimma, über das Klosterleben, über die Tradition, aus wirtschaftlichen Gründen insbesondere junge Mädchen in Klöster zur Erziehung „abzuschieben“ (wobei dies nicht für die Mädchen/Frauen nicht unbedingt die schlechtere Alternative ist), über den Widerspruch zwischen dem Gebot der persönlichen Armut von Mönch bzw. Nonne und dem Reichtum eines Klosters an sich in seine Geschichte ein.

Klepper läßt seine Flüchtigen, bevor sie am Ostermorgen beim rettenden Torgau das Lamm und den Hirten auf der Straße sehen noch die Region des Todes durcheilen: das Moor, das dunkel ist, dessen Nässe alle Wurzeln abtötet bis auf die der Eibe, des Baumes der Hel, der alten Totengöttin. Im neuen Glauben, so zeigt er damit, liegt die Hoffnung und das Leben, der alte Glauben birgt dies nicht mehr, wer sich in ihm verwurzeln will, endet wie die Bäume im Moor: als tote Stämme.

In Torgau, im Haus von Koppe, zeigt sich deutlich, was die flüchtigen Nonnen schon vorher in Briefen von Verwandten angedeutet bekamen: niemand will sie aufnehmen, ihr weiteres Schicksal ist völlig offen, genauso wie das der Katharina von Bora, die sich in ihrem nächtlichen Gespräch mit Koppe, bei dem sie während der Fahrt saß, als weitsichtige, intelligente und auch selbstbewusste Frau gezeigt hatte.

Hier endet das Fragment….


Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526 Bildquelle [B]

Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526
Bildquelle [B]

Das weitere Schicksal Katharina von Boras ist bekannt. Erste Versuche, zu heiraten, scheiterten, weil sie als abtrünnige Nonnen von den jeweiligen Familien abgelehnt wurde. Auch Luther wandelte auf Freiersfüßen, bekam jedoch „einen Korb“ und da war halt dann noch die Katharina da… um es etwas launig auszudrücken. Katharina war Luther eine große Stütze, sie managte ein durchaus Respekt abnötigendes „Familienunternehmen“ bis hin zum Bierbrauen, schenkte sechs Kindern (von denen ein im frühen Kindesalter starb) das Leben und war ihrem Mann eine geschätzte (auch Gesprächs)Partnerin. Nach dem Tod Luthers 1546 bekam sie finanzielle Schwierigkeiten, musste zwischenzeitlich kriegsbedingt nach Magdeburg umziehen, danach die zerstörten Güter (mit Hilfe verschiedener Fürsten) wieder aufbauen. 1552 hatte sie einen Unfall mit einer Kutsche, an dessen Spätfolgen sie schließlich starb. Bestattet wurde sie in Torgau [2], der genaue Ort der Grablege ist nicht bekannt.

Kleppers Romanfragment ist ein sehr ruhiger, nachdenklicher Text, der mit Sorgfalt zu lesen ist. Er stellt das Einzelschicksal dieser bedeutenden Frau in den geschichtlichen Kontext der Reformation, die die Vormachtstellung der katholischen Kirche frontal und in ihren Grundfesten angriff. Leider ist der Roman ein Fragment geblieben, zwar sind noch Exzerpte nachfolgender Kapitel vorhanden, aber ausgearbeitet worden ist nur das vorliegende 1. Kapitel des 1. Teils.

Seine besondere Eindringlichkeit erhält der Text durch das Schicksal des Autoren. Er ist das Thema, das Jochen Klepper in den letzten Monaten, ja: Jahren beschäftigt und innerlich umgewälzt hat, sicherlich hat es ihm auch Kraft und Willen gegeben, die immer bedrohlicher werdende Lebensituation ein Stück weit besser zu ertragen. Erstaunlich war für mich seine weiter vorne zitierte Tagebucheintragung, daß ihm dieser Katharina-von-Bora-Stoff noch möglich war, während er schon keine Kirchenlieder mehr schreiben konnte. Ich hätte erwartet, daß er eher im Kirchenlied Trost gefunden hätte….

Ein stilles, sehr tragisches Schicksal: drei Menschen, denen der Suizid als die bessere Wahl galt. Eine Treue dreier Menschen zueinander tatsächlich bis in den Tod hinein. Der Tod hat sie nicht geschieden, er hat sie vereint. Ist dies, angesichts des Schicksals, das die beiden Frauen dadurch vermieden haben, ein Trost? Und wer von uns hätte die Kraft dieses Mannes, der sich, um zu überleben, „nur“ hätte scheiden lassen müssen…..

Diese ältere Ausgabe enthält neben dem Romanfragment ferner folgende Beiträge:

  • Jochen Klepper: eine Darstellung der letzten Monate seines Lebens, nach seinem Tagebuch
  • Das Tagebuch der letzten Wochen
  • zur Entstehung des Fragments

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Klepper
– Eintrag im Ökonomischen Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Jochen_Klepper.htm
[2] zu Katharina von Bora:
–  Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_von_Bora
–  eher stichwortartige Lebensdaten: http://www.lutherin.de/
[3] http://www.luther2017.de/de/2017/reformationsjubilaeum/
[4] http://www.luther2017.de/de/2017/lutherdekade/themenjahr-2016/
[5] Klepper war ein bekannter Kirchenmusiker, sie Liedbeispiel in [1] „Heiligenlexikon“
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Nimbschen
[7] Die Entfernung Grimma – Torgau beträgt Luftlinie ungefähr 40 km. Man kann sich vorstellen, was die drei Pferde, die Zugtiere gespannt waren, geleistet haben in dieser Nacht.

Bildquelle:

Briefmarke: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DBP_1992_1643-R.JPG, gemeinfrei nach § 5 Abs. 1 UrhG
Portraits Katharina von Bora: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Katharina-v-Bora-1526.jpg; gemeinfrei

Jochen Klepper
Die Flucht der Katharina von Bora
Erstausgabe: ?
diese Ausgabe: Evangelische Verlagsanstalt Berlin, HC, ca. 212 S., 1956

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One Response to “Jochen Klepper: Die Flucht der Katharina von Bora”

  1. rotherbaron Says:

    ..interessant vor allem der Hintergrund der Romanentstehung.

    Gefällt 1 Person


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